Klimaziele: „Alles hängt vom Ehrgeiz der Länder ab“

Die globale Erwärmung wird auch Auswirkungen auf die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit haben. [ILRI/Flickr]

Die Europäische Union muss ihre Klimapolitik deutlich verbessern, um bis 2030 sowie 2050 die Klimaziele zu erreichen, fordert der belgische Klimaforscher Jean-Pascal van Ypersele.

Jean-Pascal van Ypersele ist Professor für Klima- und Umweltwissenschaften an der Katholischen Universität Löwen in Belgien. Er war außerdem für den Weltklimarat IPCC tätig und maßgeblich an mehreren IPCC-Berichten über den Klimawandel beteiligt.

Er sprach mit Frédéric Simon von EURACTIV.

Die Europäische Kommission startet heute einen Konsultationsprozess, mit dem die Arbeit an den Klimastrategien für 2050 angegangen wird. Welche Ziele und Strategien sollte die EU haben?

Einheitlichkeit und Ambition sind die zwei Stichworte.

Die EU hat das Pariser Abkommen ratifiziert, das sehr ehrgeizige Ziele hat, um den Anstieg der globalen Temperaturen „deutlich unter 2°C“ als Minimum zu halten und „1,5°C anzustreben“.

Und das bedeutet eine sehr deutliche Stärkung der Emissionsreduzierungsziele der EU bis 2030. Diese Ziele sind Teil des sogenannten national festgelegten Beitrags bzw. der Bemühungen der EU im Rahmen des Pariser Abkommens.

Was die EU aktuell auf UN-Ebene vorliegen hat, wurde noch vor Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens ausgearbeitet. Dies bedeutet, dass der derzeitige Beitrag der EU weitgehend auf veralteten Strategien und veralteter Politik beruht. Daher muss die EU ihr Strategiepaket erheblich verbessern. Ihre Klima-Ambitionen in Form von Temperatur- und Emissionszielen müssen mit dem Pariser Abkommen in Einklang gebracht werden.

Das wird auch dazu beitragen, die Führungsposition der EU im Klimaschutz wiederherzustellen, die die Union in der Vergangenheit innehatte, aber aktuell an China verliert.

Als Teil der zukünftigen Strategie soll die Kommission auch festlegen, wieviel CO2 die EU-Staaten bis zum Jahr 2050 noch ausstoßen dürfen. Weiß man schon, wie groß dieses „CO2-Budget“ sein wird?

Die genauen Zahlen sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar. Klar ist jedoch, dass sie viel niedriger sein müssen als in der Strategie vor dem Pariser Abkommen.

Man sollte sich auch darüber im Klaren sein, dass das CO2-Budget der EU für einen Anstieg von unter 2°C in der Vergangenheit im Wesentlichen auf einem Wahrscheinlichkeitsniveau von „2 von 3“ basierte: Das heißt, dass diese Ziele nur mit einer Wahrscheinlichkeit von weniger als 70 Prozent erreicht werden können – was wiederum impliziert, dass der EU-Beitrag nicht nur ehrgeiziger und überholt werden, sondern auch auf einem viel höheren Erfolgswahrscheinlichkeitsniveau beruhen muss.

Kein Ingenieur würde jemals eine Brücke bauen, die nur eine Chance von 2 aus 3 hat, dass sie auch hält…

Der Kohlenstoffhaushalt der EU muss also deutlich geringer sein als bisher.

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Wenn die EU tatsächlich ein Ziel von Netto-Nullemissionen bis 2050 ausgibt: Welche Auswirkungen hätte das auf die benötigten Transformationen im sozioökonomischen Bereich?

Keine Frage: Es wäre eine riesige Veränderung.

Um in nur 30 Jahren Null-Kohlenstoff-Emissionen zu erreichen, sind große Anstrengungen erforderlich. Man müsste den Gebäudebestand in Europa sanieren, das Mobilitätssystem vollständig verändern, erneuerbare Energien in großem Umfang (weiter-) entwickeln, die Industrie so umgestalten, dass sie viel effizienter und näher an einer echten Kreislaufwirtschaft ist, die Kohlenstoffbindung in Böden und Wäldern durch moderne Land- und Forstwirtschaft viel besser schützen usw.

Es ist in der Tat eine Wende, die gut organisiert und in alle europäischen Aktivitäten und Politikfeldern integriert werden müsste.

Aber Sie würden zustimmen, dass ein Null-Emissionen-Ziel für 2050 ein aus klimawissenschaftlicher Sicht wichtiges Ziel ist?

Sicherlich. Aus klimawissenschaftlicher Sicht wäre es sehr zu begrüßen, wenn europaweit Netto-Null-Emissionen ausgestoßen würden. Das wäre auch für die globale Lage gut. Man muss allerdings auch sicherstellen, dass die EU-Politik nicht zu Emissionssteigerungen in anderen Ländern führt.

Es gibt außerdem noch andere Treibhausgase, die im Gegensatz zu CO2 nicht in sogenannten Kohlenstoffsenken absorbiert werden können. Man kann CO2 absorbieren, indem man Wälder effizienter bewirtschaftet, aber das ist zum Beispiel für Methan aus der Landwirtschaft viel schwieriger. Auch dort müssten die Emissionen reduziert werden, zum Beispiel durch die Reduzierung des Fleischkonsums.

Sie waren einer der Hauptautoren des dritten IPCC-Berichts, der 2001 veröffentlicht wurde. Ganz grob: In welche Richtung haben wir uns seitdem bewegt?

Eine der größten verbleibenden Unsicherheiten ist die tatsächliche Empfindlichkeit des Klimasystems gegenüber einem Anstieg der Treibhausgaskonzentrationen.

Diese „Klimaempfindlichkeit“ liegt irgendwo zwischen 1,5°C und 4,5°C. Anders gesagt: Es gibt da noch eine recht große Unsicherheit.

Das kann man aber auch als einen Aufruf zur Vorsicht sehen, denn die Empfindlichkeit könnte durchaus eher auf der 1,5-Grad-Seite dieses Bereichs liegen. Wenn dies der Fall sein sollte, würde es noch größere Anstrengungen erfordern, als wenn man von einer durchschnittlichen Sensibilität [von rund 2°C] ausgeht, wie es derzeit der Fall ist.

Diese angesprochene Unsicherheit bezieht sich jedoch lediglich auf das Ausmaß der Erwärmung, die mit einem Anstieg der CO2-Konzentrationen einhergeht. Es besteht hingegen keine Unsicherheit darüber, warum sich das Klima erwärmt. Das ist ganz klar: Seit etwa 1950 erwärmt sich das Klima vor allem aufgrund von Treibhausgasen, die durch menschliche Aktivitäten entstehen, und nicht aus anderen Gründen. Darüber herrscht in der wissenschaftlichen Gemeinschaft ein Konsens von über 97 Prozent.

Mit Blick auf die realen Auswirkungen dieses Wandels ist eine der größten Unsicherheiten die Gefahr eines starken Anstiegs der Meeresspiegel in den kommenden Jahrhunderten. Dies hängt in hohem Maße mit der Stabilität der grönländischen und westantarktischen Eisschilde zusammen. Ein Abschmelzen hätte in den kommenden Jahrhunderten Folgen für Hunderte von Millionen Menschen auf der ganzen Welt.

Die andere wesentliche Unsicherheit hinsichtlich der Auswirkungen der globalen Erwärmung sind die Veränderungen in der Verteilung der Niederschläge, zum Beispiel in Afrika. Für Nordafrika ist recht klar, dass wir im Allgemeinen eine weitgehende Austrocknung der Umwelt dort erleben werden.

Aber in der Sahelzone zum Beispiel sind die Dinge viel weniger klar. Man weiß noch nicht sicher, ob wir dort ein feuchteres oder trockeneres Klima erleben werden. Und natürlich ist diese Frage sehr wichtig für die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit in diesem Teil der Welt.

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Der Kampf gegen den Klimawandel fokussiert sich zumeist auf CO2-Emissionen. Was ist mit anderen klimaschädlichen Gasen wie Methan? Werden diese Gase vernachlässigt?

Auch die anderen Gase sind wichtig, und wir sollten sie nicht vergessen. Aber es gibt eine gewisse Rechtfertigung dafür, sich mehr auf CO2 zu konzentrieren.

Methan wirkt über einen Zeitraum von hundert Jahren zwar dreißigmal stärker als CO2 auf das Klima – was eine Kontrolle der Methanemissionen erfordert. Aber es wird eben viel mehr CO2 ausgestoßen: Wir sprechen hier von Dutzenden Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr – während es bei Methan „nur“ ein paar Millionen Tonnen pro Jahr sind.

Der globale Temperaturanstieg liegt bereits heute bei 1,1°C. Ist es überhaupt noch möglich, ein Ziel von 1,5°C zu erreichen?

Es ist zu früh für eine Stellungnahme, da der neue IPCC-Bericht noch nicht abgeschlossen ist.

Aber ich denke, eine der Kernbotschaften dieses Berichts wird sein, dass die Klimaerwärmung kein Zufall ist. Es steht absolut nicht fest, dass wir automatisch die 1,5°C überschreiten müssen. Denn tatsächlich hängt alles sehr stark vom Ehrgeiz der Länder und anderer Akteure der Welt ab.

Wenn genügend politischer Wille in angemessenem Umfang vorhanden wäre, würde auch noch immer noch die Chance bestehen, diese Grenze [von 1,5 Grad] nicht zu überschreiten. Und wenn wir es nicht vermeiden können, diese Grenze zu überschreiten, könnten wir zumindest das Ausmaß des Überschreitens minimieren.

Man sollte zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nicht denken, es sei zu spät, um unter 1,5°C zu bleiben.

Aber wieviel Zeit bleibt uns noch für das 1,5-Grad-Ziel? Wann ist das Zeitfenster endgültig geschlossen?

Es gibt kein striktes Zeitfenster, kein striktes „window of opportunity“. Die Dringlichkeit ist sehr hoch, aber ich möchte ungern das Konzept Fristen und Deadlines nutzen, wie es einige meiner Kollegen in der Vergangenheit getan haben. Da wurde gesagt: Wir haben noch drei Jahre Zeit, oder noch zehn Jahre usw.

Die Dinge sind nicht schwarz-weiß. Es gibt ein großes Risiko, und wir versuchen, dieses Risiko zu managen. Je länger wir darauf warten, dass wir den Höhepunkt der globalen Emissionen erreichen und die globalen Nettoemissionen endlich auf Null reduzieren, desto stärker wird die Erwärmung ausfallen.

Ich finde dieses Konzept des „window of opportunity“ gefährlich. Denn wenn sich das Fenster schließt, wird es für alle Akteure wenig motivierend, weiter zu handeln. Wir vermitteln damit den Eindruck, dass die Schlacht verloren ist. Damit kann man die Dinge nur verschlimmern.

Die Dringlichkeit des Handelns ist offensichtlich gegeben; das sollte allen Akteuren klar sein.

In dieser Hinsicht liegt das geschlossene Fenster gewissermaßen schon hinter uns. Im Idealfall hätten wir viel früher gehandelt. Jetzt müssen wir das Risiko bestmöglich managen. So sehe ich die Dinge.

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Sie haben erklärt, es sei sehr viel schwieriger, ein Ziel von 1,5°C zu erreichen, als von 2°C. Was sind die Hauptunterschiede in diesen beiden Szenarios und beim Kampf gegen die Erwärmung?

In beiden Fällen ist ein Paradigmenwechsel im Umgang mit Energie und Ressourcen in der Welt notwendig. Und in beiden Fällen bedarf es eines systemischen Ansatzes. Der einzige Unterschied besteht darin, dass zur Erreichung des 1,5°C-Ziels – wie das IPCC bereits in seinem fünften Bericht 2013-2014 schrieb – die erforderliche Transformationsgeschwindigkeit viel höher sein muss.

Wir müssen auch im Kopf behalten, dass im Pariser Klimaabkommen ein Ziel von „deutlich unter 2°C“ angegeben wird. „Deutlich“ unter zwei Grad bedeutet für mich nicht 1,9°C. Es bedeutet wohl eher 1,75°C, was ja die Mitte zwischen diesen beiden Szenarien wäre.

Wie auch immer: In allen Fällen sind transformatorische Veränderungen notwendig; ein echter Paradigmenwechsel auf allen Ebenen. Und je näher wir an das Ziel von 1,5°C herankommen wollen, desto schneller müssen diese Veränderungen erfolgen.

Und wir müssen dafür so schnell wie möglich aus fossilen Brennstoffen aussteigen?

Schnellstmöglich, ja. Und wir können unseren Teil dazu beitragen. Ich selber habe es zum Beispiel in meinem Haus getan: ich benutze keine fossilen Brennstoffe mehr. Ich habe zwei Jahrzehnte lang eine Mitschuld getragen und Heizöl benutzt, aber das ist jetzt vorbei. Alles in meinem Haus wird jetzt mit erneuerbarer Energie betrieben, einschließlich meiner Heizung, meinem kleinen Auto, das vollelektrisch ist…

Ein Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen ist also möglich; es geht nur darum, den Übergang zu beschleunigen, damit möglichst viele Menschen – nicht nur Klimawissenschaftler oder Universitätsprofessoren – dies tun können. Und deshalb tragen diejenigen, die mit öffentlichen Haushalten zu tun haben, aber auch Finanzinstitute und der Bankensektor, eine große Verantwortung, diesen Übergang zu erleichtern.

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