„Auch die EU-Kommission sollte endlich die Konsequenzen aus Fukushima ziehen“

Eineinhalb Jahre nach der Atomkatastrophe in Fukushima beschließt Japan den Atomausstieg. Foto: dpa

Japan folgt dem deutschen Beispiel und will komplett aus der Atomenergie aussteigen. Der EU-Abgeordnete Claude Turmes fordert, dass nun auch Brüssel Konsequenzen aus der Nuklear-Katastrophe von Fukushima zieht. Es sei „einfach lächerlich, dass die EU noch immer fünfmal soviel Geld für Atomforschung ausgibt als für erneuerbare Energien und intelligente Stromnetze“.

Eineinhalb Jahre nach der Nuklear-Katastrophe von Fukushima beschloss die japanische Regierung am Freitag die Energiewende: Bis zu den 2030er Jahren will die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt die meisten ihrer 50 Kernkraftwerke endgültig vom Netz nehmen.

Alle AKWs sollen nach spätestens 40 Jahren Betriebsdauer vom Netz gehen. "Das ist keine unrealistische Hoffnung, sondern eine praktische Strategie", erklärte die Regierung in Tokio. Neue Atomkraftwerke dürfen nicht mehr gebaut werden. Bestehende Reaktoren, die die neue Regulierungsbehörde für sicher hält, sollen hingegen wieder hochgefahren und bis zum Ende der Abschaltefrist betrieben werden können.

Japan vollzieht damit eine Kehrtwende. Der Atomausstieg wäre für das Land ein noch größerer Umbruch als für Deutschland, das 2022 den letzten Meiler vom Netz nehmen will. Denn Japan wollte als weltweit drittgrößter Nutzer von Kernenergie ursprünglich deren Anteil an der Gesamtversorgung auf mehr als 50 von rund 30 Prozent ausbauen. Nun soll der Anteil der erneuerbaren Energien auf 30 Prozent verdreifacht werden. Absehbar bleibt Japan damit einer der größten Importeure von Öl, Kohle und Gas.

Der EU-Abgeordnete Claude Turmes, energiepolitischer Sprecher der Grünen/EFA, erklärte: "Nach Deutschland verabschiedet sich mit Japan eine weitere große Industrienation von der atomaren Illusion. Die Entscheidung der japanischen Regierung bis 2040 aus der Atomenergie auszusteigen erfordert einen radikalen Umbau der japanischen Energiewirtschaft. Ohne einen massiven Einsatz erneuerbarer Energien und eine Steigerung der Energieeffizienz ist dies nicht machbar und das bedeutet einen willkommenen Schub für Energieeffizienz und die erneuerbaren Energien weltweit. Auch die Europäische Kommission sollte endlich die Konsequenzen aus Fukushima ziehen: Es ist einfach lächerlich, dass die EU noch immer fünfmal soviel Geld für Atomforschung ausgibt als für erneuerbare Energien und intelligente Stromnetze. Sollte die EU-Kommission diesen Kurs beibehalten, wird uns das bei der wirtschaftlichen Entwicklung und bei der Innovation zurückwerfen."

Nach deutschem Vorbild hat die Regierung in Tokio bereits ein Gesetz zur Förderung von erneuerbaren Energien auf den Weg gebracht. Damit soll ein Teil der Atomkraft ersetzt werden und Energie aus Wasser, Wind und Sonne zu garantierten Sätzen abgenommen werden.

Umfragen zufolge befürwortet die Mehrheit der Japaner den Atom-Ausstieg. Die mächtige Wirtschaftslobby warnt als Folge aber vor steigenden Strompreisen und sorgt sich deshalb um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Kernkraftgegner halten dies für übertrieben und verweisen auf die Chancen von erneuerbaren Energien, die für Innovationen und Wirtschaftswachstum sorgen könnten. "Ein totaler Ausstieg aus der Atomenergie ist – insgesamt gesehen – positiv für die Wirtschaft", sagte Energieexperte Andrew Dewit von der Rikkyo Universität. Dies sorge für Anreize, bei der Energie auf Effizienz und Erneuerbare zu setzen.

Die Katastrophe von Fukushima hatte weltweit für Entsetzungen gesorgt und viele Japaner traumatisiert. Am 11. März 2011 erschütterte eines der schwersten jemals gemessenen Beben das Land. Ein Tsunami brach über die Nordostküste des Landes herein und löste den schwersten Atomunfall seit der Katastrophe von Tschernobyl 1986 aus. 16.000 Menschen kamen ums Leben, knapp 3300 gelten immer noch als vermisst.

EURACTIV/rtr/dto

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