Interview mit Al Cook von BP zu Shah Deniz (Aserbaidschan)

Shah Deniz ist eines der größten Erdgasfelder der Welt. Foto: BP

KASPISCHE REGION UND EUROPAS ENERGIEVERSORGUNG (V)Noch stehen drei Pipelines zur Option, eine davon soll sicher und stabil Gas nach Europa liefern. Der BP-Manager Al Cook, Vizepräsident für Shah Deniz Development (Aserbaidschan), ist überzeugt, dass der Südliche Korridor als Lieferant von Shah-Deniz-Gas eine brauchbare Quelle neuen Gases für Europa wird.

Zur Person


" /Al Cook ist 
Vice President von Shah Deniz Development, der für die Entwicklung des aserbaidschanischen Gasfeldes Shah Deniz verantwortliche BP-Manager

_______________

EURACTIV.de:
 Was haben Sie mit den Pipeline-Optionen vor, die in Kürze zur Entscheidung anstehen?

COOK: Aktuell haben wir drei Pipeline-Optionen: Die Transadria-Pipeline (TAP), die Südosteuropa-Pipeline (SEEP) und Nabucco West. Unser Ziel ist es, eine Pipeline zu haben, die wir für sichere und stabile Gaslieferungen nach Europa nutzen können.

Wir waren in den vergangenen Monaten mit dem Fortschritt von Nabucco sehr zufrieden. Es wurde das sogenannte Nabucco-West-Angebot entwickelt sowie die Pipeline, die von der türkisch-bulgarischen Grenze durch Südosteuropa nach Mitteleuropa führt (SEEP). Wir erwarten das neue Angebot von Nabucco mit Freude, so dass wir Ende Juni 2012 eine Entscheidung zwischen Nabucco West und SEEP treffen können.

EURACTIV.deFür wann erwarten Sie die endgültige Entscheidung zwischen der Pipeline, die Ende Juni 2012 ausgesucht wird, und der TAP?

COOK: Wir erwarten die Entscheidung dezidiert für Juni 2013. Das ist für uns eher eine Deadline als eine Zielvorgabe. Je früher, desto besser. Wir wollen bis Juni 2013 für eine Pipeline-Option sorgen, die uns ausreichend Sicherheit bietet, um die endgültige Investitionsentscheidung über das 25-Milliarden-Dollar-Projekt zur Gasförderung zu fällen. 

EURACTIV.deIn der Zeitung "Financial Times" sagten Sie, das überarbeitete Projekt Nabucco West sei ein großer Schritt vorwärts. Warum?

COOK: Die Herausforderung des Südlichen Korridors besteht darin, große Gasmengen nach Europa zu transportieren. Die Herausforderung ist umso größer, als diese Gasmengen nicht alle zur selben Zeit verfügbar sind. Wir von BP sind aber zuversichtlich, dass es große Volumina gibt, die voraussichtlich ausreichend sind, um eine größere Pipeline in der Zukunft zu füllen.

Aber wir wissen einfach nicht , wann sie anfahren. Daher war unser Ansatz zum Südlichen Korridor stets der: Können wir die Pipeline nicht direkt füllen, tun wir es stufenweise. Wir wollen also Pipelines, die wir mit der Zeit erweitern können. Wir beginnen mit einer Pipeline von der richtigen Größe für das von BP betriebene Shah Deniz II, und sobald neue Gaslieferungen verfügbar sind, passen wir die Pipeline an die größeren Gasmengen an.

Wir halten Nabucco West deswegen für einen großen Schritt vorwärts, weil es eine kleinere Pipeline als das klassische Nabucco ist und ausgeweitet werden kann. Das ist eine Rechnung von Vorlaufkosten versus Langzeitpotenzial. Wir halten Nabucco West für einen sehr konstruktiven Schritt in diese Richtung.

EURACTIV.de: Es gibt jedoch Zweifel an der Skalierbarkeit. Wie weit sind die gerechtfertigt?

COOK: Wir haben definitiv keine Zweifel an der Skalierbarkeit. Zunächst einmal: Was verstehen wir unter Skalierbarkeit? Wir meinen hier sowohl den technischen als auch den juristischen Blickwinkel. Rechtlich gesehen müssen wir in Abkommen mit den Staaten sicherstellen, dass künftig auch größere Gasmengen durch diese Länder durchgeleitet werden können. Es müssen also nicht nur die Pipelines, sondern gleichsam auch die Abkommen skalierbar sein. Das ist für die europäische Energiesicherheit sehr wichtig.

So früh wie möglich müssen wir sicherstellen, dass die Pipelines technisch erweitert werden können. Das bedeutet, dass wir künftig zusätzliche Kompressionskapazitäten brauchen. Die Komprimierung erhöht den Druck des Gases in der Pipeline. Das vergrößert die Gasmenge, die in die Pipeline passt.

Wenn man sich die Pipelinesysteme weltweit anschaut, etwa die russischen nach Europa oder die kanadischen in die USA, findet man überall diesen Ansatz der Skalierbarkeit. Dieser Ansatz ist ausreichend erprobt. Das senkt die Stückkosten beim Transit, da auch anderes Gas ins System eingebracht wird. Ich bin ganz sicher, dass dies auch der richtige Ansatz für den Südlichen Korridor ist.

EURACTIV.de: Wenn man sich den Globus ansieht und die politischen Implikationen in den betreffenden Ländern berücksichtigt: Drohen nicht vom Nordkaukasus große Gefahren?

COOK: Die Gasexporte von Aserbaidschan nach Europa sind sicher eine Herausforderung. Das sind 4.000 Kilometer durch teils gebirgige Länder. Was uns aber zuversichtlich macht, ist der Erfolg, den wir bereits mit zwei Pipelines in dieser Region hatten, einer Öl- und einer Gasleitung. Die neue Pipeline folgt über weite Strecken in Aserbaidschan und Georgien der Route der schon existierenden Pipelines. Deren Betrieb lief äußerst stabil. In den letzten Jahren funktionierte die Lieferung des Shah-Deniz-Gases in die Türkei mit 99,9-prozentiger Zuverlässigkeit. Wir können Pipelines bauen und können sie zuverlässig, stabil, sicher und nachhaltig betreiben.

EURACTIV.de: Aber könnten nicht Turkmenistan, der Nordirak, der Iran und viele Hindernisse für Nabucco West ein Problem werden? 

COOK: Ganz im Gegenteil! Die große Herausforderung besteht darin, den Transport von Shah-Deniz-Gas nach Europa so zu organisieren, dass wir das Gas zu einem konkurrenzfähigen Preis verkaufen können. Je mehr Gas wir einfüllen können, desto niedriger sind die Kosten pro Einheit transportierten Gases. Daher würden wir Gasmengen aus Turkmenistan und aus dem nördlichen Irak als durchaus hilfreich erachten, weil sie unsere aserbaidschanischen Gaslieferungen nach Europa wirtschaftlicher machen.

EURACTIV.de: Reicht die Kapazität der neuen Nabucco-Pipeline, um die Abhängigkeit Europas zu vermindern? Oder wird dadurch die russische Dominanz sogar noch gestärkt?

COOK: Wir glauben, der Schlüssel der Pipelines, die wir bauen, liegt darin, dass sie eine neue Route vom Kaspischen Raum und vom Nahen Osten nach Europa eröffnen. Die Erdgasvorkommen in der Kaspischen und in der Nahostregion gehören zu den größten der Welt, und gleichzeitig ist Europa mit einem Verbrauch von rund 600 Milliarden Kubikmeter pro Jahr einer der weltgrößten Gasabsatzmärkte.

Unsere Priorität ist es zur Zeit, diese beiden Märkte mit einer neuen Pipeline zu verbinden. Die Gasmenge, die wir durch diese Pipeline leiten, wird ganz sicher steigen, auch wenn wir zu Beginn vielleicht nur 10 Milliarden Kubikmeter pro Jahr von Shah Deniz II exportieren können.

EURACTIV.de: Vor kurzem sagte der russische Botschafter in Berlin im Gespräch mit Auslandskorrespondenten: "Europa ist unser Partner, aber nicht unser Freund." Was bedeutet das für Ihre Projekte?

COOK: Die Bilanz mit den Russen zeigt, dass sie bei Gaslieferungen immer sehr gute Partner waren. Wir betrachten Russland nicht als Konkurrenten., Schaut man sich die Größe und das Wachstum des europäischen Gasmarktes an, erkennt man Potenzial eher für mehr als für weniger Partner Europas.

EURACTIV.de: Was ist mit den vorhandenen türkischen Pipelines? Ist deren Kapazität nicht zu begrenzt?

COOK: Das ist richtig. Wir suchen zwei Wege, Gas durch die Türkei zu leiten. Einmal wollen wir die bestehenden Leitungen ausbauen, aber parallel befassen wir uns mit einem aufregenden neuen Projekt, der Trans Anatolien Pipeline (TANAP), wo BP aufgefordert wurde, als Partner einzusteigen. TANAP könnte als Gasleitung durch die Türkei die beste Möglichkeit sein. Denn wenn wir eine brandneue Pipeline bauen, haben wir eine einzigartige Transitleitung durch die Türkei nach Europa.

EURACTIV.de: Woher nehmen Sie so viel Zuversicht?

COOK: Ich bin überzeugt, dass der Südliche Korridor als Lieferant von Shah-Deniz-Gas eine brauchbare Quelle neuen Gases für Europa sein kann.  Wir sind stolz, dass es vorwärts geht und wir kürzlich den Eintritt in die nächste Phase der Projektentwicklung (FEED, Front-End Engineering and Design) verkünden konnten. Und wir freuen uns auf die wichtige Pipeline-Entscheidung in den nächsten Monaten. 


Interview: Ewald König

Im Vorfeld eines BP-Forums zum Thema "Erdgas aus Aserbeidschan – Chancen für die Energieversorgung Euopas", das am 24. Mai in Berlin stattfindet, bringt EURACTIV.de eine Serie von Artikeln und Standpunkten. Die Serie wird morgen fortgesetzt.

Links


Bisher auf EURACTIV.de erschienen:

(I) Hochspannung vor dem Finale  (15. Mai 2012)

(II)  Europas Prestigeobjekt des Südlichen Korridors (16. Mai 2012)

(III) Viktor Orbán und sein ungarischer Paprika für Nabucco (18. Mai 2012)

(IV)  Brisanter Statusstreit: Wann ist ein Meer ein Meer? (21. Mai 2012) 

Subscribe to our newsletters

Subscribe