Deutsche Industrie besorgt über Energiewende

Deutsche Unternehmen blicken mit gemischten Gefühlen der Energiewende entgegen. Foto: Peter Reinäcker/ pixelio.de

Ein Jahr Energiewende: Die Politik zeigt sich selbstzufrieden, die Industrie ist besorgt. Zu diesem Ergebnis kommt der erstmals erhobene Deutsche Energiewende-Index. Viele Unternehmen sorgen sich um die rechtlichen Rahmenbedingungen, die Versorgungssicherheit und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.

"Die Energiewende ist auf einem guten Weg. Es gibt kein anderes Projekt, bei dem die Bundesregierung in so kurzer Zeit so viel auf den Weg gebracht hat." Mit dieser positiven Zwischenbilanz zu einem Jahr Energiewende ist Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler deutlich optimistischer als viele Verbraucher und große Teile der deutschen Industrie.

Die Deutsche Energie-Agentur (dena) hat das Stimmungsbild erstmals in einem Deutschen Energiewende-Index (DEX) erfasst, das auf Befragungen von Entscheidern verschiedener Industriebranchen beruht. Die Erhebung soll künftig vierteljährlich gemeinsam mit den Wirtschaftsprüfern von Ernest & Young wiederholt werden.

Das Gesamtergebnis des Indexes zeigt ein ausgewogenes, neutrales Stimmungsbild. Die Einstellung der einzelnen Akteure und der Betroffenen ist allerdings sehr unterschiedlich. "Eine große Diskrepanz existiert zwischen der Stimmungslage in der Wirtschaft und in der Politik, die die Energiewende deutlich positiver beurteilt", heißt es in der Zusammenfassung der DEX-Ergebnisse.

"Der DEX gibt Auskunft darüber, wie Entscheidungsträger die Auswirkungen der Energiewende auf ihre Branchen beurteilen", erläuterte Thomas Kästner, Executive Director Ernst & Young am Montag (4. Juni) in Berlin.

Sorgen um Versorgungssicherheit

Die größten Problemfelder stellen die rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen und die zukünftige Versorgungssicherheit dar. Die deutsche Wirtschaft betrachtet diese beiden Bereiche als negativ bis sehr negativ. Die öffentliche Akzeptanz ist dem DEX nach zu urteilen kein Hauptproblem der Energiewende.

"Die aktuellen DEX-Werte machen deutlich, dass vor allem bei den Rahmenbedingungen etwas getan werden muss", sagte Stephan Kohler, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung, in Berlin. Der Ausbau der erneuerbaren Energien sei im Vergleich zum Ausbau der Stromnetze zu schnell vorangegangen. Hier müsse eine bessere Koordinierung stattfinden und insbesondere der Ausbau der Netze beschleunigt werden. Außerdem müssten Marktbedingungen geschaffen werden, die den Bau neuer Gaskraftwerke und Energiespeicher wirtschaftlich rentabel machen. Kraftwerke würden durch den immer höheren Anteil an Erneuerbaren Energien unter den jetzigen Bedingungen immer unattraktiver.

Die negative Bewertung der rechtlichen Rahmenbedingungen im DEX spiegelt die Ergebnisse der ersten Befragungswelle Ende April/ Anfang Mai 2012 wider, an der 235 Unternehmen, Städte und Verbände teilgenommen haben. Ob der jüngst vorgestellte Entwurf des Netzentwicklungsplans (NEP) das Stimmungsbarometer steigen lässt, wird der nächste DEX zeigen.

Die zweite zentrale Sorge der Industrie bezieht sich auf die Versorgungssicherheit. Über 40 Prozent der für den DEX befragten Unternehmen erwarten eine Verschlechterung der Versorgungssicherheit in den nächsten zwölf Monaten.

Nachteile für Wirtschaftsstandort Deutschland

Beim wirtschaftlichen Ausblick ist die Stimmung stark von der Branche des Befragten geprägt. Firmen, die Produkte und Dienstleistungen für die Energiewende herstellen, blicken zuversichtlich in die Zukunft. Netzbetreiber, Energieverbraucher und Energieversorgungsunternehmen sind eher negativ gestimmt. Energieintensive Unternehmen befürchten einen Beschäftigungsrückgang. Netzbetreiber sowie Zulieferer und Hersteller rechnen dagegen mit neuen Jobs in ihrer Branche.

Besonders skeptisch sind die Unternehmen mit Blick auf steigende Energiekosten, die sich durch die Energiewende ergeben könnten. 60 Prozent der befragten Unternehmen gehen von Kostennachteilen aus und 40 Prozent erwarten Nachteile für ihre Produkte und Dienstleistungen. Viele Unternehmen befürchten Nachteile für den Wirtschaftsstandort Deutschland. "Die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland wird insgesamt als gefährdet angesehen", heißt es in der DEX-Auswertung.

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) sieht diese Energiekosten-Diskussion sehr kritisch. „Die Bundesregierung sorgt dafür, dass die Kosten für den notwendigen Umbau unserer Energieversorgung auf immer weniger Schultern verteilt werden. Denn sie befreit weite Teile der Industrie von den Kosten der Energiewende. Immer mehr Unternehmen müssen sich weder an den Kosten für den Ausbau Erneuerbarer Energien, noch an den Kosten für den notwendigen Umbau der Stromnetze beteiligen – zu Lasten der privaten Stromkunden und der vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen“, beklagt BEE-Präsident Dietmar Schütz.

Regionale Unterschiede

Auch regional gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Die Regionen in Nord-Ost- und Mitteldeutschland bewerten die Fortschritte der Energiewende insgesamt deutlich positiver, als der Süden und der Westen. So würden die eher strukturschwachen Gebiete im Norden und Osten durch den Ausbau der erneuerbaren Energien, beispielsweise im Windkraftbereich, profitieren. Die südlichen Bundesländer mit ihrem hohen Energiebedarf, sind eher skeptisch. Sie befürchten insbesondere eine mangelnde Versorgungssicherheit und erhöhte Energiepreise.

Erläuterungen zum DEX

Die Deutsche-Energie-Agentur (dena) und die Wirtschaftsprüfungs-und Beratungsgesellschaft Ernst & Young GmbH haben den DEX am 4. Juni in Berlin zum ersten Mal vorgestellt. Er basiert auf einer schriftlichen Befragung von rund 2.000 Vorständen und Geschäftsführern aus verschiedenen Branchen die von der Energiewende betroffen sind. Der Index wird künftig jedes Quartal erhoben und zur Mitte eines Quartals veröffentlicht. Das Stimmungsbild wird auf einer Skala von 0 (sehr negativ) bis 200 (sehr positiv) bewertet An der ersten Befragung im April und Mai nahmen 235 Unternehmen, Städte und Verbände teil. Die durchschnittliche Gesamtstimmung aller Befragten erreichte den Wert von 100,8 und ist somit neutral.

ank

Links

DEX: Deutscher Energiewende-Index 2. Quartal 2012 (Juni 2012)

dena: Pressemitteilung zu den DEX-Ergebnissen (5. Juni 2012)

Netzbetreiber: Netzentwicklungsplan 2012 (Mai 2012)

BEE:
BEE-Präsident Dietmar Schütz zur aktuellen Energiekosten-Diskussion (4. Juni 2012)

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