Europa ist Vorreiter eines weltweiten Trends: Zahlreiche AKWs gehen vom Netz, viele Staaten suchen nach dem Unfall in Fukushima verstärkt nach alternativen Energiequellen. EURACTIV.de hat eine Übersicht mit Kurzanalysen zur Nutzung von Atomstrom in den meisten EU-Ländern erstellt.
Die nachfolgende Übersicht zu 17 EU-Ländern basiert auf den Daten und den Analysen, die Mycle Schneider und Antony Froggatt in der Studie World Nuclear Industry Status Report 2012 veröffentlicht haben. EURACTIV.de hat die weltweiten Trends in der Atomindustrie im Beitrag "AKW-Wende: Weltweit weniger Kernenergie" zusammengefasst.
Belgien
Belgien betreibt sieben Atommeiler und verfügt weltweit über den zweithöchsten Anteil an Atomenergie in seinem Energiemix: 2011 waren es 54 Prozent. Die Produktivität seiner Atomkraftwerke nimmt seit 1999 ab. Belgien hat bereits 2002 ein Gesetz zum Atomausstieg beschlossen. Die jetzige Regierungskoalition hat sich auf einen Atomausstieg bis 2025 verständigt. (siehe auch EURACTIV.de vom 2. November 2011)
Bulgarien
Bulgarien hat zwei Reaktoren, die rund 33 Prozent des Stroms produzieren. Im März dieses Jahres hat es den Bau von zwei weiteren Reaktoren am Standort Belene aufgegeben. Das Projekt war seit 1985 geplant, aber seit jeher umstritten.
Deutschland
Deutschland hat 2011 zum ersten Mal mehr Strom mit Erneuerbaren Energien hergestellt als mit Kohle, Atomkraft oder Erdgas. Nur Braunkohle liegt weiterhin an der Spitze. Der Output der Erneuerbaren stieg im Laufe des vergangenen Jahres um 19 Prozent und stellt nun ein Fünftel der deutschen Energieproduktion dar. Die Atomenergie hat nunmehr einen Anteil von etwa 18 Prozent am Energiemix.
Der Unfall in Fukushima hatte weitreichende Folgen in Deutschland: Revision der Energiegesetzgebung, Atomausstieg, Fortschritte im Bereich der Energieeffizienz, Mobilisierung der Bevölkerung usw.
Finnland
Finland verfügt über zwei Atommeiler, die 2011 rund 32 Prozent seines Strombedarfs deckten. Im August 2005 haben AREVA und Siemens mit dem Bau ein neues Kernkraftwerks in Okiluoto, an der finnischen Westküste, begonnen. Die Fertigstellung ist derzeit um fünf Jahre verzögert. Das Projekt ist mehr als doppelt so teuer wie ursprünglich gedacht. Zwei weitere Reaktoren sind in Planung.
Frankreich
Frankreich besitzt 58 Reaktoren, die etwa 78 Prozent des landesweiten Strombedarfs decken. 1974 hatte es das weltweit größte Atomprogramm gestartet. Heute ist das Land der größte Nettoexporteur von Atomstrom. Außerdem unternimmt Frankreich Anstrengungen, um einige seiner AKWs noch effizienter zu machen, und plant, deren Laufzeiten zu verlängern. Die durchschnittliche Laufzeit der französischen Reaktoren liegt bei 27 Jahren.
2007 hat EDF mit dem Bau von Flamanville-3 begonnen. Die Kosten sind inzwischen mehr als doppelt so hoch wie geplant und der Bau um vier Jahre verzögert. Nach heutigen Schätzungen wird der Reaktor nicht vor 2016 ans Netz gehen.
Unter dem sozialistischen Präsidenten François Hollande erwarten Schneider und Froggatt die erste Wende in der französischen Energiepolitik seit fast vier Jahrzehnten. Zum ersten Mal seit 1974 hat eine französische Regierung von Plänen gesprochen, die ältesten Reaktoren (Fessenheim-1 und -2) zu schließen, den Bau des neuen Reaktors Penly-3 zu canceln und den Anteil der Atomenergie am Energiemix bis 2025 von 75 auf 50 Prozent zu reduzieren.
Großbritannien
Großbritannien hat derzeit 16 AKWs. Ein Reaktor wurde im vergangenen und zwei weitere Anfang dieses Jahres abgeschaltet. 2011 produzierte das Land etwa 18 Prozent seines Stroms mit Atomenergie.
Italien
In Folge des Unfalls in Tschernobyl 1982 hat Italien per Referendum beschlossen, sämtliche Reaktoren vom Netz zu nehmen, und ist – wie Kasachstan und Litauen – aus der Atomenergie ausgestiegen. Dennoch hat Italien weiter Atomstrom aus anderen Ländern wie Frankreich importiert.
Im Mai 2008 hat die italienische Regierung mit einer neuen Gesetzgebung den Weg für ein nationales Kernenergieforschungsprogramm freigemacht. EDF und ENEL hatten den Bau vier neuer Reaktoren geplant. Im Juni 2011 ist Italien dem Urteil seines Verfassungsgerichtes gefolgt und hat per Referendum über den Wiedereinstieg in die Atomenergie abstimmen lassen. Angesichts der Katastrophe in Fukushima stimmten 94 Prozent der Bevölkerung dagegen und setzten den Plänen für einen Wiedereinstieg in die Kernenergie ein Ende.
Litauen
Litauen hat 2009 seinen letzten Atommeiler abgeschaltet. Dessen Bauweise ähnelte dem Reaktor in Tschernobyl. Bevor er abgeschaltet wurde, deckte der Reaktor rund 76 Prozent des litauischen Strombedarfs, das war weltweit der größte Anteil am Energiemix. Litauen importiert jetzt billigeren Strom aus Russland. Mit Estland und Lettland verhandelt es derzeit über den Bau eines neuen Atomkraftwerks. Konkrete Pläne werden Mitte 2016 erwartet.
Niederlande
Die Niederlande besitzen ein Atomkraftwerk, das seit 38 Jahren in Betrieb ist und für ca. 4 Prozent der Stromversorgung verantwortlich ist. Wie die Schweiz hat die Niederlande die ursprünglichen Pläne neuer Reaktoren aufgegeben.
Polen
Seit 2008 will Polen wieder in die Atomenergie einsteigen. Ende 2010 ist es der OECD Nuclear Energy Agency (NEA) beigetreten. Den ersten Reaktor wollte es 2020 ans Netz bringen. In Folge eines lokalen Referendums in Mielno im Februar dieses Jahres, bei dem 94 Prozent der Bevölkerung gegen einen der vorgeschlagenen Standorte stimmte, startete die polnische Regierung die Kampagne "Meet the Atom". Es hieß, man wolle das Programm nicht gegen den Willen der Polen durchsetzen und daher in der Bevölkerung für Unterstützung werben.
Rumänien
Rumänien hat zwei Reaktoren am Netz. Ursprünglich waren ein dritter und vierter Meiler geplant. Im April dieses Jahres hat die Regierung aber erwogen, das Programm auf einen zusätzlichen Reaktor zu beschränken. Im Mai kündigte Premierminister Victor Ponta an, bis 15. September eine Entscheidung treffen zu wollen.
Schweden
Schweden besitzt zehn Atommeiler, die rund 40 Prozent seiner Stromversorgung decken. 1980 hatte das Land mittels eines Referendums beschlossen, bis 2010 aus der Atomenergie auszusteigen. Im Juni 2010 hat das Parlament die Entscheidung rückgängig gemacht: Neue Reaktoren durften angeschlossen werden, unter der Bedingung dass für jeden neuen gleichzeitig ein alter vom Netz geht. Umfragen zufolge sprechen sich 57 Prozent der Schweden gegen neue AKWs aus. 91 Prozent sind der Meinung, dass Atomenergie keine dauerhafte Lösung und bald veraltet sei.
Slowakei
Die Slowakei hat an zwei Standorten je zwei Atomkraftwerke in Betrieb, die zusammen 54 Prozent seines Stroms erzeugen. Zwei weitere Reaktoren werden am Standort Mochovce gebaut und sollen, bereits mit Verzögerung, Ende 2013 oder Anfang 2014 ans Netz gehen.
Slowenien
Slowenien betreibt mit Kroatien zusammen einen Reaktor, der 1981 angeschaltet wurde und bis 2021 laufen soll. Slowenien bezieht daraus rund 42 Prozent seines Stroms.
Spanien
In Spanien sind acht AKWs in Betrieb, die heute 19,5 Prozent seines Stroms produzieren. 1989 waren es noch 38,4 Prozent. Der ehemalige Premierminister José Luis Zapatero hatte 2004 und 2008 angekündigt, die Atomenergienutzung runterfahren und erneuerbare Energien unterstützen zu wollen. Trotzdem verlängerte Spanien in den letzten Jahren immer wieder die Laufzeiten der bestehenden AKWs. Seit Fukushima gelten höhere Sicherheitsstandards.
Tschechien
Tschechien betreibt sechs AKWs, die 33 Prozent seines Energiebedarfs decken. Seit 2008 sind zwei weitere Reaktoren in Planung.
Ungarn
Ungarn betreibt vier Atomkraftwerke am Standort Paks, die etwa 43 Prozent seiner Stromversorgung sichern. Im April 2003 kam es an einem der Reaktoren zu einem Unfall, der auf der Internationalen Bewertungsskala als "ernster Störfall" eingestuft wurde (INES Stufe 3). Der Reaktor blieb 18 Monate abgeschaltet.
Im März 2009 hat das ungarische Parlament der Regierungsentscheidung zugestimmt, bei Paks zusätzliche Reaktoren zu bauen, die ungarischen Medieninformationen zufolge dazu dienen sollten, den Ausfall nach Abschaltung der derzeit aktiven Reaktoren 2030 bis 2040 aufzufangen. Regierungschef Victor Orbán hat allerdings im Dezember 2011 angekündigt, er wolle den Anteil der Atomenergie am Energiemix von 40 auf 60 Prozent erhöhen. Im Mai 2012 hat die ungarische Regierung von zwei neuen Reaktoren gesprochen. Laut einer Umfrage, die nach Fukushima durchgeführt wurde, sind 62 Prozent der Ungarn gegen AKW-Neubauten.
Daniela Heimpel
Links
WNISR: World Nuclear Industry Status Report 2012
Zum Thema auf EURACTIV.de
AKW-Wende: Weltweit weniger Kernenergie (23. Juli 2012)
Übersicht zur Nutzung der Kernenergie in Europa (15. März 2011)
Die deutsche Energiewende europäisch denken (20. Oktober 2011)
"Ausbau der Energieinfrastruktur ist unverzichtbar" (4. April 2012)
Mayr: Die Brücke schnellstens abreißen (17. März 2011)
Schreyer: Europas Weg aus der Atomenergie (16. März 2011)
