Wie erreicht Europa seine Klimaziele?

Die Teilnehmer des EURACTIV-Workshops zu den Klimazielen Europas (v.l.n.r.): Markus Pieper (MEP, CDU), Hans-Jürgen Cramer (Climate-KIC Deutschland), Ewald König als Moderator (EURACTIV.de), Thomas Görgen (Bayer Technology Services GmbH), Simon Marr (Bunde

Man wisse heute nicht, welche Technologie Europa viel weiter bringe. Deshalb brauche man auch Mut zu Sackgassen. Im EURACTIV.de-Workshop diskutierten Vertreter des EU-Parlaments, des Bundesumweltministeriums, der Industrie und des Klimainnovationszentrums Climate-KIC kontrovers, wie viele Klimaziele Europa braucht, welche Akteure die Energiewende zukünftig tragen und vor allem, wie Wirtschaft und Wissenschaft effizienter zusammenarbeiten können.

Der Beschluss zur Energiewende ist längst gefasst. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts forsa im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) sprechen sich 82 Prozent der deutschen Verbraucher für die Reformen der Energiepolitik aus. Doch in der konkreten Zielsetzung und den Plänen zur Umsetzung gehen die Meinungen auseinander. Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ziehen beim Entwickeln nachhaltiger Konzepte nicht zwangsläufig an einem Strang.

Beim Stakeholder-Workshop von EURACTIV.de "Wie kann Europa seine Klimaziele erreichen? Synergieeffekte in der Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft" diskutierten vorige Woche die Panelisten über den zukünftigen Kurs der Energiewende. Der EU-Abgeordnete und Mittelstandssprecher der CDU/CSU,  Markus Pieper; Hans-Jürgen Cramer, Direktor des  Klimainnovationszentrums Climate-KIC Deutschland; Thomas Görgen (Bayer Technology Services GmbH) und Simon Marr vom Bundesumweltministerium (BMU) erörterten Zukunftspläne in der Forschung, den Instrumentenmix und mögliche Wege zur Energiewende.

"Die EU und die Mitgliedsstaaten wären gut beraten, ambitionierte und vor allem verbindliche Ziele festzulegen", sagte Simon Marr, stellvertretender Leiter des BMU-Referats Klima und Energie. Dabei stelle er sich eine Größenordnung von 50 Prozent Reduzierung der Treibhausgasemissionen, 40 Prozent erneuerbare Energien und 30 Prozent mehr Energieeffizienz bis 2030 vor.

Auch Hans-Jürgen Cramer hält Umwelt- und Klimaschutz für zentrale Größen der zukünftigen Wirtschaft. "Ich glaube, dass nachhaltiges Wirtschaften die Basis zukünftigen Wirtschaftens überhaupt sein wird; Kreislaufwirtschaft und Recycling werden im Zentrum stehen."

Die Vermaschung der Welt

Um die Klimaziele zu erreichen, müsse die Politik als darüberliegende Bürokratie auch verstehen, "dass die Welt inzwischen schneller, direkter, vermaschter und vernetzter geworden ist und dass wir mehr Community-Gedanken brauchen, um erfolgreicher zu sein", erklärte Cramer. "Es gibt ein deutliches Auseinanderdriften von oben und unten." Auf der einen Seite stünden EU, Behörden und große Firmen, auf der anderen stark fragmentierte, kleine Märkte mit einer aufstrebenden Gründerszene. Die alten Wege alleine würden nicht mehr funktionieren. "Die Communities sind der kulturelle Abdruck dieser Vermaschung der Welt."

Netzwerke, die auf Forschung fokussiert sind, werden auch von der Bayer Technology Services GmbH unterstützt. Thomas Görgen, Senior Manager bei Bayer und Fördermittelexperte, spricht sich für intelligente Vernetzung aus, zum Beispiel in Zusammenarbeit mit Hochschulen. So werde auch der Nachwuchs miteingebunden. "Man braucht eine kritische Masse, um einen wirklichen Durchbruch zu erreichen", sagte der Polymerchemiker.

Markus Pieper vom Europäischen Parlament möchte den Schwerpunkt der Forschung auf europäische Synergien legen. Die Netze müssten intelligenter ausgerichtet werden, sodass Wasserkraft aus Skandinavien oder Sonnenenergie aus Südeuropa nach Deutschland gelangen könne. "Europa hat eine ganze Menge Angebote."

Zu viele Einzelziele?

Niemand könne etwas daran ändern, dass das CO2-Emissionsvolumen weltweit von 14 Milliarden Tonnen im Jahr 1990 auf etwa 50 Milliarden Tonnen 2030 steigen werde, so Pieper. Auch Arbeitsplätze in diesem Bereich und Energiesicherheit lägen im Verantwortungsbereich der Politiker. Der christdemokratische EU-Abgeordnete wolle sich deswegen auf ein Ziel konzentrieren: Reduzierung der CO2-Emissionen. Mit dem Zieldreieck bis 2020, weniger Treibhausgasemissionen, mehr erneuerbare Energien, bessere Energieeffizienz, gehe es anschließend bis 2050 nicht weiter. "Wenn wir das CO2-Ziel erreichen und dabei so viel Marktwirtschaft wie möglich zulassen, kommen wir schneller zu unseren gemeinsamen Umweltzielen, mit Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen", meinte Pieper.

"Wir brauchen verschiedene Instrumente, weil sie verschiedene Zielrichtungen haben", sagte Marr. Nur mit dem Treibhausgasemissionsziel und damit dem Emissionshandel als einziges Instrument werde Potenzial vergeben. "Ein CO2-Emissionsziel schafft eine Gleichmachung von erneuerbaren und Kernenergie."

Ziele fördern – nicht Technologien

Auch Görgen plädierte für einen Instrumentenmix, weil es verschiedene Ziele gebe. "Wir müssen aber darauf achten, dass wir die Zielerreichung fördern und uns in der Politik nicht von vornherein auf eine Technologie festlegen." Die Förderung einer bestimmten Technologie sei marktverzerrend. CO2-Emissionen aus Biomasse erhielten Zertifikate, während sie aus Kohlekraftwerken von der Gesetzgebung her "böse" seien.

"Man weiß heute nicht, welche Technologie uns wirklich sehr viel weiter bringt", erklärte Cramer. An manchen Stellen müsse man ganz systematisch in Sackgassen gehen. "Deswegen brauchen wir den Instrumentenmix."

Kernenergie spaltet Europa

Deutschland müsse sich auch damit abfinden, dass man im Europäischen Parlament "niemals eine Mehrheit gegen die Kernkraft erreichen" würde, so Pieper. Damit müsse man sich in Deutschland auch arrangieren.

Cramer, ehemaliger Vorstandssprecher der Vattenfall Europe AG, bezeichnete sich selbst als "Teil des Problems der CO2-Emissionen" und begründete damit seinen Wechsel zum Klimainnovationszentrum Climate KIC, "zum Klimaschutz". "Wir sehen heute in unserer Generation, dass wir mehr mit Extremwetterlagen zu tun haben, mit Trockenheit und Überflutungen. Die Spielräume, die wir noch haben, müssen wir sehr intelligent nutzen."


Marie Wagner

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