Was sucht eigentlich Björn Höcke bei Google?

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Heutzutage geben nicht arabische Scheichs den Takt vor, sondern Digitalkönige wie Google, mit Sitz in den USA oder Asien, die große Datenmengen sammeln. [Foto: epa]

Die Bundesregierung will mit einer europäischen Cloud die digitale Souveränität sichern. Das Projekt trifft einen wunden Punkt – aber nicht viel mehr. Ein Kommentar von EURACTIVs Medienpartner Wirtschaftswoche.

Es ist die Liste aller Listen. Sie lässt tief in die Seele der Deutschen blicken. Sie zeigt zum Beispiel in Echtzeit, für welche Menschen sich ein Volk interessiert. Am Sonntag 27. Oktober lag etwa Björn Höcke zeitweise im Neugier-Ranking auf Platz 4. Der Mann, der laut Gerichtsbeschluss als Faschist bezeichnet werden darf, hatte da mit seiner AfD bei den Thüringer Landtagswahlen 23,4 Prozent der Stimmen geholt. Schauspieler Frederick Lau und sein drittes Kind folgten auf Platz 8, die Tötung von IS-Pate al-Baghdadi schaffte es auf Platz 9.

Höcke sorgte bei Google für über 100.000 Suchanfragen. Nur das Imperium des amerikanischen Suchmaschinisten verfügt über solche Informationen – und genau das ist das Problem. In einer Zeit, in der Daten das neue Öl sind, hängt Europa und mit ihm Deutschland schon wieder am Tropf mächtiger Anbieter aus fernen Ländern.

EU-Digitalchef: Europa muss Cloud-Investitionen "priorisieren"

Europas globale Stellung auf dem Markt für Cloud-Infrastrukturen steht seit langem auf dem Prüfstand, da es im Vergleich zu Global Playern an Investitionen und Präsenz mangelt. EURACTIV hat sich nun auf ein Gespräch mit Roberto Viola von DG Connect getroffen.

Diesmal geben nicht arabische Scheichs den Takt vor, sondern Digitalkönige mit Sitz in den USA oder Asien. Der alte Kontinent ließ sich erneut zum Nutzer degradieren. Mächtige Dritte verarbeiten für die Europäer den Rohstoff der Zukunft oder fordern sie mit einer digitalen Währung heraus. In die umgekehrte Richtung läuft wenig – abgesehen von der Walldorfer Softwareschmiede SAP sowie den Netzwerkausrüstern Ericsson und Nokia.

Nicht nur die deutsche Regierung hat richtig erkannt, dass eine Regulierung der ausländischen Anbieter die digitale Selbstbestimmung nicht zurückbringt. Jetzt macht sich die Politik daran, den Aufbau einer eigenen Infrastruktur zu propagieren. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier will es mit dem Cloud-Projekt Gaia X schaffen. Denn tatsächlich stellt sich ja die Frage, warum beinahe der ganze Dax und gar Polizeistellen die Daten bei Amazon und Co. lagern und wer da unbemerkt Zugriff hat.

Ein politischer Impuls und ein paar Gründungspartner sind aber zu wenig. Damit das Ganze nicht als Rohrkrepierer endet, braucht es ein konkurrenzfähiges Geschäftsmodell. Erst dann wird eine kritische Anzahl von europäischen Firmen mitmachen. Möglichst viele CEOs müssen die langfristige Perspektive des Projekts begreifen. Sonst sind die Felle verteilt. Wer zu spät kommt, den bestraft das Silicon Valley. Dort sind übrigens auch die privaten Suchanfragen von Björn Höcke gespeichert. Und dort macht vielleicht ein Amerikaner diese Daten zu Geld – als Netflix-Drehbuch für die neue Serie „House of Horror“.

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