Energiewende: Die Netzausbauer und ihre Kritiker

Bezahlbar, sicher, ökologisch soll die Energieunion sein.

3.800 Kilometer neue Stromnetze braucht das Land, um die Energiewende bis 2022 zu meistern. Die Pläne der Netzbetreiber gehen den Umweltverbänden allerdings deutlich zu weit. Einige Kritiker haben Alternativvorschläge zu den geplanten Stromkorridoren von Nord nach Süd und fordern beim Netzausbau mehr Mitsprache und weniger Zentralismus.

Die Geschäftsführer der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) haben am Mittwoch (30. Mai) den Netzentwicklungsplan (NEP) 2012 in Berlin vorgestellt. Der Entwurf wird nun in einer öffentlichen Konsultationsphase beraten und kann daher noch abgeändert werden. Der endgültige Netzentwicklungsplan stellt dann die Basis für den Bundesbedarfsplan dar. Darin wird der Netzausbau für die kommenden Jahre festgelegt.

Der NEP wurde von den Netzbetreibern Amprion, TenneT, 50Hertz und TransnetBW im Auftrag der Bundesregierung erstellt. Die Unternehmen kommen darin zu dem Schluss, dass geschätzte 3.800 Kilometer an neuen Stromleitungen notwendig sind, um die Pläne der Bundesregierung für die Energiewende zu erreichen. Zusätzlich müssten 4.400 Kilometer des bestehenden Netzes optimiert werden, damit der Einspeisung der Erneuerbaren Energien gelingen kann.

Der Netzentwicklungsplan dient der Planung eines Übertragungsnetzes an Land. Nicht enthalten sind Pläne für Offshore-Verbindungen, die die Windparks in der Nord- und Ostsee mit dem Festland verbinden. Auch ist im NEP nicht festgelegt, wo die notwendigen neuen Gas- oder Kohlekraftwerke und die Anlagen für die Erneuerbaren Energien aufgebaut werden sollten.

Vier Stromautobahnen

Um die windreichen Energieerzeugungsgebiete im Norden mit den Industriestandorten und bevölkerungsstarken Verbrauchszentren im Süden zu verbinden, müssten 2.100 Kilometer Stromautobahnen, sogenannte HGÜ-Leitungen errichtet werden. Diese neuartigen Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen dienen dem Stromtransport über größere Entfernungen. Allerdings werden im NEP lediglich die Anfangs-und Endpunkte der vier geplanten Stromautobahnen von Nord nach Süd festgelegt. Sie sollen von Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt über hunderte von Kilometern nach Baden-Württemberg und Bayern führen. Der genaue Verlauf der Trassen steht noch nicht fest, da bei diesem Punkt mit intensiven politischen Debatten und möglichen Anwohnerprotesten zu rechnen ist.

Geplant sind außerdem 1.700 Kilometer neue Wechselstrom-Trassen und 1.300 Kilometer Verstärkungen bei bestehenden Trassen. Der grobe Verlauf der vier Stromautobahnen lässt sich der Grafik entnehmen.

Geplante Trassen

HGÜ-Leitungen im  Netzentwicklungsplan

Die Kosten

Die Kosten für den Netzausbau werden von den Netzbetreibern auf 20 Milliarden Euro geschätzt. Laut Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) müsse diese Summe aber im Zusammenhang mit den positiven Effekten aus den Investitionen betrachtet werden. Demnach würde eine Verzögerung des Netzausbaus wesentlich teurer werden. Ob es bei den veranschlagten Kosten bleibt, ist aber ungewiss. So wurden beispielsweise keine Mehrkosten für Erdkabel einkalkuliert, die erforderlich werden könnten, falls betroffene Anwohner unzumutbare Beeinträchtigungen durch neue Stromtrassen geltend machen. Das Verlegen der Erdkabel kostet nach Expertenangaben allerdings das zwei- bis achtfache im Vergleich zu Freileitungen . Außerdem sind die Kosten für die Anbindung der Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee nicht enthalten, da diese im NEP nicht erfasst werden.

Boris Schucht, Geschäftsführer des Netzbetreibers 50Hertz, rechnet damit, dass der Anteil der Netzkosten an den Strompreisen für Verbraucher nur leicht steigen wird. Derzeit liegt dieser Anteil bei etwa vier Prozent und könnte künftig etwas über fünf Prozent betragen.

Öffentliche Konsultation im Schnellverfahren

Wichtiger noch als die Frage der Finanzierung sei die Akzeptanz des Netzausbaus, sagte Rainer Joswig, Hauptgeschäftsführer von TransnetBW auf der Pressekonferenz in Berlin. "Die Umsetzung des Netzausbaus wird das Tempo der Energiewende bestimmen", fügt Martin Fuchs, Geschäftsführer von TenneT hinzu.

Die Konsultationen laufen bis zum 10. Juli. Damit haben die Öffentlichkeit und nachgelagerte Netzbetreiber lediglich sechs Wochen Zeit, Stellungnahmen und Änderungsvorschläge in den NEP einzubringen. Verantwortlich für die Konsultationen sind die Netzbetreiber. Sie werden auf Grundlage der Konsultationen der Bundesnetzagentur ab der zweiten Augusthälfte einen zweiten Entwurf vorlegen. Dabei wird auch eine Umweltverträglichkeitsprüfung erstellt. Die Öffentlichkeit kann danach zu dem finalen Entwurf noch ein weiteres Mal für acht Wochen Stellung beziehen. Danach bestätigt die Bundesnetzagentur den NEP 2012 endgültig.

"Ein übereiltes Verfahren, bei dem die Bedenken der Öffentlichkeit als Bremsklotz der Energiewende abgestempelt werden, ist nicht akzeptabel", so Leif Miller, Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbund Deutschland (NABU). Er fordert von den Netzbetreibern und der Bundesnetzagentur eine transparente Darstellung, wie mit Umweltverbänden und betroffenen Regionen umgegangen wird. Neue Stromtrassen würden eine enorme Veränderung für die Lebensräume gefährdeter Tier-und Pflanzenarten bedeuten, so Miller.

Optimierung vor Neubau

Im NEP ist vorgesehen, dass die Netzoptimierung Vorrang erhält vor Netzneubauten. Auch sollen bestehende Bahntrassen als Routen genutzt werden, um Beeinträchtigung zu minimieren.

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hält die geplanten 3.800 Kilometer an Neuleitungen nicht für alternativlos. Es sollte vielmehr intensiver über einen weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien in den Verbraucherländern im Südwesten nachgedacht werden. "Im Rahmen der nun folgenden öffentlichen Konsultation müssen Netzbetreiber und die Bundesnetzagentur ernsthaft prüfen, wie das Ausmaß insbesondere der neu geplanten Stromtrassen weiter begrenzt werden kann", so NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller.

Auch der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) hält es für notwendig den im Entwurf vorgesehenen Ausbaubedarf genau zu überprüfen. "Je mehr regenerative Kraftwerkskapazitäten wir in den einzelnen Regionen haben, desto geringer fällt der Bedarf an Fernübertragungsleitungen aus. Hier sind insbesondere die südlichen Bundesländer gefragt, ihren Rückstand bei der Windenergie aufzuholen", fordert BEE- Präsident Dietmar Schütz.

Ulrich Kelber, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, erklärte gegenüber EURACTIV.de, dass er dem Netzausbau ebenfalls skeptisch gegenübersteht. "Nicht besonders innovativ" finde er die Verbindung der Windkraft-Anlagen im Norden mit dem Süden.

Kompetenzgerangel

Um den bisher schleppenden Ausbau der Stromnetze voranzubringen, hatte die Bundesregierung 2011 das Netzausbaubeschleunigungsgesetz (NABEG) auf den Weg gebracht. Damit soll der "Flickenteppich" bei den Genehmigungsverfahren der Länder abgeschafft werden. Die Bundesregierung will mit dem Gesetz die Entbürokratisierung vorantreiben und die Genehmigungsverfahren vereinfachen. Allerdings wurde dem Bund daraufhin vorgeworfen, übermäßig in den Kompetenzbereich der Länder einzugreifen. Die Netzbetreiber teilen diese Vorwürfe nicht. Der Bund solle vielmehr die "Harmonisierung vorantreiben", wie Klaus Kleinkorte, Mitglied der Geschäftsführung von Amprion am Mittwoch in Berlin erklärte. Die Bundesnetzagentur müsse dabei als Mediator zwischen Bund und Ländern agieren.

SPD und Grüne fordern die Errichtung einer bundesweiten Stromnetz AG, wobei der Bund die komplette Entscheidungskompetenz erhalten sollte, forderte der SPD-Umweltpolitiker Kelber gegenüber EURACTIV.de. Zumindest bei TenneT und TransnetBW sei die Bereitschaft dazu vorhanden, so Kelber.

Die Europäische Vereinigung für Erneuerbare Energien e.V. (EUROSOLAR) hingegen kritisiert die Netzausbaupläne scharf. Diese dienten dazu, "genau diejenigen Versorgungs- und Machtstrukturen zu bewahren und sogar auszubauen, die durch den dezentralen Ausbau der Erneuerbaren Energien in den vergangenen Jahren zurückgedrängt worden sind", heißt es in der Pressemitteilung vom 30. Mai.

Die Raumordnung einiger Bundesländer, wie Nordrhein-Westphalen, oder Rheinland-Pfalz erlaubten einen effizienteren Ausbau der regenerativen Strompotentiale. Falls diese Potenziale ausgeschöpft würden, wäre der Bundesnetzplan obsolet. "Der nun vorliegende Entwurf des nationalen Netzentwicklungsplans ist unter einer falschen Prämisse entstanden. Denn das Ziel ist eben nicht die Wahrung der privatwirtschaftlichen Interessen von Stromkonzernen und Übertragungsnetzbetreibern, sondern eine erfolgreiche Energiewende. Nun liegt es an den betroffenen Bundesländern, eine Revision des Netzentwicklungsplans einzufordern", schlussfolgert Irm Scheer-Pontenagel, Geschäftsführerin von EUROSOLAR.

Szenario B 2022

Die Netzbetreiber haben im ersten Entwurf des NEP drei verschiedene Szenarien für das Jahr 2022 durchgerechnet. Den Szenarien liegt jeweils ein unterschiedlicher Anteil der erneuerbaren Energien und der Stromerzeugung aus Gas- und Steinkohlekraftwerken zugrunde. Die Netzbetreiber selbst erachten das Szenario B am wahrscheinlichsten: "Es ist von einem höheren Anteil an erneuerbaren Energien (EE) gekennzeichnet. Darüber hinaus wird ein Anstieg der Stromerzeugung aus Gaskraftwerken prognostiziert, um die notwendige Flexibilität im elektrischen System zu wahren. Zusätzlich würde die Energieversorgungssicherheit durch einen diversifizierten Energiemix gestärkt werden."

Zeitplan

Die HGÜ-Leitungen sollten spätestens bis zur Stilllegung der Atommeiler in Süddeutschland abgeschlossen sein. Die Trasse durch Thüringen nach Bayern soll daher bereits 2015 in Betreib genommen werden. Bis spätestens 2019 müssten die restlichen Stromautobahnen fertiggestellt sein, um die Versorgungssicherheit nicht zu gefährden. Die Netzbetreiber zeigen sich optimistisch, dass mit dem NEP alle energiepolitischen Ziele der Bundesregierung bis 2022 erreicht werden können. 

Andreas Klinger

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