Ende des Monats befindet das Shah-Deniz-Konsortium über den Südlichen Gaskorridor, das größte europäische Infrastrukturprojekt der letzten Jahre. Im Endspiel“ Nabucco-TAP sollte die deutsche Regierung ihre strikte Neutralität aufgeben, findet Friedbert Pflüger.
Der Autor
Dr. Friedbert Pflüger ist Professor und Direktor des European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) am Londoner King’s College. Zuvor war er fast zwanzig Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestages und wurde als Parlamentarischer Staatssekretär des Verteidigungsministeriums in die erste Merkel-Regierung berufen. Pflüger berät die albanische Regierung in Fragen der Energiepolitik.
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Wir kennen das Bild von vielen Tour-de-France-Etappen: Ein schlanker Sprinter taucht in letzter Sekunde aus dem Windschatten auf und gewinnt vor dem lange Führenden.
Ähnlich könnte es laufen, wenn das Shah-Deniz-Konsortium Ende dieses Monats über den Südlichen Gaskorridor, das größte europäische Infrastrukturprojekt der letzten Jahre, befindet.
Die Lieferung von Erdgas aus dem aserbaidschanischen Shah-Deniz-II-Feld nach Europa über eines der konkurrierenden Pipeline-Projekte Nabucco West oder Trans Adriatic Pipeline (TAP) soll einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung und Diversifizierung der europäischen Energieversorgung leisten.
"Nabucco" galt seit seiner Gründung im Jahr 2002 quasi als Synonym für Diversifizierung der Gasversorgung. Die EU sah in Nabucco die Chance, die Abhängigkeit von Gaslieferungen aus Russland zu verringern.
Während Nabucco jedoch Rückschläge (Überdimensionierung sowie Ausstieg von RWE und MOL) hinnehmen musste, konnte sich TAP vor allem durch sein solides Geschäftsmodell und seine Flexibilität im "Windschatten" Nabuccos immer besser positionieren. TAP war von Beginn an nur für 10 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr ausgelegt; die Kapazität der Pipeline kann aber mittels Kompressoren relativ einfach und schnell auf das doppelte ausgeweitet werden.
Daneben kann auch nicht mehr argumentiert werden, dass nur Nabucco die Gasmärkte Südosteuropas versorgen könne. Europa hat inzwischen stark in interconnector-Pipelines zwischen einzelnen Ländern investiert. Weitere Milliarden-Investitionen sind geplant. Durch diese zusätzlichen Kapazitäten und die jetzt möglichen reverse flows ist TAP – das lange dafür kritisiert wurde, vor allem Westeuropa zu dienen – inzwischen nicht weniger als Nabucco geeignet, die Märkte Südosteuropas und des Balkans zu diversifizieren.
Albanien etwa positioniert sich inzwischen bereits vorsichtig nicht nur als potenzielles Transitland, sondern als möglicher "hub“ für die ganze Region.
Daneben würde TAP im krisengeschüttelten Griechenland durch Investitionen in Höhe von rund 1,5 Milliarden Euro für neue Jobs, Transit-Einnahmen und günstiges Gas sorgen – diese Aussichten werden inzwischen auch in Brüssel zur Kenntnis genommen.
Vielleicht sollte die Bundesregierung ihre bisher gewahrte strikte Neutralität aufgeben. Nach dem Rückzug von RWE aus dem Nabucco-Konsortium ist nur noch ein deutsches Unternehmen (E.ON) an einem der Konsortien (TAP) beteiligt. Läge es da nicht im deutschen Interesse, wenn Berlin sich in der letzte Phasevor der Entscheidung für TAP einsetzte?
Letztlich wird das "Endspiel“ Nabucco-TAP in erster Linie nach ökonomischen Kriterien in Aserbaidschan entschieden. Aber egal, wer als erster über die Ziellinie gehen wird – ein Sieger steht schon fest: Die EU-Kommission und Energiekommissar Günther Oettinger, die dem europäischen Ziel der Diversifizierung einen großen Schritt nähergekommen sind.

