COP22: „Gefährdete Staaten brauchen keine Ankündigungen mehr, sie brauchen Gelder“

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Diese beiden Frauen kämpfen für konkrete Maßnahmen gegen den Klimawandel: Hakima El Haite und Laurence Tubiana. [UNclimatechange/Flickr]

Damit die COP22 zum Erfolg wird, müssen sich die Teilnehmer mit dem Schutz der Meere, der Rolle von Frauen in der Klimapolitik sowie der Mobilisierung privater und öffentlicher Mittel für die am stärksten betroffenen Länder befassen, betont Marokkos Umweltministerin im Interview mit EURACTIV-Kooperationspartner La Tribune.

Hakima El Haite ist Umweltministerin von Marokko, dem Gastgeberstaat der diesjährigen Weltklimakonferenz (COP22), die vom 7. bis 18. November in Marrakesch stattfindet.

EURACTIV: Was sind nach dem Pariser Klimavertrag vom Dezember die großen Ziele der COP22?

Die COP21 [Weltklimakonferenz in Paris] hat ein historisches Abkommen hervorgebracht und es uns ermöglicht, weltweit Solidarität in Sachen Klimawandel zu entwickeln. Durch den Pariser Klimavertrag sind wir vom Konfrontationskurs zur Zusammenarbeit gewechselt. Es war ein Abkommen der Hoffnung. Sein Erfolg hat sich im April in New York verfestigt, als 170 Staaten den Deal unterzeichneten, und dann noch einmal am 4. November mit  Inkrafttreten des Vertrags, nachdem er von 65 Ländern ratifiziert wurde.

Angesichts dieser deutlichen Botschaft an die Öffentlichkeit sind die Erwartungen in Marrakesch besonder hoch – vor allem seitens der am stärksten betroffenen Länder. Daher muss die internationale Gemeinschaft Antworten liefern. Besonders gefährdete Staaten brauchen keine weiteren Ankündigungen mehr, sie brauchen Gelder. Die Finanzierung wird eine Schlüsselrolle bei der COP22 spielen. Von ihr hängt die Umsetzung des Aktionsplans ab.

Das Klima verändert sich. Überall auf der Welt sind sich die Menschen dessen bewusst, bekommen es am eigenen Leib zu spüren. Flüsse trocknen aus. Das beeinträchtigt den Zugang zu Trinkwasser, die Ernährungssicherheit, die Energieversorgung und so weiter. Dürreperioden heizen Konflikte zwischen einzelnen Gemeinden an und fördern klimabedingte Migration. Allein in diesem Jahr sind 68 Millionen Menschen aus dem Süden in den Norden geflohen.

In Paris haben alle Teilnehmer versprochen, zu handeln, finanzielle Mittel bereitzustellen, Unterstützung zu leisten und den Technologietransfer voranzutreiben. Die Industriestaaten wollen ihren CO2-Ausstoß verringern, manche sogar komplett auf null setzen. Vor allem aber hat man sich gemeinsam dafür ausgesprochen, den Energiemix so anzupassen, dass CO2-Neutralität erreicht werden kann. Paris ist ein erster Schritt gewesen mit Zusagen von allen Parteien. In Marrakesch jedoch müssen wir konkrete Aktionspläne erarbeiten.

Welche Rolle sollte die Wirtschaft spielen?

Die COP21 hat erstmals Unternehmen miteinbezogen und zwar in Form von 75 Kollaborationen, die sich über 12 Sektoren hinweg dazu verschrieben haben, ihre Produktions- und Verbrauchsmethoden umzustellen. Im Juni hat ein erstes globales Forum in Rabat 250 Wirtschaftsakteure unter der Leitung von Gérard Mestrallet [dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden des Energieversorgers Engie] zusammengebracht. Wir, die Verfechterinnen des Klimaschutzes [Hakima El Haite selbst und die COP21-Verhandlungsführerin Laurence Tubiana], müssen diesen dynamischen Nord-Süd-Transfer aufrechterhalten.

Weltweit steigt die Nachfrage nach kohärenten und klimafreundlichen Investitionen sowie der Bedarf an Anreiz stiftenden Maßnahmen, die den Wettbewerb nicht verzerren. Die Regierungen versuchen, mit dem Tempo der Unternehmen schrittzuhalten. So sind zum Beispiel 56 Prozent der Energieinvestitionen in die Erneuerbaren geflossen. Unternehmen zeigen sich innovativ und erfinden die Welt von morgen. Diese Dynamik kann jedoch ohne die Unternehmen des globalen Südens nicht aufrechterhalten werden. Diese haben sich im September in Rabat getroffen.

Auch die Situation der Meere steht auf der COP22-Tagesordnung…

Ja, dank des Einsatzes zahlreicher Koalitionen und Verbände. Der Schutz der Meere ist eng mit den Menschenrechten und der Ernährungssicherheit verbunden. Die Ozeane produzieren ein Fünftel unserer Proteine und unterstützen sieben Prozent der Weltbevölkerung. Viele Arzneimittel gehen auf sie zurück und der Handel findet zu 80 Prozent über die Meere hinweg statt. Die meisten klimabedingten Probleme konzentrieren sich auf Küstengebiete. Vor allem aber auch im Tourismus spielen die Ozeane eine entscheidende Rolle.

Wir müssen unsere Meere unbedingt schützen. Sie verdienen es, bei der COP22 einen großen Stellenwert einzunehmen. Für uns ist es eine der obersten Prioritäten, weltweit Schutzzonen festzulegen.

Sie wollen sich auch mit dem Thema der Gender-Rollen befassen.

Als Frau, Mutter von drei Töchtern und Großmutter eines kleinen Mädchens liegt mir die Situation der Frauen besonders am Herzen. Diesen Kampf führe ich im Namen aller Frauen weltweit, die in erster Linie von den Gefahren des Klimawandels, der Migration, der Hochwasser und so weiter betroffen sind. Frauen machen global 40 Prozent der Erwerbstätigen aus.

Am 30. September und 1. Oktober fand der erste weltweite Frauenklimagipfel unter der Schirmherrschaft von König Mohammed VI statt. Er ist führender Verfechter der Frauenrechte. Bei der COP22 sollen Beschlussentwürfe zum Thema Gender aufgesetzt werden. Es darf keine Diskriminierung geben, alle Menschen weltweit müssen eingebunden werden.

Ich hoffe aber auch, dass Frauen ganz allgemein stärker in die Entscheidungsfindung involviert werden und dass die Gender-Frage bei allen Beschlüssen berücksichtigt wird.

Sie erwähnen immer wieder die Rolle parlamentarischer Vertreter…

Die Validierung des Kyoto-Protokolls hat acht Jahre gedauert. Heutzutage werden Klimabeschlüsse von Spezialisten und Verhandlungsführern aufgesetzt, wohingegen es sich früher bei den COPs noch um Treffen der Umweltminister handelte. Wir mussten schließlich jedoch auf Ebene der Staats- und Regierungschefs arbeiten, um das transformative Pariser Klimaabkommen abzuschließen.

Über die Staatsoberhäupter hinaus betrifft das Thema jedoch alle Regierungsminister. Die Bildungsminister zum Beispiel sollten die Frage der Klimaresistenz in die Lehrpläne integrieren. Es handelt sich hierbei schlicht und ergreifend um ein gesellschaftliches Großprojekt. Als solches muss es von den Volksvertretern vorangetrieben werden. Sie sollten die Verantwortung dafür übernehmen, denn immerhin sind sie diejenigen, die Gesetze erlassen werden, die die Welt verändern können.

Ich bewundere die Arbeit der französischen Senatoren und der Parlamentsmitglieder, die mich inzwischen schon mehrfach nach Frankreich eingeladen haben. Auch in Mittelamerika habe ich mich bereits mit fünf Abgeordneten getroffen. Die Parlamente scheinen also allgemein mobil zu machen.

Was wäre für Sie das Gütesiegel einer erfolgreichen COP22?

Die COP22 wird dann ein Erfolg sein, wenn wir es schaffen, das Vertrauen und den Solidaritätsgedanken der COP21 aufrechtzuerhalten. Zu diesem Zweck haben wir alle Staaten gebeten, ihre langfristigen Strategien in Investitionspläne umzuwandeln. Natürlich ist das Aufstellen eines solchen Fahrplans eine komplizierte Aufgabe, aber es liegt in unserer Verantwortung, sicherzustellen, wie viel Geld uns zur Verfügung steht.

Die Glaubwürdigkeit des Pariser Klimavertrags und der internationalen Zusagen hängt davon ab, ob die internationale Gemeinschaft in der Lage sein wird, ihre öffentlichen und privaten Ressourcen zu bündeln, um die Energiewende auch in den am stärksten betroffenen Ländern zu fördern.

Weitere Informationen

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Hintergrund

Die 22. Sitzung der Vertragsstaatenkonferenz (COP 22) zur UN-Klimarahmenkonvention wird vom 7.-18. November 2016 in Marrakesch stattfinden. Bei der COP22 werden die Parteien unter anderem damit beginnen, das Inkrafttreten des Pariser Vertrags vorzubereiten.

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