Übersicht zur Nutzung der Kernenergie in Europa

Atomkraftwerke sind selbst in Frankreich und Großbritannien auf längere Sicht entbehrlich, meinen Experten. Deutschland will bis 2022 aussteigen. [Foto: dpa]

Europa hat bisher auf Atomstrom gesetzt. Ein Drittel des Stroms in der EU und etwa 15 Prozent der EU-weit verbrauchten Energie wurden von Atomkraftwerken produziert. Nach der Nuklearkatastrophe in Japan wird sich das ändern. EURACTIV.de bietet eine Übersicht des Status quo der Kernenergienutzung in Europa.

Jedem EU-Mitgliedsland steht es frei, Atomenergie zu nutzen oder nicht. Die Grundlage für die friedliche Nutzung der Kernenergie in der EU wurde 1957 durch die Gründung von Euratom geschaffen.

Nach Angaben der European Nuclear Society, ein internationaler Verband von 24 Atomstromerzeugern, sind derzeit 195 Atomkraftwerke (AKW) in Europa in Betrieb. 19 weitere Atommeiler werden derzeit in sechs Ländern gebaut: 11 in Russland, jeweils zwei in Bulgarien, der Slowakei und in der Ukraine und jeweils ein Atomkraftwerk in Frankreich und Finnland.

In Frankreich stammt knapp 80 Prozent der Energieproduktion aus Kernenergie. In der Slowakei (53,5 Prozent), in Belgien (51,7 Prozent) und in der Ukraine (48,6 Prozent) wurde 2009 etwa die Hälfte der Energieproduktion mittels Atomkraft gedeckt.

Deutschland – Aus für 7 Atommeiler

Deutschland hat bisher etwa 25 Prozent seines Energiebedarfs mit Kernenergie gedeckt. Nun werden alle vor Ende 1980 in Betrieb genommenen Atomkraftwerke per "staatliche Anordnung aus Sicherheitsgründen" abgeschaltet. Das hat Bundeskanzlerin Angela Merkel am heutigen Dienstag erklärt. (EURACTIV.de vom 15. März 2011)

Abgeschaltet werden demnach 7 der 17 deutschen Atommeiler: Neckarwestheim 1 und Philippsburg 1 in Baden-Württemberg, Isar I in Bayern, Biblis A und Biblis B in Hessen, Unterweser in Niedersachsen sowie das derzeit ohnehin vom Netz getrennte AKW Brunsbüttel in Schleswig-Holstein.

Ein achter bereits abgeschalteter Meiler, das AKW Krümmel in Schleswig-Holstein, bleibt ebenfalls weiterhin abgeschaltet.

Merkel erklärte, dass das am Vortag verhängte dreimonatige Moratorium zum Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernenergie dafür genutzt werden sollte, die Energiewende zu beschleunigen und erneuerbare Energien verstärkt zu fördern.

Darüber hinaus forderte Merkel europaweit vergleichbare Sicherheitsstandards für Atomkraftwerke. EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat diese Initiative aufgegriffen und heute nach einem Krisentreffen mit allen Energieministern der EU beschlossen, dass alle europäischen Atommeiler einem Stresstest unterzogen werden. (EURACTIV.de vom 15. März 2011)

Zusammen mit Frankreich wird Deutschland das Thema internationaler Sicherheitsstandards auf die Agenda der G20 setzen, kündigte Merkel an. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle räumte ein, dass die Energiepreise weiter steigen könnten.

Belgien

Belgien hat sieben Reaktoren in den zwei Atomkraftwerken Doel und Tihange, die mehr als die Hälfte der Stromerzeugung abdecken. Der erste kommerziell betriebene Meiler ging 1974 ans Netz.

Bulgarien

Bulgarien verfügt über zwei Atomkraftwerke, die 35 Prozent des Strombedarfs des Landes decken. Das Land baut derzeit mit Unterstützung Russlands die Zwillings-Atommeiler Belene I und II. Im Zuge der EU-Beitrittsverhandlungen wurden zwei alte Atommeiler abgeschaltet.

Dänemark

Dänemark besitzt keine Atomkraftwerke. Obwohl es bei der Atomforschung führend war, hat das Parlament 1985 entschieden, dass keine Atommeiler in Dänemark gebaut werden. Das Land setzt zur Stromerzeugung auf Kohlekraftwerke und Windkraft. Das Land ist allerdings auf den Import von Atomenergie zur Grundlastversorgung angewiesen.

Finnland

Finnland besitzt vier Atommeiler, die 30 Prozent der finnischen Energie erzeugen. Ein fünfter Reaktor ist im Bau und zwei weitere sind in der Planung.

Frankreich

Frankreich verfügt über 58 Atommeiler, die über 75 Prozent des Energiebedarfs decken. Frankreich ist der größte Nettoexporteur von Strom.

Großbritannien

Großbritannien betreibt 19 Reaktoren. Bis 2023 sollen 18 davon stillgelegt werden. Allerdings ist der Bau von 19 neuen Reaktoren geplant. Der erste davon soll bis 2018 ans Netz gehen. Das Land deckt derzeit 18 Prozent des Energiebedarfs durch Atomenergie.

Italien

Italien ist das einzige Land in der G8, das keine Atomkraftwerke besitzt. Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte Italien die letzten beiden seiner ursprünglich vier AKWs stillgelegt. Mehr als 10 Prozent seines Energiebedarfs deckt Italien mit dem Import von Atomenergie.

Atomstrom soll jedoch wieder Teil der Energiestrategie Italiens werden. Eine entsprechende Volksabstimmung ist für Juni geplant. Jüngst wurde bereits eine Agentur für Atomsicherheit in Italien gegründet. Die italienische Regierung plant, 2013 mit dem Bau neuer Atommeiler zu beginnen. Bis 2030 soll Atomenergie ein Viertel der Energieproduktion Italiens ausmachen.

Litauen

Litauen hat 2009 seinen letzten Atommeiler abgeschaltet. Bis dahin hatte dieser 70 Prozent des Strombedarfs gedeckt. Heute ist Litauen völlig von Energieimporten anhängig. Die Pläne, das alte AKW Ignalina zu ersetzten, sind  derzeit eingefroren.

Niederlande

Die Niederlande besitzen derzeit einen Reaktor, der vier Prozent der Energieproduktion erzeugt. Zwei neue Reaktoren sind in Planung.

Polen

Polen ist 2010 der OECD Nuclear Energy Agency (NEA) beigetreten und bereitet den Start seines Atomenergieprogramms vor. Mitte 2011 sollte der gesetzliche Rahmen stehen für den Bau von zwei AKWs. Der Baubeginn des ersten AKWs soll 2016 erfolgen.

Rumänien

Rumänien hat zwei Atommeiler in Betrieb, die rund 20 Prozent des rumänischen Stroms erzeugen. Das erste AKW ging 1996 ans Netz, im Mai 2007 das Zweite. Rumänien plant den Bau zwei weiterer Reaktoren.

Schweden

Schweden hat zehn Atomkraftwerke in Betrieb. Die Stromversorgung wird zu 40 Prozent aus Atomenergie gedeckt. 1980 hatte Schweden beschlossen, aus der Atomenergie auszusteigen. Im Juni 2010 hat das schwedische Parlament jedoch den Atomausstieg rückgängig gemacht. Schweden besteuert Atomstrom mit 0,67 Cent pro kWh.

Slowakei

Die Slowakei betreibt vier Reaktoren, die 50 Prozent des Stroms erzeugen. Zwei weitere AKWs sind in Bau.

Slowenien

Slowenien betreibt seit 1981 zusammen mit Kroatien einen Reaktor, der 40 Prozent des slowenischen Stroms erzeugt.

Spanien

Spanien verfügt über 8 AKWs, die ein Fünftel des Energiebedarfs decken. Spanien hat jüngst die Laufzeit seiner AKWs von 40 auf 60 Jahre verlängert.

Tschechien

Tschechien besitzt sechs AKWs, die ein Drittel des Strombedarfs decken. Die Betriebslizenz für den ersten Reaktor des tschechischen AKW Temelin wurde 2010 um 10 Jahre verlängert.

Ungarn

Ungarn betreibt vier Reaktoren. Atomstrom hat einen Anteil von mehr als einem Drittel an der Stromerzeugung. Das ungarische Parlament unterstützt mit großer Mehrheit den Bau zwei weiterer Reaktoren.

Sabrina Schadwinkel

Links


Dokumente

World Nuclear Association: Country Briefings

European Nuclear Society:
Nuclear power plants in Europe

Kommission: 4. Euratom-Quartalsbericht 2010

Kommission: The European Union’s response to the earthquake and nuclear power accident in Japan (13. März 2011)

Kommission:
The European Commission is following closely the developments of the earthquake in Japan and has established contacts with Japanese sources, the International Atomic Energy Agency (IAEA), and the established emergency networks in Europe, like ECURIE (12. März 2011)

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