Für die Klimaziele: Stromsteuern runter!

"Klimaschutzpolitik wird immer die Ärmsten am härtesten treffen," so Christian Egenhofer. Er hat aber Lösungsvorschläge. [Ian Langsdon/EPA/EFE]

Die Energiewende wird die ärmsten Menschen am härtesten treffen – wenn sie nicht mit entsprechenden Steuerreformen flankiert wird, sagt Christian Egenhofer. Die EU-Staaten müssten dies anerkennen und damit beginnen, die Steuern auf Strom zu senken. So könnten die CO2-Reduktionsziele der EU zu möglichst geringen Kosten erreicht werden, argumentiert er.

Christian Egenhofer ist Senior Research Fellow und Leiter des Programms Energie und Klima am Centre for European Policy Studies, einem Think-Tank mit Sitz in Brüssel. Er sprach mit Frédéric Simon von EURACTIV.com.

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Alle großen Parteien haben sich vor den Europawahlen für einen „gerechten Übergang“ hin zu sauberer, erschwinglicher und vor allem CO2-freier Energie bis 2050 ausgesprochen. Wie kann man diesen Worten Taten folgen lassen?

Die Europawahlen haben deutlich gemacht, dass der Klimawandel und die Energiewende Themen sind, die den EU-Bürgern wichtig sind.

Obwohl die Grünen letztendlich nicht viel mehr Sitze im Parlament bekamen, haben sie sich in Bezug auf die Gesamtzahlen mit 20 Millionen Stimmen sehr gut geschlagen. Und das wirkt sich natürlich aus – auch wenn die Liberalen mit nur 12 Millionen Stimmen nun deutlich mehr Parlamentssitze bekommen haben.

Darüber hinaus ist klar geworden, dass es unter den Mitgliedsstaaten und im Europäischen Parlament große politische Bereitschaft gibt, wirklich voranzukommen. Man kann die Energiewende nicht länger hinauszögern. Ich denke, das haben die Menschen wohl verstanden.

Jetzt stellt sich die Frage, wie man es macht. Und eines der großen Themen, das völlig ignoriert wurde – weil es politisch sehr sensibel ist – sind die Verteilungseffekte der Klimapolitik.

Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass alle Klimaschutzpolitiken regressiv sind: sie werden die Ärmsten am härtesten treffen, weil die Armen einen überproportional großen Teil des ihnen zur Verfügung stehenden Geldes für Energie, Mobilität usw. ausgeben.

Darum ging es auch bei den „Gelbwesten“-Protesten in Frankreich: Die Demonstrationen begannen wegen eines Anstiegs der Benzinpreise, der wiederum durch eine Erhöhung der französischen Steuer auf Erdölprodukte verursacht wurde…

Man sollte die Gelbwesten-Proteste nicht allein darauf zurückführen. Sie sind nämlich vor allem entstanden, weil die Macron-Regierung diese CO2-Steuer schlecht gehandhabt und keine ausgleichenden Erleichterungen angeboten hat. Dann wäre die CO2-Steuer finanziell „neutral“ gewesen.

In Belgien wurde die Erhöhung der Dieselsteuer durch eine Senkung der Sozialversicherungsbeiträge kompensiert. Dadurch wurde sie „einnahmenneutral“. Und ich denke, der belgische Weg ist hier der richtige Weg nach vorn.

Einfach mal die Steuern erhöhen und davon ausgehen, dass die Menschen das akzeptieren, weil es ja gut für das Klima ist – das funktioniert offensichtlich nicht.

Nach Gelbwesten: CO2-Steuer steht in Frankreich weiter zur Diskussion

Grundsätzlich begrüßen die Franzosen eine Ökosteuer, so Umweltminister de Rugy. Wichtig seien aber Transparenz und eine behutsame Vorgehensweise.

Kann die Energiewende mit Blick auf Steuern und den Staatshaushalt überhaupt „neutral“ sein? Oder sind Steuererhöhungen Ihrer Ansicht nach zwangsläufig erforderlich?

Die Energiewende wird höhere Kosten mit sich bringen, die durch Steuern oder andere Einnahmen gedeckt werden können. Das muss aber durch Reduzierungen an anderer Stelle ausgeglichen werden. Denn die Energiewende führt zu großen Verteilungseffekten, die bisher weitgehend ignoriert wurden.

Ein Beispiel: Elektrofahrzeuge und Solarpanels auf dem Dach werden zuerst von den Wohlhabenderen gekauft, nicht von den Armen. Das gilt auch für andere kohlenstoffarme Produkte und Dienstleistungen – sie werden zunächst massiv von wohlhabenden Menschen oder von Branchen aufgegriffen, die die Kosten dann an ihre Kunden weitergeben können.

Kurz gesagt: Die Energiewende kann durch Steuer-Verlagerungen geschultert werden?

Eine solche Steuerverlagerung wird definitiv einen großen Teil der Energiewende ausmachen. Man sollte da mit dem Stromsektor beginnen. Alle Studien deuten darauf hin, dass die Elektrifizierung – zumindest von 60 bis 70 Prozent der Wirtschaft – die kostengünstigste Lösung wäre, um die europäischen CO2-Reduzierungsziele zu erreichen. Gleichzeitig erheben wir aber sehr hohe Steuern und Abgaben auf den Stromsektor – was die Strompreise in die Höhe treibt.

Der einzige Weg besteht also darin, die Besteuerung von Strom zu senken – und die Steuern auf Kraftstoffe und Produkte mit hohen CO2-Emissionen zu erhöhen. Die Europäische Kommission hat dies im vergangenen Jahr vorgeschlagen, aber die EU-Mitgliedstaaten haben sich bisher geweigert. Das wird wahrscheinlich das größte politische Thema für die neue Kommission sein. Und die Mitgliedstaaten werden sich dieser Frage stellen müssen. Sie dürfen und können keine noch höhere Steuerbelastung für den Stromsektor anstreben.

Steuern sind keine EU-Kompetenz. Es braucht also Einstimmigkeit unter den Mitgliedstaaten.

Ja, und das ist ein weiterer sehr interessanter Punkt, den die neue Kommission und das neue Parlament ansprechen müssen. Wir sollten wahrscheinlich die Idee aufgeben, dass all dies auf europäischer Ebene geschehen wird. Der Energiewandel ist letztendlich eine nationale oder sogar lokale Sache. Wir sehen ja, dass der Übergang in den Mitgliedstaaten mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten erfolgt.

Diese Steuerfrage muss also auf nationaler Ebene gelöst werden, und ich glaube, dass immer mehr Mitgliedstaaten dies jetzt akzeptieren. Es ist auch klar, dass die Wende einen nationalen Konsens erfordert. Und das wird von Land zu Land sehr, sehr unterschiedlich sein. In Polen zum Beispiel ist es unvorstellbar, dass die Kohle überhaupt keine Rolle mehr spielen wird. Frankreich setzt derweil stark auf Kernkraft, und in Deutschland werden die erneuerbaren Energien die größte Rolle spielen.

Es gibt also eindeutig unterschiedliche nationale Strategien. Aber alle Staaten stehen vor den gleichen Herausforderungen und Verteilungsproblemen, die es zu lösen gilt. Bleibt also die Frage, was die EU in dieser Hinsicht tun kann.

Polen und andere EU-Staaten unter Druck: "Raus aus der Kohle"

Mit den aktuell vorliegenden nationalen Energie- und Klimaplänen bleiben die EU-Staaten deutlich hinter den Zielen des Pariser Klimaabkommens zurück. Insbesondere müssten Länder, die Geld aus dem EU-Energiewendefonds erhalten, „nicht nur kassieren, sondern auch liefern“.

Und was kann – oder sollte – die EU Ihrer Meinung nach tun?

Die letzte Europäische Kommission – und auch das Parlament – haben sich vor dieser Debatte über die Verteilungseffekte des Energiewandels gedrückt.

Ich denke, die neue Kommission muss mit allen Mitgliedstaaten – einzeln oder in Regionen zusammengefasst – ernsthaft darüber diskutieren, wie sie dieses Thema anzugehen gedenken. Eine Möglichkeit wären da vielleicht die nationalen Energie- und Klimastrategiepläne (NECPs).

Klar ist auch: Einige [der Staaten] werden Unterstützung von der EU benötigen – finanziell oder anderweitig. Das bedeutet auch, dass für einige Mitgliedstaaten wahrscheinlich eine „spezielle Politik“ benötigt wird. Aber: Sobald man von speziellen Rahmenbedingungen oder Sonderregelungen im EU-Kontext spricht, macht man sich nicht viele Freunde, vor allem nicht bei der Europäischen Kommission, die Wettbewerbsverzerrungen im Binnenmarkt vermeiden will.

Wie würde das dann in der Praxis aussehen? Eine Aufweichung der Vorschriften für staatliche Beihilfen? Änderungen in den europäischen Wettbewerbsregelungen?

Das könnte alles ein Teil davon sein. Aber zunächst einmal denke ich, dass es erkennbaren „guten Willen“ von Seiten der Mitgliedstaaten braucht. Sie müssen Strategien entwickeln, die auch wirklich funktionieren. Sie sollten nicht erst um eine Lockerung der EU-Vorschriften bitten und dann eine eigene Strategie verfolgen. Das Gegenteil muss der Fall sein.

Ich würde also sagen: Zunächst einmal brauchen wir nationale Energie- und Klimapläne, die glaubwürdig sind.

Daraus könnte man ableiten, dass Sie die aktuellen Entwürfe der nationalen Klimastrategien der EU-Staaten als „nicht glaubwürdig“ ansehen…?

Naja… In Brüssel sind wir ja immer sehr kritisch gegenüber den Mitgliedstaaten. Das ist unser Job.

Aber natürlich muss man sehen: Einen nationalen Energie- und Klimaplan zu erstellen, ist sicherlich nicht einfach – vor allem nicht, wenn man das in der Vergangenheit noch nie getan hat. Vor allem sind viele nationale Verwaltungen aus technischer Sicht einfach nicht dafür gerüstet, diese Art von Arbeit zu verrichten. In einigen EU-Ländern ist es das erste Mal, dass Energieleute mit der Umweltverwaltung, mit Industriepolitikern oder mit lokalen Vertretern direkt sprechen.

Das wird also ein langer Prozess werden. Ich denke, niemand hat erwartet, dass wir vom ersten Tag an perfekte NECPs erhalten, außer vielleicht bei einigen wenigen Mitgliedsstaaten. Das alles könnte noch fünf Jahre oder sogar mehr dauern, also auch über die Amtszeit dieser Kommission (2019-2024) hinaus.

Das Vereinigte Königreich, Schweden, Finnland und einige andere Länder haben inzwischen ehrgeizige Pläne vorgelegt und so bereits gute Voraussetzungen geschaffen. Aber bei anderen wird das nicht über Nacht geschehen. Ich denke, der erste Schritt besteht darin, anzuerkennen, dass vor allem die Verteilungseffekte in einigen Ländern sehr unterschiedlich groß ausfallen werden.

Die Juncker-Kommission hat bereits einen ersten Schritt getan. Nach jahrelangem Zögern hat sie endlich anerkannt, dass Energiearmut etwas sein kann, das auf europäischer Ebene angegangen werden sollte.

Was auch klar ist: Wenn es darum geht, die Strompreise zu vervierfachen… dann sehe ich keine Regierung, die das angehen würde. Wie wollen Sie eine Wahl gewinnen, wenn Sie eine Klimapolitik versprechen, die die Stromkosten vervierfacht? Kein politisches System ist dazu in der Lage – das ist eine harte aber wahre Tatsache, die nicht ignoriert werden darf.

Also sollten wir uns hinsetzen und versuchen, Lösungen zu finden.

Kommission: Nationale Klima-Pläne reichen nicht

Die Entwürfe für nationale Klimastrategien der EU-Länder reichen nicht aus, um die Energie- und Klimaziele des Blocks für 2030 zu erreichen.

Wenn man die Strompreise nicht derart anheben kann, wie soll die Energiewende dann finanziert werden? Die Europäische Kommission hat kürzlich vorgeschlagen, mindestens 25 Prozent des nächsten langfristigen Haushalts der EU für klimabezogene Finanzierungen bereitzustellen. Dies bedeutet einen Anstieg von 206 Milliarden Euro auf 320 Milliarden Euro für den Zeitraum 2021-2027. Wie wichtig ist dies aus Ihrer Sicht?

Man sollte die tatsächlichen Effekte nicht überbewerten, aber es ist natürlich ein wichtiges politisches Zeichen, wenn man die Mittel um über 100 Milliarden Euro aufstockt. Das zeigt der Bevölkerung, dass man es beim Klima wirklich ernst meint.

Aber der weitaus wichtigere Teil sind meiner Meinung nach die von Brüssel festgelegten Ausgabenregeln – die Verordnungen, die die Auszahlung der EU-Strukturfonds regeln. Diese Regeln können die Vorgehensweise auf nationaler Ebene ändern: Denn wenn Regierungen mehr Geld erhalten, weil sie etwas gegen den Klimawandel unternehmen, dann werden viel mehr derartige Projekte realisiert.

Nehmen wir den Modernisierungsfonds, der dem EU-Emissionshandelssystem angeschlossen ist. Wir sprechen hier von sechs bis neun Milliarden Euro für den Zeitraum 2021-2030. Und viele Unternehmen machen bereits Vorschläge. Plötzlich herrscht in Ländern wie Rumänien und Bulgarien ein echter „Rush“ bei klimafreundlichen Projekten im Energiesektor. Den gab es vorher nicht.

Die EU-Finanzierung macht also einen großen Unterschied. Und wenn die Strukturfonds tatsächlich mehr Regeln und Leitlinien für Klimaverträglichkeit haben, dann werden nationale Projekte auch viel stärker auf die Klimaziele ausgerichtet sein. Das hat wirklich einen großen Einfluss. Es geht also nicht so sehr um das Geld an sich, obwohl es natürlich politisch sehr wichtig ist… Aber was die tatsächlichen Auswirkungen vor Ort betrifft, so sind es die Haushaltsregelungen, die die Richtung vorgeben und den Wandel in den Region vorantreiben.

Also sind EU-Mittel und die entsprechenden Regelungen das perfekte Zuckerbrot?

Ein Zuckerbrot und ein echter Antriebsfaktor. Sie sind das Steuerrad, mit dem die EU den Wandel relativ elegant und konfliktfrei steuern kann.Europaweit geht das nahezu unter; aber auf nationaler Ebene ist es das, was Dinge plötzlich möglich macht.

Bleibt die Frage, ob die Mittel ausreichend sind. Wir sprechen hier von rund 320 Milliarden Euro bis 2027. Die Europäische Kommission hat aber geschätzt, dass bis 2030 etwa eine Billion Euro für die Energiewende erforderlich sein wird. Da klafft also offensichtlich eine große Finanzierungslücke.

Mit EU-Mitteln ist es ja immer ein bürokratisch-administrativer Kampf: Jeder will mehr Geld, und die jeweiligen Finanzminister wollen nicht mehr geben. Das ist quasi Teil der EU-Folklore.

Aus verschiedenen Gründen würde ich mich nicht zu sehr auf den tatsächlichen Betrag konzentrieren. Eine Erhöhung der EU-Mittel für den Energiewandel an sich ist schon ein sehr großes politisches Signal. Deshalb halte ich beispielsweise den Fonds für eine sozial gerechte Energiewende („Just Energy Transistion Fund“) für ein sehr wichtiges Instrument: Wir sprechen hier von nur vier bis fünf Milliarden Euro, was wirklich nicht viel ist. Aber politisch gesehen ist es ein sehr wichtiges Signal, dass Geld zur Verfügung steht.

Am Ende des Tages geht es also um Peanuts. Aber politisch ist dieser Fonds wichtig; alle Premierminister können nach Hause gehen und behaupten, sie hätten weitere fünf Milliarden Euro bekommen. Und ob dieses Geld dann in der Verwaltung versickert, spielt keine Rolle. Es ist die politische Botschaft, die wichtig ist. Das Signal, dass etwas passiert.

Die Juncker-Kommission hat das verstanden, zum Beispiel als sie die Europäische Batterie-Allianz für Wertschöpfungsketten von Elektrofahrzeugen ins Leben rief. Juncker sagte auch, dass wir nicht über den Energiewandel sprechen können, wenn wir keine Verbindungsleitung zwischen Spanien und Frankreich einrichten. Nun, diese Verbindungsleitung als solche ist gar nicht so wichtig. Aber sie ist politisch wichtig, und die Kommission hat viel Geld in sie investiert. Gleiches gilt für Verbindungsleitungen im baltischen Raum.

Und genau deshalb ist auch der „Just Energy Transition Fund“ wichtig – man braucht einige hochrangige politische Initiativen. Ob diese immer wirtschaftlich sinnvoll sind, kann natürlich debattiert werden.

Die Energiewende ist auch eine soziale Frage

Polnische Experten fordern einen „Fonds für eine gerechte Energiewende“ zur Unterstützung der Kohlearbeiter des Landes.

EU-Strukturmittel können also Einfluss haben. Aber im europäischen Haushalt ist dieses Geld für Länder reserviert, deren BIP unter 60 Prozent des EU-Durchschnitts liegt. Damit könnte ein Land wie Polen bald ausgeschlossen werden. Und andere Staaten wie Deutschland werden ganz sicher nicht davon profitieren, obwohl sie gerade ebenfalls einen wichtigen Energiewandel durchlaufen. Glauben Sie, dass diese Regeln noch Sinn machen?

Wie wir bereits festgestellt haben, geht es insgesamt um riesige Summen, um Billionen von Euro. Und das kann von der Europäischen Union nicht abgedeckt werden. Wenn Sie über begrenzte Mittel verfügen, wie es die EU tut, dann sollten sie sich auf diejenigen konzentrieren, die wirklich bedürftig sind.

Aber ich kann mir ehrlich gesagt auch gar nicht vorstellen, dass relativ reiche Länder wie Deutschland dieses politische Signal brauchen, dass die Europäische Union im Energiewendeprozess etwas für sie tut. Die deutsche Regierung behauptet doch schon seit 10,15 Jahren, dass sie die Klima-Führung übernimmt.

Das Gleiche gilt für Schweden oder Finnland. In diesen Ländern gibt es vielleicht einige wenige strukturschwache Regionen im Norden, die für eine EU-Förderung in Frage kommen. Aber wenn die EU in diesen Ländern Mittel bereitstellt, dann wird es weniger für diejenigen [Staaten und Regionen] geben, die wirklich bedürftig sind.

Für diese reicheren Staaten ist dann wohl das Thema nachhaltige Finanzierung – insbesondere aus dem Privatsektor – wichtiger.

Ganz genau. Ein Großteil der Gelder muss über private Investitionen auf den Kapitalmärkten erzielt werden. Und dafür braucht man das entsprechende Regelwerk. Da kommt dann die Politik wieder ins Spiel. Damit müssen sich alle Länder und Regionen befassen, auch die wohlhabendsten Gegenden in Deutschland.

Viele Industrieregionen werden unter den Verteilungseffekten des Klimawandels leiden. Und viele andere Regionen werden unter klimabedingten Auswirkungen wie Überschwemmungen, Hitzewellen und Dürren leiden. Schauen Sie sich nur den Mittelmeerraum an. Da wird sicherlich finanzielle Unterstützung notwendig werden.

Übrigens müssen die EU-Länder und die Europäische Kommission auch die finanziellen Lasten der Anpassung an den Klimawandel untersuchen, die sich in den kommenden Jahrzehnten häufen werden. Wir haben 2010 eine Studie über die haushaltspolitischen Auswirkungen der Anpassung an den Klimawandel durchgeführt. Und wir haben festgestellt, dass die EU-Mitgliedstaaten keine Reserven für die Klimaanpassung, die 2030 oder 2040 erfolgen muss, aufbauen.

Das ist ein weiterer Bereich, in dem die nächste Kommission meiner Meinung nach etwas tun sollte. Sie könnte die Mitgliedstaaten anspornen, etwas Geld zur Seite zu legen. Alle konzentrieren sich auf Rentenverbindlichkeiten, aber irgendwann werden die EU-Länder plötzlich vor einem weiteren großen Kostenfaktor stehen, auf den sie derzeit nicht vorbereitet sind. Und dann werden sie nach der EU rufen. Gleichzeitig werden die Staaten, die Reserven für den Kampf gegen Klimaeffekte gesammelt haben, fragen, warum sie diejenigen raushauen sollten, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.

Klar ist jedenfalls: Vor allem im Mittelmeerraum und in einigen nördlichen Teilen Europas werden wir mit erheblichen Klimaauswirkungen konfrontiert sein.

Tatsächlich werden aktuell ja neue Regeln für die EU-Strukturfonds diskutiert. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge wollen sowohl der EU-Rat als auch das Parlament Strukturgelder für Gas- oder Atomprojekte streichen, d.h. nur Projekte im Bereich der Elektrifizierung und der erneuerbaren Energien kommen für Förderungen in Frage. Aber: Ist der ausschließliche Fokus auf erneuerbare Energien in einem Land wie Polen, das für seinen Strom immer noch zu 80 Prozent von Kohle abhängig ist, wirklich ausreichend?

Natürlich kann man nicht von jetzt auf gleich komplett auf erneuerbare Energien umstellen. Aber lassen Sie mich mit der Gasfrage beginnen: Wenn es in Europa keinen ernsthaften CO2-Preis gibt, wird der Energiewendeprozess sehr schwierig sein. Da sendet man die falschen Signale. Polen und die anderen EU-Länder wissen, dass, wenn man aus der Kohle aussteigen will, ein Preissignal gegeben werden muss. Sonst kämpft man ständig gegen Windmühlen.

Noch einmal: das europäische Emissionshandelssystem (ETS) kann solche Verteilungseffekte bieten, das ist klar. Sie müssten sich dann eben damit abfinden: Industriezweige, die Kohlenstoff emittieren, müssen dafür bezahlen, während andere es nicht tun. Das wird je nach Energiemix unterschiedliche Auswirkungen auf die Mitgliedsstaaten haben – das ist einfach unvermeidlich.

Wenn man sich nun Polen ansieht, dann hat man dort die Notwendigkeit der Energiewende durchaus anerkannt. [Die Polen] haben ihren Erneuerbare-Energien-Sektor gestärkt. In ihrer neuen Energiestrategie, die Ende letzten Jahres entwickelt wurde, findet sich das komplette Maßnahmenpaket.

Wenn man diesen Übergang erreichen will, muss man alles angehen, auch Erdgas. Die Polen haben mit der optimalen Nutzung der eigenen [erneuerbaren] Energieressourcen wie Biomasse, Wind und Sonne begonnen. Sie investieren viel in Offshore-Wind in der Ostsee, der zukünftig einen Großteil ihrer Energie liefern soll. Es gibt aber auch großes Potenzial im Onshore-Wind.

Das zweite große Thema für Polen ist der Ausbau des Stromnetzes. Und dieses Thema zeigt, wohin die Polen wollen: Die Pläne stimmen sehr gut mit der geplanten Weiterentwicklung von Offshore-Windenergie überein. Sie stehen auch im Einklang mit ihrer industriellen Strategie der Elektrifizierung, um der hohen Luftverschmutzung in Städten wie Warschau zu begegnen.

Und ja, es gibt auch noch immer eine Rolle für die traditionellen fossilen Brennstoffe während dieses Übergangs. Aber die Diversifizierung der Öl- und Gasnetzwerke ist die dritte Priorität. Die Kernenergie ist in dieser Hinsicht auch eine der Ideen, die Polen zu fördern versucht.

In gewisser Weise unterscheidet sich die polnische Strategie nicht von der deutschen, schwedischen oder britischen Strategie, wobei die Prioritäten natürlich unterschiedlich sind.

Denn: Überall gibt es einen Ausbau und eine Stärkung des Stromnetzes. Niemand würde bestreiten, dass wir auf eine Elektrifizierungsrate von 60, vielleicht 70 Prozent im Jahr 2050 zusteuern. Das ist eine Win-Win-Option oder zumindest eine Entwicklung, bei der es keine Nachteile geben wird. Und der starke Fokus auf Offshore-Wind ist wahrscheinlich ebenso eine nachteillose Option.

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Hat die EU also Recht, wenn sie vor allem auf erneuerbare Energie und Elektrifizierung setzt und dabei Gas als Übergangstechnologie möglichst „überspringt“?

Sagen wir es so: Warum sollte man heute Infrastrukturinvestitionen unterstützen, die erst 2025 Realität werden, wenn man nur noch maximal fünf bis zehn Jahre vom Gas-Peak entfernt ist? Ist das wirklich eine gute, clevere Art, Geld auszugeben? Die Mitgliedstaaten mögen da zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen, aber ich würde sagen, dass die Stärkung des Stromnetzes, der Bau von Offshore- und Onshore-Windenergieanlagen, Solar- und sogar Atomkraft, wenn dies aus wirtschaftlicher Sicht akzeptabel ist, sicherlich nachteillose Optionen sind.

Um eine Elektrifizierungsrate von 60 Prozent zu erreichen, benötigen Sie etwa vier Prozent jährliches Wachstum in der Stromerzeugung. Und wie auch immer man dies erreichen will: Sie können ziemlich sicher sein, dass dies auch im Jahr 2050 noch nützlich sein wird. Wenn Sie aber in Gas investieren, müssen Sie sich fragen, ob dies 2050 noch in irgendeiner Form wertbringend ist.

Da müssen die Mitgliedstaaten sich Gedanken machen und entsprechend entscheiden.

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