Krisengeplagte Windbranche fordert schnelles Handeln der Regierung

BWE Präsident Hermann Albers: Die Industrie habe sich längst auf erneuerbare Energien eingestellt. [Foto: BWE]

Deutschland versucht den Atom- und Kohleausstieg, doch zugleich kommt der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht wie geplant voran. Die Windbranche steckt in einem historischen Tiefstand. Helfen könnte eine EU-Ausbaustrategie für erneuerbare Energien, meint der Branchenverband.

Hermann Albers ist Präsident des Bundesverbands WindEnergie und Vizepräsident des Bundesverbands Erneuerbare Energien.

EURACTIV: Bis spätestens 2038 soll das letzte Kohlekraftwerk in Deutschland schließen, schon 2030 sollen dann 65 Prozent erneuerbare Energien am Netz sein. Ist dieser Plan der Bundesregierung utopisch mit Blick auf die momentane Krise der Onshore-Windkraft?

Hermann Albers:  Vergangenes Jahr haben wir etwas mehr als ein Gigawatt Windenergie neu gebaut. Das ist nur ein Fünftel dessen, was wir für eine erfolgreiche Energiewende bräuchten. Damit sind die Klimaziele der Bundesregierung und die angestrebte Reduktion von CO2 nicht zu erreichen, auch die Pariser Klimaziele werden wir so nicht einhalten können.

In der festgefahrenen Debatte um eine neue Abstandsregelung für Windräder hat die Union gestern einen neuen Vorschlag auf den Tisch gelegt. Was halten Sie davon?

Ich freue mich, dass die Union diesen Vorschlag gemacht hat. Denn es war ja die Union mit ihrem Beharren auf die 1000 Meter Abstandsregelung für Windräder, die die Debatte blockiert hatte. Der jetzige Antrag spricht nicht mehr von fünf Häusern, zu denen Abstand gehalten werden muss, sondern von Bebauungsplänen für Siedlungsgebiete. Was das bedeutet müssen wir im Detail prüfen.

Insgesamt brauchen wir eine Quote von zwei Prozent der Landesfläche für die Windkraft, in allen Bundesländern. Davon sind wir vielerorts, vor allem in Bayern und Sachsen, aber noch weit entfernt. Altmaiers ursprünglicher Vorschlag hätte die in Frage kommende Fläche für neue Windkraftanlagen um 40 Prozent reduziert. Wir werden jetzt erst einmal schauen, ob die Entlastungen in dem neuen Vorschlag dafür sorgen, dass genügend Flächen bereitgestellt werden können.

Ende der Klimaziele 2030? Geplanter Mindestabstand reduziert Potenzial für Windräder bis zu 50 Prozent

Mit dem geplanten Mindestabstand von 1000 Metern für Windräder wird Deutschland das selbst gesteckte Ziel, bis 2030 auf 65 Prozent erneuerbare Energien zu kommen, mit den neuen Regelungen wohl nicht erreichen, warnt das Umweltbundesamt.

Angesichts der massiven Klagen gegen neue Windkraftanlagen in Deutschland scheint es, als würde die Branche vor allem an einem Kommunikationsproblem kränkeln. Ist es da der richtige Weg, die Klagerechte von BürgerInnen einzuschränken?

Natürlich, Kommunikation ist eine ganz wichtige Variable in der Akzeptanz für die Windkraft. Wir brauchen eine positive Kommunikation seitens der Bundesregierung, statt nur über die Kosten der Energiewende zu sprechen. Dass der Streit um Abstandsregelungen innerhalb der Regierung Verunsicherung in der Bevölkerung schafft, ist doch verständlich. Berlin muss mit ruhiger Hand agieren und erklären, dass die Energiewende klimapolitisch unersetzbar und eine wirtschaftliche Chance ist – auch und gerade für den ländlichen Raum.

Es ist kein Zufall, dass die Windbranche in der Industrie neue Partner findet. BMW hat erst gestern verkündet, noch in diesem Jahr seine gesamte Fertigung auf erneuerbare Energien umstellen zu wollen. Das zeigt, dass die Industrie weiter ist als die Bundesregierung. Unternehmen planen ihre volle Dekarbonisierung bis 2035, während die Bundesregierung noch von 2050 spricht.

Was die Genehmigungsprozesse angeht: Wir wollen erreichen, dass Projekte nicht in fünf Jahren, wie es derzeit der Fall ist, sondern wieder in einem Jahr durchkommen. Dazu braucht es eine Standardisierung der Abläufe und eine schnelle Abstimmung mit dem Umweltschutz. Und ja, im Zweifelsfall müssten Gerichtsverfahren auch auf ein Jahr gestrafft werden können.

Ist der Umweltschutz Partner oder Hindernis für den Ausbau neuer Windanlagen?

Die Windbranche fordert ein Ausbauziel von fünf GW, um die Klimaziele zu erreichen. Entsprechend haben wir uns gefreut, als die Vertreter der Umweltorganisationen auf dem Windgipfel im September sogar von sieben GW gesprochen haben. Beide Seiten verfolgen dieselben Ziele und müssen ihre Allianz stärken. Außerdem können Windkraftprojekte durch umfangreiche Ausgleichsmaßnahmen sogar einen positiven Beitrag zum Umweltschutz leisten.

IEA: Offshore Windenergie ist die Klima-Lösung

Mit einem massiven Ausbau der Offshore-Windenergie könnte die EU ihre Klimaziele 2050 relativ einfach erreichen, so die Internationale Energieagentur. Diverse Gasprojekte könnten sich indes als kurzfristige Lösungen erweisen.

Sie haben eine EU-Strategie für den Ausbau erneuerbarer Energien gefordert. Wie sollte die aussehen?

Der europäische Markt im Bereich der erneuerbarem Energien liegt bei 72 GW in den nächsten vier Jahren. Wir brauchen eine Vorstellung davon, wie sich die Märkte entwickeln werden, wieviel erneuerbaren Strom wir bis 2030 oder 2040 benötigen werden, wie viele Arbeitsplätze dadurch entstehen, wie wir neue Märkte erschließen. Wie viel von dieser Nachfrage wollen wir in der EU produzieren oder aus China, Vietnam oder Malaysia importieren?

Eine moderne Industriestrategie muss als erstes Ziel die sozialen Vereinbarungen und die Marktentwicklung in der EU forcieren und sehen, wie wir die Weltmärkte bedienen können.

Am Donnerstag kommen Vertreter von Bund und Ländern im Kanzleramt zusammen, um über die Zukunft der Windenergie zu sprechen. Was erwarten Sie sich von dem Treffen?

Wünschenswert wäre ein Beschluss, die Energiewende positiv zu kommunizieren. Außerdem sollte die Bundeskanzlerin auf die Bereitstellung der nötigen zwei Prozent Flächen drängen. Der Klimaschutz bringt eben auch Aufgaben für die Bundesländer, sie können sich dem nicht verweigern. Außerdem erwarten wir, dass die Genehmigungsverfahren wieder auf einen Maximalzeitraum von einem Jahr beschränkt werden, damit wir in den kommenden Jahren wieder einen deutlich stärkeren Zubau von Onshore-Anlagen erleben.

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