Die Erdgasförderung „Fracking“ ist umstritten – auch im Europaparlament. Während der Industrieausschuss die Erkundung der Schiefergas- und Schieferölressourcen in Europa vorantreiben will, fordert der Umweltausschuss dafür strengere Umweltschutzauflagen.
Im Europaparlament wird derzeit darüber gestritten, ob sich der Schiefergasboom in den USA auch in Europa fortsetzen sollte. Der Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie verabschiedete am 18. September einen Bericht, der auf die Vorteile der Schiefergasförderung und ihre Bedeutung für Energiesicherheit in Europa hinweist. Tags darauf nahmen die Abgeordneten des Umweltausschusses einen separat ausgearbeiteten Bericht an, der die EU-Kommission und staatliche Behörden auffordert, mögliche Gefahren der Schiefergasförderung genau zu prüfen.
Im Oktober werden die EU-Abgeordneten im Plenum über die Berichte der beiden Ausschüsse abstimmen. Beide Initiativberichte sind allerdings nicht Teil eines Gesetzgebungsprozesses und somit nicht rechtlich bindend.
Gebot in Deutschland, Verbot in Frankreich
Der Umgang mit dem Hydraulic Fracturing (Fracking) ist in Europa sehr umstritten. Einige EU-Staaten – Polen, Österreich, Deutschland, die Niederlande, Schweden, Großbritannien – haben bereits Probebohrungen bewilligt. Andere Staaten wie Frankreich, Rumänien und Bulgarien haben sich gegen den Abbau von Schiefergas ausgesprochen. Frankreichs Präsident François Hollande hatte vorige Woche angeordnet, dass alle sieben Anträge auf Hydraulic Fracturing abgelehnt werden. Er begründete die Entscheidung damit dass "niemand, wirklich niemand" Risiken für Gesundheit und Umwelt ausschließen könne, die eine Förderung von unkonventionellem Erdgas und Erdöl in Schiefergestein mit sich bringen könne.
In Deutschland soll das "Fracking" dagegen nicht verboten werden. Zu diesem Schluss kam ein Anfang September vorgestelltes Gutachten des Umweltministeriums. Allerdings sollten Fracking-Vorhaben in Deutschland nur unter strengen Auflagen genehmigt und wissenschaftlich begleitetet werden (EURACTIV.de vom 6. September).
Riskante Förderung von Schiefergas
Um Schiefergas zu fördern, muss Wasser unter sehr hohem Druck in mehrere hundert Meter tiefe Bohrlöcher gepresst werden. Allein für die Bohrung werden rund 2,3 bis 4 Millionen Liter Wasser benötigt. Die anschließende Gasförderung schlägt mit weiteren 8 bis 14 Millionen Litern Wasser zu Buche. Da dem Bohrwasser Chemikalien zugesetzt werden, kann dabei auch Grundwasser verschmutzt werden. Misslingt das Abpumpen des Bohrwasser könnten auch anliegenden Seen und Flüsse verschmutzt werden. Wie bei Erdwärmebohrungen kann es auch zu lokalen Erdbeben kommen.
Reaktionen
"Wer Energiesicherheit ernst nimmt, darf keine Technik von vorne herein verdammen. Wir Europäer sollten zumindest vorurteilsfrei prüfen, ob die Schiefergastechnik machbar ist und unsere Abhängigkeit von Energieimporten reduzieren kann. Dass wir dabei keine Risiken für Umwelt und Gesundheit eingehen dürfen, ist vollkommen klar. Die USA sind dabei nicht unbedingt unser Vorbild", sagte der Herbert Reul, Mitglied des Industrieausschusses und Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament. Europa könne nur dann seine Energiesicherheit entscheidend steigern, wenn die Energiepotentiale länder- und regionenspezifisch bestmöglich genutzt werden. "Tabus darf es dabei keine geben", sagte Reul.
Reinhard Bütikofer, industriepolitischer Sprecher der Grünen und stellvertretender Vorsitzender seiner Fraktion im Europaparlament, kritisierte das Votum des Industrieausschusses, wonach das gegenwärtige europäische Regelwerk für Schiefergas ausreiche. Neue Studien seien nicht in die Abwägung einbezogen worden. Zudem müsse das europäische Regelwerk zu Schiefergas rasch um Umweltverträglichkeitsprüfungen ergänzt werden, forderte Bütikofer.
Nach der Abstimmung im Umweltausschuss über die Auswirkungen von Tätigkeiten zur Gewinnung von Schiefergas und Schieferöl, erklärte der SPD-Europaabgeordnete Jo Leinen, dass bei der Förderung "größte Vorsicht" geboten sei. "Wir brauchen strenge Auflagen, um den Schutz der Umwelt und Gesundheit zu garantieren", sagte Leinen. Daher sei eine Umweltverträglichkeitsprüfung vor jeglicher Bohrung notwendig. Durch die Förderung dürften keine negativen Auswirkungen auf die Boden- und Wasserqualität und dadurch auf die Gesundheit der Bürger entstehen. "Solange die Umwelt- und Klimafreundlichkeit dieser Technologie nicht gesichert ist, sollten die Mitgliedstaaten Genehmigungen zur Förderung von Schiefergas aussetzen", so Jo Leinen.
Michael Kaczmarek
Links
EURACTIV Brüssel: MEPs divided on whether EU should regulate shale gas (20. september 2012)
Dokumente
EU-Parlament: So funktioniert die Schiefergasförderung (19. September 2012)
Élysée: Discours du Président de la République à l’occasion de la Conférence environnementale (14. September 2012)
BMU und UBA: Fracking nur mit strengen Auflagen zulassen (6. September 2012)
UBA: Stellungnahme zur Schiefergasförderung in Deutschland (Dezember 2011)
NABU: NABU warnt vor Risiken beim Fracking (6. September 2012)
EU-Kommission: Fahrplan für den Übergang zu einer wettbewerbsfähigen CO2-armen Wirtschaft bis 2050 (8. März 2011)
Zum Thema auf EURACTIV.de
Yellow Paper: Hydraulic Fracturing (Juni 2012)
Hollande: Aus für AKW Fessenheim und Fracking (17. September 2012)
Neues Umweltgutachten: Kein Verbot von Fracking (6. September 2012)
Oettinger: Gas-Fracking kann weitergehen (30. Januar 2012)

