Greenpeace fordert Reformen: Zweisäulige GAP funktioniert nicht

Marco Contiero von Greenpeace: "Business as usual ist keine Option." [EURACTIV]

This article is part of our special report Wie kann die GAP der Zukunft ihren Umwelteinfluss messen?.

Dieses Interview ist Teil unseres Special Reports Wie kann die GAP der Zukunft ihren Umwelteinfluss messen?  

Die Direktzahlungen innerhalb der Gemeinsamen Agrarpolitik machen oft die positive Umwelteffekte in der ländlichen Entwicklung zunichte; daher seien echte Reformen nötig, um die EU-Bauern aus der schädigenden industriellen Landwirtschaft herauszuführen, fordert Marco Contiero von Greenpeace im Interview mit EURACTIV.com.

Marco Contiero ist bei der EU-Abteilung von Greenpeace zuständig für Lebensmittel und Landwirtschaft. Er sprach mit Sarantis Michalopoulos von EURACTIV.

Die Europäische Volkspartei (EVP) hat kürzlich ihre Pläne für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) nach 2020 vorgestellt. Was halten Sie davon?

Es ist erschreckend, dass die EVP als größte politische Kraft im Prinzip ein „Weiter so“ fordert. Sie will keine Veränderung vor 2024, und auch dann soll es keine Reformen, sondern nur leichte Anpassungen geben.

Die Partei will keine strukturellen Änderungen; sie will die erste Säule der GAP so beibehalten, wie sie ist – mit all ihren Problemen. Sie fordert noch mehr Flexibilität für die Mitgliedstaaten und will die Ökologisierungs-Maßnahmen weiter verwässern.

„Business as usual” ist aber keine Option. Wir brauchen Reformen.

EVP will keine "überhastete" GAP-Reform

Bevor Diskussionen über eine GAP-Reform starten, müssen Einzelheiten über das EU-Budget nach dem Brexit geklärt werden, fordern die Konservativen im EU-Parlament.

In Deutschland müssen bei einer Schweinefarm mindestens 2500 Tiere pro Arbeiter gehalten werden, damit der Betrieb wirtschaftlich ist. Das wirkt sich aber auch auf Gesundheit und Umwelt aus. Ich spreche hier von Ammoniakemissionen, die Auswirkungen von Stickstoff auf Böden und Gewässer, der Ausstoß von Treibhausgasen, Verstöße gegen Tierschutzgesetze, Abholzung usw.

Und diese Art von Betrieben werden auch noch mit öffentlichen Geldern unterstützt. Das muss sich ändern.

Während der letzten Reform gab es oft das Argument, es sei nicht immer möglich, die Auswirkungen „einzelner“ Maßnahmen zu messen. Bei den Ökologisierungs-Maßnahmen wurde deswegen die Fruchtfolge/Wechselwirtschaft gestrichen und stattdessen eine Diversifizierung in die Regularien mitaufgenommen; mit der Begründung, es sei nicht möglich, zu überprüfen, welche Landwirte tatsächlich Wechselwirtschaft betreiben.

Heute haben wir das EU-Projekt Copernicus, unter dem sechs Satelliten hoch auflösende Geoinformationsbilder aufnehmen. Damit können Veränderungen auf See sowie an Land beobachtet werden. Copernicus bietet auch ein Landbeobachtungsprogramm, das frei zugängliche Land-Daten liefert, und das die nächste GAP unbedingt nutzen muss.

Wenn das nicht geschieht, können wir nicht glaubhaft erklären, dass öffentliche Gelder in der GAP sinnvoll eingesetzt werden. Für die Mitgliedstaaten wäre es sehr schwierig zu rechtfertigen, warum wir diese Daten nicht nutzen sollten.

Was sind die Vorschläge von Greenpeace für die zukünftige GAP?

Die derzeitige Struktur mit zwei Säulen funktioniert nicht. Die erste Säule hat viel zu oft die positiven Umweltauswirkungen der zweiten Säule ausgemerzt. Was wir brauchen, ist eine echte Reform, die Landwirtschaftspraktiken fördert, die nicht industriell und überspezialisiert sind.

Industrielle Großbetriebe sollten durch ein Diversitäts-Modell ersetzt werden, auf der Ebene der einzelnen Höfe und weiter ausgreifend auf Landschaftsebene. Und natürlich sollten öffentliche Gelder genutzt werden, um dieses Vorhaben voranzutreiben.

Wenn ein Unternehmen im indutriellen Stil landwirtschaftliche Produkte erzeugen will, kann es das tun. Aber es sollte dafür keine Subventionen erhalten. Öffentliche Gelder müssen dafür eingesetzt werden, das Allgemeinwohl zu fördern, insbesondere die Umwelt und die Gesundheit der Bürger.

Zweitens sollte die GAP auch die Produktion und den Verbrauch von tierischen Produkten angehen. Alle wissenschaftlichen Arbeiten sind sich einig, dass dies unverzichtbar ist.

Die GAP muss sich mit „gemischten“ Unternehmen, die tierische und pflanzliche Produkte herstellen, sowie mit der Landnutzung für Pflanzen, die nicht für den menschlichen Konsum gedacht sind, auseinandersetzen. Außerdem muss eine Änderung der Ernährungsweise beworben werden. Auch bei der Ernährung ist „eating as usual“ keine Option mehr.

Umweltgruppen fordern Fitness-Checks und klare Ziele für die zukünftige GAP

Das EEB hat einen Fitness-Check der GAP gefordert. Der Umweltverband stellt Struktur, Durchsetzung und Auswirkungen der GAP infrage und wirbt für Reformen.

Derweil scheint die Einführung von präzisionslandwirtschaftlichen Methoden in der nächsten GAP wichtiger zu werden. Wie stehen Sie dazu?

Die Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen, sind zu groß, als dass öffentliche Gelder dafür ausgegeben werden sollten, ein kaputtes System ein wenig effizienter zu machen. Natürlich ist Effizienz per se keine schlechte Sache, aber es ist schlicht falsch, ein System beizubehalten, das in vielen weiteren Punken unzulänglich ist. Wenn wir Steuergelder zur Unterstützung der Landwirtschaft aufwenden wollen, sollten wir ein Landwirtschaftssystem unterstützen, das wirklich innovativ ist.

Die Landwirte müssen den ökologischen Anbau vorantreiben, weil ein solches System nicht nur aus Umwelt, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht widerstandsfähiger ist. Je robuster die Wirtschaftlichkeit, desto widerstandsfähiger wird auch der Hof als Betrieb. Wir wissen ja, wie stark die Landwirte von Preis- und Marktschwankungen betroffen sind.

Ich bin [der Präzisionslandwirtschaft] auch aus anderen Gründen abegeneigt: Die Landwirte sind bereits heute zu abhängig von den Zulieferern. Die Märkte für Saatgut und Dünge-/Pflanzenschutzmittel sind schon übermäßig konzentriert. Und das wird sich noch verschlimmern; wir werden weitere Fusionen und Übernahmen sehen und im Prinzip werden drei Riesenfirmen diese zwei Märkte weltweit beherrschen.

Wenn wir nun auch noch einigen multinationalen Konzernen das Recht einräumen, die Landwirte mit Daten zu versorgen, werden die Bauern zu 100 Prozent abhängig. Sie verlieren ihre Unabhängigkeit und ihre wirtschaftliche Lage wird noch prekärer werden, weil die Materialeinsatzkosten im Vergleich zu den Gesamtausgaben immer weiter steigen.

Die Daten von Copernicus sind frei zugänglich; die Daten der Präzisionslandwirtschafts-unternehmen sind es nicht. Diese Kosten werden sich nur wenige Landwirte leisten können. Es gibt Traktoren, die 300.000 bis 400.000 Euro kosten. Welche Skaleneffekte sind da notwendig, um ein solches Investment wirtschaftlich sinnvoll zu machen?

Was waren bisher die Auswirkungen der Ökologisierungs-Maßnahmen in der zweiten GAP-Säule und wie können diese in der zukünftigen GAP verbessert werden?

Was sehr gut funktioniert hat, sind die Agrarumweltmaßnahmen. Das Prinzip ist sehr einfach: Die Gesellschaft bietet den Landwirten Steuergelder, und die Bauern setzen im Gegenzug Praktiken für bestimmte Umweltziele um, beispielsweise saubereres Grundwasser oder eine Wiederherstellung der Fruchtbarkeit der Böden.

Genau das sollte die Basis der GAP-Zahlungen sein: Ein Vertrag zwischen den Landwirten und dem Rest der Gesellschaft. Wir sollten die Idee von Befugnissen oder Ansprüchen ad acta legen und stattdessen öffentliche Gelder für konkrete Ziele einsetzen. Das Erreichen dieser spezifischen Ziele ist dann die Basis und die Rechtfertigung für Zahlungen öffentlicher Gelder an die Landwirte.

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