Leadership in Zeiten der Digitalisierung

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Der Einfluß der Digitalisierung im Berufsleben bringt tiefe Einschnitte in die Arbeitswelt 4.0 meint Frank Zeeb. [shutterstock]

Ich bin seit über 27 Jahren in der Energiebranche tätig und habe viele Trends kommen und gehen sehen. Aber kaum einer war so prägend und einschneidend wie die Digitalisierung.

Dass wir privat von Smartphones abhängig sind, unser Alltag und unsere Einkäufe, aber auch menschliche Beziehungen über Apps steuern, ist die eine Seite der Medaille. Der viel größere Einfluss findet meiner Meinung nach im Berufsleben statt, wo mit Hilfe der Digitalisierung nicht nur Infrastrukturen optimiert werden, sondern das Führen von Unternehmen und Teams sich komplett ändert bzw. ändern muss.

Energiewirtschaft als Paradebeispiel für den Kulturwandel

In der Energiebranche ist die Digitalisierung sogar gesetzlich vorgeschrieben, mit dem ‚Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende’. Und das hat gute Gründe. Die Energiewende soll schneller vorankommen und kosteneffizienter werden. Ob Versorger oder Netzbetreiber – alle müssen umdenken, um in der zukünftig immer digitaler werdenden Energiewelt mithalten und mitmischen zu können. Zunächst sollten wir versuchen genau zu verstehen, was die einzelnen Akteure der Energiebranche brauchen und in welche Richtung sie sich entwickeln. Das löst eine Kaskade an Neuerungen in der Branche aus.

Digitale und smarte Zähler, digitaler und automatisierter Energiehandel auch über Blockchain, digitale Speicher und vieles mehr erobern gerade die Energiewirtschaft. Wir können gar nicht anders als uns hier um 180 Grad zu drehen und unsere traditionellen und analogen Geschäftsmodelle und Prozesse völlig neu zu denken. Diese Transformation braucht Führungskräfte, die beide Welten – die alte und die neue Energiewelt – verstehen. Sie braucht eine Art Übersetzer oder Mediator, der die neuen Lösungen und Ideen der Start-ups und Akzeleratoren sowie die Bedürfnisse der Kommunen und Stadtwerke zusammenbringen kann. Hier sind Menschen gefragt, die Erfahrung mit Visionen koppeln und ihre Mitarbeiter dazu befähigen können, die Richtung der Energiewirtschaft mitzugestalten.

Es geht darum, nicht auf Sicherheit und Altbewährtes zu setzen, sondern auch mal ein Risiko einzugehen. Damit einhergehend sollte nicht Fehlervermeidung, sondern Ausprobieren ein wichtiges Credo darstellen. Was aber heißt das für unsere Unternehmen? Als Leader im digitalen Zeitalter liegen die Herausforderungen, die wir zu bewältigen haben, weniger im Management neuer Technologien als vielmehr im Umgang mit Menschen. Ein Kulturwandel in den Unternehmen ist grundlegend für die Digitalisierung.

Vom „Ich“ zum „Wir“

Volatilität, Komplexität und auch immer mehr Unsicherheiten bestimmen die heutige und zukünftige digitale Arbeitswelt. Da sind starre Hierarchien, Herrschaftswissen und allzu strenge Befehls- und Kontrollvorschriften hinderlich für den Erfolg. Hier sehe ich die Herausforderungen, die wir als Leader angehen müssen vor allem darin, wie wir vom ‚Ich‘ zum ‚Wir‘ kommen; weg von der „Vorgabe“ hin zur „Eigenverantwortung“, von der „Kontrolle“ zum „Vertrauen“, von der „Motivierung“ zur „Förderung der Motivation“. Wir müssen Menschen innerhalb von Organisationen gut vernetzen und den Austausch zwischen Mitarbeitern aller Unternehmensebenen fördern.

Leader anstatt Manager

Bei der fortlaufenden Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen im Unternehmen sind Führungskräfte gefragt, die sich nicht nur als Manager, sondern als Leader verstehen. Für Letzteres reicht es nicht aus, sich ausschließlich mit den Prozessen des Unternehmens zu befassen, nur zu organisieren oder verwalten. Leader denken weiter, sind Visionäre. In Sachen Digitalisierung müssen wir genau das sein. Wenn wir uns diesem Trend verwehren, sind wir mit Sicherheit nicht mehr lange im Geschäft.

Leider ist das mit dem Umschalten auf Digitalisierung aber nicht so einfach. Eine Umfrage der Unternehmensberatung BWA Akademie hat ergeben, dass 89 Prozent der deutschen Führungskräfte der Digitalisierung nicht gewachsen sind. Sie gaben an, beim Thema Digitalisierung teilweise an ihre Grenzen zu stoßen oder völlig überfordert zu sein, während nur 11 Prozent sich auf der Höhe der Zeit fühlen. Diese Zahlen sind alarmierend. Und genau hier docken wir an, indem wir die Bedürfnisse der entsprechenden Stakeholder auf kommunaler und lokaler Ebene zunächst verstehen und dann passende sowie flexible Lösungen anbieten.

Vernetztes Team = gute Kundenbindung

Zunächst muss man die Bedürfnisse und Herausforderungen seiner Kunden verstehen. Nehmen wir die Energiebranche: Bei den unzähligen Trends und Innovationen auf dem Markt ist es wichtig, zuallererst in einen Dialog mit unseren Kunden, den Kommunen und Stadtwerken, zu treten. Wir müssen vollständig verstehen, was sie brauchen, um sie dann entsprechend beraten zu können. Erst wenn Kundenorientierung und das digitale Mindset stimmen, was für mich eng verknüpft ist, können wir anfangen, Produkte zu entwickeln, digitale Tools und Lösungen, die ihnen einen wirklichen Mehrwert bieten. Und dazu braucht man innovative und motivierte Mitarbeiter, die offen sind für neue Technologien.

Die Zeiten, in denen der Vertriebler der einzige externe Kontakt zum Kunden ist, sind vorbei. Die Kommunikation mit und das Verständnis für die Bedürfnisse des Kunden müssen bei allen Mitarbeitern vorhanden sein. Wie kann das gelingen? Indem Unternehmen den schnellen und regelmäßigen Austausch zwischen Mitarbeitern ermöglichen, Hierarchien flach halten und Mitarbeiter motivieren, mitzudenken. Nur mit einem proaktiven und gut vernetzten Team fühlt sich der Kunde verstanden und ist zufrieden. Je mehr man in die Digitalisierung des eigenen Unternehmens, Mitarbeiter und Kooperationen investiert, umso mehr profitiert auch der Kunde davon.

Der Autor

Frank Zeeb ist Vorstandsvorsitzender der Alliander AG.

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