EU-Kommission: Kein Fracking-Dorado in Europa

Könnte so das Energieparadies der Zukunft aussehen? In Europa wenig wahrscheinlich, sagt die EU-Kommission. Foto: dpa

Während Schiefergas in den USA als die Energiequelle der Zukunft gesehen wird, ist die EU beim Thema Fracking noch immer tief gespalten. Seitens der EU-Kommission heißt es nun: Schiefergas führe nicht zwangsläufig zu niedrigeren Energiepreisen.

In den USA gilt Fracking als Wendepunkt in der Energiegewinnung. Zuletzt waren die amerikanischen Energiepreise so niedrig wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. In der EU seien die Fracking-Bedingungen jedoch anders, sagte Robin Miege, Direktor für Strategiefragen in der Generaldirektion Umwelt der EU-Kommission. Eine ähnliche Entwicklung der Energiepreise in der EU sei daher nicht zwangsläufig zu erwarten.

"Die Effekte einer möglichen zukünftigen Schiefergasproduktion in Europa auf die Energiepreise müssen noch ermittelt werden", sagte Miege auf einer Konferenz zur Luftqualität Ende letzter Woche in Brüssel. Eventuelle Preisrückgänge würden vermutlich deutlich geringer ausfallen, als zunächst angenommen.

Positive Effekte durch die Produktion von europäischem Schiefergas seien eher in anderen Bereichen zu erwarten, sagte Miege. So seien eine Diversifizierung des europäischen Energiemixes und eine größere Energiesicherheit denkbar. Auch Neuverhandlungen mit den wichtigsten Gaslieferanten seien möglich. Aber: "Der Effekt auf die Energiepreise ist nicht zwingendermaßen ein wesentlicher."

Von Polen beherrschte Konsultation

Die Debatte über unkonventionelle Wege zur Gewinnung fossiler Brennstoffe war zuletzt in der EU wieder neu entflammt, nachdem die europäischen Energiepreise zuletzt mehr als doppelt so hoch waren wie in den USA. Eine öffentliche Konsultation zu dem Thema, deren vorläufige Ergebnisse die Generaldirektion Umwelt am Freitag vergangener Woche vorstellte, zeigt: Mehr als die Hälfte der befragten Personen äußerten sich positiv zur Entwicklung von Fracking in Europa.

Die Interessengruppe Schiefergas Europa bezeichnete die Ergebnisse der Konsultation auf dem Kurznachrichtendienst Twitter als "ausgewogen […] im Hinblick auf die Entwicklung unkonventioneller Energiequellen". Dabei gingen mehr als die Hälfte der Antworten aus Polen ein (11.714 von insgesamt 22.122) – zumeist sehr positive. Polen hofft, seine Abhängigkeit von russischen Gasimporten durch die Entwicklung nichtkonventioneller fossiler Energieträger zu senken.

Antoine Simon, Aktivist bei Friends of the Earth Europe im Bereich mineralölgewinnender Industrien, bezeichnete die Ergebnisse daher als "einseitige Darstellung der europäischen Einstellung gegenüber Schiefergas". Bei einer Gewichtung der Ergebnisse nach Nationalitäten, würden sich etwa 60 Prozent der Befragten gegen den Abbau von Schiefergas in Europa aussprechen, so Simon. "Wenn man bedenkt, dass die meisten Antworten aus Polen kommen, sind die Ergebnisse dennoch nicht besonders wohlwollend gegenüber Fracking ", sagte Simon.

Den Großteil der Antworten erhielt die Kommission von Privatpersonen. Aber auch andere Stakeholder aus Unternehmen, NGOs, Industrieverbänden und Regierungsstellen beteiligten sich an der Konsultation. Bei der Präsentation der Ergebnisse hieß es: "Eine große Mehrheit der Befragten wies auf die unklare Rechtslage beim Fracking hin sowie die geringe öffentliche Akzeptanz für unkonventionelle fossile Brennstoffe. Zudem sprach sie sich für eine bessere Information der Öffentlichkeit aus."

Wirtschaftliche Hoffnungen vs. wissenschaftliche Zweifel

Vermeidung der zunehmenden Abhängigkeit von Energieimporten und Stärkung der Verhandlungsposition der EU mit externen Energielieferanten – dies waren für einen Großteil der Befragten die wichtigsten positiven Effekte der Schiefergasproduktion. Zudem zeigten sich mehr als 50 Prozent überzeugt, Schiefergas würde die Energiepreise für den Verbraucher senken.

Zahlreiche Untersuchungen zu möglichen Effekten sind jedoch vorsichtiger. Eine Studie der International Energy Agency ergab, dass die Kosten für unkonventionelle Formen der Gasförderung in Europa wahrscheinlich doppelt so hoch seien wie in den USA. Hinzukommen wesentliche geologische und geographische Unterschiede zwischen den USA und Europa. So weist Europa eine deutlich höhere Bevölkerungsdichte auf. Schließlich ist die Infrastruktur für Gasförderung in einigen Staaten weniger weit entwickelt. Wie EURACTIV berichtete, gibt es zudem Zweifel daran, ob die amerikanischen Gaspreise langfristig niedrig bleiben.

Trotz dieser Einwände sind die Fracking-Befürworter in Großbritannien überzeugt, dass der Abbau unkonventioneller Energiereserven zu niedrigeren Energiepreisen führen wird. In Großbritannien war zuletzt ein Bohr-Moratorium wieder aufgehoben worden.

"Eine umfangreiche Verwertung britischen Schiefergases in ganz Europa könnte helfen, dass wir den globalen Preisschwankungen fossiler Energieträger weniger ausgesetzt sind. Dies könnte zu einer Stabilisierung der britischen Energiekosten beitragen – ein Gewinn für private Haushalte und Unternehmen", schreibt Christopher Pincher, Abgeordneter der regierenden Conservative Party in einem Partei-Blog.

Schiefergas-Reserven überhaupt nutzbar?

Auf der Konferenz vergangenen Donnerstag machte Robin Miege jedoch darauf aufmerksam, dass in einigen Fällen die anfänglich optimistischen Einschätzungen zu Fracking wieder nach unten korrigiert werden mussten. Gerade bei der Frage, wie groß die nutzbaren Schiefergasvorkommen in Europa seien, herrsche Unsicherheit.

"Im besten Fall kann europäisches Schiefergas gerade einmal die Rückgänge unserer eigenen konventionellen Energiequellen ausgleichen. Es wird Europa nicht autark machen", sagte Miege. "Weitere Erkundungen sind nötig, um das Level der Reserven zu bestimmen. Dies trifft jedoch auf öffentlichen Widerstand. Wir befinden uns also in einer Zwickmühle."

Diejenigen Unternehmen, die auf satte Gewinne durch Fracking und die dafür nötigen Konzessionen hoffen, halten die Schätzungen zu den Reserven hoch. Zuletzt meldete die britische IGas, sie könne mit ihren derzeitigen Konzessionen bis zu 170 Billionen Kubikfuß Schiefergas in Cheshire, Nordengland, gewinnen. Damit war die Schätzung zwanzig Mal höher als die ursprünglich genannten 9 Billionen Kubikfuß.

"Allein die Schätzungen für unser Gebiet könnten bedeuten, dass Großbritannien für einen Zeitraum von 10 bis 15 Jahren keine Gasimporte mehr benötigt", sagte IGas-Vorstandsvorsitzender Andrew Austin in einem Statement am 3. Juni. Weitere Bohrungen des Unternehmens innerhalb dieses Jahres sollen bei der Frage nach der genauen Menge des abbaubaren Gases Klarheit schaffen.

EURACTIV.com

Links

EURACTIV Brüssel: EU official: shale gas el dorado out of Europe’s reach (11. Juni 2013)

Europäischer Rat: Beschlussfassung (22. Mai 2013)

Europäische Kommission/Europäisches Parlament: Impacts of shale gas and shale oil extraction on the environment and human health (Juni 2011)

Europäische Kommission
: Philippe & Partners – Final report on unconventional gas in Europe (8. November 2012)

Post Carbon Institute
: Drill, Baby Drill

Energy Policy Forum: Shale and Wall Street – Was the decline in natural gas prices orchestrated? (Februar 2013)

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