Frankreichs Position zur Zukunft der Kernenergie

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Das AKW Fessenheim ist das älteste derzeit in Betrieb befindliche französische Atomkraftwerk. Seine für Ende 2016 geplante Stilllegung ist eine wichtige Etappe für Frankreichs schrittweises Zurückfahren der Kernenergie. Foto: dpa

Standpunkt von Maïté Jauréguy-Naudin (DGAP)Frankreich ist Europas größter Kernenergieproduzent, die Nuklearindustrie hat für das Land strategische Bedeutung. Doch nun zeichnet sich eine Trendwende ab. Schon bald könnte die französische Energiewirtschaft vor einem ähnlichen Kraftakt stehen wie die deutsche, schreibt Energiexpertin Maïté Jauréguy-Naudin (DGAP).

Frankreich kann auf eine lange Tradition der zivilen Kernenergie zurückblicken. Die Gründung der Atombehörde CEA 1945 versinnbildlicht Frankreichs Wunsch nach energetischer und militärischer Unabhängigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Lange Zeit konnte sich die Behörde auf einen breiten Konsens unter den Entscheidungsträgern wie in der französischen Bevölkerung stützen. Rechts- wie auch Linksparteien befürworteten die Forschung über militärische und über zivile Nutzung von Atomenergie und sahen im Ausbau der Energiebranche die Chance für die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Atomtechnologie als Träger des sozialen Fortschritts, so das Credo, das in Frankreich bis in die 1980er Jahre hinein anhalten sollte.

Heute besitzt Frankreich eine Atomindustrie von internationaler Bedeutung: elf der 29 "Atomländer" betreiben ihre Kraftwerke mit französischer Technologie, der französische Energiekonzern Areva ist Weltmarktführer in diesem Bereich. Doch diese Entwicklung bleibt nicht mehr ohne Kritiker. Zu beobachten ist eine politische Trendwende in Frankreich: Forschungsgelder werden gekürzt, Themen der Sicherheit und der langfristigen Finanzierung der Reaktoren rücken verstärkt in den Mittelpunkt öffentlicher Diskussionen und führen zu einer Differenzierung der französischen Meinungslandschaft. Die Katastrophe von Fukushima und der Atomenergieausstieg Deutschlands tragen zusätzlich zu einer Verschärfung dieses Trends bei.

Zwar ist die Frage nach einem Austritt Frankreichs aus der Atomenergie noch ein gedankliches Novum, doch erheben sich viele Stimmen aus der Grünenpartei und der Zivilbevölkerung und stellen das Atomdogma in Frage. Auch das französische Umweltministerium hat in einer Studie von 2012 den Atomausstieg Frankreichs als mögliches Zukunftsszenario vorgestellt. Doch scheint sich Frankreich, anders als Deutschland, einer strategischen Bedachtsamkeit verschrieben zu haben, die eine realistische zeitliche Programmierung und insbesondere strikte Kosteneffizienz auf dem Weg zu einer neuen Energiepolitik in den Mittelpunkt stellt. Derzeit ist es für Paris noch von erstrangiger Bedeutung, die führende Position auf dem Kernenergiemarkt aufrechtzuerhalten.

Als wahrscheinliches Zukunftsszenario gilt ein schrittweises Zurückfahren der Kernenergie mit gleichzeitiger Einführung der erneuerbaren Energien. Wird der europäische Markt in naher Zukunft von den erneuerbaren Energien durchdrungen, wird Frankreich die Schaffung einer neuen wirtschaftlichen Grundlage durch erneuerbare Energien ohnehin nicht mehr vermeiden können. Insbesondere die Forschung im Bereich Fotovoltaik und Windenergie wird durch die französische Regierung unterstützt. Ob diese neuen Technologien jedoch zur Schaffung nachhaltiger Arbeitsplätze beitragen werden, bleibt aufgrund der starken Konkurrenz, insbesondere durch chinesische Investoren, fragwürdig.

Der vollständige Beitrag der französischen Energieexpertin Maïté Jauréguy-Naudin erschien als DGAPanalyse: Energiewende in Frankreich? (4. Oktober 2012).

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