Bulgarischer Ex-Umweltminister: Gas hat in Europa eine ungewisse Zukunft

Julian Popov

Die Gasnachfrage in Europa wird wahrscheinlich weiter zurückgehen. Zusätzliche Infrastruktur für Gasimporte ist so umkämpft und politisiert, weil es einfach kaum noch Bedarf gebe, betont Julian Popov in einem Exklusivinterview mit EURACTIV.

Julian Popov ist Mitglied der European Climate Foundation (ECF), Vorsitzender des Building Performance Institute Europe und ehemaliger bulgarischer Minister für Umwelt und Wasser. Er befindet sich unter den 40 einflussreichsten Politikexperten in Sachen EU-Energieunion, wie EurActory40 enthüllte. EurActory40 ist ein neuer, kostenloser Service, der im Rahmen des EU-Gemeinschaftsprojekts entwickelt wurde. Er untersucht die wachsenden Datenmengen zu Menschen, die in die politische Entscheidungsfindung auf EU-Ebene eingebunden sind.

Die EU hat sich früher selbst als Vorreiter in den Bereichen Klima- und Energiepolitik sowie Innovation bezeichnet. Ist sie das noch immer?

Zum Großteil ja. Die EU hat den internationalen Klimaschutz und die globale Energiewende in den letzten 20 Jahren angetrieben. Sie hatte auch einen guten Vorsprung aufgrund der Reaktion einiger europäischer Länder auf das Ölembargo von 1973. Dänemark zum Beispiel hat daraufhin eine Reihe solider Maßnahmen zur Förderung von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien eingeführt. Das ist die Geburtsstunde der neuen Windkraftindustrie gewesen. Europa als Vorreiter bekommt jetzt jedoch Konkurrenz. China und die USA entwickeln massive Märkte für erneuerbare Energien. Auch bei CO2-armen Innovationen machen sie Fortschritte. Ein sehr aussagekräftiges Beispiel für die Schwachstellen in Europa ist die Reaktion der Union auf die Forderung nach verminderten Transportabgasen gewesen. Japan hat den Prius entwickelt, die USA Tesla und Europa ein Gerät zur Manipulation der Abgaswerte für Dieselfahrzeuge. Europa braucht kühne Innovationen und unternehmerische Entwicklung, um weiterhin Nummer Eins im Wettlauf um CO2-arme Technologien zu bleiben.

Die Zeit der Selbstbeweihräucherung ist also vorbei?

Selbstbeweihräucherung ist veraltet und gefährlich. Die Klimaschutzmaßnahmen hängen sehr eng mit Innovation und Wettbewerb zusammen. Meistens achten wir jedoch eher auf ältere Industriezweige, die ihren Stand verlieren könnten aufgrund der neuen Emissionsvorschriften (Stichwort „carbon Leckage“). Dabei vernachlässigen wir häufig die neuen CO2-ärmeren Branchen und Technologien. Wir sollten von unserem hohen Ross runterkommen und in einen kämpferischen Wettbewerbsmodus wechseln, nicht in einen protektionistischen. Wir wissen, dass die Kohle ausstirbt. Diesen Prozess müssen wir beschleunigen und friedlicher gestalten. Wir wissen, dass auflandiger Wind heute die billigste Art der Energieerzeugung ist – verglichen mit anderen neuen Anlagen. Wir müssen sie verbreiten. In vielen Fällen ist Solarenergie kostengünstiger als konventionelle Energieträger. Unsere Aufgabe ist es, die Installationskosten zu senken. Anstatt also weiterhin traditionelle Energiequellen zu unterstützen, sollten wir unsere Gelder in die Erforschung und Entwicklung sauberer Energien leiten. So wäre Europa seiner Zeit auch weiterhin voraus in den Bereichen Wirtschaft und Innovation.

Die EU möchte eine Energieunion schaffen. Wo liegen die Herausforderungen?

Die Energieunion hat zwei Seiten, wie auch unser Gehirn. Die eine beschäftigt sich mit der Neuordnung und Aktualisierung bestehender energiepolitischer EU-Maßnahmen. Die andere bezieht sich auf einen eher unbekannten politischen Prozess, der sich noch in der Entwicklungsphase befindet. Dieser erstreckt sich über die 28 Mitgliedsstaaten hinaus und widmet sich der neuen Energiesicherheitsdimension. Das ist eine große Chance für die Einführung von Maßnahmen, die den neuen europäischen und globalen Energietrends entsprechen. Ein interessantes und erfolgreiches Beispiel ist die CESEC-Gruppe [die hochrangige Gruppe Central East South Europe Gas Connectivity (CESEC), die im Februar 2015 in Sofia gegründet wurde]. Sie hat erstmals die Energieminister aus elf mittel- und südosteuropäischen Ländern zusammengebracht, um nach dem Zusammenbruch der South-Stream-Pipeline an regionalen Energieinfrastrukturprojekten zu arbeiten. Diese Gruppe hat sich weiterentwickelt. Sie umfasst jetzt Mitgliedsländer der Energiegemeinschaft. Das ist ein ganz praktische Beispiel dessen, was die Energieunion auch außerhalb der EU-Grenzen bedeuten könnte. Der nächste Schritt wäre es nun, die Gruppe auszuweiten oder ein ähnliches Arrangement mit der Ukraine, der Türkei und anderen Ländern zu entwickeln. Denn diese Länder sind von großer Bedeutung für den EU-weiten Energiemarkt. darüber hinaus teilt sich die EU mit ihnen eine gemeinsame Energie- und Handelsinfrastruktur.

Wird sich die CESEC-Gruppe ausschließlich mit Gasinfrastrukturen beschäftigen?

Das muss die Gruppe selbst entscheiden. Die Gasinfrastruktur in der Region hat zu Recht für einige Bedenken gesorgt. Immerhin besteht durch so einen Mangel an Markt- und Infrastrukturen die Gefahr, von einer einzigen Quelle anhängig zu werden. Der logische nächste Schritt bestünde darin, den Arbeitsbereich der Gruppe auch auf Strom, Heizung und Kühlung auszuweiten. Man kann die Gasnachfrage nicht angemessen ins Auge fassen, wenn einem der größeren Kontext anderer Energiedienstleistungen fehlt. Die Gasnachfrage hängt eng mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien zusammen und dem zunehmenden Einfluss höherer Energieleistungsstandards. In Zukunft wird es mehr Gebäude geben, die mit Strom beheizt werden. Viele davon werden auch selbst Strom erzeugen. Ihre Rolle bei der Speicherung, Bilanzierung und dem Handel von Energie wird ebenfalls wachsen. Wenn wir also die Entwicklungen in den Bereichen Strom, Gebäudeeffizienz und erneuerbare Energien nicht verstehen, können wir auch die Gasnachfragetrends nicht erfassen.

Sie wohnen in London, kommen aber ursprünglich aus Bulgarien. Dort sind Sie vor drei Jahren Minister für Umwelt und Wasser in der bulgarischen Übergangsregierung gewesen. Wie beurteilen Sie die energiepolitischen Herausforderungen in der Balkanregion?

Die Balkanländer und der weitere Südosten Europas bilden die europäische Region, die bei weitem am meisten wirtschaftlich tragbare, saubere Energieressourcen aufweisen. Europas größter Onshore-Windpark befindet sich zum Beispiel in Rumänien. Zusammen mit Bulgarien hat das Land die Ziele der erneuerbaren Energien für 2020 schon erreicht. Albanien ist eine der zwei europäischen Staaten, die fast ausschließlich Wasserkraft nutzen. In der Region gibt es noch unheimlich viel Wasserkraftpotenzial, das saubere Energien für Südosteuropa und auch darüber hinaus bereitstellen beziehungsweise speichern könnte. Auch Biomasse liegt in hohen Mengen vor und findet weitreichend Anwendung. Die Frage ist nur, wie man diese reichlich vorhandene Ressource zum Wohle der Balkanländer und der europäischen Staaten nutzt. Hier gibt es zwei große Herausforderungen zu bewältigen. Die erste ist die starke politische Zersplitterung der Region sowie die Unterteilung in EU-Länder und Drittstaaten. Zweitens: Die Region wird noch immer als „südlicher Gaskorridor“ definiert. Ihr Potential über diese Transitrolle hinaus wird weitgehend ignoriert. Es kann sein, dass der Energieunionsprozess diese beiden Fragen angeht, indem man einen politischen Rahmen schafft, der alle Länder der Region zusammenbringt. Auch die Türkei. So könnte man an der Region interessierte Investoren anlocken. Das wäre ein Ansatz, die regionale Versorgungssicherheit zu gewährleisten, Wirtschaftswachstum zu generieren und die Lebensstandards zu erhöhen.

Sie haben vorhin über Biomasse gesprochen. Halten Sie diese für eine nachhaltige Energielösung?

Das könnte sie sein. Es gibt einige Bedenken hinsichtlich illegaler Abholzung und Bodennutzung für den Anbau von Energiepflanzen. Denn diese könnten mit Kulturen der Nahrungsmittelproduktion konkurrieren. Den beiden Sorgen könnte man jedoch entgegentreten mit nachhaltiger Waldbewirtschaftung, landwirtschaftlichen Abfällen, Biokraftstoffen der zweiten Generation und anderen Möglichkeiten, die es noch zu erkunden gibt. Biomasse gilt vor allem in den Balkanstaaten als Brennstoff zum Heizen. Das ist nicht unbedingt ein Zeichen von Rückständigkeit. So nutzen zum Beispiel Finnland, Schweden, Österreich und andere Länder viel mehr Holz und Holzprodukte, um ihren Bruttoenergiebedarf zu decken. Das große Problem im Balkan ist die Effizienz. Wir müssen nachhaltig produzieren und Energie Effizienz nutzen. Die meisten Balkanstaaten könnten mithilfe von hocheffizienten Biogasanlagen vollständig ihren Heizbedarf decken. Ein herkömmlicher Ofen hat eine Effizienz von 30 Prozent, hocheffiziente Öfen hingegen 90 Prozent. In Bulgarien wird 34 Prozent des Heizbedarfs gedeckt. In Serbien sind es 60 Prozent. Das ist eindeutig eine bedeutende Energiequelle. Sie könnte den Heizmarkt in Südosteuropa völlig neu definieren, wenn man sie kombiniert mit energetischer Gebäudesanierung, der Durchsetzung nachhaltiger Bewaldungsvorschriften und effizienten Anlagen. Die Biomasse ist mitunter dafür verantwortlich, dass Gas in Südosteuropa keinen großen Anteil am Heizmarkt haben wird. Ein weiterer Grund ist möglicherweise die wachsende Nutzung von Sonnenwärme.

Gas gilt häufig als Übergangskraftstoff zwischen Kohle und den Erneuerbaren. Welche Perspektiven sehen Sie für den Energieträger Gas?

Die Zukunft für Gas ist ungewiss. Die Nachfrage in Europa wird wahrscheinlich weiterhin abnehmen. Der leichte Anstieg 2015 sollte nicht als Kehrtwende verstanden werden. Daher ist der Wettbewerb um zusätzliche Gasimportinfrastrukturen so hitzig und politisiert. Mehr braucht man einfach nicht. Es ließe sich allerhöchstens noch für Infrastrukturen diskutieren, die den Markt vereinfachen und den Wettbewerb in Europa steigern würden. So könnte es gute Gründe geben, einige LNG-Terminals [verflüssigtes Erdgas] oder eine Minimalversion der Trans Adriatic Pipeline einzurichten. Jede weitere Infrastruktur läuft jedoch Gefahr ungenutzt zu bleiben. Zwei Faktoren könnten der sinkenden Gasnachfrage entgegenwirken: zum einen eine schnelle Schließung von Kohlekraftwerken. Die muss jedoch wirklich zig vonstatten gehen. Ansonsten werden die fehlenden Kohlekapazitäten einfach durch mehr Energieeffizienz und erneuerbare Energien ersetzt. Der zweite Faktor könnte die Teilvergasung beim Transport sein.

Was ist mit Griechenland? Glauben Sie, der Umgang mit dem Euro im Land könnte die Energieunion bedrohen?

Ich glaube nicht, dass das Land die Energieunion bedroht. Es muss jedoch selbst viel unternehmen, um sich anzubinden. Nicht nur, was die Infrastruktur angeht. Es muss vor allem seinen Energiemarkt an Bulgarien und den Westbalkan annähern.

Griechenland steht vor einem interessanten Energieproblem bei der Versorgung seiner Inseln. Ich sehe das als Chance, dezentralisierte Energielösungen zu entwickeln, die auch andernorts Anwendung finden könnten. Griechenland sollte sich außerdem mehr darauf konzentrieren, regionale Gas- und Energiemärkte zu schaffen. Wie auch die meisten Balkanländer will Griechenland ein regionales Energiezentrum werden. Ich glaube allerdings nicht, dass es solche Leerposten gerade für irgendein Land gibt. Es gibt aufstrebende regionale Märkte und europäische Energiemärkte sowie eine weit verstreute Energieerzeugung und einen weite verstreuten Konsum. Angesichts dieser beiden Trends sinkt die Bedeutung nationaler Energiesysteme.

Griechenland hat im Berich erneuerbare Energien viel zu bieten. Insgesamt sind drei Länder in der Region beim Einsatz der Erneuerbaren sehr weit fortgeschritten: Griechenland, Bulgarien und Rumänien. Die letzteren beiden haben ihre 2020-Ziele bereits erreicht. Auch für Griechenland wäre das ein Leichtes.

Während die Preise für erneuerbare Energien weiterhin niedrig sind, ist Griechenland mit einer großen Vielfalt an sauberen Energiequellen gesegnet. Das Land muss jetzt einen Regulierungsrahmen schaffen, um den Mart zu liberalisieren. So kann es nach und nach allen Empfehlungen der Energieunion nachkommen.

Subscribe to our newsletters

Subscribe