Erneuerbare Energie in Marokko: „Wir werden die Ziele nicht nur erfüllen, sondern übertreffen“

Der Solarthermiekomplex Noor Ouarzazate im Atlasgebirge ist das Herzstück der marokkanischen Initiative für erneuerbare Energien.

Der Solarthermiekomplex Noor Ouarzazate im Atlasgebirge ist das Herzstück der marokkanischen Initiative für erneuerbare Energien: Er produziert mehr als 580 MW Strom pro Jahr. Mustafa Bakhouri erläutert im Interview die weiteren Energiepläne des Landes, insbesondere das Programm für den Ausbau erneuerbarer Energien sowie verbesserter Verbindungen nach Europa.

Mustafa Bakhouri ist der Vorsitzende der Marokkanischen Agentur für Nachhaltige Energie (MASEN). Er sprach mit Benjamin Fox von EURACTIV.com.

Die Regierung Marokkos hat sich ambitionierte Energieziele gesetzt: Der Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamt-Strommix soll bis Ende 2020 auf 42 Prozent und bis 2030 auf 52 Prozent steigen. Sind diese Ziele wirklich erreichbar?

Diese Ziele sind nicht nur erreichbar; wir haben auch den Anspruch, über die bisher für 2030 festgelegten Werte hinauszugehen. Derzeit liegt die Produktion aus erneuerbaren Energien bei über 35 Prozent, und der zusätzliche Kapazitätsausbau befindet sich in sehr fortgeschrittenen Entwicklungsstadien – darunter der Noor Midelt Solar-Komplex sowie die Windparks Koudia Al Baida und Taza – oder aktuell noch im Bau, wie der Windpark Midelt.

Wie viel weiter kann der Ouarzazate-Komplex denn noch wachsen? Und wie entwickelt sich der Rest des marokkanischen Systems für erneuerbare Energien?

Die Region Ouarzazate hat selbstverständlich das Potenzial, noch mehr Solarkapazitäten zu beherbergen – vorbehaltlich zusätzlicher Netzinvestitionen.

[Die Agentur] Masen hat den Auftrag, das Ökosystem für erneuerbare Energien zu entwickeln und sozioökonomische Entwicklungsmöglichkeiten in den verschiedenen Regionen des Landes zu schaffen. In diesem Zusammenhang hat Masen neben dem Ouarzazat-Komplex auch Projekte im Süden Marokkos, in den Regionen Laayoune und Boujdour, im Norden bei Koudia Al Baida und Taza sowie die jüngste Entwicklung der Region Midelt vorangetrieben.

Zusätzliche Solar- und Windprojekte werden in Kürze in weiteren Gebieten des Landes gestartet, um lokale Arbeitsplätze und wirtschaftliche Aktivitäten zu schaffen, die direkt oder indirekt mit den Kraftwerken zusammenhängen.

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Es soll künftig auch Partnerschaften für erneuerbare Energie mit Subsahara-Afrika geben. Können Sie uns sagen, wie es diesbezüglich vorangeht, und mit welchen Ländern Marokko in Kontakt steht?

Masen hat sich verpflichtet, seine Erfahrungen bei der Entwicklung von Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien zu teilen. Das oberste Ziel ist es, den Einsatz erneuerbarer Energien auf dem afrikanischen Kontinent zu fördern. In diesem Zusammenhang wurden ein Dutzend Kooperationsabkommen mit afrikanischen Ländern südlich der Sahara unterzeichnet, darunter Senegal, Mali, Burkina Faso, Nigeria, Dschibuti, Sambia, Tansania, Äthiopien und Ruanda.

Die Tätigkeit von Masen umfasst einen großen Bereich von Aktivitäten, die von der technischen Unterstützung in Ländern wie Ruanda bis hin zur Projektentwicklung in Sambia, Nigeria oder Dschibuti reichen. In den letztgenannten Staaten entwickeln wir gemeinsam mit lokalen Versorgungsunternehmen Programme für erneuerbare Energien.

Darüber hinaus arbeitet Masen mit internationalen Institutionen wie der Afrikanischen Entwicklungsbank und der Islamischen Entwicklungsbank zusammen, um eine Reihe von Initiativen im Bereich erneuerbare Energie in Afrika zu unterstützen.

Gibt es auch Pläne, um die Netzverbindungen zwischen Marokko und Europa zu verbessern? Beispielsweise haben Ihre Regierung und Portugal im November letzten Jahres angekündigt, es werde eine Ausschreibung für ein 250 Kilometer langes Unterwasserkabel, das die beiden Länder verbindet, im Wert von 686 Millionen Dollar geben. Wie sind diese und andere Initiativen vorangekommen?

Die Verbesserung der Netzverbindungen zwischen Marokko und Europa via Spanien und Portugal ist einer der wichtigsten Aspekte, an denen beide Seiten in den nächsten Jahren arbeiten müssen. Schließlich bilden wir beim Energieaustausch zwischen Europa und Afrika eine wichtige Brücke.

Tatsächlich wird die Erhöhung der geteilten Strommengen auf beiden Kontinenten zum Teil von diesem Faktor abhängen. In einem direkt damit zusammenhängenden Bereich ist anzumerken, dass Marokko, Frankreich, Deutschland, Spanien, Portugal und die EU vor einigen Jahren gemeinsam die SET-Roadmap-Initiative gestartet haben, die darauf abzielt, in einem ersten Schritt die Entwicklung von länderübergreifenden Stromabnahmevereinbarungen (PPAs) zu erleichtern.

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Eines der größten Probleme, mit denen eine solche „Revolution der nachhaltigen Energieversorgung“ konfrontiert ist, ist nahezu immer der Zugang zu Finanzmitteln. Die EU und die Europäische Investitionsbank sowie die deutschen und französischen Entwicklungsagenturen KfW und AFD waren bereits wichtige Geldgeber für die Projekte in Ouarzazate. Gibt es noch weitere internationale Bestrebungen, in Ouarzazate zu investieren?

Tatsächlich gibt es immer ein großes Interesse an der Finanzierung von Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien in Marokko. Die von Ihnen genannten Institutionen, aber auch die Weltbank und die Afrikanische Entwicklungsbank, finanzieren beispielsweise Projekte in Midelt in der ersten Phase, die aus Solar- und Speicherkraftwerken bestehen.

Masens Ziel für die nächsten Jahre ist es aber vor allem, zusätzliche Mittel aus dem Privatsektor zu mobilisieren, bei Bedarf mit Unterstützung der öffentlichen Geldgeber. Wir sind der Meinung, dass der marokkanische Erneuerbare-Energien-Markt für private Geldgeber überaus attraktiv ist.

Wie sollten Marokko und die EU ihre Energiekooperation, insbesondere hinsichtlich der Erneuerbaren, entwickeln?

Die EU-Kommission war eine der ersten Institutionen, die die Initiativen für erneuerbare Energien in Marokko und insbesondere die Projekte von Masen unterstützte. Dies geschah vor allen mit Hilfe von NIF-Mitteln [NIF = Die sogenannte Nachbarschafts-Investitionsfazilität der EU]. Tatsächlich war die Unterstützung der Kommission bei der Umsetzung sowohl des Ouarzazate- als auch des Midelt-Komplexes von entscheidender Bedeutung.

Ich denke, die Zusammenarbeit zwischen Masen und der EU kann in Zukunft mehrere Formen annehmen, beispielsweise eine Fortsetzung der Zusammenarbeit bei der Umsetzung der Erneuerbare-Energie-Ziele in Marokko, insbesondere durch Unterstützung neuer Technologien wie gewisse Speichertechnologien, Waste to Power, Power to X und Interkonnektoren/Energieverbindungen.

Ebenfalls wichtig wäre die Förderung des Austauschs von Strom aus erneuerbaren Energien zwischen dem Süden und dem Norden, insbesondere durch die Beschleunigung der SET-Roadmap-Initiative. Darüber hinaus wäre eine stärkere Bündelung der Kräfte beim Einsatz von Projekten für erneuerbare Energien in afrikanischen Ländern südlich der Sahara wünschenswert. Letztere könnte man im Rahmen von trilateralen Kooperationsmaßnahmen [zwischen der EU, Marokko und dem entsprechenden Subsahara-Land] durchführen.

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]

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