Hat unsere Gesellschaft Klimaklassen?

Der Co2-Fußabdruck eines Menschen hängt viel von seinem Einkommen und sozialen Umfeld ab, erklären die Klimaforscher Antonia Schuster und Michael Lindner. [©Antonia Schuster/Michael Lindner]

Die Debatte um eine CO2-Abgabe bestimmt den EU-Wahlkampf und war Streitthema im TV-Duell der Spitzenkandidaten Weber und Timmermans. Im Zentrum steht die Frage, ob man ärmeren Haushalten eine CO2-Steuer zumuten darf. Dabei sind es vor allem Gutverdiener, die viel CO2 produzieren. Ein Gespräch über Klimaklassen und Konsumverhalten.

Michael Lindner ist Mathematiker und hat während seines Studiums am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zu Stabilität von Stromnetzen geforscht. Dort war auch die Agrarökonomin Antonia Schuster tätig, die ihren Schwerpunkt auf sozialmetabolische Klassen gelegt hat. Beide engagieren sich derzeit im Projekt clisciety, wo sie Aufklärungsarbeit rund um den Klimawandel leisten. EURACTIV sprach mit ihnen nach ihrem Workshop bei der Re:publica 2019.

EURACTIV: Der CO2-Fußabdruck von Menschen unterscheidet sich teils erheblich. Was sind die Faktoren, die da hineinspielen?

Antonia Schuster (AS): Natürlich muss man vorsichtig sein bei solchen Zusammenhängen.
Grundsätzlich zeigen Studien aber, dass höhere Bildung und Einkommen mit dem ökologischen Fußabdruck einer Person korrelieren. Außerdem spielen viele weitere Faktoren eine Rolle, wie beispielsweise das soziale und kulturelle Umfeld. Gerade hier in Deutschland ist unser Fußabdruck aufgrund des materiellen Wohlstands ziemlich hoch. Und es ist auch nicht so, dass Menschen mit größerem Bewusstsein für die Umwelt  zwangsläufig weniger CO2 ausstoßen. Leider wollen wir unseren privilegierten Lebensstil nicht aufgeben; das Argument ist dabei häufig „die anderen machen es ja auch nicht“.

Michael Lindner (ML): Das ist nicht nur ein individuelles Problem. Wenn es 30 Euro kostet, nach Mallorca zu fliegen, ist das ein politisches Problem, weil falsche Anreize gesetzt werden.

Ein Großteil der öffentlichen Debatte um den Klimawandel findet heutzutage im Internet. Befreit oder spaltet das unsere Gesellschaft?  

AS: Das Internet ermöglicht es Menschen natürlich, sich zu vernetzen, wie wir es gerade zum Beispiel bei Fridays for Future sehen. Aber die digitale Diskussionskultur ist auch gefährlich. Es findet oft kein sachlicher, konstruktiver Austausch statt und viele Menschen fühlen sich in der Debatte persönlich angegriffen.

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Ist der Klimawandel eine Elitendebatte?

ML: Global gesehen ist es eigentlich keine Elitendebatte. Denn besonders in den ärmsten Ländern, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, herrscht viel Bewusstsein dafür. Die Menschen dort bekommen die Auswirkungen der Klimakrise täglich zu spüren. Nur bei uns hat man dazu noch einigen Abstand, aber auch das ist gerade dabei sich zu verändern.

Frau Schuster, Sie haben zu sozioökonomischen Klassen mit Blick auf CO2-Emissionen geforscht. Was steckt dahinter?

AS: Dahinter steckt eine neuartige Klassentheorie, nach der sich heutige Gesellschaftsklassen nicht unbedingt durch Einkommen oder ihre Arbeit unterscheiden, wie z.B. bei Karl Marx. Stattdessen kristallisieren sich Emissionsklassen heraus – die auch sozialmetabolische Klassen genannt werden. Dazu schaut man sich die Material- und Energieflüsse in einer Gesellschaft oder auch weltweit an. In diesem Fall haben wir zu Kohlenstoffdioxid geforscht und extreme Unterschiede bezüglich individueller Emissionen festgestellt. Im nächsten Schritt gilt es herauszufinden, was Menschen in den Klassen gemeinsam haben und was ihre Lebensrealitäten sind, um Emissions-Hotspots zu identifizieren.

Es gibt Statistiken, die aufzeigen, dass 20 Prozent der im Konsum entstehenden CO2-Emissionen von einem Prozent der Weltbevölkerung ausgehen – und zwar dem reichsten 1%. Gerade wohlhabende Menschen haben oft durch ihre Wohnsituation, ihr Reiseverhalten und ihren Konsum einen sehr hohen CO2-Fußabdruck. Da stellt sich die Frage, inwiefern man durch Umverteilung von Wohlstand unsere Klimaziele erreichen könnte.

Bei Ihrer Präsentation sprachen Sie von sogenannten „social tipping points“, die es braucht. Was ist das?

AS: Dabei geht es um Kippelemente von Systemen, die zu einer ausreichend schnellen Reduktion der anthropogenen Treibhausgasemissionen führen können. Man würde vielleicht meinen, dass es eine Mehrheit braucht, um einen gesellschaftlichen Wandel hervorzurufen. Aber die Forschung tendiert in die Richtung, dass schon eine Minderheit von 20-25 Prozent der Bevölkerung ausreicht. Vorausgesetzt, diese Menschen haben einen gewissen Handlungsspielraum. Beispiele wie die Proteste am Hambacher Forst oder von Fridays for Future zeigen auf, welche Reichweite und Wirkung auf die Politik aus der Gesellschaft heraus entstehen kann.

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Was für einen politischen Rahmen bräuchte es denn Ihrer Meinung nach, um diesen Kippmoment zu erreichen, sodass Verbraucher ihren Konsum ändern?

ML: Eine CO2-Steuer wäre eine sehr sinnvolle Maßnahme. Ich war anfangs skeptisch, aber inzwischen bin ich von dem Konzept überzeugt. Dadurch würde man einen permanenten finanziellen Anreiz schaffen, um klimaschonendes Verhalten zu fördern und könnte eine Art Schneeballeffekt auslösen. Wenn man es richtig macht, können dadurch gleichzeitig einkommensschwache Haushalte entlastet werden, zum Beispiel indem die Steuereinnahmen in Form einer CO2-Dividende zurückgezahlt werden.

AS: Es braucht zudem weitere Anreize. Die Infrastruktur muss ausgebaut werden, um Alternativen anzubieten, die bezahlbar sind. Darüber hinaus werden Veränderungen des Finanzsystems, der Stadtplanung, der Energieerzeugung und Speicherung, der Bildung sowie unserer Normen und Werte nötig sein. Diese Teilsysteme haben das Potenzial als Kippelemente zu wirken und schnell zu großen Veränderungen im gesamten System zu führen.

Das Problem ist, dass der Wille, den eigenen, klimaschädlichen Lebensstil als Individuum oder gar als ganze Gesellschaft zu verändern, sehr gering ist, wenn das Verzicht bedeutet.

Das ist natürlich heuchlerisch, denn der Klimawandel trifft in erster Linie nicht uns in Mitteleuropa, sondern viele Länder des globalen Südens -eine Ignoranz, die gerade im geschichtlichen Kontext nicht tragbar ist. Lösungen für dieses Dilemma zu finden ist eine der größten politischen Herausforderungen unserer Zeit.

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