Sieben Maßnahmen für resiliente Energiesysteme

EU-Energiekommissar Günther Oettinger (li.) und EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard (re.) sind nicht immer einer Meinung. Beispiel: Schiefergas. Foto: EC

Ein resilientes Energiesystem definiert sich über die Fähigkeit, Unterbrechungen abzuwehren bzw. durch Schutzmaßnahmen Störungen vorzubeugen. Im Mittelpunkt steht dabei die von Churchill vor 100 Jahren geförderte Vielfältigkeit, die Diversifizierung

Der Autor


Prof. Dr. Friedbert Pflüger
, Staatssekretär a. D., ist Direktor des European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) am King‘s College London und Fellow des Atlantic Council of the U.S. Er ist das für Energie zuständige Mitglied der Acatech Projektgruppe Resilien-Tech und Vorsitzender der AG Rohstoffe der Atlantikbrücke.

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1. Diversifikation

Diversifikation und Energieunabhängigkeit: Die wichtigste Aufgabe hatte Churchill vor einhundert Jahren beschrieben: Diversifikation. Nur die Vielfalt der Energieträger, der Förderländer, der Versorgungswege kann Sicherheit bedeuten. Das Bestreben, sich von anderen Ländern abhängig zu machen, führte in der Folge des OPEC-Ölembargos im November 1973 zu seinem "Project Independence", mit der er die Energie Unabhängigkeit der USA von anderen Ländern forderte. Dieses Ziel, das seitdem von fast allen amerikanischen Präsidenten beschworen wurde, könnte ein halbes Jahrhundert später Wirklichkeit werden: bis Mitte der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts könnten die USA aufgrund der Schieferrevolution von Gas- und Ölimporten unabhängig werden!

2. Dezentralisierung

Eine weitere Möglichkeit, komplexe Energiesysteme zu schützen, vor allem umfassende Störungen zu verhindern bzw. ihre Auswirkungen zu begrenzen, liegt im Aufbau ergänzender, dezentraler Versorgungssysteme. Dazu eignen sich in erster Linie die regenerativen Energien: Wind, Photovoltaik, Solarthermie, Biomasse, Geothermie und nicht zuletzt Wasserkraft.

Viele Haushalte, aber auch kleine und mittlere Unternehmen versuchen inzwischen, sich über solche dezentralen Energieträger vom großen Netz weitgehend unabhängig zu machen. Da die erneuerbaren Energien jedoch eine hohe Leistungsfluktuation aufweisen, benötigen sie – jedenfalls solange die Speichertechniken noch unzureichend sind – das Back-up durch konventionelle Energieträger.

3. Höchste Sicherheits-, Effizienz- und Umweltstandards

Sicherheits- und Umweltstandards mögen teuer sein. Letztlich aber nützen sie allen Beteiligten, weil sie für die Akzeptanz in der Bevölkerung gegenüber dem jeweiligen Energieträger von entscheidender Bedeutung sind.

Es ist solchen höchsten Standards zu verdanken, dass zwar die Hurrikane Rita und Katrina viele Menschenleben kosteten und riesige Schäden nicht zuletzt in New Orleans ausrichteten, gleichzeitig aber trotz vieler zerstörte Bohranlagen im Golf von Mexiko kein Öl in die See gelangte.

Die hohen finanziellen und Imagekosten unzureichender Sicherheits- und Umweltstandards erlebte dagegen BP im Jahr 2010 mit der Havarie der Bohrinsel Deep Water Horizon. Die Auto- und Mineralölindustrie verdanken ihre anhaltende Akzeptanz in Europa den enormen Fortschritten bei Effizienz- und Umweltstandards.

4. Dialog zwischen Produzenten und Konsumenten

Von zentraler Bedeutung für die Vermeidung von Störungen im globalen Energiesystem ist ein intensiver und vertrauensvoller Dialog zwischen den Importeueren und Exporteuren von Energie. Dabei ist es besonders wichtig, die Interessenlage des Gegenübers zu verstehen. Für die Produzentenländer heißt Energiesicherheit nämlich etwas ganz anderes als für die Konsumenten: Für sie ist Energiesicherheit nicht Versorgungs-, sondern Absatzsicherheit.

Gerade die großen Petroleumstaaten wie Russland, Saudiarabien, Libyen, Angola oder Venezuela hängen vom regelmäßigen Absatz ihrer Rohstoffe zu aus ihrer Sicht akzeptablen Preisen ab. So wie höhere Öl- oder Gaspreise die Volkswirtschaften in westlichen Ländern beeinträchtigen, so führen niedrige Energiepreise bei den Erzeugern zu geringeren staatlichen Einnahmen, die sehr leicht die politische Stabilität beeinträchtigen können.

In diesem Dialog spielen die IEA, aber im Grunde alle bi- und multilateralen Begegnungen von Staatsbesuchen bis hin zu Wissenschaftlertagungen eine wichtige Rolle. Auch die Arbeit der politischen Stiftungen, der Außenhandelskammern, vor allem aber die Zusammenarbeit der Manager, Ingenieure und Arbeiter bei gemeinsamen Projekten dient dem gegenseitigen Verständnis der Interessenlagen, dem Verständnis der kulturellen Unterschiede, der Abgleichung der Zahlen und Analysen (Transparenz) – und auf diese Weise der Vertrauensbildung. Von besonderer Wichtigkeit ist heute die Einbindung Chinas und Indiens in die etablierten internationalen Foren des Energiedialogs.

5. Integration der Jugend: Jobs

In vielen Exportländern, vor allem im Mittleren Osten, in Afrika und Lateinamerika herrscht ein rasantes Bevölkerungswachstum mit der Folge, dass selbst wachsende Volkswirtschaften nicht in der Lage sind, der jungen Generation auch nur ansatzweise ausreichend Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. In Algerien, Libyen oder Saudi Arabien ist etwa die Hälfte der Bevölkerung jünger als 25 Jahre, im Irak sind es gar 60 Prozent.

Die Förderung von Gas und Öl sind jedoch kapital- und nicht arbeitsintensiv, d. h. sie schaffen direkt kaum Jobs. Die Arbeitslosigkeit und Armut von Millionen junger Menschen führt nicht selten zu politischer Radikalisierung. Extreme Islamisten finden hier einen idealen Nährboden für ihre gewaltsamen Thesen.

Vor diesem Hintergrund müssen die Länder des Westens im eigenen Interesse alles tun, um den Petroleumstaaten bei der Diversifizierung ihrer Wirtschaft, bei der Ausbildung ihrer jungen Menschen zu helfen. Die Arbeit der Entwicklungseinrichtungen von der GIZ bis zu den politischen Stiftungen ist gerade hier von entscheidender Bedeutung, um zu helfen, möglichst vielen jungen Menschen in den Petroleumstaaten eine Perspektive zu geben.

6. Polizeiliche und militärische Schutzmaßnahmen

Es war der amerikanische Präsident Jimmy Carter, der 1979 die Doktrin der US Außenpolitik formulierte, wonach jeder Versuch einer ausländischen Macht, die Herrschaft im Persischen Golf zu gewinnen, als "Angriff auf die vitalen Interessen der USA" angesehen und dem deshalb notfalls auch mit militärischen Mitteln begegnet werde.

In der Tat haben die Vereinigten Staaten der Sicherung der Energie-Lebenslinien, also dem ununterbrochenen Fluss von Öl und Gaslieferungen aus dem Mittleren Osten, höchste Priorität eingeräumt. Im Einzelfall kann mit guten Argumenten an mancher politischen und militärischen Maßnahme Washingtons in diesem Zusammenhang Kritik geübt werden.

Aber es ist wahr, dass die Sicherung der Energierouten den Europäern mindestens ebenso stark genutzt hat wie den Vereinigten Staaten. Der freie Tankerverkehr in den Meerengen, der Schutz vor Piraten und Terroristen, die Informationsgewinnung über Terrorgruppen und ihre innenpolitische Bekämpfung – das wird auch in Zukunft polizeiliche und militärische Schutzmaßnahmen erfordern.

Die Europäer werden sich hier voraussichtlich eher mehr engagieren müssen, da die Bereitschaft der USA, sich fernab der Heimat militärisch zu engagieren, im Folge der Schieferrevolution in Nordamerika tendenziell zurückgehen dürfte.

7. Katastrophenschutz

Schließlich gehört zu einem Design einer resilienten Energieversorgung die Bereitstellung von ausreichenden und schnell wirksamen Notfallmaßnahmen im Falle von einer katastrophenhaften Zuspitzung von Versorgungskrisen infolge von terroristischen Angriffen oder Cyber-Attacken auf Energieinfrasturktur sowie bei Unfällen oder Naturkatastrophen.

In Tschernobyl oder Fukushima, aber auch im Falle der Stürme Katrina oder Sandy, bei Deep Water Horizon und in vielen anderen Fällen konnte beobachtet werden, dass es kaum Pläne etwa für Evakuierungen, Krankenversorgung, Notunterkünfte usw. gab, vor allem keine klaren Kompetenzregelungen. Je schneller aber im Notfall reagiert werden kann, desto schneller kann die Versorgungssicherheit anschließend wieder hergestellt werden.


Der erste Teil erschien am 17. Juli, der zweite Teil am 18. Juli 2013.

(Der Text erschien auf Energlobe.de und wurde EURACTIV.de zur Verfügung gestellt.)

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