„Energiewende ist vergleichbar mit der Wiedervereinigung“

Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) schließt weitergehende Maßnahmen gegen Ankara nicht aus. [dpa (Archiv)]

Bundesumweltminister Peter Altmaier im GesprächDie Verfügbarkeit sauberer und bezahlbarer Energie wird – neben dem Zugang zu Wasser – in den nächsten Jahrzehnten das entscheidende geopolitische Thema sein. Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), Verfechter der Energiewende, im Gespräch mit dem „BusinessMagazin Berlinboxx“, das EURACTIV.de dokumentiert.

Herr Altmaier, die Reaktorkatastrophe von Fukushima liegt nun mehr als zwei Jahre zurück und führte in vielen Ländern zu einem Stimmungsumschwung zugunsten der Erneuerbaren Energien. Wie ist der Stand der Energiewende in Deutschland?

ALTMAIER: Der Weg ist schwierig, aber wir kommen gut voran. Wir befinden uns noch am Anfang einer sehr langen Wegstrecke. Denn die Energiewende ist ein Generationenprojekt, vergleichbar nur mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg oder mit der Wiedervereinigung Deutschlands. Einiges ist durchaus schon erreicht: Schon heute stammt rund ein Viertel unseres Stroms aus Wind, Sonne, Biomasse oder Wasser. Damit sind die Erneuerbaren zur zweitwichtigsten Stromquelle nach der Braunkohle geworden.

Aber der Strom muss ja nicht nur erzeugt werden, und auch nicht nur dann, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Strom muss auch transportiert werden und überall dort jederzeit verfügbar sein, an denen er gebraucht wird.

Hierbei gibt es großen Nachholbedarf, die Infrastruktur der Energieversorgung muss massiv ausgebaut werden. Nur dann schaffen wir die notwendige Versorgungssicherheit. Wir brauchen einen beschleunigten Bau von Leitungen, die mit einer neuen Netztechnologie große Mengen Windstrom verlustarm vom Norden Deutschlands in die Wirtschaftszentren im Westen und Süden transportieren.

Welche Chancen und welche Risiken bringt die Energiewende für die deutsche Wirtschaft mit sich?

ALTMAIER: Die Verfügbarkeit sauberer und bezahlbarer Energie wird in den nächsten Jahrzehnten neben dem Zugang zu Wasser das entscheidende geopolitische Thema sein. Die Energiewende ist auch eine strategische Entscheidung für Technologieführerschaft und für Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes im globalen Wettbewerb. Wir wollen den Beweis dafür liefern, dass es funktioniert. Wir wollen das Labor sein, in dem die Komponenten für die Energieversorgungssysteme des 21. Jahrhunderts entwickelt werden.

Aber es geht ja nicht nur um Energieerzeugung, sondern auch um Energienutzung. Mehr Energieeffizienz ist das zweite Standbein der Energiewende. Das Ziel muss sein, Deutschland zu einer der effizientesten Volkswirtschaften der Welt zu machen. Das bedeutet, den Stromverbrauch auch bei industriellen Prozessen deutlich zu reduzieren oder den Wärmebedarf in Gebäuden erheblich zu senken.

Der Atomausstieg soll in Deutschland bis 2022 geschafft werden. Ist die deutsche Gesellschaft auf diesen schnellen Wandel vorbereitet?

ALTMAIER: Jahrzehntelang hat gerade die Energiepolitik die Gesellschaft politisch gespalten wie kaum ein anderes Thema. Die Kontroverse um die Nutzung der Kernenergie wurde in ihrer Heftigkeit zum Symbol für diese Spaltung. Der Riss ging tief. Wir haben heute die Chance, diese Spaltung der Gesellschaft dauerhaft zu überwinden. Bundestag und Bundesrat haben die Energiewende im Jahr 2011 fast einstimmig beschlossen. Wir haben vor der Sommerpause in Bundestag und Bundesrat einmütig ein Endlagersuchgesetz verabschiedet und damit einen weiteren großen Konflikt befriedet. Die ganz große Mehrheit der Bevölkerung steht nach wie vor hinter der Energiewende und befürwortet ihre Ziele fast uneingeschränkt. Das ist ein sehr tragfähiges Fundament für unser Handeln.

Andererseits fühlen sich die Menschen nicht einbezogen.

ALTMAIER: Mit diesem breiten Konsens verbindet sich auch eine echte Chance für mehr Demokratie und Bürgerbeteiligung. Die Planung großer Infrastrukturprojekte muss in Zukunft stärker zusammen mit den Bürgern erfolgen, nicht gegen sie. Und Bürgerbeteiligung muss so früh einsetzen wie möglich, damit gar nicht erst verhärtete Fronten entstehen, damit gleich alle Alternativen auf den Tisch kommen. Dass etwa das neue Netzausbaubeschleunigungsgesetz die Bürger schon bei der Planung im Vorfeld einbindet, ist ein wichtiges Signal in diese Richtung. 

Der deutsche Solarmarkt war lange Zeit in der Welt führend, zuletzt brachen jedoch zahlreiche Firmen zusammen. Wie sieht die Zukunft dieser Branche aus?

ALTMAIER: Die Solarbranche befindet sich derzeit im Umbruch, das ist eine sehr schwierige Phase. Die Photovoltaik hat eine Kostensenkung hinter sich, deren Ausmaß niemand zuvor für möglich gehalten hat: Innerhalb weniger Jahre ging es vom Luxusstrom, der mit Abstand teuersten aller erneuerbaren Energien, bis zur Netzparität und darunter – also auf ein Niveau, bei dem sogar der Eigenverbrauch oft attraktiver als die Einspeisung ist. Freuen dürfen wir uns darüber, dass sich Solarstrom immer häufiger rechnet und immer öfter nicht mehr oder nur noch in geringem Umfang gefördert werden muss. Diese rasante Entwicklung ist in der Tat auch eine Herausforderung für die Branche. Es geht jetzt darum, in diesem Markt durch Innovationsführerschaft auch in Zukunft eine besondere Position zu behaupten.

Der Bau von Offshore-Windanlagen boomt dagegen in Europa, insbesondere Großbritannien und Dänemark investieren hier stark. Und welche Rolle spielt die Windkraft in Deutschland?

ALTMAIER: Zunächst einmal freut es den deutschen Umweltminister, wenn die europäischen Nachbarn auch auf Erneuerbare Energien setzen. Die Stromerzeugung aus Windkraft hat im letzten Jahr alleine fast acht Prozent unseres Strombedarfs gedeckt. Windkraft an Land zählt schon heute zu den kostengünstigsten unter den Erneuerbaren Energien, Offshore-Windkraft hat demgegenüber noch ein erhebliches Kostensenkungspotenzial. Das Besondere an Offshore-Windkraft ist: Sie liefert Strom mit hoher Zuverlässigkeit. Erste Erfahrungen in Deutschland zeigen, dass fast 4.500 Volllaststunden im Jahr möglich sind. Das ist deutlich mehr, als erwartet wurde.

Berlin hat sich das Ziel „Energiereferenzstadt“ auf die Fahnen geschrieben. Wie sehen Sie die Rolle der Hauptstadt für die Energiewende in Deutschland?

ALTMAIER: Ich möchte der Berliner Landespolitik keine Ratschläge erteilen. Aber es erscheint mir klar: Die Chance Berlins liegt in seiner einzigartigen bunten Vielfalt, dem kreativen und wissenschaftlichen Potenzial. Neue Mobilitätskonzepte und auch die Elektromobilität sind hier sicher wichtige Stichworte. Der Betrieb von Elektrofahrzeugen mit Erneuerbaren Energien macht diese zu Nullemissionsfahrzeugen. Und sie können zudem auch als Stromspeicher und zur Systemstabilität des Stromnetzes dienen. Damit tragen sie sogar zur Integration der Erneuerbaren Energien bei. In diesem Bereich wird in Berlin schon sehr viel erprobt. Berlin ist sicher ein herausragender Standort, um Neues auszuprobieren.

Auf dem Ecosummit 2013 in Berlin wurden vor kurzem die besten Start-ups im Bereich der Energie gewürdigt. Welche Bedeutung haben technologische Innovationen für die Energiewirtschaft?

ALTMAIER: Wir stehen vor einer neuen großen Welle der industriellen Innovation. Wir müssen uns eingestehen, dass wir Europäer die vergangenen beiden großen Innovationswellen – die Unterhaltungselektronik in den sechziger und siebziger Jahren und die digitale Revolution seit den neunziger Jahren – nicht so erfolgreich genutzt haben wie Japan oder die USA. Umso mehr kommt es darauf an, dass Europa jetzt die neue Innovationswelle der Energie- und Umwelttechnologien anführt. Die Energiewende bietet die Chance, unseren Wohlstand durch Innovation nachhaltig zu behaupten beziehungsweise zu steigern.


Interview: Markus Feller, 
 BusinessMagazin BERLINboxx

Link


EURACTIV.de-Gespräch mit Umweltminister Peter Altmaier /
Altmaier über Fracking: "Risiken noch zu groß" (1. Juli 2013) 

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