EU-Demokratie bedarf Pluralität in den Medien

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

(Grafikechte: Esther Snippe. Bildrechte: Shutterstock / True Touch Lifestyle, Krakenimages.com, AlexandrMusuc, und timyee)

Als sich unser Nachrichtenkonsum von der traditionellen Presse auf das digitale Medium verlagert hat, haben wir mehr verloren als nur physisches Zeitungspapier in unseren Händen. Die Medien betraten eine neue Ära der Emotionen. Doch das muss nicht so sein. 

David Mekkaoui ist der Geschäftsführer von EURACTIV, dem Mediennetzwerk für Europa.

Jetzt ist die Zeit über die Medien nachzudenken, die wir uns für das Jahr 2025 wünschen – anstatt uns damit zu beschäftigen, wie wir verhindern können, dass wir Einnahmen an sozialen Medien verlieren und mit selbsternannten Bürgerjournalist:innen um Klicks kämpfen.

Die Bürger:innen von heute sind den ganzen Tag von zahlreichen Informationsquellen umgeben. Sie checken ihre E-Mails, Chatgruppen und sozialen Medien bevor sie ihren Kaffee trinken. Sie tauschen sich am Arbeitsplatz mit Kolleg:innen, Kund:innen, Lieferant:innen und Partner:innen aus.

Sie erhalten Empfehlungen von Freund:innen, Familie, Nachbar:innen und Fremden. Außerdem recherchieren sie online auf einer der Millionen von Websites mit nicht-medialen Inhalten. Welche Rolle spielen Medien, wenn Informationen eine Ware sind, Meinungen sich überall finden lassen und Informationen überwältigen?

Es gibt einen Unterschied zwischen mehreren Informationsquellen und unterschiedlichen Perspektiven. Allzu oft haben Freund:innen und Kolleg:innen einen ähnlichen Hintergrund und die gleiche Sichtweise.

Wir konsumieren Nachrichten auf der Grundlage von Emotionen, und wenn eine Meinung unsere eigenen Überzeugungen in Frage stellt, neigen wir von Natur aus dazu, sie zu ignorieren oder neu zu interpretieren.

Dieser Bestätigungsfehler liegt den Algorithmen zugrunde, die von sozialen Medien und Videoplattformen entwickelt wurden, um unseren Zugang zu den Inhalten, die wir mögen, zu steigern.

Kritisches Denken ist eine Tugend. Es ist komplex, nicht intuitiv und äußerst wertvoll. Es erfordert Bildung und Erfahrung, gründliche Forschung und eine strenge Ethik. Kritisches Denken erfordert hohe Standards und Professionalität. In der heutigen Informationsflut ist kritisches Denken auf Medien angewiesen. Und Medien brauchen kritisches Denken.

Als seriöses Medienunternehmen können wir nicht mit Clickbait-Titeln und Klatsch und Tratsch konkurrieren. Das ist ein Kampf, den andere gewinnen werden, andere mit einem anderen Sinn für Ethik.

Als Medien wollen wir rationale, skeptische und unvoreingenommene Analysen von Fakten liefern. Dieser Mehrwert kann, so hoffen wir, zu einer effektiven Problemlösung und „besseren“ Entscheidungen beitragen.

Selbst in dieser Ära der emotionalen Nachrichten gibt es für Medien einen Weg, um einen Beitrag zu leisten, einen Weg, um ein redaktionelles Modell und ein Geschäftsmodell aufzubauen.

Moderne Medien haben ein Geschäftsmodell, das diversifiziert ist, um Unabhängigkeit zu garantieren, und das öffentlich bekannt ist, um Transparenz zu gewährleisten. Ich bin der Meinung, dass unsere Redaktionsmodelle ebenso vielfältig sein sollten wie unsere Geschäftsmodelle, und ich weiß, dass dies keine populäre Ansicht ist. In vielen Ländern gibt es linke Medien und rechte Medien.

Einige Medien unterstützen offen eine Sache, eine Partei oder sogar eine Regierung. Wir bei EURACTIV haben eine Vision von Europa, und wir treten als konstruktive Europäer:innen auf.

Journalist:innen sind Bürger:innen. Als solche sind sie in der Regel gut informiert und haben natürlich eine Meinung. Wenn sie einen Artikel für ein Medienunternehmen schreiben, besteht die Möglichkeit, dieses wertvolle Wissen zu nutzen, um sicherzustellen, dass die Nutzer:innen einen umfassenden und genauen Überblick über die Situation erhalten.

Andere Meinungen anzuhören, die eigenen in Frage zu stellen und eine ausgewogene und umfassende Berichterstattung zu präsentieren – das ist meine Vorstellung von Journalismus.

Ich fordere, dass alle Medien in der Lage sein sollten, in völliger Unabhängigkeit über alle Perspektiven zu berichten, ohne Druck von Aktionär:innen oder Kund:innen, von Nutzer:innen oder der Zivilgesellschaft. Das ist die wahre Unabhängigkeit der Medien.

Vorausgesetzt, sie sind ordnungsgemäß anerkannt und rechtlich zugelassen, sollten wir allen Interessengruppen in voller Transparenz eine Stimme geben und ihre Worte, nicht ihre Zugehörigkeit, beurteilen. Wir sollten unseren Nutzer:innen die Informationen bieten, die sie sehen wollen, und nicht die Inhalte, die ihre Vorurteile bestätigen.

Wir sollten aufzeigen, was nicht funktioniert und was funktionieren könnte.

Wir sollten nach Nuancen und Vielfalt Ausschau halten, was bedeutet, dass wir den Kontext gut einordnen und nach Blickwinkeln suchen sollten, die weniger offensichtlich sind als die, an die wir gewöhnt sind. Und wir sollten auf die Art und Weise achten, wie die Informationen als Ganzes behandelt werden – der Ton, die Worte und die Illustrationen zählen.

Bis zum Ende des Jahres werden viele Debatten die Medien Europas beleben. Wir sprechen über Politik in Frankreich und in Deutschland, wir berichten über die COP26 und die Klimakrise, wir beobachten den dritten Winter des Covid und hoffentlich die Wiedereröffnung der Welt.

Werden wir uns auf die mobilisierenden Themen und populären Stimmen beschränken? Werden wir den Kampf gegen soziale Medien in ihrem Heimatgebiet fortsetzen? Oder werden wir auch über alternative Perspektiven berichten, Lösungen aufzeigen und unsere eigenen Überzeugungen hinterfragen? Ich hoffe es.

Konstruktiver Journalismus könnte eine der Lösungen sein, um Menschen wieder an die Medien heranzuführen. Das ist es, was wir erreichen wollen, und es liegt ganz in unserer Hand.

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