SRU-Experten zum Fracking: entbehrlich und riskant

EU-Energiekommissar Günther Oettinger will Fracking eine Chance geben. Noch in diesem Jahr will er einen EU-Rahmen für das Risikomanagement bei der Förderung unkonventioneller fossiler Brennstoffe wie Schiefergas vorlegen. Foto: EC

Fracking ist energiepolitisch nicht notwendig, leistet keinen maßgeblichen Beitrag zur Energiewende und ist wegen gravierender Wissenslücken riskant. Deswegen argumentiert der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) gegen kommerzielles Fracking, aber für Pilotprojekte zur Schiefergasgewinnung. Der SRU sieht seine Empfehlungen auch als Beitrag zur europäischen Fracking-Debatte.

Deutsche Umweltexperten bezweifeln, dass Fracking energiepolitisch, klimapolitisch oder ökonomisch sinnvoll ist. "Fracking zur Schiefergasgewinnung ist für die deutsche Energiewende entbehrlich", lautet die zentrale Botschaft des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU). In einer Stellungnahme plädiert das Expertengremium, das die Bundesregierung in Umweltfragen berät, zur Zurückhaltung. Die Technologie sollte derzeit keinesfalls kommerziell eingesetzt werden. Es gebe noch "gravierende Wissenslücken über die Umweltauswirkungen".

Lediglich Pilotprojekte seien denkbar, die allerdings an eine verpflichtende Umweltverträglichkeitsprüfung geknüpft und "engmaschig wissenschaftlich begleitet" werden sollten. Solche Demonstrationsvorhaben sollten transparent unter Beteiligung der Öffentlichkeit geplant und umgesetzt werden. Alle Kosten sollten dabei "im Sinne des Verursacherprinzips" vom fördernden Unternehmen getragen werden.

Geringes Potenzial, hohe Kosten

Überhaupt sei das Schiefergas-Potenzial, das in Deutschland unter Einhaltung der Sicherheitsanforderungen förderbar ist, so gering, dass es auf den regionalen Energiepreis keinen Unterschied machen würde, argumentieren die Experten. "Wir halten das Potenzial des Fracking-Gases für zu gering und die Gewinnngskosten für sehr hoch", erläuterte Martin Faulstich, Vorsitzender des Sachvertändigenrats, bei der Vorstellung der SRU-Studie am Freitag (31. Mai) in Berlin. Nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe würde die Reichweite des gefrackten Gases in Deutschland für 13 Jahre reichen.

Auch den von Fracking-Befürwortern oft zitierten vermeintlichen Wettbewerbsvorteil der USA lassen die SRU-Experten nicht gelten. "Die Argumentation, dass die US-Wirtschaft aufgrund des Frackings wieder wettbewerbsfähig geworden ist, stimmt aus unserer Sicht nicht", sagte SRU-Mitglied Karin Holm-Müller. Die Energiekosten seien nur in sehr wenigen Branchen so bedeutend, dass sie einen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit haben. In den meisten Branchen, etwa beim Maschinenbau, liege der Energiekostenanteil an den Gesamtkosten bei zwei Prozent. "Was man viel stärker berücksichtigen muss, ist der Fakt, dass der US-Dollar im Vergleich zum Euro seit 2002 um 30 Prozent abgewertet hat. Das erklärt sehr viel mehr den Anstieg der Wettbewerbsfähigkeit der USA als das Fracking-Gas", so Holm-Müller.

SRU-Vorsitzener Faulstich warnt ebenfalls davor, die USA als Vorbild zu nehmen. "In den USA wird zweifelsohne im großen Stil gefrackt. Es ist aber keineswegs sicher, dass es dauerhaft dabei bleibt. Es ist durchaus möglich, dass es bei einer Gasblase bleibt, die in wenigen Jahren vorüber ist", so Faulstich.

Die Experten bezweifeln zudem, ob die Klimabilanz des Fracking-Gases besser sei als die von Kohle, da es dazu noch keine vollständige Lebenszyklus-Analyse gibt.

Deutsche Argumente für europäische Debatte

Der SRU sieht seine kritische Einschätzung zu den Chancen und Risiken des Fracking auch als Beitrag zur aktuellen europäischen Debatte. "Unsere Argumentation ist auf die europäische Ebene übertragbar. Die Empfehlung, die wir als SRU der Bundesregierung übergeben, können Sie auch auf die europäische Ebene übertragen", erläuterte SRU-Mitglied Christian Calliess gegenüber EURACTIV.de. Wie im Grundgesetz so sei auch in den EU-Verträgen das Vorsorgeprinzip festgeschrieben. "Auch die Europäische Kommission muss sich mit dem Vorsorgeprinzip und den Konsequenzen daraus auseinandersetzen. Die Umweltverträglichkeitsprüfungen sind ein europäischer Rechtsakt, der angepasst und konkretisiert werden müsste", argumentiert Calliess. Eine Anpassung sei schon alleine deshalb notwendig, weil die unkonventionelle Erdgasförderung, also das Fracking, nicht die Fördermengen erreicht, die nach der geltenden UVP-Richtlinie erforderlich wären. "Da müsste man nachbessern. Unser Argument der Pilotprojekte gilt auch für die europäische Ebene. Ob unsere Empfehlungen durchsetzungsfähig sind, wird sich in den Debatten im Rat und im Parlament zeigen", so Calliess.

Auf der europäischen Ebene ist das Thema hoch umstritten. Polen etwa gilt als sehr Fracking-freundlich, Frankreich und Bulgarien haben ein Verbot der Schiefergasförderung erlassen, andere EU-Länder haben bis auf weiteres ein Moratorium verhängt. Beim Europäischen Rat Ende Mai wurde das Thema auch auf Chef-Ebene kontrovers diskutiert. EURACTIV.de hat eine Übersicht zum aktuellen Stand der Gesetzgebung zur Förderung nicht-konventioneller Gasreserven in Europa erstellt.

EU-Rahmen für das Risikomanagement

Im Europäischen Parlament scheiterte im November 2012 der Versuch, für ein Verbot der umstrittenen Bergbaumethode zu plädieren. Stattdessen haben die Europaabgeordneten einen "stabilen Rechtsrahmen" für das Fracking gefordert.

Einen solchen Rahmen für das Risikomanagement bei der Förderung unkonventioneller fossiler Brennstoffe wird die Kommission bis Ende des Jahres vorschlagen. Dazu hatte die Kommission bis Ende März eine öffentliche Konsultation zu den Chancen und Risiken einer künftigen Förderung von Schiefergas, Erdgas in dichten Gesteinen (sogenanntes Tight Gas) oder Methan aus Kohleflözen durchgeführt. Gefragt wurde unter anderem, wie Gesundheits- und Umweltrisiken gesenkt und die Transparenz der Verfahren erhöht werden könnten. Die Kommission will nach eigenen Angaben beim Thema Schiefergas-Förderung Regelungslücken beseitigen und die Rechtsklarheit und Vorhersehbarkeit für Unternehmer und Bürger erhöhen.

Umweltverbände für nationales Moratorium

Die deutschen Umweltverbände BUND, DNR und NABU fordern von der Bundesregierung ein nationales Moratorium, um auch die Genehmigung von Erkundungs- und Gewinnungsvorhaben zu stoppen. "Die Gasförderung aus sogenannten ‚unkonventionellen Quellen‘ mit der Methode des ‚Fracking‘ – also durch Verpressen giftiger Chemikalien in tiefe Erdschichten – muss verboten werden", lautete eine der Kernforderungen zur Bundestagswahl, die die drei Umweltverbände am Dienstag (4. Juni) in Berlin vorgestellt haben.

Michael Kaczmarek

Links

Dokumente

SRU: Fracking – Für die Energiewende entbehrlich (31. Mai 2013)

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