Gaslobbyist: Erdgas aus den USA ist eine „gute Ergänzung“ im Strommix

Das Erdgas-Importterminal im polnischen Swinoujscie. [Polska Gazeta Transportowa]

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Polen in Danzig ein neues, schwimmendes Terminal für die Einfuhr von flüssigem Erdgas (LNG) bauen wird, so Fred H. Hutchison. Über dieses Terminal könnte „sehr viel Gas“ nach Mitteleuropa importiert werden.

Fred H. Hutchison ist Präsident und CEO der LNG Allies, einem Industrieverband, der die US-amerikanischen Exporte von Flüssig-Erdgas (LNG) maximieren will. In Bratislava sprach Hutchinson am Rande einer Veranstaltung des Energie-Ausschusses der US-Handelskammer mit Pavol Szalai von EURACTIV.

EURACTIV: Die Einfuhren von Erdgas aus Russland haben im Laufe der Jahre zugenommen und machten laut ACER (der europäischen Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden) im Jahr 2016 rund 34 Prozent der EU-Gasversorgung aus. Sehen Sie angesichts des günstigen Preises für russisches Gas eine Chance für amerikanisches LNG auf dem europäischen Markt?

Hutchinson: Die Chancen sind eher langfristig. Europa ist ganz klar der naheliegendste Markt für die USA: Das Gas aus dem Golf von Mexiko muss nicht durch den Panamakanal transportiert werden. Die Transportkosten sind für Lieferungen nach Europa billiger als in andere Märkte. Außerdem gibt es bereits ein recht weit entwickeltes Terminalsystem für Importe.

Viele der Terminals auf der iberischen Halbinsel, aber auch im Rest Europas sind derzeit nicht ausgelastet. Es gibt also genügend Möglichkeiten, LNG aus den USA zu beziehen. Wir haben sechs Exportterminals in den USA im Bau. Etwa 40 Prozent der geplanten Kapazität ist aktuell am Netz und produziert LNG.

Die anderen 60 Prozent werden größtenteils zwischen Anfang 2019 und der ersten Hälfte des Jahres 2020 ans Netz gehen. Die LNG-Produktion in den USA wird also in Kürze enorm ansteigen. Und viel Gas wird nach Europa kommen.

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Momentan gehen nur 11 bis 15 Prozent der amerikanischen Exporte in die EU. Der größte Teil wird nach Asien verschifft, wo höhere Preise gezahlt werden als in Europa. Wo und wie sehen Sie also die Absatzmöglichkeiten in Europa?

Alle sind sich einig, dass die Gasproduktion in der EU in den nächsten Jahren zurückgehen wird. Sie ist bereits rückläufig; die Holländer haben vor kurzem beispielsweise ein großes Feld geschlossen.

Ja, die russischen Pipeline-Gasimporte sind gestiegen und werden es wahrscheinlich auch weiterhin tun. Wir haben aber sehr spezifische Orte wie Polen im Blick, das der wichtigste LNG-Zugangspunkt zum Beispiel auch für die Slowakei ist. Polen will seine bestehenden LNG-Importanlagen um ein Drittel erweitern. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein schwimmendes Terminal in Danzig eingerichtet wird.

Durch Polen kann viel Gas in den Rest der Region gelangen. Eines der Probleme mit russischem Gas ist, dass die Prozesse völlig undurchsichtig sind – gerade, was die Produktionskosten und die restliche „Lebenserwartung“ der Felder angeht.

Wäre es für US-Exporteure nicht sehr viel sinnvoller, nach Asien zu liefern, wo die Preise hoch sind und die Nachfrage steigt? In Europa ist der Nachfrage-Trend nicht so überzeugend…

Das stimmt, er ist nicht überzeugend. Und es gibt andere globale Märkte in der westlichen Hemisphäre, die bedient werden könnten. Mexiko war bisher das Hauptziel für LNG-Exporte aus den USA. Diese Exporte werden wahrscheinlich zurückgehen, wenn weitere Pipelines gebaut werden. Ehrlich gesagt könnte Lateinamerika eigentlich mehr LNG verbrauchen, aber es bleibt eher ungewiss, ob die Nachfrage tatsächlich steigt oder nicht.

Aus Sicht des Verkäufers liegen die größten Märkte nicht in Europa, sondern in Asien. Dennoch gibt es in Europa Terminals, Netze und einen Markt, der liquider und diversifizierter wird. Wir werden sehen. Venture Global ist das einzige Projekt in den USA, das zwei langfristige Verträge in Europa abgeschlossen hat: einen mit Edison in Italien und einen mit Galp in Portugal. Zumindest diese beiden Unternehmen halten amerikanisches LNG also für interessant.

Was bedeutet „langfristig“ in diesem Zusammenhang?

 Zwanzig Jahre.

MEP Seán Kelly: Wir müssen ein Backup für erneuerbare Energien haben

Intermittierende erneuerbare Energie wird noch mindestens 20 bis 30 Jahre durch andere Energiearten unterstützt werden müssen, glaubt der irische MEP Seán Kelly.

Sie haben die niedrige Auslastung der europäischen LNG-Importterminals angesprochen. Sehen Sie dies als Zeichen für eine Chance oder eher für mangelndes Interesse an LNG? Laut einem Bericht aus dem Jahr 2017  lag die Auslastung des polnischen LNG-Terminals 2016 bei unter 30 Prozent. Warum sollte es für das Land also profitabel sein, dieses Terminal zu vergrößern?

Die Auslastungsrate hat sich im Jahr 2017 etwas verbessert. Es scheint, dass die Polen von anderen Energiequellen auf Gas umsteigen wollen. Ich weiß sicher, dass die endgültige Investitions-Entscheidung über einen Ausbau der Kapazitäten durch eine Drittfirma bald getroffen werden wird.

Aber Europa hat insgesamt eine niedrige Auslastung seiner LNG-Terminals. Deuten Sie das nicht als Zeichen fehlenden Interesses?

Nach der weltweiten Krise 2008 ging die Gasauslastung in Europa zurück. Außerdem gab es recht warme Winter. Die letzten zwei oder drei Winter waren hingegen wieder kälter, eher normal. Die zukünftige Nachfrage dürfte dennoch relativ flach oder rückläufig sein. Denn die Energieeffizienz wird steigen, und die erneuerbaren Energien werden weiter voranschreiten.

Aber auch bei den Erneuerbaren wird die einheimische Versorgung in Europa, in der Nordsee, zurückgehen. Darüber hinaus werden sich einige Länder fragen müssen, welche Kombination am besten funktioniert, wenn sie ihre COP21-Verpflichtungen (Pariser Klimaabkommen) erfüllen wollen.

Der Fall Deutschland fällt mir besonders auf. Das Land hat eine sehr starke Politik im Bereich der erneuerbaren Energien, stellt aber auch seine Kernenergieproduktion ein. Kurzfristig nutzen die Deutschen nun Kohle. In Deutschland sind die CO2-Emissionen deswegen relativ konstant geblieben – während die der USA zurückgegangen sind.

Sind die Erneuerbaren eher Ihre Wettbewerber oder Ihre Verbündeten?

Erdgas ist eine gute Ergänzung zu erneuerbaren Energiequellen. Das haben wir in den USA gesehen. Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, dann muss eingeschritten und die Nachfrage anderweitig gedeckt werden. Zumindest aktuell; irgendwann werden wir wahrscheinlich effiziente Speichermöglichkeiten haben.

Wie sehen Sie die Zukunft des Erdgases in den kommenden 20 Jahren? Wird es lediglich für die Stromproduktion eingesetzt werden, oder auch verstärkt in Feldern wie Transport oder zur Wärmeerzeugung?

Die Verwendung von Gas zum Heizen und Kühlen ist klug. Und auch der Transport ist eine große Chance – LNG ist ein großartiger Kraftstoff für den maritimen Einsatz.

Auch der Straßenverkehr und die Energieerzeugung sind große Bereiche. Wenn wir wirklich ehrlich sind, ist das Verbrennen von Bäumen, um Strom zu erzeugen, keine grüne Lösung. Biomasse ist sicherlich keine angemessene Form der erneuerbaren Energie in dem Zeitrahmen, der notwendig ist, um den Klimawandel weltweit zu bekämpfen.

Import von Fracking-Gas: EU-Parlament erntet harsche Kritik

Das EU-Parlament begrüßt Importe von gefracktem Flüssigerdgas aus den USA. Kritiker monieren, die EU verhöhne mithilfe von Steuermitteln das Pariser Klimaschutzabkommen.

Einige EU-Parlamentarier kritisieren Gas-Projekte, weil diese angeblich zu hohe EU-Subventionen erhalten. Ein Beispiel dafür ist die Verbindungsleitung zwischen der Slowakei und Polen, die mit 100 Millionen Euro bezuschusst wird. Was entgegnen Sie den Kritikern?

Es ist die Entscheidung der Europäer, was sie für ihre Energiezukunft tun wollen.

Aus unserer Sicht zeigt ein Blick auf die Verbindungen durch Nordamerika, dass wir einen sehr liquiden Markt haben. Und wir glauben, dass auch Europa von solchen Verbindungen profitieren würde, die den Markt liquider machen. Die Preise werden sich mit mehr Einstiegspunkten, einem robusteren Pipelinenetz und einem besseren Regulierungssystem verbessern. Und in einigen Ländern wie dem Baltikum wäre es sinnvoll, eine einheitliche harmonisierte Regelung für die Märkte zu haben.

Das Europäische Parlament ist in gewisser Weise wie der US-Kongress: Es ist eine vielfältige Gruppe von Menschen mit vielen verschiedenen Standpunkten. Letztlich müssen die EU-Institutionen und die Mitgliedstaaten beurteilen, was in ihrem Interesse liegt.

Die kritischen MEPs argumentieren, man könne sich nicht einerseits dem Pariser Klimaabkommen verschreiben und die Emissionen senken und andererseits gleichzeitig Subventionen für fossile Brennstoffe wie Erdgas zahlen.

Gas ist ein fossiler Brennstoff, aber es hat die niedrigsten CO2-Emissionen unter den fossilen Brennstoffen.

Europa täte gut daran, sich weiter in Richtung einer Situation zu bewegen, in die uns unsere Märkte in den USA geführt haben. Es war nicht staatliche Intervention, die uns zum heutigen Mix aus erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und Gas bewegt hat. Es waren die Märkte. Damit haben wir die niedrigsten CO2-Emissionen im Energiesektor seit Anfang der 90er Jahre erreicht. Es ist ein Modell, von dem auch Europa profitieren könnte.

"Nord Stream 2 wäre das Ende der europäischen LNG-Strategie"

Die umstrittene Gasleitung Nord Stream 2 wird die EU-weite Strategie einer Energieunion zunichte machen und ihre Förderpläne für verflüssigtes Erdgas (LNG) durchkreuzen, warnt ein ehemaliger US-Botschafter. EURACTIV Brüssel berichtet.

Ihr Verband LNG Allies hat zu Nord Stream 2 nicht Stellung bezogen. Was ist Ihre persönliche Einschätzung des Projekts, das ja offensichtlich in Konkurrenz zu amerikanischem LNG steht/stehen würde?

LNG Allies ist nicht, war nicht und wird niemals gegen so etwas sein.

Ich persönlich halte es für sinnvoll, alles zu tun, um die Wettbewerbsfähigkeit des Marktes auf dem gesamten europäischen Kontinent zu erhöhen: den Aufbau der Infrastruktur abzuschließen, die Quellen zu diversifizieren, die Arten der Energienutzung zu diversifizieren, Energie effizienter und vernünftiger zu nutzen. Nord Stream 2 muss anhand dieser Kriterien betrachtet werden.

Glauben Sie denn, das Nord Stream 2 von US-Sanktionen betroffen sein könnte?

Die Position der USA bei Nord Stream 2 hat sich seit einigen Jahren nicht verändert. Unter Obama war sie dieselbe wie jetzt unter der Trump-Administration.

Ja, die amerikanische Regierung lehnt Nord Stream 2 ab. Und sie fördert die Exporte von amerikanischem LNG; aber die beiden Themen sind für die Regierung nicht miteinander verbunden.

Ich glaube nicht, dass die gegenwärtige US-Regierung gewillt ist, über den Kongress Sanktionen gegen dieses spezielle Projekt zu verhängen. Aber es gibt eine fast einstimmige politische Meinung, dass die Einmischung [Russlands] in die Wahlen in den USA eine sehr ernste Angelegenheit ist. Wenn noch weitere Geschichten ans Licht kämen, würde es mich nicht wundern, wenn der US-Kongress diese Frage erneut aufgreifen und dem Präsidenten nicht mehr die Möglichkeit einräumen würde [weitere Sanktionen gegen Russland zu vermeiden].

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