Erneuerbare Energien und Smart Grids als Chance für Regionen

Die dänische Insel Samsö versorgt sich vollständig mit Erneuerbaren Energien (Wind, Sonne, Biomasse). Ein Vorbild für Europas Regionen? Foto: EC.

Regionen können von der Energiewende profitieren, wenn die nötige Infrastruktur vorhanden ist. Wie ein EURACTIV.de-Workshop in Kooperation mit GE Energy und der Versammlung der Regionen Europas in Berlin zeigte, bereitet die Transformation des Energiesystems einige Schwierigkeiten. Es fehlt an intelligenten Stromzählern, Investitionsanreizen und gesellschaftlicher Akzeptanz für den Netzausbau.

Der Umstieg auf Erneuerbare Energien bietet Europas Regionen große Chancen. Regionale Unternehmen und Privatleute können die Energieerzeugung selbst in die Hand nehmen, Arbeitsplätze vor Ort schaffen und sich aus Abhängigkeiten einer zentralisierten Versorgung lösen. Werden immer mehr Verbraucher selbst zu Energieerzeugern, steigert das die regionale Wertschöpfung.

Als Grundvoraussetzung für eine dezentralisierte, CO2-arme Stromversorgung gelten intelligente Netze ("Smart Grids"). Die Idee: Mit moderner Informationstechnik werden Stromerzeuger, Speicher, Verbraucher und Stromnetz so miteinander verbunden, dass sich Angebotsschwankungen bei den Erneuerbaren ausgleichen lassen. In der Vision passt sich die Energienachfrage stärker an das Angebot an. Verbraucher beziehen nicht nur Strom, sondern speichern ihn auch und geben ihn wieder ans Netz ab – etwa über die Batterie ihres Elektroautos.

Intelligente Stromzähler

Erster Vorbote der Smart Grids sind intelligente Stromzähler ("Smart Meter"). Damit können Kunden ihr Verbrauchsverhalten nachvollziehen und an Preise anpassen, die sich nach dem Stromangebot richten. Sie wissen zudem, wie sich der Stromverbrauch verändert, sobald sie bestimmte Geräte an- oder abschalten – was zu mehr Effizienz führen soll.

Zwar erheben nationale und europäische Energiestrategien intelligente Netze zur Priorität, in der Realität bleiben allerdings eine Reihe ökonomischer und regulatorischer Fragen offen.

Der EURACTIV.de Stakeholder-Workshop "Erneuerbare Energie und Smart Grids: Lösung für Regionen?" in Zusammenarbeit mit der Versammlung der Regionen Europas (VRE) und General Electric Energy zeigte Hürden und Chancen der Smart Grid-Revolution.

Auf Blogactiv sind Interessierte eingeladen, die Diskussion weiterzuführen.

VRE – Chancen der Dezentralisierung

" /Klaus Klipp, Generalsekretär der Versammlung der Regionen Europas (VRE), hob die Chancen der Erneuerbaren für die Menschen vor Ort hervor. Regionen könnten auf neue, gut bezahlte Arbeitsplätze hoffen, wenn sich ein dezentrales System der Energieerzeugung durchsetzt. Technologien wie die Geothermie, die Biomasse und die Photovoltaik seien oft sehr kleinräumig konzipiert. Die VRE folge in der Energie- und Klimafrage dem Motto: "Think Global, Act Regional". In einer Umfrage betonen die Mitglieder des VRE die große Bedeutung der Energiefrage.

Klipp machte deutlich, welche Kräfte Dezentralisierungen prinzipiell frei setzen können. Einer Studie zufolge gebe es etwa dort mehr Patente pro Einwohner, wo Regionen selbst für Universitäten, Forschung und Entwicklung zuständig seien. Ihm gehe es bei der Frage der Dezentralisierung nicht um Kompetenzstreitigkeiten, sondern darum, das Engagement der Menschen freizusetzen. Schon heute zeige ein Blick auf die Energielösungen in Europas Regionen eine ungeheure Vielfalt an Ideen.

Der Umstieg auf Erneuerbare sei schließlich auch eine Frage der Unabhängigkeit. "Wir beziehen heute Energie aus Staaten, die unsere Werte nicht teilen und sind von ihnen abhängig", so Klipp. Langfristig würden fossile Energieträger für die Verbraucher so teuer, dass der Umstieg auf Ökostrom auch eine soziale Frage sei.

Klipp bedauerte, dass Vertreter der Regionen nicht an der Smart Grids-Task Force der EU-Kommission beteiligt sind.

EU-Kommission: Entwicklungen bündeln

" /Smart Grids spielen für Europa eine "zentrale Rolle", um die Klima- und Energieziele zu erreichen, so Barbara Steffner, Leiterin der Politischen Abteilung der Vertretung der EU-Kommission in Deutschland. Der Übergang zu einem intelligenten Netz sei im kommenden Jahrzehnt technisch möglich. Die Kommission hat neben einer Smart Grids-Taskforce eine Technologieplattform für intelligente Netze eingerichtet, an der sich auch die Netzbetreiber beteiligen. Die European Electricity Grid Initiative (EEGI) hat bereits eine Roadmap bis 2018 vorgelegt.

Neben mehr Verlässlichkeit und Effizienz in der Versorgung hätten Smart Grids den Vorteil, private Erzeuger einzubeziehen, so Steffner. Im Rahmen des SET-Plans unterstützt die EU die Erforschung von Smart-Grid-Technologien. In der Forschung sei man schon weit vorangekommen, so Steffner.

Während in den Regionen und Mitgliedsstaaten schon viel auf dem Gebiet der intelligenten Netze passiere, gehe es auf EU-Ebene nun darum, einheitliche technische Standards und Investitionsanreize für die Infrastruktur zu schaffen. "Wir müssen dafür sorgen, dass die Entwicklung bei den vielen regionalen und nationalen Einzelinitiativen nicht zu weit auseinandergeht", so Steffner mit Verweis auf den angestrebten europäischen Energiebinnenmarkt. Die Systeme in Europa müssten am Ende zusammenpassen (Interoperabilität). Zudem müssten Fachkräfte für die neuen Technologien ausgebildet werden.

Kommende Woche will die Kommission einen Energie-Infrastruktur-Paket vorlegen, in dem Smart Grids eine bedeutende Rolle einnehmen. Derzeit wird vor allem die Finanzierungsfrage in Brüssel diskutiert. Neben den Verbrauchern und Netzbetreibern könnte sich auch die öffentliche Hand an den Infrastruktur-Kosten beteiligen, so Steffner. EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat "innovative" Finanzierungsmechanismen angekündigt (EURACTIV.de vom 10. November 2010).

Barbara Steffner räumt auch der Datenschutzfrage große Bedeutung für die Einführung von Smart Grids ein. Die intelligenten Netze erlauben den Zugriff auf detaillierte Verbrauchsdaten. Künftig könnten Energieversorger beispielsweise verfolgen, wann in einem privaten Haushalt welches Gerät benutzt wird. Hier müsse es klare Regeln geben, um Ängsten in der Bevölkerung zu begegnen, so Steffner.

PIK: Gesellschaftliche Akzeptanz für den Netzausbau


" /Antonella Battaglini
, Wissenschaftlerin am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK), nahm zur Frage Stellung, welches Stromnetz für Europas kompletten Umstieg auf Ökostrom gebraucht wird. Nicht alle Regionen hätten die Möglichkeit, sich selbst mit Erneuerbaren zu versorgen. Diese Regionen seien auf den Stromtransport über große Entfernungen angewiesen. Hierfür brauche es auch Stromautobahnen (Super Grids). 

Gemeinsam mit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers und weiteren Forschungseinrichtungen hat das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung ein Szenario entworfen, in dem ein sogenanntes SuperSmart Grid (SSG) – eine Kombination aus Super Grid und Smart Grid-Technologien – Europas vollständigen Umstieg auf Erneuerbare Energien ermöglicht.

"Dadurch wäre sowohl für den in Elektrizitätswerken als auch dezentral erzeugten Strom ein effizientes Lasten- und Nachfragemanagement gewährleistet", heißt es in der Studie. "Small is beautiful, but big is also necessary", brachte Battaglini den Ansatz auf den Punkt.

Der Ausbau von Hoch- und Höchstspannungsleitungen trifft allerdings vielerorts auf Widerstände. Bürger protestieren gegen Stromautobahnen in der Nachbarschaft, die das Landschaftsbild prägen und den Wert von Immobilien mindern. Battaglini plädiert dafür, den Betroffenen vor Ort Angebote zu machen, auch um eine emotionale Verbundenheit zu erzeugen. Wenn Kommunen und Verbraucher selbst in die Stromproduktion einsteigen und Nutznießer der Stromautobahnen werden, sei der Netzausbau besser vermittelbar.

Im Rahmen der Renewables-Grid-Initative (RGI) wirbt Battaglini gemeinsam mit Netzbetreibern und Umweltverbänden für die gesellschaftliche Akzeptanz der Netzinfrastruktur. 

Grüne: Jahrzehntelange Versäumnisse


" /Die treibende Kraft für die erneuerbaren Energien seien von Anfang an die Regionen gewesen, sagte Hans-Josef Fell, Energiesprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. Weil sich Menschen vor Ort zusammengetan hätten, gäbe es heute zum Beispiel in Bayern rund 120 Solarinitiativen und mehr Solaranlagen als in Japan und den USA zusammen. "Es gibt Kreise und Kommunen in Deutschland, die den vollständigen Umstieg auf Erneuerbare längst beschlossen haben; hier ist man viel weiter als in Berlin."

Fell erinnerte an frühere Fehleinschätzungen. Den Anteil der Erneuerbaren von 17 Prozent am deutschen Strommix im Jahr 2009 hätten die meisten Experten für unvorstellbar gehalten, als vor 2000 das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Kraft trat.

Es sei gut, wenn der Gedanke der Dezentralität nun endlich auch auf Bundesebene ankomme, so Fell. Allerdings hätten Politiker und Energiekonzerne in Deutschland die Entwicklung jahrzehntelang blockiert. "Wir diskutieren seit 15 Jahren über intelligente Netze, und ständig wird gebremst."

Die Integration der Erneuerbaren könnte viel schneller vorankommen, wenn der Wille da wäre. "Ich werde wütend, wenn ich dauernd höre, Energie aus Sonne und Wind könne nicht richtig zwischengespeichert werden", so Fell. Es gebe längst die technischen Möglichkeiten. 

Fell verwies auf die Vorreiterrolle des Stadtwerks Haßfurt (Bayern). Der kommunale Versorger stattet rund 10.000 Haushalte kostenlos mit intelligenten Stromzählern aus. Bis 2012 soll das Projekt umgesetzt sein. Fell zählte die Vorteile auf. Das Stadtwerk spare sich die Kosten für das Ablesen der herkömmlichen Stromzähler, die Stromrechnungen seien "in 20 Minuten gemacht".

Die Daten der Zähler ermöglichten es dem Versorger, Blockheizkraftwerke optimal zuzuschalten, wenn es zu Angebotstälern bei der Sonnen- und Windenergie kommt. Zusätzlich könne man Batterien als Speicher in die Keller stellen und intelligent einsetzen.

Er könne regionalen Entscheidern nur raten, die Energiefrage selbst anzugehen und in Erneuerbare zu investieren, so Fell. Zugleich warnte er die Bundesregierung und die EU-Ebene, die dezentrale Energiegewinnung mit bürokratischen Hürden zu behindern. Der schwarz-gelben Koalition warf Fell vor, den Umstieg auf die Erneuerbaren mit der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke auszubremsen.

GE: Trend zur Regionalisierung

" /Rainer Bröring, Geschäftsführer des Windbereichs von General Electric in Deutschland, bestätigte den Trend zur Regionalisierung des Energiesektors. Zunehmend seien Stadtwerke Kunden von GE. Herausforderung sei vielerorts die Flexibilität des konventionellen Kraftwerksparks. Dessen Leistung müsse sich schnell an Angebotsschwankungen bei den Erneuerbaren anpassen lassen.

GE entwickelt zum Beispiel Technologien, um Windstärken zu prognostizieren und die Leistung von Gaskraftwerken entsprechend schnell zu regulieren. Zudem setzt man auf Netzmanagement-Systeme.

E.ON: Herausforderung Solarboom 


" /Joachim Lang
, Leiter der Berlin-Repräsentanz der E.ON AG, schilderte die Transformation des Energiesystems aus Sicht eines der großen deutschen Versorger. "Als ländlich und regional geprägter Flächenversorger gehören wir zu den Ersten, die den Erfolg der Erneuerbaren spüren", so Lang.

Der Anteil der Erneuerbaren Energien in den Stromnetzen der E.ON-Netzbetreiber liege bei rund 45 Prozent. Der Trend zum Ausbau von erneuerbaren und dezentralen Energien werde sich weiter fortsetzen und die Stromnetze vor immer größere Herausforderungen stellen. E.ON ist vor allem in Bayern mit einem raschen Wachstum der Solarenergie konfrontiert. Wurden in Bayern 2007 rund 10.000 neue Solaranlagen angeschlossen, waren es 2008 rund 17.000 und 2009 bereits mehr als 35.000.

"Wir haben eine völlige Umkehr dessen, was Stromnetze können müssen", so Lang. "Leitungen waren bisher Einbahnstraßen, durch die Dezentralisierung müssen wir die Möglichkeiten schaffen, Strom von vielen Erzeugern einzuspeisen." Die regionalen Mittelspannungsnetze seien in den vergangenen Jahrzehnten nicht zur Aufnahme dieser großen Strommengen auf den nachgelagerten Spannungsebenen konzipiert worden. E.ON Bayern müsse in den kommenden fünf Jahren etwa 15 neue Umspannwerke, jeweils rund 2.000 km neue Mittel- und Niederspannungsleitungen, rund 2.500 neue Ortsstationen und rund 5.000 neue Ortsnetztrafowechsel investieren. 

Lang forderte bessere Investitionsbedingungen für die Energieinfrastruktur. Unabdingbar sei, dass eine stärkere Fokussierung des Regulierungsrahmens auf Innovationsanreize vorgenommen werde.

BMU: Intelligente Stromzähler fehlen


" /Franzjosef Schafhausen
, Ministerialdirigent im Bundesumweltministerium (BMU), erläuterte die Smart Grid-Herausforderung am jüngst verabschiedeten Energiekonzept der Bundesregierung. Die "ambitionierten" Ziele für den Ausbau der Erneuerbaren seien ohne einen massiven Ausbau der Energie-Infrastruktur nicht zu erreichen. Die Bundesregierung strebt bis 2050 einen Anteil der Erneuerbaren am Strommix von 80 Prozent an. Smart Grids seien nicht das Patentrezept, so Schafhausen. Hoch- und Höchstspannungsleitungen sowie Speichertechnologien seien ebenso von entscheidender Bedeutung. 

Man dürfe nicht den Fehler machen, Erneuerbare nur als dezentral zu beschreiben, so Schafhausen. Offshore-Windparks in der Nord- und Ostsee seien eine Form zentralisierter Energiegewinnung. Stromautobahnen müssten sie mit den Verbrauchszentren im Süden verbinden.

In der Frage der Smart Grids wies Schafhausen auf den Mangel an intelligenten Stromzählern hin. "Wir haben für intelligente Netze die Voraussetzungen nicht, die Smart Meter sind nicht da", so Schafhausen. In der Vorgängerregierung habe man bei diesem Thema auf Freiwilligkeit gesetzt, freilich ohne den gewünschten Erfolg. Pilotprojekte hätten nicht funktioniert, beispielsweise seien im Ruhrgebiet statt geplanter 100.000 nur 17.000 Smart Meter installiert worden. "Unser Ziel ist aber die flächendeckende Ausstattung mit intelligenten Zählern."

Die Zeit drängt, im Energiekonzept heißt es: "Lastvariable Tarife müssen ab 2011 angeboten werden." Bei den hierfür benötigten intelligenten Stromzählern gebe es große technische Unsicherheiten, so Schafhausen. Am Markt gebe es eine Vielzahl unterschiedlicher Geräte und Standards. "Wir brauchen eine klare Entscheidung für ein Grundgerät." Die Energieversorger verlangten einen technischen Standard, der mit einer USB-Schnittstelle vergleichbar sei. Hier sei die EU-Ebene gefragt.

Bei der Finanzierung der Zähler kann sich Schafhausen vorstellen, die Kosten über die Netzentgelte an die Verbraucher weiterzugeben. Die Geräte seien heute mit Blick auf vergleichbare Produkte wie Laptops noch viel zu teuer.

awr

Links

VRE: Internetseite

VRE: Energiepolitik

VRE: Sustainable Energy Policies in European Regions

BlogActiv: Responsible Energy For European Regions

General Electric Deutschland: Intenetseite

PIK: Europa könnte bis 2050 komplett mit Strom aus Erneuerbaren Quellen versorgt werden (29. März 2010)
_______________

EU-Kommission: SmartGrids Technology Platform

EU-Kommission: Smart Grids Task force

The European Electricity Grid Initiative (EEGI): Roadmap 2010-18
and Detailed Implementation Plan 2010-12

Bundesregierung: Energiekonzept 2050

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