Gregor Czisch zur Energiewende: „Es fehlt der Blick fürs Ganze“

Aus der Wüste soll Strom nach Europa fließen. Frage: Mit Hilfe der Sonne oder des Windes? Foto: Uwe Drewes / pixelio.de

Neues YellowPaper von EURACTIV.de (V)Der Energieexperte Gregor Czisch kritisiert den konzeptionellen Notstand der Politik in Sachen Energiewende und beklagt, wie wenig kompetent er beseitigt wird. Wildwuchs von unten und widersprüchliche Signale ersetzten die notwendige Koordinierung. Czisch erläutert im Interview mit EURACTIV.de, warum in seiner Benotung oft das Urteil „Allenfalls mangelhaft“ fällt. Der Druck zu schnellen und rationalen Entscheidungen wächst rasant – allein schon durch die beängstigenden Signale von der Klimafront.

Zur Person

" /Dr.-Ing. Dipl.-Phys. Gregor Czisch, Transnational Renewables Consulting (Kassel), gelernter Landwirt, Wissenschaftler, unabhängiger Berater und Autor zahlreicher Publikationen. Seine Dissertation "Szenarien zur zukünftigen Stromversorgung – Kostenoptimierte Variationen zur Versorgung Europas und seiner Nachbarn mit Strom aus erneuerbaren Energien" zeichnete den Berufsweg vor.

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Was halten Sie ganz generell von der Energiewende in Deutschland und der Energiewende in Europa?

CZISCH: Schon beim rot-grünen Atomausstieg war hauptsächlich klar, was man nicht wollte. Die Mühen der gestalterischen Planung des regenerativen Nachfolgesystems hat man weitgehend gescheut. Die Antworten dazu beschränkten sich weitgehend auf blumige Bilder statt auf Weichenstellungen, die einer eingehenden Analyse der Möglichkeiten gefolgt wären. Da waren viel Show und wenig belastbare Konzepte. Wissenschaftliche Erkenntnisse wurden und werden teils schlicht nicht wahrgenommen oder beachtet und bei der Politikgestaltung offensichtlich weitgehend ignoriert.

Merkels Politik vor Fukushima wies eher in Richtung längerer Kernkraftnutzung. Als danach hopplahopp entschieden wurde, wieder in den Ausstieg einzusteigen, war zwangsläufig die konzeptionelle Not groß. So wichtig der Ausstieg ist, so wenig kompetent, offen und zielstrebig wurde bisher aber die Beseitigung des konzeptionellen und planerischen Notstands angegangen.

Was vermissen Sie konkret?

CZISCH: Nach wie vor fehlt die notwendige Koordinierung. Stattdessen gibt es einen Wildwuchs von unten, der an die babylonische Sprachverwirrung erinnert und schwerwiegende Fehlallokationen geradezu heraufbeschwört. Es fehlt der Blick fürs Ganze. Die Frage der Kosten und Effizienz unserer zukünftigen Stromversorgung droht sich auf ungünstigste Weise von selbst zu beantworten. Ständig werden widersprüchliche Signale gesandt, die den Planungsmangel offenbaren, sei es bei der Förderung verschiedener erneuerbarer Energien, der zukünftigen Rolle von Kohle- und Gaskraftwerken oder beim Leitungsbau.

Bei der Netzplanung ist der Missstand inzwischen so weit voran geschritten, dass sowohl in den Niederlanden als auch in Polen Anstrengungen unternommen werden, sich durch technische Maßnahmen von den deutschen Netzen abkoppeln zu können. Die Nachbarn sehen zu Recht nicht länger ein, warum sie, aufgrund der deutschen Unfähigkeit Netzplanung und -ausbau entsprechend den Erfordernissen voran zu bringen, mit ihren Netzen aushelfen und damit selbst in Schwierigkeiten geraten müssen.

So führt die deutsche Planlosigkeit sogar zu Spannungen mit unseren Nachbarstaaten, die zu eskalieren drohten, wenn unsere Nachbarn tatsächlich ihre neuen Mittel einsetzten und ihre Netze gegen unliebsame Stromflüsse aus Deutschland abschotteten.

Das könnte in kurzer Frist schon zu schwerwiegenden Netzengpässen mit gravierenden Folgen für die Versorgungssicherheit führen. Nicht auszumalen, welche internationalen politischen Folgen sich aus großflächigen Blackouts aufgrund aktiver Stromexportkontrolle aus unseren Nachbarländern ergeben würd

Notenvergabe? "Allenfalls mangelhaft"


Wenn Sie Noten zu vergeben hätten, wie würden Sie die Bundesregierung in Berlin für ihre Energiewende beurteilen?

CZISCH: Allenfalls mangelhaft. Das Eingeständnis, den Koordinierungsbedarf unterschätzt zu haben, könnte aber ein erster Schritt auf dem Wege zur Besserung sein. Freilich kommt die Einsicht spät, denn der Koordinierungsbedarf war ja kein streng gehütetes Geheimnis. Im Gegenteil, ich habe ihn in vielen Gremien, in Landes- und Bundesministerien, in Interviews und Artikeln, in Impulspapieren für Bund-Länder-Gespräche und und und immer wieder betont und teils auch detailliert beschrieben. Es wäre also seit vielen Jahren möglich gewesen, sich der Koordinierung rechtzeitig anzunehmen. Stattdessen hat man auf Wildwuchs gesetzt und bis hinunter zur untersten Ebene die Entscheidungsträger ziemlich allein gelassen. Kein Wunder, dass da der Blick fürs Ganze verloren gegangen ist.

Hier gilt es also dringend nachzulegen.

Und speziell den neuen Umweltminister Peter Altmaier?

CZISCH: Altmaier hat erkannt, dass etwas nicht stimmt an der Energiewende, er zieht aber teils die vollkommen falschen Schlüsse:

So sind beispielsweise Pläne, neue Kohlekraftwerke zu bauen, vollkommen kontraindiziert. In einem Stromversorgungssystem mit wachsenden Anteilen der Erzeugung aus fluktuierenden regenerativen Energien führte ihr Bau unweigerlich zu Stranded Investments.

Nicht falsch ist hingegen, dass bei der Debatte um die Gestaltung des EEGs die verschiedenen Erzeugungsarten – Fotovoltaik, Wind, Biomasse und so weiter – gesondert betrachtet werden.

Die Kostenexplosion durch Photovoltaik wurde inzwischen immerhin erkannt. Hier muss man sich ernsthaft Gedanken machen, wie man mit dieser Technik weiter verfährt. 

Bei der knappen Ressource Biomasse drohen Fehlallokationen, die eine Vollversorgung aus erneuerbaren Energien arg in Bedrängnis bringen könnten. Dieses Problem muss diskutiert und gezielt angegangen werden. Dabei ist auch relevant, dass die Folgen einer zu sehr auf dezentrale Strukturen ausgerichteten Energiepolitik offensichtlich noch nicht ganz verstanden worden sind. Die deutliche finanzielle Bevorzugung kleiner Anlagen durch das heutige EEG stellt eine teilweise hoch problematische Weichenstellung dar, die neben hohen Kosten eben auch Fehlallokationen natürlicher Ressourcen bedingt.

Letztlich muss man aber die Versorgungsaufgabe immer auch als Ganzes verstehen. Auch wenn man einzelne Aspekte getrennt diskutiert, dürfen systemische Zusammenhänge nie unberücksichtigt bleiben.

Die heutige Auftrennung des Versorgungssystems in Netz und Produktion macht das gezielte Steuern der Entwicklung faktisch schon schwer genug. Hier muss unbedingt lenkend von übergeordneter Stelle eingegriffen werden. Wenn man nun auch noch versäumte, die verschiedensten Erzeugungsarten mit ihren unterschiedlichen Beiträgen für die Versorgung zusammen zu denken, würde man den Planungsaufgaben nicht gerecht werden.

Wie sich Altmaier in diesem komplexen Umfeld bewährt, ist noch nicht endgültig ausgemacht.

Und im Vergleich zu seinem Vorgänger Norbert Röttgen?

CZISCH: Umweltminister Röttgen lehnte ein einheitliches Fördersystem für erneuerbare Energien in Europa ab. Das war ein unverzeihlicher Kardinalfehler. Er hätte sich hier gestaltend betätigen müssen, um die internationale Kooperation im Bereich erneuerbare Energien voranzubringen. Altmaier könnte diesen Ball wieder aufgreifen.

Energiekommissar Günther Oettinger schwer berechenbar


Welche Noten bekommt die Europäische Kommission? Namentlich EU-Kommissar Günther Oettinger?

CZISCH: Wenn Oettinger fordert, dass der EU Energie-Binnenmarkt ausgebaut werden soll, weiß man nicht, wo das hinführen soll. Mit Marktglauben allein kommt man nicht zu einer vernünftigen Energieversorgung und schafft auch nicht die notwendige Infrastruktur. Ein Börsenhandel mit Strom ist alleine – auch wenn er mit einer ausreichenden Netzinfrastruktur hinterlegt wäre – nicht hinreichend für eine Energiewende hin zu erneuerbaren Energien. Hier passiert zu wenig Konkretes. Es braucht gestaltende Eingriffe in das Marktgeschehen von Seiten der Politik. Daher hier: Nicht ausreichend.

Dass ein europäisches EEG prinzipiell wichtig ist, das hat er erkannt. Also: Sehr gut.

Aber wie soll es konkret aussehen? Er hat versäumt, die EEG-Pläne breit zu diskutieren und nach Kompromisslinien mit allen Parteien zu suchen. Er war schlecht beraten, deshalb wurde das Projekt vorerst mit in den Sand gesetzt. Daher: Mangelhaft.

Aber er hat für afrikanische Länder die Perspektiven durch Energiekooperation erkannt, was politisch sehr wichtig ist. Hier: Sehr gut.

Da er jedoch wegen der zu einseitigen Verknüpfung mit Solarenergie aus dem Süden einen viel zu langen Zeithorizont vorsah: Hierfür ein Mangelhaft!

Er hat nicht erkannt, dass die interessanteste Ressource der afrikanischen Revolutionsländer die Windenergie ist, obwohl ihm und seinen Beratern dazu genug Informationen zugegangen sind. Deshalb: Nicht ausreichend.

Oettingers Positionen erscheinen von außen betrachtet nicht immer stringent. Das macht ihn schwer berechenbar und fördert Ressentiments, die es anderen Politikern wiederum schwer machen, das notwendige Vertrauen aufzubauen, um die Dinge gemeinsam mit ihm voranzubringen. Zumindest liefert er so Vorwände, hinter denen andere politische Entscheidungsträger ihre wahren Beweggründe allzu leicht verstecken können. Das reicht nicht für ein Befriedigend. 

Insgesamt ist die Leistung Oettingers also durchwachsen und changiert zwischen teils sehr guten Einzelleistungen und partiellem Versagen.

Ein Blick aufs Europäische Parlament: Wie beurteilen Sie die Haltung der einzelnen Fraktionen?

CZISCH: Die Grünen haben Oettingers Vorstoß für das europäische EEG mit zum Scheitern gebracht, ohne sich mit Oettinger überhaupt auszutauschen und den Versuch einer Verständigung zu unternehmen. Sven Giegold hat für die Grünen in der EU eine Mailingaktion zur Verhinderung des europäischen EEG gestartet. Reinhard Bütikofer hat sich durch nichts bewegen lassen, mit Oettinger überhaupt zu diskutieren.

Wessen Interessen sie damit vertreten haben, ist nicht ganz klar – die der europäischen Menschen in ihrer Gesamtheit und der Stromverbraucher im Allgemeinen waren es sicher nicht. Es ist zu fürchten, dass es auch um Klientelpolitik ging und um die Verteidigung parteipolitischer Ideologien. Daher: Ungenügend und kontraproduktiv. 

Auch die Sozialdemokraten haben sich da wohl nicht mit Ruhm bekleckert. Ein Gegner eines europäischen EEG war auch Jochen Flasbarth, der unter Rot-Grün als Leiter des Umweltbundesamtes (UBA) eingesetzt wurde.

Auch in der SPD haben sich die Anhänger des inzwischen verstorbenen Hermann Scheer und seiner unausgewogen auf dezentrale Strukturen ausgerichteten Politik als höchst problematisch erwiesen. Genauso wie die Kohlelobby in der SPD wirken auch sie sehr kontraproduktiv in das Europäische Parlament hinein. Meine Bewertung: Mangelhaft und zerrissen.

Und auch der Ex-Umweltminister Norbert Röttgen von der CDU hat sich gegen das so überaus wichtige Förderinstrument und gleichzeitig gegen den Vorstoß seines Parteigenossen Oettinger gestellt. Demnach: Ungenügend und kontraproduktiv.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nicht gegengehalten. Deshalb verdienen hier beide schlechte Noten. Nicht ausreichend!

All die Fraktionen, die sich gegen dieses europäische EEG gestemmt haben, haben sich damit auch gegen die internationale Kooperation im Bereich erneuerbarer Energien und gegen die Erneuerbare-Energien-Kooperation in Europa und mit Afrika gestellt, die ohne ein solides Finanzierungsinstrument keine Entfaltungsmöglichkeiten hat.

Wann wird man von einer europäischen Energiepolitik sprechen können?

CZISCH: Wenn die Länder davon abkommen, vorwiegend Partialinteressen ihrer heimischen Klientel zu bedienen und endlich anfangen, mehr im Interesse der europäischen Bevölkerung als Ganzes zu handeln.

Auch mehr Rationalität ist dringend geboten, um ideologiefreie Sachpolitik gestalten zu können.

Sie sehen das deutsche EEG offenbar nicht als Exportschlager für andere Länder, sondern eher als Importprodukt. Wieso denn das?

CZISCH: Das EEG war als Stromeinspeisegesetz Anfang der 1990er ein Importprodukt! Es wurde ähnlich dem ehemaligen Förderinstrument in Dänemark konzipiert, das es schon viele Jahre eher gab, und Ähnliches hatten auch Teile der USA schon lange vor uns. In beiden Fällen boten diese Instrumente eine feste Vergütung für Strom aus Erneuerbaren Energien, sie haben die Integration und Vermarktung geregelt und einen Boom bei der Nutzung erneuerbarer Energien ausgelöst. Trotzdem war die deutsche Förderpolitik dann ein wichtiger Meilenstein.

"Kohle hat keine Zukunft"


Welche Sektoren auf dem Energiemarkt sollte man am besten vergessen, welche fördern? Und warum?

CZISCH: Kohle hat keine Zukunft.

In einer zunehmend von regenerativen Energien geprägten Stromversorgung werden in der Übergangszeit zur regenerativen Vollversorgung schnell regelbare Kraftwerke mit niedrigen Kapitalkosten wichtig, die übers Jahr nur relativ wenig und mit wachsendem Anteil erneuerbarer Energien immer weniger erzeugen. Dafür sind neue Kohlekraftwerke die falsche Wahl. Stranded Investments!

Allenfalls die Nutzung und Aufrechterhaltung alter Kraftwerke für den Einsatz in Engpasssituationen ist sinnvoll. So können größere Fehlinvestitionen vermieden und gleichzeitig Versorgungssicherheit kostengünstig auch während der Umstellungsphase gewährleistet werden. Diese Überlegungen sollten jedem, der sich etwas eingehender mit der Materie befasst, geläufig sein. Warum hier trotzdem noch allzuoft das Kohlelied gesungen wird, lässt an der Glaubwürdigkeit der Protagonisten zweifeln.

Auch Photovoltaik (PV) ist und bleibt extrem teuer. Bisher wurden in Deutschland PV-Anlagen im Wert von ca. 90 Milliarden Euro installiert. Die Kosten inklusive Verzinsung sowie Wartung und Instandhaltung belaufen sich allein für diese Anlagen über deren Lebensdauer auf ca. 200 Milliarden Euro – und das für ca. vier Prozent des Stroms. Das ist der falsche Weg.

Eine zu starke Konzentration auf dezentrale – kleinräumige – Elemente der Stromversorgung macht die Stromversorgung ineffizient und teuer. Sie bedingt schon jetzt und insbesondere langfristig einen Ausbau der teuersten Netzinfrastruktur, der Verteilnetze.

Zudem macht sie ab einem gewissen Ausbaugrad lokale Energiespeicherung notwendig, die ebenfalls sehr teuer und ineffizient ist. Bei der – leider nur in begrenztem Maße verfügbaren – Biomasse drohen im Falle zu dezentraler Nutzung schwerwiegende Fehlallokationen, wobei sie dann viel weniger als möglich systemstützend zur Stromversorgung beitragen kann und gleichzeitig auch Möglichkeiten der Wärmenutzung in Kraft-Wärme-Kopplung verspielt werden.

Deutschland steht vor großen Infrastrukturaufgaben, um Windenergie vom Norden und Sonnenenergie vom Süden mit den Regionen des höchsten Energiebedarfs zu verbinden, und steht daher auch vor vielen Bürgerprotesten nach dem Muster von Stuttgart 21. Was raten Sie?

CZISCH: Ja, das Thema ist unbedingt zu erwähnen, es gibt ja teilweise – und zum Teil auch zu Recht – starke Vorbehalte gegenüber dem Leitungsbau: In Deutschland haben wir bereits ungefähr 100.000 Kilometer Hoch- und Höchstspannungs-Freileitungen. Was derzeit in Deutschland an Leitungen geplant wird, berücksichtigt nicht den Stand der Technik und nicht den zukünftigen Bedarf.

Die Planung beschränkt sich auf 400 kV Drehstromtechnik und bestenfalls auf 400 kV Gleichstromtechnik. So wird der zukünftige Platzbedarf der Übertragungsleitungen langfristig unnötig riesengroß. Vielleicht merken das die Menschen.

Ein solches Netz wird auch kein wirklich sinnvoller Bestandteil unseres zukünftigen Erneuerbaren Super-Grids sein. Wenn man es richtig angehen würde, wäre der zusätzliche Ausbaubedarf selbst für die regenerative Vollversorgung dagegen überschaubar. Mit der neuesten marktverfügbaren HGÜ-Technik (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung, Anm.d.Red.) läge der zusätzliche Trassenbedarf in Deutschland dagegen nur bei etwa bei 6 bis 7 Prozent dessen, was wir heute schon haben.

Teilweise könnten wahrscheinlich auch bestehende Trassen durch HGÜ-Trassen ersetzt werden. Der Aufwand wäre jedenfalls gemessen am Bestand nicht sehr hoch. 

Deshalb meine ich, dass man die Sinnhaftigkeit in der Öffentlichkeit gut vermitteln kann, wenn man wirklich sinnvoll plant und dann die Fakten transparent macht und diskutiert.

Wäre denn nicht Dezentralisierung die intelligente Lösung?

CZISCH: Dezentralisierung bedeutet – je kleinteiliger sie angegangen wird – einen Verzicht auf Skaleneffekte in Form von Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen, die beim Übergang zu größeren Einheiten geschöpft werden können. Bei kleinen Erzeugungseinheiten zeigen sich verschiedenste negative Skaleneffekte.

So sind beispielsweise die elektrischen Wirkungsgrade von Festbrennstoff nutzenden Biomassekraftwerken im Sub-Megawatt-Bereich oft unter 10 Prozent. Wirkungsgrade über 20 Prozent sind für solche kleinen Kraftwerke noch immer nicht trivial. Dagegen sind größere Kraftwerke in Stadtwerkedimension von einigen -zig Megawatt bis zu Wirkungsgraden über 40 Prozent realisierbar.

Die kleinen Kraftwerke weisen zudem ein Mehrfaches der spezifischen Investitionskosten auf, und auch die Kosten für Wartung und Instandhaltung weisen starke Skaleneffekte auf, die die Stromerzeugung von Kleinkraftwerken deutlich verteuern.

Mit steigenden Wirkungsgraden fallen überdies die erzeugungsspezifischen Brennstoffkosten. Ähnliche Skaleneffekte finden sich bei fast allen Erzeugungs- und Transporttechniken, wenn auch nicht immer so ausgeprägt wie im vorgenannten Beispiel.

Dazu kommt der schon zuvor genannte Effekt des zusätzlichen Speicherbedarfs und des notwendigen Ausbaus der Verteilnetze, da der Ausgleich von Erzeugung und Bedarf mit abnehmender Größe des Einzugsgebiets immer schwieriger wird. Wenn ein Stromversorgungssystem in wesentlichen Anteilen auf die Nutzung fluktuierender Erzeugung aus erneuerbaren Energien zurückgreifen soll, kommt dem Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch ein besonderes Gewicht zu.

Je kleinräumiger das Versorgungsgebiet, desto größer die Anstrengungen


Sind die kleinräumigen Lösungen demnach anstrengender?

CZISCH: In einem großräumigen Verbund vergleichmäßigen sich bei wachsendem Einzugsgebiet zuerst die kurzfristigen Fluktuationen der regenerativen Erzeugung, dann über die stündlichen, die täglichen und zuletzt bei geeigneter Wahl der Erzeugungsgebiete selbst die saisonalen Erzeugungsmuster. In sich selbst überlassenen Micro-Grids können allenfalls ganz kurzfristige Ausgleichseffekte erzielt werden.

Dementsprechend müssen für die Anpassung von Erzeugung und Bedarf mehr Anstrengungen unternommen werden, je kleinräumiger das Versorgungs- und Erzeugungsgebiet ist. Es muss also zunehmend mehr Erzeugung aus gezielt einsetzbaren Ressourcen stammen, je kleiner das Gebiet ist.

Sollen dazu nicht fossile Energien eingesetzt werden, muss auf Speichertechnologien zurückgegriffen werden. Im großräumigen Verbund wären solche eventuell in Form vorhandener Speicherwasserkraftwerke ohne zusätzliche Speicherverluste nutzbar, oder großräumig verteilte Pumpspeicherkraftwerke könnten mit Wirkungsgraden von etwa 80 Prozent für diesen Zweck mit herangezogen werden.

Es könnten auch andere erneuerbare Kraftwerke – zum Beispiel Biomassekraftwerke – aus anderen Gebieten mit zur Versorgung herangezogen werden. Im kleinräumigen Micro-Grid entfallen all diese Möglichkeiten. Hier muss die gesamte benötigte Reserveleistung- und Reserveenergie vor Ort zur Verfügung gestellt werden. Die relative installierte Spitzenleistung – und damit auch deren Kosten – steigt mit sinkender Größe des Versorgungssystems.

Wenn dann die Reserveenergie vor Ort erzeugt und vorgehalten werden soll, müssen lokale Speicher diese Aufgabe übernehmen. Kurzfristige Speicherung ist auf elektrochemischem Weg machbar, wenn auch relativ teuer und mit Verlusten behaftet, aber bei relativ kleinen Volumina eventuell wirtschaftlich und technisch darstellbar.

Aber gerade auch der Anteil der längerfristigen Speicherbedarfe würde mit sinkender Größe des Gebiets wachsen. Hierzu zeichnet sich aber bisher keine wirtschaftlich wirklich darstellbare Option ab. Insgesamt wächst also der relative Speicherbedarf – für alle Speicherdauern – mit kleiner werdendem Versorgungsgebiet, und dies hat Rückwirkungen auf Kosten und Effizienz des Versorgungssystems.

Nun wird in Deutschland viel über Methanerzeugung geredet…

CZISCH: Speichertechniken für längere Fristen könnten aus der elektrochemischen Erzeugung von Wasserstoff oder Methan und deren Speicherung bestehen. Ja, Methanerzeugung wird gerade in Deutschland eingehend diskutiert. Für die Schritte der Methangaserzeugung auf elektrochemischem Weg, der Kompression auf Drücke, mit denen eine effiziente Speicherung möglich wird, sowie der Speicherung und des Transports des Gases wird ein Gesamtwirkungsgrad von unter 60 Prozent genannt.

Eine Rückverstromung ist in kleinen Aggregaten mit Wirkungsgraden von etwa 40 Prozent und in den effizientesten großen Gaskraftwerken mit Wirkungsgraden von maximal 60 Prozent möglich.

Damit ergibt sich bei diesen schon sehr freundlichen Annahmen der Gesamtwirkungsgrad – von Strom über Gas zu Strom – in kleinen Systemen zu 24 Prozent (36 Prozent bei Verwendung der effizientesten Großkraftwerke). Entsprechend wären 76 Prozent als Verlust zu verzeichnen.

Wie hoch wäre hier der wirtschaftliche Mehraufwand?

CZISCH: Für die gleiche Menge Strom, die vom Endverbraucher genutzt wird, werden dann im Falle der vorherigen Speicherung fast die vierfache Primärproduktion und damit auch das annähernd vierfache Erzeugungspotenzial – vierfacher Materialaufwand, vierfacher Flächenverbrauch etc. – benötigt. Das erfordert einen entsprechenden wirtschaftlichen Mehraufwand.

Die zusätzlichen technischen Anlagen in der Kette bringen darüber hinaus auch noch weitere Kosten mit sich. Selbst bei Großanlagen läge der Mehraufwand aber noch etwa beim Dreifachen. Das würde aber schon einen Bruch der Dezentralisierungslogik bedeuten. Solche Überlegungen zeigen exemplarisch, wie wichtig die Vermeidung von Speicherschritten ist und welcher Stellenwert ihr bei der Systemauslegung beigemessen werden sollte. 

Liegt hier nicht kleinteiliges Denken im Widerspruch zu grenzüberschreitenden Anforderungen?

CZISCH: Der Klimaschutz ist eine internationale Aufgabe. Es macht also allein schon deshalb wenig Sinn, die Entwicklung mit einem eng gefassten nationalen oder noch kleinerem Fokus voran zu treiben. Warum sollten sich alle Nationen gegeneinander abschotten, um in ihrer Abgeschiedenheit letztlich doch jeweils einen ähnlichen Weg einzuschlagen, allerdings eifersüchtig darüber wachend, dass der Nachbar nichts davon hat?

Die Energieversorgung mit regenerativen Energien ist DER Schlüssel für den Klimaschutz und längerfristig auch für eine Ablösung der schwindenden fossilen Energieressourcen.

Wenn man die Frage angemessen, also aus internationaler Perspektive betrachtet, muss man zu dem Schluss kommen, dass die Energieversorgung auf eine Weise umgebaut werden muss, die weltweit den notwendigen Wandel rechtzeitig ermöglicht.

Viele ärmere Länder werden nicht auf teure kleinteilige Lösungen setzen können, die sich ihre Bevölkerung noch viel weniger leisten kann als schon einige Bevölkerungsteile in den verhältnismäßig reichen Industrienationen. Auch deshalb bieten sich internationale Kooperationen an, die insbesondere den ärmeren Ländern Entwicklungsperspektiven erschließen und gleichzeitig eine kostengünstige nachhaltige Energieversorgung für alle versprechen.

Wird diese Entwicklung so schnell und effektiv angestoßen, dass sie der drängenden Klimaproblematik gerecht wird, wird sich eine weltweite Dynamik entfalten, von der natürlich auch all jene profitieren werden, die heute im Bereich der erneuerbaren Energien schon gut aufgestellt sind. Ihr Fokus würde sich dann noch mehr vom begrenzten nationalen Markt auf den expandierenden Weltmarkt ausrichten, als dies heute ohnehin schon der Fall ist, mit entsprechenden positiven Auswirkungen auf die Beschäftigungsverhältnisse.

In dynamischen Wachstumsphasen bietet der Markt mehr Teilnehmern Platz als in Konsolidierungs- oder Stagnationsphasen. Auch das spricht – erstmal richtig verstanden – aus Sicht der Anlagenhersteller bis hin zu den Projektentwicklern für eine dynamische Ausweitung des Geschäftsfeldes und deshalb für eine expansive internationale Entwicklung.

Natürlich kann es nicht so sein, dass die neuen dynamischen Märkte alle Anlagen von den Herstellern der bereits etablierten Märkte importieren. Überall gibt es auch das berechtigte Interesse an der Schaffung von Arbeitsplätzen. Deshalb wird in einem sinnvollen dynamischen Prozess beides parallel entwickelt werden, die Exporte von Technik aus den etablierten in die neuen Märkte und der Aufbau von immer größeren Teilen der Anlagenproduktion und Planung in den neuen Märkten.

Zu diesem Interessenausgleich wird aber auch das Eigeninteresse der neuen Märkte und ihrer politischen sowie industriellen Vertreter beitragen. So war es auch bisher bei der Erschließung neuer Märkte für erneuerbare Energien. Es wird sich demnach, wie in anderen Wirtschaftsfeldern, auch ein Know-how-Transfer entwickeln, Arbeitsplätze werden an vielen Standorten entstehen, und das Geld wird dabei insbesondere von denen kommen, die die meiste Energie verbrauchen.

Stromtransporte über große Distanzen


Sind Stromtransporte über große Distanzen auf "Autobahnen" nicht viel zu teuer?

CZISCH: Nein, sie sind vergleichsweise billig, wenn die richtige Technik eingesetzt wird. Eine großräumige Stromversorgung allein aus erneuerbaren Energien wäre schon heute zu geringeren Kosten realisierbar als zu den heutigen Börsenpreisen. Der Transport über Ländergrenzen und teils Tausende von Kilometern hinweg macht dabei – inklusive Verlustkosten – nur einen relativ kleinen Bruchteil der Kosten aus. 

Setzt man das in Relation zur heutigen Mehrbelastung durch die heutige, teils fehlgesteuerte Energiewende, die bei einem Anteil von gerade mal einem Fünftel des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien allein auf der Erzeugungsseite schon mehr ausmacht, als die Börsenpreise, werden die Verhältnisse offensichtlich; die Mehrausgaben für die Verteilnetze und den zukünftigen Speicherbedarf für eine dezentrale Versorgung noch garnicht mitgerechnet.

Die Potenziale von Desertec


Sie gelten ja als einer der Vordenker von Desertec. Was war Ihre zugrundegelegte Idee?

CZISCH: Am Anfang meiner Arbeiten zur Stromversorgung habe ich mir die Frage gestellt, wie eine vollständige Versorgung mit Erneuerbaren Energien möglichst kostengünstig – und damit sozialverträglich – zu erreichen ist. Dazu musste ich zuerst die weltweiten Potenziale der Erneuerbaren Energien ermitteln und mich auch mit dem zeitlichen Dargebotsverhalten dieser Potenziale auseinandersetzen.

Dabei fiel mir zum Beispiel auf, dass wir in Europa fast ein geschlossenes Winterwindgebiet haben, dass aber schon in Europas Nachbarschaft, in Nordafrika, Sommerwindgebiete überwiegen und somit die Kombination beider Gebiete interessant wäre.

Die Potenziale und gegebenenfalls ihr Zeitverhalten habe ich für die verschiedensten Energieformen ermittelt. Also beispielsweise für Windenergie, die Solarthermie, für Photovoltaik, Wasserkraft, Goethermie und Biomasse. Dann habe ich nach dem optimalen Kraftwerks- und Leitungspark sowie nach dessen optimalem Betrieb gefragt.  Die Potenziale flossen in einem Optimierungsmodell zusammen inklusive der Kosten der einzelnen Technologien, Zins- und Tilgungskosten sowie der Wartungs-, Instandhaltungs- und Betriebskosten.

Das Ergebnis waren durchgerechnete und optimierte Vollversorgungsszenarien mit Erneuerbarer Energie unter verschiedenen technischen, wirtschaftlichen und politischen Randbedingungen für Europa und seine Nachbarschaft.

Aus ihnen lässt sich zweifelsfrei die Sinnhaftigkeit internationaler Kooperation im erneuerbaren Stromverbund ableiten, mit der eine kostengünstige, klimagerechte und Ressourcenschonende Stromversorgung zu erreichen ist. Diesem Projekt habe ich mich seither verschrieben.

Eine Idee, der ich seit Ende 2005 nachgegangen bin, war, den Rückversicherer Munich Re mit ins Boot zu ziehen, da er einerseits schon seit Jahrzehnten vor den wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels warnt und andererseits eng mit großen und wichtigen Wirtschaftsunternehmen verbunden ist. Dabei war auch seine Verbindung zur Versicherungswirtschaft interessant, da sie im besten Fall – bei günstigen Rahmenbedingungen – große Mengen relativ zinsgünstiger Kredite für das Projekt verspricht.

Und halten Sie das Projekt noch immer für realistisch?

CZISCH: Ich denke, mit jeder weiteren Kostenexplosion in Deutschland wird die großräumige Versorgungsoption attraktiver.

Desertec wird nach dem Ausstieg von Siemens aus der Solarthermie und dem angekündigten Abschied der Firma aus der Desertec Industrie Initiative vielleicht auch etwas eher bereit sein, sinnvollere Lösungen anzugehen, nämlich solche mit Windenergie, die viel schneller umzusetzen und viel kostengünstiger sind.

Tatsächlich scheint sich die Dii inzwischen der Vorzüge der Windenergie bewusst geworden zu sein. Plötzlich hört man von der Spitze der Dii Sätze wie: „Wenn wir von Wüstenstrom reden, reden wir im Wesentlichen von Windstrom und nur zum kleineren Teil von Photovoltaik und Solarthermie.“ Schade, dass es zu dieser Erkenntnis sieben Jahre gebraucht hat, wenn man von meinen ersten Kontakten mit dem Dii-Gründungsunternehmen Munich Re in 2005 an rechnet, und mehr als drei Jahre seit meinen Gesprächen im Hauptquartier der Munich Re in der Gründungsphase der Dii, in denen ich erneut explizit auf die Möglichkeiten der Windenergie hingewiesen habe.

Auch alle weiteren Versuche verhallten seither ergebnislos. Die mangelnde Empfänglichkeit eines solch großen Unternehmens für Beratung ist erstaunlich. Die Zeitverschwendung insbesondere für das Klima ist höchst bedauerlich. Erst der Schock durch die nun – selbst bei größten Anstrengungen – nicht mehr zu übersehende Problematik der Solarthermie scheint die Dinge in Bewegung gebracht zu haben. Solche Ineffizienz können wir uns in Anbetracht der Klima- und Ressourcenproblematik eigentlich nicht leisten. Hoffentlich wird daraus gelernt.

An der Klimafront mehren sich die beängstigenden Zeichen, sodass auch von dieser Seite der Druck wächst, schnell zu rationalen Entscheidungen zu kommen und dafür auch hinderliche Partialinteressen unbedient zu lassen.

Wieso Wind- und nicht Solarenergie?


Die nordafrikanischen Wüstenregionen assoziiert man doch mit Solaranergie. Wieso denken Sie dabei an Windenergie?

CZISCH: Die Antikorrelation der dort überwiegenden Sommerwinde zu unseren Winterwinden bietet idealen saisonalen Ausgleich. Außerdem sind die Potenziale riesig und können nur in internationaler Kooperation überhaupt in nennenswertem Umfang gehoben werden. In den Szenarien – in denen keine politischen Restriktionen den Einbezug afrikanischer Potenziale verhindern – wird dementsprechend leistungsstark auf die dortigen Windpotenziale zurückgegriffen. Das erweist sich für alle Beteiligten als außerordentlich vorteilhaft und sorgt mit für eine kostengünstige Stromversorgung.

Wie sollen die Windenergie aus der Wüste mit der Windenergie der europäischen Winter realistischerweise als Ergänzung gesehen werden?

CZISCH: Neben den saisonalen Ausgleichseffekte, die die nordafrikanischen Sommerwinde zusammen mit den europäischen Winterwinden so geeignet machen, eine bedarfsgerechte Erzeugung zu erreichen, sind es die teils extrem guten Windverhältnisse, die selbst nach Transport über Tausende Kilometer noch weit kostengünstigeren Windstrom versprechen, als wir ihn hier zulande produzieren können. Dieser Strom wäre in etwa um den Faktor 5 günstiger als Strom aus solarthermischen Anlagen aus denselben Gebieten und – anders als der thermisch erzeugte Solarstrom – relativ schnell in großen Mengen erzeugbar.

Wie wäre das technisch, zeitlich und kostenmäßig zu realisieren?

CZISCH: Die internationale regenerative Vollversorgung gemäß meinen Szenarien könnte und sollte – schon aus Klimaschutzgründen, aber auch wegen der Alterung der bestehenden Anlagen der Stromversorgung –  in etwa zwei Jahrzehnten aufgebaut werden. Die jährlichen Investitionskosten lägen im Bereich von 0,6 Prozent des BIP des gemeinsamen Versorgungsgebiets und wesentlich niedriger als bei einer dezentralen Versorgungsstrategie.

Die Stromkosten wären ­– wenn man es denn halbwegs richtig macht – niedriger als die heutigen und ließen sich über geeignete Finanzierungsmethoden, beispielsweise über Eurobonds oder staatliche (Ko)-Finanzierung mit niedrigen Zinsen noch weiter nach unten beeinflussen.

Eine nachhaltige und zugleich kostengünstige Stromversorgung ist im internationalen Verbund erreichbar. Mehrbelastungen für eine klimagerechte Stromversorgung sind vollständig vermeidbar. Bei der entscheidenden Zukunftsaufgabe der nachhaltigen Gestaltung unserer Energieversorgung handelt es sich also bei weitem nicht um die Herkulesaufgabe, zu der sie oftmals hochstilisiert wird.

Was die nordafrikanischen Standorte attraktiv macht


Wie groß ist denn das Energiepotenzial in Nordafrika?

CZISCH: Acht der Sahara-Staaten wären jeweils allein in der Lage, mehr Strom aus Windenergie zu erzeugen, als Afrika und Europa zusammen verbrauchen. Darunter sind vier afrikanische Mittelmeeranrainer, von denen die mit den größten Potenzialen bis zum Dreifachen des heutigen jährlichen Strombedarfs von EU und Afrika allein aus Windenergie decken könnten.

Attraktiv macht die nordafrikanischen Standorte auch, dass sie sich vielfach in wüstenähnlichen Gebieten befinden. Dort bestehen deshalb weniger Nutzungskonflikte. Mit der "saisonalen Antikorrelation" (Sommerwinde in Afrika – Winterwinde in Europa) sind Bedarf und Erzeugung viel besser ausgeglichen. Das reduziert auch den Speicher- und Backup-Bedarf und führt so zu weniger Verlusten und damit über die Mehrproduktion aufgrund der hohen Standortqualität hinaus erneut zu kleineren Flächenbedarfen. 

Da in keinem denkbaren Szenario aller Strom in einem Land erzeugt würde, sondern immer eine wenigstens einigermaßen gleichmäßige Verteilung der Erzeugung auf alle Mitglieder eines Versorgungssystems angestrebt würde, kann man diese riesigen Potenziale heute und in Zukunft als nahezu unbegrenzt ansehen.

Die Idee mit der Energieversorgung Europas aus den Wüstenländern stammt noch aus der Zeit vor dem Arabischen Frühling. Damals schienen die politischen Verhältnisse relativ stabil, auch wenn oder weil sie undemokratisch waren. Mittlerweile scheint die Region sehr viel unstabiler geworden zu sein. Oder sehen Sie das anders?

CZISCH: Ich finde, es erstrebenswerter, mit demokratischeren Ländern zu kooperieren. Heute könnte die Kooperation mit Nordafrika noch viel mehr darauf abzielen, Perspektiven für diese im Umbruch befindlichen Länder zu schaffen, die eine demokratische Richtung der Entwicklung attraktiver macht als eine zum Fundamentalismus. Selbst wenn es für uns keine großen Summen sind, die man dort investieren müsste, so wären es für diese schwachen Volkswirtschaften doch Beträge, die einem politischen Miteinander ein günstiges Umfeld bereiten. Hierzu müssen aber Instrumente entwickelt werden wie beispielsweise Finanzierungsinstrumente und verlässliche Abnahmeregelungen.

Ich verstehe überhaupt nicht, warum man diese Länder in dieser so heiklen Situation derzeit so alleine lässt. 

Aber begäbe sich Europa damit nicht in Gefahr? Etwa abhängig zu sein von schwer berechenbaren Entscheidern? Wo Zusagen einer Institution oder Person schnell wertlos werden können? Oder ein arabisch-israelischer Konflikt zum Erpressungspotenzial wird?

CZISCH: Wir wären nicht sehr abhängig. Man muss das mal mit heutigen Systemen vergleichen. Nehmen Sie die Gasversorgung. Wir haben heute ein Gasnetz, das sich im Prinzip über den fast identischen Raum erstreckt wie das HGÜ-Super-Grid, das wir in Zukunft für die Erneuerbaren brauchen. Das Gasnetz reicht von Algeriens Wüste bis zur Jamal-Region in Nordwestsibirien. 

Jetzt muss man wissen, dass Europa etwa 25 Prozent seines Erdgasimports aus Algerien und mehr als 40 Prozent aus Russland bezieht. Das geht seit vielen Jahren so und hat verschiedenste politische Systeme – noch mehr Entscheidungsträger – überdauert, die teils nicht sonderlich stabil waren. Wir beziehen also von nur zwei Ländern einen essenziellen Teil unseres Erdgases. Ohne diese Länder würde die Versorgung zusammenbrechen. Das ist doch eine absurde Abhängigkeit. Und sie verschärft sich in Zukunft sogar noch, weil europäische Quellen zur Neige gehen. Die Verringerung der Bezugsquellen ergibt sich bei allen fossilen Energieträgern.

Bei der Versorgung mit Erneuerbaren Energien sind einzelne Standorte nicht derart wichtig. Man kann bei recht stabilen Kosten sehr breit diversifizieren. Dass sich die Preise innerhalb eines Jahrzehnts verzehnfachen, wie wir es beim Öl gesehen haben, ist bei diesem System überhaupt nicht denkbar.

Mit der technischen Reife der relativ jungen Technologien wird es zudem möglich sein, Strom immer günstiger an immer schlechteren Standorten zu produzieren. Mit der Zeit wird die Redundanz im System also immer günstiger.

Wie schätzen Sie die Diskussion mit den Pipelines aus dem Kaspischen Raum ein? Welche der noch aktuellen Varianten hat die größten Chancen, ausgewählt zu werden?

CZISCH: Hier stellt sich die Frage, welche Quellen man über die Pipeline erschließen will. Große Gasvorkommen im Kaspischen Raum liegen im Iran. Zu ihm besteht aber derzeit ein sehr angespanntes Verhältnis. Weshalb er als Lieferant wohl derzeit nicht unproblematisch wäre, auch wenn seine Vorkommen unabhängig von Russland erschlossen und nach Europa transportiert werden könnten.

Um Kasachstans große Gasressourcen zu erschließen, müsste man entweder über Russland gehen, oder die Pipeline mitten durch das Kaspische Meer verlegen. Das eine würde die Abhängigkeit von Russland nicht verringern, das andere wirft technische und wirtschaftliche Fragen auf.

Sollte Europa anstreben, von Lieferungen aus Russland weniger abhängig zu werden?

CZISCH: Allzu einseitige Abhängigkeiten sollte man generell vermeiden. Interdependenz ist aber ein stabilisierender Faktor in der internationalen Politik. Das spricht für Diversifizierung und gegen Autonomiestreben.

Generell sollte man aber den Fokus ohnehin viel mehr auf die Nutzung erneuerbarer Energien ausrichten. Es gibt viel mehr fossile Ressourcen, als uns das Klima erlauben würde, sie auszubeuten.

Droht nochmals ein Gaslieferstopp nach Europa wie vor zwei Jahren?

CZISCH: Mit Fertigstellung der Nordstream-Pipeline ist das wohl sehr unwahrscheinlich geworden.

Kasachstan, flächenmäßig neuntgrößtes Land der Erde, gilt als Tankstelle Chinas und zum Teil Europas. Es verfügt über enorme fossile Ressourcen, setzt aber trotzdem massiv auf erneuerbare Energie. Welche Bedeutung kann das für Europa haben?

CZISCH: Kasachstan zeigt durch seine Stellung zwischen China und Europa, dass es keine zwingenden Grenzen in der internationalen Kooperation gibt. Es kann sowohl für seine östlichen als auch für seine westlichen Nachbarn als Partner agieren. Damit wird es letztlich auch zum Bindeglied zwischen seinen Partnern und sorgt gleichzeitig über die Diversifikation seiner Handelspartner für stabilere Verhältnisse in seinen Exportbeziehungen.

In Kasachstan sehen Sie hervorragendes Windenergiepotenzial. Welche Rolle kann dies für Europas Energiewende spielen?

CZISCH: Mit seinen riesigen Windpotenzialen und deren interessantem zeitlichen Erzeugungsmuster wäre Kasachstan ebenfalls ein hervorragender Kandidat für eine Partnerschaft in der erneuerbaren Stromversorgung. Auch als Ergebnis der Optimierung für meine Szenarien zur Vollversorgung Europas und seiner Nachbarn mit Strom aus erneuerbaren Energien kommt das zum Ausdruck. Die Windpotenziale Kasachstans werden leistungsstark in das Versorgungsgebiet integriert. Die Politik sollte sich also um entsprechende Kooperationen bemühen.

Unabhängige Wissenschaft und Beratung tun sich schwer


Sie sind immer wieder als Berater von Ministerien, diversen Institutionen und Unternehmen sowie in der Wissenschaft in Fragen der zukünftigen Energieversorgung tätig. Nutzt das etwas? Würden Sie sagen, dass Politiker offen sind für wissenschaftlich fundierte Argumente, oder zählen in der Politik nur Taktik, Kompromiss und Rücksichtnahme auf Lobbyisten?

CZISCH: Es gibt immer wieder reges Interesse von Seiten der Politik und großes Engagement einzelner Politiker. Das hat auch schon viele gute Früchte getragen. Es geschieht aber auch sehr schnell, dass Ergebnisse instrumentalisiert werden, ohne dass die notwendigen Konsequenzen daraus gezogen würden. Das Ergebnis, dass eine regenerative Vollversorgung kostengünstig möglich ist, hat teilweise dieses Schicksaal ereilt. Es wurde teils als Argument genutzt, ohne die notwendigen Konsequenzen zu ziehen, die da hießen, den Ausbau der Stromnetze zielgerichtet voran zu bringen sowie entsprechende Einspeiseregelungen und Finanzierungsstrukturen zu schaffen, die die wirtschaftliche Grundlage für die Entstehung eines solchen Systems bieten würden. Aus den gleichen politischen Reihen war teils die Begeisterung für die Ergebnisse und kurz darauf die Ablehnung des europäischen EEGs zu vermelden.

Wissenschaft wird vielfach instrumentalisiert – nicht nur indem Titel missbräuchlich erworben werden –, und sie lässt sich teilweise auch instrumentalisieren, was auch strukturelle Gründe im Wissenschaftsbetrieb und seiner Finanzierung hat.

Die Instrumentalisierung geht von Auftragsarbeiten, bei denen schon die Aufgabenstellung das Ergebnis weitgehend bestimmt, bis hin zu Gefälligkeitsgutachten und der Bedienung von Lobbyinteressen.

Unabhängige Wissenschaft und Beratung tun sich schwer. Es wird teilweise noch nicht mal erkannt, dass sie auch auf Finanzierung angewiesen ist. So kommt es nicht selten vor, dass Beratungskreise vorwiegend mit Lobbyisten besetzt sind und die Politiker sich in der Situation wiederfinden, aus einer Vielzahl durch Partialinteressen geleiteter Aussagen einen brauchbaren Extrakt zu filtern. Eine Aufgabe, der sie allzu oft nicht gewachsen sind und aufgrund beratungsbedingt fehlender Information teils auch nicht sein können.

Sind Politiker beratungsresistent?

CZISCH: Politiker müssten sich immer auch Gedanken machen, wie sie an möglichst wenig vorbelastete Beratung gelangen können und welche Voraussetzungen sie dafür schaffen müssen. Bei der Vergabe von Forschungsaufträgen sollten sie überdies darauf achten, dass sie die Aufgabenstellung nicht unnötig eng fassen. 

Andererseits ermöglicht die von Lobbyisten geprägte Szene es den Politikern, im Sinne einer opportunistischen Politikgestaltung die Partialinteressen ihrer jeweiligen Klientel kennen zu lernen und über deren Bedienung ihre Position zu stärken. Da wird dann eine an der Sache und dem Gemeinwohl ausgerichtete Stimme schnell mal als störend empfunden. Manche Sachverhalte will man lieber nicht verstehen, um ungestörter Klientelpolitik machen zu können. In solchen Situationen muss man dann wohl auch von Beratungsresistenz sprechen.

Teilweise sind die Politiker auch umgeben von einem Bollwerk bürokratischer Hürden und Hürdenbauer. Das trifft manchmal auch für Bundesministerien und relevante Teile der EU-Kommission zu. Da ist es nicht verwunderlich, dass manche Erkenntnisse die Entscheidungsträger nicht erreichen und so die dringenden Weichenstellungen von ihnen gar nicht vorgenommen werden können.

Interview: Ewald König

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Kontakt zu Gregor Czischg.czisch@transnational-renewables.org

Weiterführende Informationen: http://transnational-renewables.org/Gregor_Czisch/Home.htm


Die Serie aus dem YellowPaper "Europas Energiewende" w
ird fortgesetzt. Bisher erschienen:


Neues YellowPaper von EURACTIV.de (I)
 
/ The German Energiewende und der Rest Europas (24. Dezember 2012)

Neues YellowPaper von EURACTIV.de (II) / Energiewende: Übersicht des EURACTIV-Netzwerks (24. Dezember 2012)

Neues YellowPaper von EURACTIV.de (III) / Energiewende im EURACTIV-Netzwerk: Belgien, Serbien, Slowakei (27. Dezember 2012) 

Neues YellowPaper von EURACTIV.de (IV) / Energiewende im EURACTIV-Netzwerk: Polen, Österreich (28. Dezember 2012)

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