Ungarische Beamtin verteidigt Atomkraftwerk: „Wir haben kaum eine andere Wahl“

Das Atomkraftwerk Paks I in Ungarn. [IAEA/Flickr]

Der Vorschlag für saubere Energie der Europäischen Kommission werde zu höheren Preisen für die Verbraucher führen, sagt Andrea Beatrix Kádár vom ungarischen Entwicklungsministerium im Interview mit EURACTIV Slovakia.

Andrea Beatrix Kádár ist Bioverfahrenstechnikerin und Chemieingenieurin. Sie arbeitet seit Juli 2014 für die Abteilung Energie im ungarischen Ministerium für nationale Entwicklung.

In Bezug auf den Saubere-Energie-Vorschlag der Europäischen Kommission haben Sie viel über Preisregulierung gesprochen. Was genau sind die ungarischen Bedenken?

Ungarn ist in einer sehr speziellen Situation. Wir sind eines der EU-Mitgliedsländer, in denen die Haushalte ein Drittel ihrer Einkünfte für Strom und Heizung ausgeben müssen. Wir glauben nicht, dass der Vorschlag der Kommission (Verkaufspreise zu deregulieren) zu Preisminderungen führen wird. Wenn wir uns die Beispiele anderer Länder anschauen, in denen die Preise dereguliert wurden, hat das nie zu Minderungen sondern zum Anstieg der Preise geführt.

Es gibt große Unterschiede zwischen den Großhandelspreisen und den Preisen, die die Endverbraucher zahlen. Liegt das nicht auch an den vielen Steuern und Abgaben in Ungarn?

Bei den Preisen für die Haushalte will die ungarische Regierung dafür sorgen, dass sie auf einem erschwinglichen Stand bleiben, Wir nutzen alle zur Verfügung stehenden Instrumente, um das sicherzustellen.

Wann kann man in Ungarn eine finale Investitions-Entscheidung zum Bau des Atomkraftwerks Paks II erwarten?

Paks II fällt nicht in meinen Aufgabenbereich; wir haben einen neuen Minister für dieses Projekt.

Aber die notewendigen Zulassungsverfahren wurden aufgenommen und die Richtlinien der Kommission wurden umgesetzt. Im März hat die Kommission ihre Entscheidung zur staatlichen Unterstütztung mitgeteilt. Wir sind auf einem guten Weg.

EU-Kommission genehmigt Staatshilfen für ungarisches AKW

Die EU-Kommission hat die Finanzierung eines ungarischen Atomkraftwerkes genehmigt, das mit russischer Hilfe errichtet werden soll. Umweltverbände verurteilten die Entscheidung.

Halten Sie es für eine gute Entscheidung, solch eine riesige Investition in Atomkraft zu machen?

Ja, absolut. Es ist eine gute Entscheidung. Wir nennen Paks II ein „Projekt zur Kapazitätssicherung“. Wir haben ja die alten Reaktoren im Kraftwerk Paks I. Die Lebensdauer der vier Einheiten dort wird in den 2030er-Jahren auslaufen, der letzte im Jahr 2037. Wir müssen also eine Lösung finden, wie wir 2000 MW Energie ersetzen können. In so einem solchen Fall haben Sie nicht viele Möglichkeiten, außer auf Atomenergie zu setzen. Wenn also die Lebensdauer des alten Kraftwerks abgelaufen ist, muss der Bau des neuen abgeschlossen sein. Unser Ziel ist Mitte der 2020er-Jahre.

Also würden Paks I und Paks II eine Zeit lang parallel laufen.

Ja, kurz. Danach wird es dann ein Kapazitätssicherungsprojekt.

Haben Sie keine Angst, dass Ungarn damit abhängiger von Russland wird?

Nein, das denke ich nicht. Im Fall der alten Reaktoren hatten wir bisher nie ein Problem mit den Kernbrennstoffen. Ich glaube auch nicht, dass wir da in Zukunft unerwartete Probleme bekommen könnten. Wir haben auch nach wie vor einen diversifizierten Energiemix: Neben Atomkraft haben wir grüne Energie sowie Stein- und Braunkohle.

Ungarn und die Slowakei haben kürzlich ein Abkommen zur verbesserten Verbindung ihrer Elektrizitätsinfrastruktur geschlossen. Warum hat es so lange gedauert, bis die zwei Länder sich auf die Zusammenschaltung geeinigt haben?

Ich finde nicht, dass es so lange war. Im Energiesektor dauert es immer etwas, bis Projekte gestartet werden. Wir haben jetzt den besten Zeitpunkt für die Zusammenschaltung gefunden und daraufhin dieses wichtige Abkommen mit der Slowakei unterzeichnet.

Warum ist das Abkommen so wichtig für Ungarn?

Für die Versorgungssicherheit. Nicht nur Ungarns, sondern beider Länder. Unser Land hat nun eine recht gute Energie-Verbindung mit seinen Nachbarstaaten.

Gibt es in Ungarn keine Angst vor dem Wettbewerb mit slowakischen Energieanbietern?

Ich glaube, diese Situation werden wir regeln können.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.