Experte: CO2-Preis in der EU dürfte sich bis 2030 auf 90 Euro erhöhen

"Was diese hohen Strom- und Kohlenstoffpreise doch schlussendlich zeigen, ist, dass wir mehr Investitionen in erneuerbare Energien brauchen." [dragancfm / Shutterstock]

Hohe Gaspreise in Kombination mit der jüngsten Entscheidung, die EU-Klimaziele für 2030 anzuheben, könnten sich zu einem „Sturm“ im CO2-Emissionshandel entwickeln, so ein Marktanalyst. Er erwartet einen CO2-Emissionspreis von 90 Euro pro Tonne bis zum Ende des Jahrzehnts.

Florian Rothenberg ist Analyst für die Themen EU-Energie- und Kohlenstoffmärkte bei ICIS, einem unabhängigen Preis-Informationsdienstleister für den Handel mit Chemieprodukten, Energie und Rohstoffen.

Rothenberg sprach mit Frédéric Simon von EURACTIV.com

Herr Rothenberg, der CO2-Preis im europäischen Emissionshandelssystem ETS erreichte in diesem Jahr zum ersten Mal 50 Euro pro Tonne und kam Anfang Juli sogar nahe an die Marke von 60 Euro heran. Was hat Ihrer Meinung nach diese Entwicklung verursacht? Ist es die jüngste Reform des ETS, die 2018 beschlossen wurde, oder wurde sie durch Spekulationen über die anstehenden Reformen und eine strengere CO2-Emissionsobergrenze für 2030 angeheizt?

Es ist eine Kombination aus mehreren Faktoren. Tatsächlich gab es eine größere Reform des ETS im Jahr 2018, bei der die Marktstabilitätsreserve (MSR) eingeführt wurde. Davor bewegten sich die CO2-Preise um die fünf Euro pro Tonne – und der Glaube an die Entschlossenheit der EU, den CO2-Markt ernsthaft voranzutreiben, war ziemlich gering.

Mit der Reform von 2018 wurde das bisherige Überangebot an Zertifikaten auf dem Markt reduziert. Unsere Erwartung ist schon seit Längerem, dass in den Jahren 2021, 2022 und 2023 das Angebot an Kohlenstoffzertifikaten extrem knapp werden dürfte, weil im Rahmen der MSR in diesem Zeitraum jährlich etwa 300 Millionen Zertifikate abgezogen werden. Das Auktionsangebot, das auf den Markt kommt, reicht eigentlich nicht aus, um die Nachfrage beispielsweise der Stromerzeuger zu decken. So wird das vorherige Überangebot aus dem Markt verdrängt.

Während die Preissteigerung also unserer Erwartung entspricht, haben wir nicht erwartet, dass sie so schnell ein solches Niveau erreichen würde. Unserer Meinung nach waren daher also auch andere wichtige Faktoren im Spiel. Einer davon war sicherlich, dass die Europäische Kommission ihre Ambition bekräftigte, in der Klimapolitik Kurs zu halten und die Emissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent zu reduzieren – selbst nachdem die COVID-Pandemie die europäische Wirtschat getroffen hatte.

Vor der Pandemie sprach die Kommission von einem Ziel von 50 bis 55 Prozent; jetzt heißt es „mindestens 55 Prozent“. Das war ein wichtiger Faktor in den vergangenen sechs bis zwölf Monaten, der wieder neue Akteure auf den Markt gebracht hat.

Hinzu kommt, dass wir uns immer noch in einem Markt befinden, der hauptsächlich von Stromerzeugern bestimmt wird. Gerade die hohen Gaspreise waren in den letzten sechs Monaten als Treiber für den CO2-Preis sehr relevant.

Während die Gaspreise 2019 und 2020 recht niedrig waren, gab es in letzter Zeit ein hohes Maß an Wechsel, wobei viel Gas die Kohleverstromung ersetzt hat. In diesem Jahr war der Winter darüber hinaus extrem lang; die Gasspeicher in ganz Europa sind relativ wenig gefüllt und infolgedessen entstehen teils extrem hohe Gaspreise. Das wiederum hat im Grunde einen erneuten Wechsel zurück zur Kohleverstromung ausgelöst – was bedeutet, dass die Stromerzeuger wieder Verschmutzungszertifikate zukaufen mussten, um die Emissionen ihrer Kohlekraftwerke abzudecken.

Wir haben also auf der einen Seite dieses langfristige Element, nämlich die Aussicht auf einen wirklich knappen Verschmutzungszertifikate-Markt bis 2030. Dann haben wir auf der anderen Seite die allgemeine Anspannung auf dem Markt, ausgelöst durch die Marktstabilitätsreserve. Und dann das letzte Element, das eher kurzfristig ist: der Gasmarkt. Dadurch entwickelt sich so etwas wie ein „perfekter Sturm“ mit recht hohen Preisen.

LEAK: Der EU-Vorschlag für eine Reform des CO2-Emissionshandels

Laut einem Entwurf will die EU-Kommission die Obergrenze für CO2-Emissionen aus der Industrie verschärfen sowie den Emissionshandel auf Schifffahrt, Straßenverkehr und Heizstoffe ausweiten.

Welche Absicherungsstrategien haben die Marktteilnehmer ergriffen, um mit den höheren CO2-Emissionspreisen im ETS umzugehen? Glauben Sie, dass einige Marktteilnehmer ihre Emissionszertifikate in Erwartung eines noch angespannteren Marktes in den kommenden Jahren „horten“ könnten?

Wir haben beobachtet, dass einige große Stromerzeuger bereits 2018 damit begonnen haben, Rücklagen zu bilden. Zum Beispiel hat RWE angekündigt, man sei bis 2030 finanziell abgesichert, um seine Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke gegen jegliche Schwankung der CO2-Preise abzusichern. Mit anderen Worten: RWE hält eine Art Zertifikat-Reserve als finanzielle Absicherung gegen steigende Kohlenstoffpreise in den kommenden Jahren.

Das haben wir auch bei anderen Stromerzeugern erlebt – sie sind schon ziemlich lange im Markt aktiv und verstehen recht gut, wie das System funktioniert.

Interessant ist, dass die Unternehmen sich nicht nur absichern, sondern auch aktiv am Markt agieren, wenn es um den Handel geht. Wir haben zum Beispiel ein großes Interesse im Jahr 2019 gesehen, als die EU deutlich gemacht hat, dass sie sich darauf vorbereitet, ihr Treibhausgas-Reduktionsziel zu erhöhen. Weil diese Akteure langfristig planen, wussten sie schon, was auf sie zukommt, und bauten in Vorbereitung darauf teils erhebliche Bestände auf.

Alles in allem unterstützt das den Markt, einen Preis zu finden, der Europa wiederum hilft, bis 2030 weiter zu dekarbonisieren. Die Europäische Kommission geht davon aus, dass der Preis für CO2 im Jahr 2030 bei etwa 85 Euro pro Tonne liegen könnte; einige Studien erwarten sogar 120 Euro. Wir würden argumentieren, dass er wahrscheinlich irgendwo dazwischen liegen wird, wobei unsere erste Modellierung auf eine Spanne von etwas über 85 Euro pro Tonne CO2 im Jahr 2030 hindeutet.

Nochmals zurück zum „Horten“ von Verschmutzungszertifikaten seitens der Konzerne: Hat dies zu einer Verknappung von Zertifikaten beigetragen, die dann wiederum die Preise in die Höhe treibt?

Auch hier gibt es zwei Elemente. Horten kann natürlich ein Problem sein, wenn es die Macht in den Händen eines einzelnen Akteurs konzentriert. Aber was wir tatsächlich beobachten, ist, dass es ziemlich viele Player gibt, die auf dem Markt aktiv sind. Und wenn alle diese Player lediglich ein bisschen horten, dann gleicht sich das am Ende aus.

Spekulanten kaufen derweil Zertifikate, weil sie glauben, dass sie gegenüber der Zukunft unterbewertet sind. Auch dabei beobachten wir eine wachsende Zahl von Playern auf dem Markt. Wenn der Preis jetzt steigt, bedeutet das auch, dass sie ihre Zertifikate verkaufen könnten – da sie die Möglichkeit sehen, jetzt Gewinn zu machen, wenn die Preise schnell steigen.

Gibt es genug Liquidität auf dem Markt?

Ja. Der Vorschlag der EU-Kommission erlaubt eine Liquidität von rund 833 Millionen Zertifikaten im Markt. Der Rest wird schrittweise in die Marktstabilitätsreserve eingelegt.

Das bedeutet, dass selbst in einem kalten Winter immer genügend Zertifikate vorhanden sind, um den Markt auszugleichen und den Marktteilnehmern die Möglichkeit zu geben, ihre Preis-Risiken abzusichern. In der Vergangenheit haben wir das vor allem bei den Stromerzeugern beobachten können. Deren Absicherungsbestände werden aber eher abnehmen, da der Sektor recht schnell dekarbonisiert. Selbst wenn die (Schwer-) Industrie also anfängt, sich aktiver abzusichern, sollte ausreichend Liquidität und Angebot vorhanden sein.

Im ETS in seiner bisherigen Form gab es ein Überangebot an Zertifikaten, wodurch die Preise jahrelang bei unter zehn Euro lagen. Jetzt, da weitere Branchen wie die See- und Luftfahrt hinzukommen, sind einige besorgt über eine möglicherweise sehr schnelle Verknappung von Zertifikaten. Sehen Sie auch das Risiko einer solchen Verknappung?

Korrekt, der Seeverkehr ist ein sicher ein wichtiger Aspekt: Er wird direkt zum aktuellen ETS hinzugefügt, und das wird die anderen Sektoren definitiv stärker belasten. Die Schifffahrt hat hohe Vermeidungskosten; schließlich sind die Technologien dort nicht so ausgereift wie im Stromsektor, wo Photovoltaik und Wind inzwischen wirklich superbillig geworden sind und eine großartige Quelle für Kosten-Vermeidungsmaßnahmen darstellen.

Besteht nun also die Gefahr, dass der Markt wegen der Schifffahrt zu dicht und angespannt wird? Ich glaube nicht, dass dies der Fall sein wird; das Preissignal wird dafür sorgen, dass der Markt nicht zu eng wird.

Und: Sollte der Preis zu schnell nach oben eskalieren, gibt es immer noch Sicherheitsmechanismen. Wenn zum Beispiel die Zahl der im Umlauf befindlichen Zertifikate unter 400 Millionen fällt, wird über die Marktstabilitätsreserve, die 100 Millionen Zertifikate freigeben kann, wieder Nachschub auf den Markt gebracht. Dies geschieht beispielsweise auch, wenn die Preise in kurzer Zeit zu schnell steigen.

Dies ist ein Thema, das im Vorschlag noch gar nicht so viel Aufmerksamkeit erregt hat. Allerdings haben einige Mitgliedsstaaten wie Polen und Spanien bereits ihre Bedenken geäußert. Es ist also denkbar, dass es bald neue Vorschläge geben wird, diese Mechanismen weiter zu stärken.

Gebäude und Straßenverkehr sollen Teil des neuen Emissionshandelssystems werden

Das wohl im Juni kommende Energie- und Klimagesetzespaket der Europäischen Kommission wird „die Ausweitung des Emissionshandelssystems auf Sektoren wie Gebäude und Straßenverkehr vorschlagen“, so eine Kommissarin.

Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach die Einbeziehung des Straßenverkehrs und von Gebäuden in ein neues, separates Emissionshandelssystem auf den CO2-Preis auswirken?

Da es sich dabei um ein separates System handelt, erwarten wir keine direkte Auswirkung auf den EU-ETS-Preis. Es gibt keine gegenseitige Gültigkeit der Emissionsrechte.

Wir haben jedoch analysiert, dass die Vermeidungskosten in diesen Sektoren im Moment deutlich höher sind, in einigen Ländern sogar über 200 Euro pro Tonne. Das hat oft damit zu tun, dass in vielen Ländern Verbraucherstrom viel teurer ist als Gas oder Öl für Heizung und Transport.

Allerdings werden diese hohen Vermeidungskosten in Zukunft sinken. Und im Vorschlag der Kommission wird die schrittweise Einführung des Systems auch erst ab 2026 vorgesehen. Bis dahin werden Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen wahrscheinlich schon viel billiger sein.

Ich denke also, es deutet viel darauf hin, dass die Preise im separaten ETS im Jahr 2026 nicht bei 200 Euro liegen werden.

Heißt das, nach 2026 wären Preise von 200 Euro denkbar?

Wie gesagt: Im Jahr 2026 wohl noch nicht. Basierend auf den aktuellen Vermeidungskosten haben wir jedoch analysiert, dass der Preis bis 2030 wahrscheinlich bei 200-250 Euro pro Tonne liegen müsste, um eine echte Dekarbonisierung in diesen Sektoren auszulösen.

Aber da das System etwas später startet, ergibt sich Zeit, um die Infrastruktur für Elektromobilität und für die Renovierung von Gebäuden aufzubauen. Es besteht also die Chance, dass der Preis im Jahr 2026 nicht so hoch sein wird.

Gleichzeitig wird es ein Frontloading der Auktionen geben, so dass wir nicht sofort einen extrem knappen Markt erwarten. Wahrscheinlich wird es am Anfang ein gewisses Überangebot geben, damit die Marktteilnehmer einen Preis bilden können, der dann längerfristig die notwendige Minderung auslöst.

Sprechen wir nochmals über den eigentlichen EU-ETS: In ihrem Reformplan teilte die Europäische Kommission mit, dass sie bis 2030 einen Kohlenstoffpreis von etwa 85 Euro pro Tonne erwartet, während andere – wie bereits von Ihnen gesagt – von einem Preis von 100 Euro oder mehr ausgehen. Das ist ein grundlegender Unterschied zum aktuellen Preis, der erst vor kurzem auf über 50 Euro gestiegen ist. Wie würde sich ein CO2-Preis von, sagen wir, 100 Euro auf die Wirtschaft der EU auswirken?

Ich denke, ich muss zuerst klarstellen, dass ICIS nicht davon ausgeht, dass der Preis schon in diesem oder im kommenden Jahr 100 Euro erreichen wird.

Die Industrie erhält in diesem Jahr noch recht viele kostenlose Zuteilungen. Natürlich ist es für den Energiesektor etwas schwieriger, durch einen Wechsel der Brennstoffe in diesem Jahr Emissionen einzusparen, aber insgesamt haben wir immer noch ein Überangebot auf dem Markt.

Wir müssen auch das politische Risiko sehen, wenn die Preise schon in diesem Jahr tatsächlich 90-100 Euro erreichen sollten. Wenn die Preise noch weiter eskalieren, wird es sicherlich Vorschläge von Abgeordneten geben, die Spekulation zu begrenzen. Und der Markt reagiert in der Regel recht schnell auf diese Art von Vorschlägen.

Was wir also letztendlich erwarten, ist ein gleichmäßigerer Preisanstieg über die Jahre – natürlich mit einigen Schwankungen – bis hin zu 90 Euro gegen 2030.

Dennoch: Was wären Ihrer Einschätzung nach die allgemeinen wirtschaftlichen Auswirkungen, wenn der Preis – dann am Ende des Jahrzehnts – tatsächlich 100 Euro pro Tonne beträgt? Wird dies eine echte Forcierung der Energiewende im Stromsektor auslösen?

Ja, wir erwarten eine Beschleunigung. Wir haben bereits beobachtet, dass die erneuerbaren Energien dank des CO2-Preises und der Stromabnahmeverträge der Unternehmen deutlich an Fahrt aufgenommen haben. Wenn man sich die Strompreise für das kommende Jahr anschaut, sieht man, dass die Preise zum Beispiel in Deutschland in Richtung 90 Euro pro Megawattstunde gehen. Gleichzeitig liegen die nivellierten Stromkosten für Photovoltaik bei etwa 40-45 Euro.

Ich denke also, dass die erneuerbaren Energien in den kommenden Jahren für Investoren wirklich profitabel sein werden. Und ich erwarte, dass dies in den kommenden Jahren erst richtig losgehen wird – vor allem angesichts der hohen Strompreise, die wir im Moment haben.

Natürlich werden die Strompreise ein wenig sinken, wenn die Gaspreise zurückgehen. Aber was diese hohen Strom- und Kohlenstoffpreise doch schlussendlich zeigen, ist, dass wir mehr Investitionen in erneuerbare Energien brauchen. Natürlich dauert es immer eine Weile, bis die Dinge wirklich in Gang kommen. Aber im Energiesektor sollte all dies tatsächlich eine regelrechte Welle von Investitionen in erneuerbare Anlagen auslösen. Und ich denke, dass die aktualisierte Erneuerbare-Energien-Richtlinie ebenfalls dazu beitragen wird, diese Entwicklung noch ein wenig mehr zu steuern.

Außerdem: Vielerorts werden überhaupt keine Subventionen mehr benötigt, so dass die Investitionen künftig ausschließlich durch den CO2-Preis und den Marktpreis für Strom getrieben werden dürften.

Wie sieht es bei den energieintensiven Industrien aus: Stahl, Zement, Chemikalien usw.?

Für die Industrie wird es schwieriger, denke ich. Sie braucht mehr Zeit zum Reagieren und Umstellen als der Energiesektor, weil sie im Emissionshandel weniger aktiv ist und dank der kostenlosen Zertifikate, die sie weiterhin erhält, für ein paar weitere Jahre noch mehr Spiel hat. Vor allem kleinere Akteure sind seit langem nicht mehr wirklich aktiv im ETS, sie kaufen oft nur in letzter Minute Zertifikate, vor den Einhaltungsfristen.

Das wird in den kommenden Jahren so aber nicht mehr funktionieren: Sie werden ihre Kaufstrategie ändern müssen, besonders wenn die Zahl der kostenlosen Zertifikate zurückgeht. Gleichzeitig müssen sie auch langsam anfangen, über entsprechende Minderungsoptionen für ihre jeweiligen Anlagen nachzudenken.

Man kann aber sehen, dass auch sie beginnen, sich vorzubereiten. Hier und da kann man erste große Projekte für grünen Wasserstoff-Stahl zu beobachten. Das sind im Moment nur einige kleinere Beispiele, aber wir erwarten, dass wir in den nächsten Jahren eine wachsende Zahl solcher Projekte erleben werden. Und: Wenn das in den kommenden Jahren nicht passiert, ist zu erwarten, dass der Kohlenstoffpreis weiter steigt, bis dies eben passiert.

In Bezug auf die Vermeidungskosten sehen wir, dass einige dieser Projekte bereits bei einem CO2-Preis von 50-60 Euro rentabel werden.

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Einige EU-Länder stehen bei der Dekarbonisierung vor größeren Herausforderungen als andere – vor allem Polen, das immer noch fast 80 Prozent seines Stroms aus Kohle bezieht. Wird ein höherer CO2-Preis helfen, diese Diskrepanz mittelfristig zu beseitigen, oder glauben Sie, dass er die Unterschiede zwischen den Ländern noch größer machen wird?

Auf der einen Seite sehen wir eine zunehmende Konvergenz der Strompreise in Europa, was gut ist: Alle zahlen langfristig das Gleiche.

Wie Sie sagten, gibt es andererseits aber Länder wie Polen, die stark von Kohle abhängig sind. Sie werden kurz- bis mittelfristig durchschnittlich höhere Strompreise haben als Länder wie Frankreich, die bereits ein extrem CO2-armes Stromsystem haben.

Deshalb wird das ETS auch eine Lösung bieten müssen, wohin die Einnahmen gehen. Polen zum Beispiel hat schon vor einigen Monaten deutlich gemacht, dass es mehr Einnahmen aus dem ETS erhalten möchte, um so den Umbau seines Energiesystems zu fördern. Von einem größeren EU-Modernisierungsfonds im Rahmen des reformierten ETS würde Polen direkt profitieren.

Ich denke, das wird ein sehr wichtiger Punkt in der Debatte sein. Wenn die von fossilen Brennstoffen abhängigen Mitgliedsstaaten genügend Einnahmen aus dem ETS erhalten, werden sie auch in der Lage sein, die notwendigen Investitionen zu tätigen und endlich diese Lücke zu schließen.

Kann der EU-Modernisierungsfonds denn jemals groß genug sein, um die Wünsche und Anforderungen Polens zu befriedigen?

Einige Länder sind bereits ziemlich dekarbonisiert; und ja, sie werden auf einen Teil ihrer Einnahmen aus den ETS-Auktionen verzichten müssen, wenn sie wollen, dass andere Länder mit an Bord kommen. Das ist der Kompromiss. Es ist ein europäisches System, und man muss entscheiden, welches Land wie viel aus dem Topf bekommt. Dies muss aber auf faire Weise geschehen.

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Energieintensive Industrien wie Stahl und Zement beschweren sich allerdings bereits darüber, dass das ETS die Strompreise in die Höhe treiben und ihre Wettbewerbsfähigkeit untergraben könnte. Wären höhere CO2-Preise im Rahmen des ETS schlimmstenfalls der Todesstoß für diese Industrien?

Ich denke, um dieses Problem anzugehen ist ein wirksamer Schutz gegen Carbon Leakage wirklich wichtig. Wie gesagt haben diese Industrien bisher viele kostenlose Zertifikate im ETS erhalten, um ihre Bedenken bezüglich der Wettbewerbsfähigkeit zu lindern. Bald werden einige von ihnen über die geplante CO2-Grenzabgabe abgesichert.

Der politische Prozess, um dies durchzubringen, wird sicherlich sehr schwer sein, denn die Kommission sieht sich internem Druck der Industrie und externem Druck von potenziell betroffenen Drittstaaten ausgesetzt, die ja bereits zahlreiche Bedenken geäußert haben.

Es wird insgesamt eine große Herausforderung sein, aber ich denke, die Industrie will generell einen CO2-Grenzausgleich und gleichzeitig weitere kostenlose Zertifikate. Der Vorschlag der Kommission ist daher ein Kompromiss mit einem schrittweisen Ausstieg aus der kostenlosen Zertifikat-Zuteilung. Dies wäre ihrer Ansicht nach dann auch mit den WTO-Regeln vereinbar. So können sich die betroffenen Unternehmen schrittweise an die finanzielle Belastung anpassen – und Unternehmen, die bereits CO2-armen Stahl produzieren, werden davon profitieren.

In jedem Fall muss [die CO2-Grenzabgabe] ein sorgfältig konzipiertes Instrument sein, damit es keine Mitnahmeeffekte gibt und die kostenfreien Zuteilungen nur an Unternehmen verteilt werden, die tatsächlich dem Risiko von Carbon Leakage ausgesetzt sind.

Einige Industrievertreter haben darauf hingewiesen, dass für europäische Hersteller der EU-Kohlenstoffpreis für 100 Prozent ihrer Produktion gilt, während ausländische Hersteller „nur“ die CO2-Grenzabgabe für den Teil ihrer Produktion zahlen müssen, der auch tatsächlich in die EU exportiert wird. Nach dieser Logik hätten die EU-Unternehmen nach wie vor einen komparativen Nachteil…

Ja, und das ist auch ein durchaus schlüssiges Argument, das man betonen sollte.

Allerdings gibt es Möglichkeiten, dieses Problem zu lösen, zum Beispiel durch die Berechnung einer „durchschnittlichen Kohlenstoffintensität“ für die gesamte Produktion des ausländischen Unternehmens. Dies ist etwas, das wahrscheinlich in der Debatte auftauchen wird, wenn die Grenzabgabe im Gesetzgebungsverfahren diskutiert wird. Da wird eine Lösung gefunden werden müssen.

Eine ähnliche Debatte gibt es über mögliche Exportrabatte, die ebenfalls von energieintensiven Industrien gefordert werden.

Die CO2-Grenzabgabe ist aber ein separates Dossier. Schlussendlich wird es einige Zeit dauern, bis sie tatsächlich umgesetzt wird – und in der Zwischenzeit kann sich vieles ändern.

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