Jeremy Rifkin: „Den UN-Klimaverhandlungen fehlt eine neue wirtschaftliche Vision“

Jeremy Rifkin

Der UN-Klimagipfel (COP21) beginnt nächste Woche. US-Ökonom Jeremy Rifkin warnt im Interview mit EURACTIV: Der Gipfel wird bedeutungslos sein, wenn man keine positive Agenda für Wirtschaftswachstum einbindet.

Jeremy Rifkin ist ein amerikanischer Ökonom und Autor des Bestsellers „Die dritte industrielle Revolution“. Rifkin sprach bei einem Besuch in Brüssel (noch vor den Anschlägen in Paris) mit EURACTIV.

In wenigen Tagen beginnt die COP21. Sie sind in die Beratung europäischer Regionen und Städte zum Thema Übergang zur grünen Wirtschaft eingebunden. Gibt es schon erste Ergebnisse?

Ich leite eine globale Gruppe aus führenden Architekten, Bauunternehmen, IKT-, Logistik-, Verkehrs- und Energiebetrieben. Wir haben bereits einige gemeinsame Wirtschaftspläne entwickelt, damit Regionen mit dem Ausbau und der Vernetzung der Infrastruktur beginnen können. Wir kämpfen dabei jedoch immer gegen eine unsichtbare Mauer – regionale Entwicklungsfonds der Europäischen Investitionsbank (EIB). Denn diese Fonds waren nicht dafür gedacht, einem Paradigmenwechsel zu dienen, der die Kommunikations-, Energie- und Verkehrsinfrastruktur verändern und das Internet der Dinge schaffen würde.

Das änderte sich im März bei den Treffen in Berlin auf Einladung von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem deutschen Politiker Werner Hoyer. Die EIB hat ihre Prioritäten überdacht. Daher können wir nun damit beginnen, die neue Infrastruktur auszulegen. Die neuen Prioritäten für die zugesagten anfänglichen 340 Milliarden Euro (später dann gefolgt von regionalen Mitteln) liegen im Bereich der digitalen Kommunikation: digitalisierte und erneuerbare Energie, digitaler Transport, Gesundheit und Bildung.

Diese drei Bereiche sind nun förderfähig. Gemeinsam mit der französischen Region Nord-Pas-De-Calais entwickeln wir derzeit Projekte im Wert von zwei Milliarden Euro. Sie können jetzt also zur EIB gehen und dort tatsächliche Projekte vorfinden – nicht nur Pilotprojekte. So können sie die gesamte Region, das älteste Industriegebiet Frankreichs, umgestalten.

Stehen die Gelder unter dem sogenannten Juncker-Plan zur Verfügung?

Das geht über den Juncker-Plan hinaus und umfasst sämtliche von der EIB bereitgestellte regionale Entwicklungsfonds. Mein Team von TRI Consulting setzt derzeit einen Vertrag mit Luxemburg auf. Es soll das erste Mitgliedsland mit Masterplan werden. Dabei arbeiten wir eng mit dem stellvertretenden Premierminister Etienne Schneider zusammen. Es besteht außerdem bereits ein Vertrag, der die Hälfte der Niederlanden von der Rotterdam-Region bis nach Den Haag umfasst. Auch mit ihnen entwickeln wir einen Masterplan. Aber es gibt noch zahlreiche weitere Regionen, die ähnliche Fahrpläne erstellen und sich ebenfalls grenzüberschreitend vernetzen wollen.

Also begannen wir, zum ersten Mal das Subsidiaritätsprinzip zu nutzen. Das bedeutet, Brüssel kann Vorschriften, Standards, Anreize und Ziele festlegen; die Staaten können Steuervorteile oder Ähnliches gewähren. Doch es sind die Regionen, die das Internet der Dinge als Plattform für die digitale dritte industrielle Revolution individuell anpassen.

Schon vor der Kopenhagen-Konferenz 2009 hieß es, die Städte werden über Sieg oder Niederlage im Kampf gegen den Klimawandel entscheiden. Haben Sie heute, sechs Jahre später, das Gefühl, dass es Fortschritte gegeben hat?

Gestatten Sie mir, das in fünf Minuten zu erläutern. Jeder Schritt der Produktions- und Wertschöpfungskette – sei es beim Bergbau, Verkehr oder in der Lagerung – erfordert Energie. Ein Teil davon geht jedoch immer beim Umwandlungsprozess verloren. Das ist das zweite Gesetz der Thermodynamik. Die zweite industrielle Revolution begann mit einer aggregierten Effizienz in Höhe von drei Prozent bei jedem Umwandlungsschritt. Der Verlust lag also bei 97 Prozent. In den USA haben wir in den 90ern 13 Prozent an aggregierter Effizienz in der Wertschöpfungskette erreicht, in Japan 20 Prozent. Seitdem hat sich jedoch nichts mehr getan. Wir haben den Höchststand erreicht.

Die dritte industrielle Revolution erlaubt es uns, in den nächsten 30 Jahren 40 Prozent aggregierte Effizienz zu erreichen. Möglich ist dies dank der Konvergenz zwischen der Internetkommunikation mit digitalisiertem Erneuerbareenergien-Internet sowie automatisiertem GPS und dem Internet führerloser Fahrzeuge. Diese drei Bereiche sind nun eins. Sie kommen mit der Plattform des Internets der Dinge, die sich in alle Regionen ausbreitet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist Physikerin. Als ich ihr das erklärte, hat sie sofort das große Potenzial erkannt. Wir müssen die Sensoren also über alle Regionen hinweg verteilen. So können wir große Datenmengen in der Landwirtschaft, in intelligenten Häusern, intelligenten Unternehmen, Lagerhallen, Verkehrsströmen usw. überwachen und mit Mensch und Umwelt verbinden.

Wie weit liegt das alles noch in der Zukunft? Wie lange, glauben Sie, wird die Konvergenz dieser drei Internetformen noch brauchen?

Es ist technisch möglich, diese Infrastruktur zu errichten und in 30 Jahren auszubauen. Das geschieht schon jetzt. Mit dem Internet der Dinge schaffen wir bereits große Datenmengen (durch Sensoren im Ackerland, in Fabriken, Häusern, Fahrzeugen und Lagerhallen), die Effizienzen entlang der Wertschöpfung schaffen.

Bis 2030 wird man sich von überall aus ins Internet verbinden können. Hieraus ergeben sich jedoch auch kontroverse Diskussionen zu Themen wie Datenschutz, Schutz der Privatsphäre, Cyber-Kriminalität, Cyber-Terrorismus usw. Auch könnten Regierungen und Industrien versuchen, ein Monopol für das Netz zu erringen.

Die Internet-Governance wird plötzlich zu einer hochgradig politischen Streitfrage…

Das ist der politische Streitpunkt der nächsten Hälfte des Jahrhunderts: Wie sichern wir Netzneutralität, Privatsphäre, Datenschutz, geistiges Eigentum und verhindern gleichzeitig Cyber-Kriminalität und Cyber-Terrorismus? Man sollte sich allerdings nicht immer nur auf die Schattenseiten konzentrieren. Sonst beschäftigt man sich nie mit den Vorzügen. Das Hauptpotenzial besteht darin, dass die gesamte menschliche Spezies jetzt mit erschwinglicher Mobiltechnologie Zugang zum Internet der Dinge hat. So erhalten alle ein transparentes Bild sämtlicher Wirtschaftsdaten weltweit.

Jeder kann zum Akteur werden und direkt am globalen Internet teilnehmen – ganz ohne Mittelsmann oder vertikal integrierte Unternehmen, in denen Dritte die Profite machen und politische Kontrolle ganz nach oben geht.

Wie man am Beispiel von Uber gesehen hat, können die soziale Spaltung und der Wiederstand seitens etablierter Wirtschaftsakteure jedoch sehr groß sein.

Es gibt tatsächlich noch viele regulatorische Fragen zu klären. Die Digitalisierung verschafft uns sehr niedrige Grenzkosten. Wenn man ein Unternehmen leitet, kann man einfach auf die Plattform des Internets der Dinge zugreifen und die eigenen großen Datenmengen und die entsprechende Analytik heraussuchen. Damit kann man dann eigene Algorithmen und Apps entwickeln. So lässt sich die aggregierte Effizienz bei jedem Schritt der Wertschöpfungskette beträchtlich erhöhen. Auch die Produktivität steigt, während die Grenzkosten sinken. Dies erlaubt, auf dem intelligenten, kapitalistischen Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. Wenn die Grenzkosten gegen Null gehen, wächst die sogenannte Sharing Economy.

Erfordert das Internet der Dinge ein höheres Maß an hochleistungsfähiger Rechenkapazität?

Nein. In dezentralen Systemen lässt sich die Rechenleistung viel effektiver verteilen.

Diese riesigen Datenmengen herunterzurechnen scheint also nicht zum Problem zu werden?

Eine der großen Fragen wird eher sein, wer diese Daten kontrolliert…

Zurück zur COP21, inwiefern kann die Umwelt vom Internet der Dinge profitieren?

Angenommen sieben Milliarden Menschen sind mit mobiler Technologie ausgestattet. Dann finden sie permanent Wege, ihre Grenzleistungsfähigkeit und Produktivität zu erhöhen. Gleichzeitig können sie ihre Kosten senken. Dies kann man als Null-Grenzkosten-Gesellschaft bezeichnen. Sie bietet die beste Möglichkeit, unsere CO2-Bilanz zu verbessern.

Immer mehr Menschen steht immer weniger von unserer Erde zur Verfügung. Daraus generieren sie jedoch eine höhere Energieeffizienz und produzieren weniger Abfall. Die Digitalisierung ermöglicht es uns, Güter oder Dienstleistungen ohne Grenzkosten miteinander zu teilen: Gemeinschaftsfahrzeuge, Spielzeuge usw. Folglich fördert die Digitalisierung der Kommunikation, der Energie und des Verkehrs die Sharing Economy, die den Kapitalismus umwandelt.

Im Moment entsteht ein hybrides Wirtschaftssystem. Die eine Hälfte des Tages sind die Menschen Käufer und Verkäufer, Eigentümer und Produzenten von Gütern und Dienstleistungen für einen Gewinn auf dem Markt. Die andere Hälfte des Tages produzieren und teilen die Menschen über den Markt hinaus jegliche Art virtueller Güter fast ganz ohne Grenzkosten. Die erste Generation des Internets hat ganze Sektoren auf den Kopf gestellt: Musik, Zeitungen, Bücher und Magazine sind teilweise verschwunden. Doch Tausende von neuen Unternehmen, nicht nur Google, schaffen Plattformen, Netzwerke und Apps – mit erhöhter Effizienz und niedrigerer Klimabilanz.

Durch das Internet der Dinge hält die Digitalisierung Einzug in die physische Welt. Millionen von Menschen generieren erneuerbare Energie. Die Fixkosten fallen exponentiell. In Deutschland liegen die Grenzkosten bei Null. Manchmal speist man soviel Energie in das Netz, dass die Preise tagsüber ins Negative rutschen.

Wann liegen die Grenzkosten im Energiebereich bei Null?

Innerhalb der nächsten sieben Jahre wird Deutschland 40 Prozent seiner Netzwerkenergie aus Solar- und Windkraft beziehen. Die 100-Prozent-Marke ist deutlich vor 2040 zu erreichen. Stellen Sie sich also vor, Sie könnten sich zu Null-Grenzkostenenergie an ein System anschließen. Dann fügen Sie ein Transportnetz ein, zum Beispiel für fahrerlosen automatisierten Transport und Dronen. So reduziert man erneut die Transportkosten von Gütern und Dienstleistungen.

Damit wäre das gesamte Stromanbietermodell überflüssig.

Das ist es jetzt schon. Vor zehn Jahren dachten wir, die vier großen Energieunternehmen in Deutschland, EnBW, RWE, Vattenfall und E.ON, seien unbezwingbar. Ihre Organisationsstruktur war vertikal integriert. Was mit ihnen in den letzten zehn Jahren geschah, ist auch der Musikindustrie, den Zeitungen und den Medien allgemein passiert. Die Menschen begannen Stromgenossenschaften zu gründen. Landwirte, Stadtbewohner, kleine Unternehmen kamen zusammen. Jeder einzelne von ihnen bekam von den Banken Kredite zu niedrigen Zinsen. Niemand erhielt eine Absage. Denn die Banken wussten, dass die Menschen die Rückzahlungen aus der ins Netz eingespeisten und verkauften Premiumenergie beziehen würden.

Die Stromanbieter können nicht mit denselben Maßstäben arbeiten. Ihr Ideal der zentralisierten Energie setzt eine vertikale Organisation voraus. Doch die neuen Energieformen erfordern Genossenschaften, die es jedem überall gestatten, kleine Mengen an Solar- oder Windenergie abzuzapfen. Das ist zu viel für die alten Stromanbieter. Daher sind sie schon jetzt kein Teil dieser Kollaborationen. Sie wissen, dass sie nicht mit Null-Grenzkosten konkurrieren können.

Vor sieben Jahren sagten wir den Stromunternehmen, sie bräuchten ein neues Geschäftsmodell. Die zweite industrielle Revolution ist natürlich nicht von heute auf morgen vorbei. Man muss aber gleichzeitig mit einem völlig anderen Geschäftsmodell schon in der dritten industriellen Revolution Fuß fassen.

Das bedeutet, sie müssen mit intelligenten Zählern und intelligenten Netzen in den Wohnbereich der Menschen eintreten.

Genauso ist es. Man muss das Stromnetz digitalisieren und ein Energieinternet schaffen. Geld verdient man dann dadurch, dass man immer weniger Strom verkauft. Man ruft Partnerschaften mit tausenden verschiedenen Unternehmen ins Leben. Die großen Datenmengen verwaltet man über das Internet. Man unterstützt die Unternehmen bei der Erstellung ihrer Algorithmen und Apps, damit sie ihre Energieeffizienz steigern können. Gleichzeitig senken sie ihre Grenzkosten. Die Stromanbieter teilen dann den Produktivitätsgewinn – das nennt man Energiespar-Contracting.

Vor sechs Jahren bat mich E.ON, genau dieses Modell mit seinem Vorstand zu besprechen. Drei Stunden lang haben wir diskutiert. Sie waren der Meinung, es würde nie soweit kommen. Doch diesen Frühling haben sie es getan: Sie verkauften ihre Bereiche für fossile Brennstoffe und Atomstrom. Nun treten sie in das Energiemanagement ein. Ihr Ziel ist es, bei der Verwaltung des Energieinternets zu helfen. Wenn sie es nicht tun, werden andere die Chance ergreifen – die Schneider-Gruppe, IBM, junge Unternehmen, einfach jeder ist daran interessiert. Es ist ein freies Feld. Stellen Sie sich vor, was das für die Effizienz bedeutet. Ein Unternehmen verdient mehr Geld, wenn es weniger Strom verkauft. Es gibt keinen CO2-Ausstoß und man benötigt weder bestimmte Zielsetzungen noch Emissionshandelssysteme, die eher als Bestrafung verstanden werden.

E.ON ist uns bereits beigetreten. In Nord-Pas-de-Calais arbeiten wir an der Umsetzung. Der Vorstandsvorsitzende von EDF, Henri Proglio, sagte mir in einem Telefongespräch die Unterstützung des Unternehmens zu. Auch bei RWE arbeiten sie mit uns zusammen. Sie werden die Atomenergie nicht sofort aufgeben, aber sie sind klug genug, die Trends der Zukunft zu erkennen. GDF-Suez ist uns ebenfalls beigetreten. Di ist also nicht mehr nur rein theoretisch, kein entweder/oder, sondern eine exponentielle Kurve.

Auch hier spielt die Sharing Economy wieder eine essenzielle Rolle. Wenn nämlich jeder über billige Mobiltechnologie verfügt, dann senken wir tatsächlich unsere Umweltbilanz. Wenn wir alles miteinander teilen, befinden wir uns in kreislaufwirtschaftlichen Umverteilungssystemen. Web-Technologie gestattet uns, zusammen zu kommen und diese aufzubauen.

Das ist der einzige Weg, der mir einfällt.

Blicken sie mit Zuversicht auf die COP21?

In Sachen Klimawandel liegen wir noch zurück. Seit 1973 engagiere ich mich in diesem Zusammenhang und auch ich lag falsch. Ich dachte, wir hätten mehr Zeit. Niemand von uns hat erwartet, wie dramatisch sich die Veränderungen auf Wasserkreisläufe auswirken. Was bewirkt der Klimawandel? Ein zusätzlicher Grad Celsius Temperaturanstieg steht für sieben Prozent mehr Niederschlag und extremere Wetterereignisse.

Die heftigen Schneestürme, Frühlingshochwasser, schweren Sommerdürreperioden, Flächenbrände, Wirbelstürme (wie der letzte Woche auf den Philippinen – einer der stärksten in der Geschichte ) haben uns alle erschüttert. In North und South Carolina kam es im vergangenen Jahr zu Überflutungen, sogar zu einem Jahrtausendhochwasser. Das ist der neue Alltag.

Die Wasserkreisläufe führen uns in diesem Jahrhundert an den Rande des Aussterbens. Hier liegt der große Fehler in den Klimagesprächen: Die führenden Politiker treffen sich nun zum 21. Mal zu diesen Verhandlungen. Bei jedem Treffen zeigen sie sich negativ, weil die Wirtschaft ihrer Länder schrumpft und sie die Klimaziele als Bestrafung verstehen. Überall verlangsamt sich das BIP, weil die Produktivität seit 20 Jahren zurückgeht. Die Plattform, an der wir arbeiten, ist ausgeraift. Aber jetzt kommt auch noch der Klimawandel hinzu und schafft zusätzliche Probleme für die Wirtschaft.

Den Klimaverhandlungen fehlt es an einer neuen wirtschaftlichen Vision, die man in jeder Region individuell aufbauen kann. Dann kann man die Menschen wieder an die Arbeit schicken; alle Sektoren sind miteinander verbunden – Telekommunikation, Kabeldienste, IKT, Transport, Baugewerbe, Immobilien usw. Es dauert zwei Generationen, das alles aufzubauen.

Wenn man all diese Möglichkeiten nicht berücksichtigt, dann werden die Klimaverhandlungen im Dezember bedeutungslos sein – selbst wenn man sich auf alles Geplante einigt. Die Durchschnittstemperatur wird trotzdem doppelt so hoch sein wir noch vor 50 Millionen Jahren. Ende des Jahrhunderts könnte es zu einem Massenaussterben kommen.

Die COP21 ist also nichts als Schall und Rauch. Die Gespräche sind reine Lippenbekenntnisse. Sie sollte sich mal ansehen, was in Nord-Pas-de-Calais vor sich geht. Wir sprechen hier von einer komplett mobilisierten Region. 3.000 Unternehmen haben an Seminaren teilgenommen. Wir legen diese Netzwerke aus; die Universitäten ändern ihren gesamten pädagogischen Ansatz. Wir nutzen Kredite in Höhe von 850 Millionen Euro und fördern private Investitionen, um jede Oberschule aufzurüsten und in ein ans Netz angeschlossenes Kraftwerk zu verwandeln. Fast eine Milliarde Euro gehen nur an die Oberschulen! Was ich damit sagen will ist Folgendes: Wenn es die Region Nord-Pas-de-Calais schaffen kann, dann kann es jede Region in der Welt schaffen.

Ein bedeutender Trend ist die stets wachsende Urbanisierung in Europa und auf der ganzen Welt. Somit steigt die Nachfrage nach Energie und Transport. Denn städtische Gebiete sind zunehmend fragmentiert und zersplittert. Also nimmt trotz all der gesteigerten Effizienzen, der Bedarf an Energie zu, nicht ab.

Hier muss ich Ihnen widersprechen. Man braucht bis zu einem gewissen Grad dicht besiedelte urbane Gebiete. Das Prinzip der Gemeinschaftsfahrzeuge funktioniert in städtischen, vorstädtischen und sogar auch in ländlichen Gegenden. Die Transportnachfrage wird nicht weiter steigen. Ich bin mir sicher, dass wir in der nächsten Generation 80 Prozent weniger Fahrzeuge haben werden.

Larry Burns, ehemaliger Vizepräsident für Forschung bei General Motors, führte eine Studie durch. Sein Ergebnis: Jedes Gemeinschaftsfahrzeug ersetzt 15 Autos. Die um die Jahrtausendwende Geborenen werden als erste keine eigenen Autos mehr besitzen. Nie mehr – das kann ich Ihnen versprechen. Der Transportsektor ist sich dessen bewusst. Sie wissen, dass sie weniger Fahrzeuge verkaufen werden und dafür eher Transport und Logistik über das automatisierte und fahrerlose Internet der Fahrzeuge leiten müssen. Das ist die allgemeine Richtung.

Aber das Wachstum von Städten erfordert doch mehr hochgradig umweltschädliche Bebauung und Zementierung.

Hier gibt es ein anderes Modell. Die größten Architekturunternehmen sind Teil unserer Gruppe. Dieses Thema haben wir jahrelang studiert. Die erste industrielle Revolution hat die Entstehung von vertikal integrierten, dicht besiedelten Städten gefördert. So mussten Züge von Drehkreuz zu Drehkreuz fahren und konnten nicht überall hin. Im Laufe der zweiten industriellen Revolution konnte man durch die Straßensysteme Vorstadtstrukturen aufbauen. So konnten sich Metropolregionen weiter ausbreiten. Die dritte industrielle Revolution ist offen, kollaborativ und skaliert. Sie ermöglicht nicht so dicht besiedelte urbane Gegenden. Denn die Transaktionskosten für das Management von Kommunikation und Transport gehen gegen Null.

Wir haben also nicht nur urbane Gebiete, sondern auch deren Umland im Blick. Die gesamte Region soll ihre eigene Biosphäre bewahren können. Man wird Biosphäre niemals global zentralisiert verwalten können. Das wird einfach nicht funktionieren.

Glauben Sie, dass das Wachstum der Städte irgendwann an Grenzen stößt?

Es wird eine natürliche Grenze für die Ausbreitung von Metropolregionen geben. Ich war gerade erst in China, wo ich diese Frage mit dem dortigen Immobiliensektor diskutiert habe. Man muss die Gebietsaufteilung und die Art, wie wir uns weiterentwickeln, neu überdenken. Die Plattform der dritten industriellen Revolution bietet Platz für einige dicht besiedelte Gegenden mit Städten von 500.000 bis zwei oder drei Millionen Einwohnern. Der Rest ist offener Raum.

Die Wohnstrukturen verteilen sich also mehr. Man muss sich jedes Gebäude nicht nur als Habitat, sondern als Knotenpunkt vorstellen. Es geht also um nachgerüstete Gebäude, die ein großes Datenzentrum bilden, ein Mikrokraftwerk in der Nähe, das Strom erzeugt, und ein Transportdrehkreuz mit elektrischen Zapfsäulen für Brennstoffzellenautos und GPS-Fahrzeuge.

Wir wollen Städte, die sich in die Regionen eingliedern. Denn die Regionen müssen ihre Biosphäre „zurück verwildern“. Nur so kann sich die Biosphäre wieder gesund entwickeln und der Ausbreitung der Metropolen standhalten. Enden wir letztendlich Beton an Beton und zerstören so die Biodiversität, welche die Biosphäre am Leben erhält, sind wir erledigt. Das ist natürlich eine Herausforderung. Ich glaube aber, dass die neue Plattform eine Chance ist, diese Entwicklung zu meistern – und zwar zu geringen Kosten. So können wir Energie verwalten und die Wirtschaft beleben.

Sie sagten, die urbane Ausbreitung wird auf natürliche Grenzen stoßen.

Diese Entwicklung kommt nicht von allein. Wir müssen ein neues Bewusstsein für den Schutz der Biosphäre schaffen. Hierfür braucht man Vorschriften, eine Gebietsaufteilung, Umweltschutzgebiete. Außerdem sind Biosphärenreservate, wie die UNESCO sie aufzubauen versucht, notwendig. Dabei werden große Flächen an Land unter Naturschutz gestellt, sodass man sie nicht verkaufen und bebauen kann. So kann sich die Tierwelt hier wieder neu ansiedeln.

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