Stresstests in Europas AKWs: Aufrüsten, nicht abschalten

Das Bild des zerstörten und ausgebrandten Reaktors in Fukushima hat die Kernenergie weltweit auf einen verschärften Prüfstand gestellt. Foto: dpa

Ja, die Sicherheitsstandards fast aller europäischer Kernkraftwerke müssen verbessert werden, aber nein: „nichts spricht für eine Abschaltung von Kernkraftwerken“. Zu diesem Ergebnis kommt die EU-Kommission nach den ersten europaweiten Stresstests aller Kernreaktoren in der EU.

Erstmals wurden alle Reaktoren in allen Kernkraftwerken in der EU einer Risiko- und Sicherheitsbewertung unterzogen. Das Ergebnis ist nur bedingt beruhigend: Nach Durchsicht der nationalen Untersuchungsergebnisse sieht die EU-Kommission zwar keinen Anlass, AKWs abzuschalten, doch sollten "nahezu alle europäischen Kernkraftwerke" sicherheitstechnisch aufrüsten.

Die Stresstests der Kernkraftwerke ergaben zudem die Erkenntnis, "dass nicht alle von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) empfohlenen Sicherheitsstandards und nicht alle international als beste Praxis anerkannte Methoden in den Mitgliedsstaaten angewandt werden".

Europas AKWs im Test

Alle Reaktoren in der EU wurden geprüft – insgesamt gibt es 145 Reaktoren, verteilt auf 15 Mitgliedsstaaten. Diese Reaktoren befinden sich in folgenden Ländern der EU:

Belgien: 7 Reaktoren (2 KKW)

Bulgarien: 2 Reaktoren (1 KKW)

Deutschland: 17 Reaktoren (12 KKW; davon wurden nach Fukushima 4 KKW mit 8 Reaktoren abgeschaltet)

Finnland:
4 Reaktoren (2 KKW)

Frankreich
: 58 Reaktoren (19 KKW)

Großbritannien: 19 Reaktoren (10 KKW)

Litauen: 2 Reaktoren im Stilllegungsstadium (1 KKW)

Niederlande:
1 Reaktor (1 KKW)

Rumänien: 2 Reaktoren (1 KKW)

Schweden: 10 Reaktoren (3 KKW)

Slowakei: 4 Reaktoren (2 KKW)

Slowenien:
1 Reaktor (1 KKW)

Spanien:
8 Reaktoren (6 KKW)

Tschechischen: 6 Reaktoren (2 KKW)

Ungarn: 4 Reaktoren (1 KKW)

Von den EU-Nachbarländern nahmen die Schweiz (mit 4 in Betrieb befindlichen KKW und insgesamt 5 Reaktorblöcken) und die Ukraine (mit 4 in Betrieb befindlichen KKW und insgesamt 15 Reaktorblöcken) uneingeschränkt an den Stresstests teil.

Sicherheitsmängel

Mit Blick auf die Lehren aus der Atomkatastrophe von Fukushima weist die Kommission auf folgende Sicherheitsmängel in Europas AKWs hin:

– Erdbeben- und Überflutungsgefahr: Die aktuellen Standards für die Risikoeinschätzung werden nur bei 54 (für die Erdbebengefahr) bzw. bei 62 (für die Überflutungsgefahr) von den insgesamt 145 geprüften Reaktoren angewandt.

– Seismische Messinstrumente: Diese Instrumente, um eventuelle Erdbeben zu messen und anzukündigen, fehlen in den meisten Reaktoren oder sind nicht auf dem neuesten Stand der Technik. Seismische Messinstrumente sollten daher bei 121 Reaktoren installiert bzw. nachgerüstet werden.

– Abluftsysteme: Um bei einem Unfall den Druck im Reaktorbehälter gefahrlos ablassen zu können, sollten mit Filtern ausgestattete Abluftsysteme in der Sicherheitsumschließung vorhanden sein. 32 Reaktoren sind noch nicht mit diesen Systemen ausgestattet.

– Ausrüstung für den GAU: Die Ausrüstung zur Bekämpfung schwerer Unfälle sollte an Orten gelagert werden, die selbst bei einer weitreichenden Verwüstung unversehrt bleiben und von denen aus sie rasch geholt werden kann. Dies ist bei 81 Reaktoren in der EU nicht der Fall.

– Ersatzkontrollraum:
Falls der Hauptkontrollraum nicht mehr betreten werden kann, sollte ein Ersatzkontrollraum vorhanden sein. Solche Räume gibt es bei 24 Reaktoren noch nicht.

Nächste Schritte

Alle mitwirkenden Länder werden nationale Aktionspläne mit Zeitplänen für die Umsetzung aufstellen, die zum Jahresende 2012 veröffentlicht werden. Anfang 2013 wird auf diese Aktionspläne die Methode der gegenseitigen Überprüfung angewandt, um zu kontrollieren, ob die sich aus den Stresstests ergebenden Empfehlungen in ganz Europa auf einheitliche und transparente Weise umgesetzt werden. Die Kommission beabsichtigt, im Juni 2014 über die Umsetzung der Stresstestempfehlungen Bericht zu erstatten.

Vorschlag über Versicherung und Haftung

Die Kommission will außerdem den bestehenden europäischen Rechtsrahmen für nukleare Sicherheit ändern. Anfang 2013 wird sie Änderungen vorschlagen.  Die Kommission erwägt derzeit, einen Vorschlag über Versicherung und Haftung im Nuklearbereich sowie einen Vorschlag über Höchstwerte an Radioaktivität in Nahrungs- und Futtermitteln vorzulegen.

mka

Links


Dokumente der EU-Kommission

Stresstests von Kernkraftwerken (4. Oktober 2012, Pressemitteilung)

Fragen und Antworten zur Mitteilung über Stresstests in kerntechnischen Anlagen (4. Oktober 2012)

Website mit Zugang zu den Dokumenten

Communication on the "stress tests" of nuclear power plants in the EU (4. Oktober 2012)

Staff Working Document on the "stress tests" of nuclear power plants in the EU (4. Oktober 2012)

ENSREG: Website der European Nuclear Safety Regulators Group – Zugang zu Dokumenten der Stresstests

Zum Thema auf EURACTIV.de

Frankreichs Position zur Zukunft der Kernenergie
(4. Oktober 2012)

Hollande: Aus für AKW Fessenheim und Fracking (17. September 2012)

Atomstrom: weniger AKWs in der EU (24. Juli 2012)

AKW-Wende: Weltweit weniger Kernenergie (23. Juli 2012)

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