Die sieben Gefahren für die Energiesicherheit

Pipelines drohen vielfältige Gefahren. Foto: Nabucco-pipeline.com

Terror, Krieg, Katastrophen, aber auch technische Fehler sind die wichtigsten Bedrohungen der Energiesicherheit. Wie ist diesen Gefahren zu begegnen?

Zur Person

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Prof. Dr. Friedbert Pflüger, Staatssekretär a. D., ist Direktor des European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) am King‘s College London und Fellow des Atlantic Council of the U.S. Er ist das für Energie zuständige Mitglied der Acatech Projektgruppe Resilien-Tech und Vorsitzender der AG Rohstoffe der Atlantikbrücke.

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1. Kriege, Krisen, Konflikte

Kriege, Krisen und Konflikte in den energieproduzierenden Ländern können zu Unterbrechungen der Förderung und Lieferung von Energie führen und die Weltwirtschaft beeinträchtigen. So hatten zum Beispiel die iranische Revolution von 1979, der erste Golfkrieg von 1990/91 oder das vollständige Erliegen der libyschen Ölproduktion in Folge des Befreiungskrieges 2011 zum Teil drastische Auswirkungen auf Lieferströme, Energiepreise und damit die wirtschaftliche Situation in den Importländern. Aber auch der Generalstreik im Venezuela von Hugo Chavez (2002) oder der Irakkrieg (2003) hatten gravierende Auswirkungen und trugen – im Zusammenwirken mit noch zu nennenden anderen Faktoren – dazu bei, dass der Ölpreis immer weiter stieg und im Juli 2008 auf über 140 Dollar pro Fass lag – und so zur folgenden Weltwirtschaftskrise erheblich beitrug.

2. Politische Erpressung

Politische Erpressung als Folge einer einseitigen Abhängigkeit von einem Energieproduzenten ist eine weitere Gefahr für eine ununterbrochene Energieversorgung zu bezahlbaren Preisen. Die Dominanz der russischen Gaslieferungen für Teile Europas, vor allem der mittel- und osteuropäischen Staaten, hat dazu geführt, dass die Gaspreise in hohem Maße nicht durch Angebot und Nachfrage, sondern politisch – je nach Wohlverhalten der jeweiligen Regierung – festgesetzt wurden.

Durch die Lieferunterbrechungen von russischem Gas an die Ukraine 2005/06 und 2009 wurden Versorgungskrisen in einigen mitteleuropäischen Ländern ausgelöst, deren Bedeutung allerdings von den Ängsten vor gravierenderen Machtdemonstrationen aus Russland übertroffen wurden.

Die beiden Gaskrisen, die nicht einseitig Moskau angelastet werden sollten, führten zu einer Intensivierung der europäischen Diskussion über Energiesicherheit und gaben den Überlegungen zu einer Diversifizierung der Versorgung durch Gas aus dem kaspischen Raum über den "südlichen Korridor" (Nabucco, TAP) neuen Auftrieb. Sie führten außerdem zum Beginn einer europäischen Energiepolitik mit einem eigenen Energiekommissar (Günther Oettinger).

3. Renationalisierung und Energieimperialismus

Eine drohende Renationalisierung, sogar Energieimperialismus sind heute reale Gefahren für das weitgehend auf Angebot und Nachfrage basierende weltweite Versorgungssystem. Über 80 Prozent der konventionellen Öl- und der konventionellen Erdgasreserven liegen heute in der Hand von staatlichen oder halbstaatlichen Energiekonzernen. Somit sind sie direkt oder indirekt abhängig von den politischen Führungen der jeweiligen Länder, die die machtpolitische Bedeutung der eigenen Rohstoffe sehr wohl einzuschätzen wissen.

Je knapper die Bodenschätze im Angesicht einer dramatisch wachsenden Weltbevölkerung und ihres Hungers nach Energie – der Weltverbrauch wird bis 2035 um ein Drittel ansteigen –, desto stärker wird die Verführung werden, die Reichtümer des eigenen Landes für nationalistische oder gar imperialistische Zwecke einzusetzen.

Die Entschiedenheit, mit der sich heute etwa China überall auf der Welt den Zugang zu Energie- und Rohstoffquellen sichert, gehört zu den großen geopolitischen Veränderungen im noch jungen 21. Jahrhundert.

4. Terroristische Angriffe

Terroristische Angriffe auf Energieinfrastrukturen, also auf die Routen der Öl- oder LNG-Tanker, auf Pipelines oder Förderanlagen können ebenfalls die Sicherheit der Versorgung zu bezahlbaren Preisen bedrohen. In Niger-Delta (Nigeria) sorgten Terroristen 2006 zu einer drastischen Rückführung der Ölförderung. Die Arish-Ashkelon-Pipeline zwischen Ägypten und Israel wurde im ersten Jahr nach dem Sturz von Mubarak 13 Mal von Terroristen angegriffen, mit dramatischen Auswirkungen auf die Energiesicherheit von Israel, das zu 40 Prozent, und Jordanien, das sogar zu 80 Prozent von ägyptischem Gas abhängig ist.

Erst im Januar 2013 griffen islamistische Terroristen die BP-Ölförderung in der algerischen Wüste an und entführten Mitarbeiter des Konzerns. Überall an den Meerengen – von der Straße von Malakka über die Straße von Hormuz bis zur Meerenge Bab El-Mandeb zwischen Yemen und Somalia lauern Terroristen und Piraten, nicht selten in enger Kooperation.

5. Cyber-Terrorismus

Cyber-Terrorismus gegen kritische Energieinfrastrukturen stellt eine wachsende und heute zumeist noch unterschätzte Gefahr für die Energiesicherheit dar. Frank Umbach hat kürzlich darauf hingewiesen, dass im US-Militärbereich heute an allen Ecken und Enden gespart werde, lediglich der Cyber Command im Pentagon von 900 auf 4900 Mitarbeiter aufgestockt wurde.

Präsident Barack Obama hat erst kürzlich darauf hingewiesen, dass die Feinde der USA versuchen würden, die Energieinfrastruktur, insbesondere die Stromnetze zu sabotieren. Der Chef des nationalen US-Geheimdienstes, James Clapper, hat ergänzt, dass solche Angriffe die größte aktuelle Bedrohung ("the most immediate threat") darstellten.

Was, wenn es durch Cyber-Angriff gelingt, die Kühlsysteme von Kernkraftwerken außer Gefecht zu setzen? Der Österreicher Marc Elsberg hat über die Gefahren des Cyber-Terrors gegen die Stromversorgung Europas im Jahre 2012 einen politischen Thriller geschrieben, den er beim Forum FAZ/Münchener Sicherheitskonferenz vorstellen wird.

6. Naturkatastrophen

Naturkatastrophen sind eine Gefahr für die Versorgungssicherheit, wie die Wirbelstürme Katrina und Rita im Jahr 2005 gezeigt haben. Die Stürme zerstörten ca. 170 Off-shore-Förderanlagen im Golf von Mexiko. Fast ein Drittel der amerikanischen Ölproduktion und der US-Raffineriekapazität wurden damals ausgeschaltet – mit weitreichenden und lange anhaltenden Konsequenzen für die Versorgung im ganzen Land.

Noch furchtbarer aber waren die Folgen des Erdbebens und des folgenden Tsunamis am 11. März 2011 in Japan: Sie führten zum Tod von Tausenden von Menschen und zum Super-Gau im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi mit dramatischen Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft in Japan.

Aber auch unabhängig von den großen Katastrophen berichten die Rückversicherungsunternehmen, dass die Zahl der verheerenden Überschwemmungen oder Stürme merklich zunimmt – nicht zuletzt als Folge des Klimawandels. Und mit diesen Naturkatastrophen gehen fast immer kurz- oder langfristige Unterbrechungen der Energieversorgung einher.

Diese Bedrohungen werden mit dem voranschreitenden Klimawandel zunehmen: der Monstersturm Sandy, der im Oktober 2012 allein in New York 16 Menschenleben forderte, zur Evakuierung von 375.000 Menschen führte und acht Millionen Menschen tagelang ohne Strom ließ, lieferte dafür einen Vorgeschmack.

Noch vor wenigen Jahren galt es als ausgeschlossen, dass solche verheerenden Stürme soweit im Norden entstehen könnten. Der Klimawandel birgt auch in anderen Regionen der Welt Gefahren für die Menschen und die Versorgung mit Energie: Was bedeutet es etwa für das Pipelinesystem Russlands, wenn sich die Permafrost-Regionen in Sibirien weiter erwärmen? Was sind die Konsequenzen für die Versorgung chinesischer Großstädte, wenn die Gletscher im Himalaya weiter abschmelzen und die großen Wasserkraftwerke nicht mehr genug Elektrizität produzieren?

7. Technische Fehler

Technische Fehler, oft im Zusammenhang mit menschlichem Versagen, sind und bleiben eine Gefahr für die Energiesicherheit. Es ist eben keine Technik perfekt, immer bleiben "Restrisiken". Das furchtbare Unglück von Tschernobyl 1986 ist dafür ein herausragendes Beispiel, aber auch vergleichsweise kleinere Unglücke wie das Tanker-Unglück der Exxon-Valdez im Jahr 1989 in Alaska können neben dem Schaden an Mensch und Ökosystem auch Auswirkungen auf die regionale Energieversorgung zeitigen.

Größere Gefahren für die Energiesicherheit resultieren aus der bisher nicht geregelten Endlagerung nuklearer Brennelemente oder aber auch z.B. der theoretischen Möglichkeit, dass die beim Fracking zur Förderung von fossiler Energie aus Schieferformationen verwendeten Chemikalien mit dem Grundwasser in Berührung kommen.

Allein die Vorstellung solcher durch Technik und Mensch verursachten Unfälle kann dazu führen, dass die öffentliche Akzeptanz für solche Formen der Energiegewinnung geschmälert wird.

Wie diesen Gefahren begegnen? Ein Schlüssel dafür ist eine resiliente Energieversorgung. Die Akademie der Technikwissenschaften (ACATECH) hat in enger Zusammenarbeit mit der Bundesregierung im letzten Jahr eine Arbeitsgruppe "Resilien-Tech" unter Leitung des Direktors des EMI in Freiburg (Fraunhofer Institut), Prof. Klaus Thoma, gebildet, die sich mit Blick auf Staat, Gesellschaft und Wirtschaft mit der Integration von Sicherheitsaspekten, "resilience by design", befasst. Dazu gehört auch das Thema resilienter Energieversorgung.


Wird fortgesetzt.

Der erste Teil erschien gestern (17. Juli 2013).

Morgen, Freitag, folgt der dritte und letzte Teil: Sieben Maßnahmen für resiliente Energiesysteme.

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