Deutschland – die Luft- und Raumfahrtrepublik

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Das erste Passagierflugzeug mit einem emissionsfreien Brennstoffzellen-Antrieb hat seinen Testflug erfolgreich gemeistert. Mit einer Reichweite von bis zu 1.500 Kilometern können derartige Flugzeuge zukünftig als Lufttaxis eingesetzt werden. (Bild: DLR, CC BY 3.0)

Nach der Erfindung des Flugzeugs und dem Beginn des Satelliten- und Jetzeitalters in den Fünfzigerjahren stehen wir an der Schwelle der dritten Revolution der Luft- und Raumfahrt.

Emissionsfreie Flugzeuge werden hierzulande entwickelt und erprobt. Autonome Flugtaxis „Made in Germany“ heben regelmäßig zu Testflügen ab. In der Raumfahrt erreichen wir dank -mit Technologie aus Deutschland den Mars und konnten mit Philae erstmals eine Sonde auf einem Kometen landen. Und 2017 war dank zahlreicher Innovationen das sicherste Jahr der Luftfahrtgeschichte. Angetrieben wird diese Revolution von den großen Entwicklungen, die unser Jahrhundert prägen: Digitalisierung und Dekarbonisierung.

Technologiebeschleuniger Luft- und Raumfahrt

Deutschland und Europa können von diesen Entwicklungen enorm profitieren, wenn wir unsere Karten richtig spielen. Unsere Ausgangsposition ist hervorragend: Die Luft- und Raumfahrt ist eine der wenigen Branchen, in der wir technologisch führend sind. Weltweit wurden in 2017 rund 1.800 Passagierflugzeuge aller Hersteller ausgeliefert. Und in jedem steckt Spitzentechnologie „Made in Germany“ – ein großer Erfolg auch unserer mittelständisch geprägten Zulieferindustrie, die aus dem Hochlohnland Deutschland heraus im hart umkämpften globalen Wettbewerb erfolgreich ist. Jedes sechste dieser Flugzeuge wird in Deutschland, in Hamburg, endmontiert und an Kunden in der ganzen Welt ausgeliefert. Das entspricht 18 % der weltweiten Flugzeugproduktion.

Diese Zahlen belegen eindrucksvoll die globale Stärke unserer deutschen Luftfahrtindustrie – der Systemhersteller und der Zulieferer.

Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr. Innovation ist der Schlüssel zum Erfolg: Unsere Branche gibt elf Prozent ihres Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus, doppelt so viel wie andere Wirtschaftszweige. Weiterer unersetzlicher Auftrieb für vergangene, aktuelle und künftige Erfolge sind die Leistungen der Forschungsförderung der Bundesregierung. Der Großteil der Investitionen fließt dabei in Technologien zur Senkung von Emissionen und Lärm. Nicht zuletzt beruht unser Erfolg auch auf einer einzigartigen und dynamischen Symbiose aus Systemindustrie und Mittelstand, die in enger Zusammenarbeit mit unserem pulsierenden Forschungsnetzwerk die vollständige Wertschöpfungskette abdecken – von der Forschung über die Entwicklung bis zur Produktfertigung.

Und weil die Anforderungen an Technologie und Sicherheit nirgends höher sind als in der Luft und im All, profitieren andere Schlüsselbranchen am Standort Deutschland wie Auto, Energie und Maschinenbau von der Pionierarbeit der Luft- und Raumfahrtingenieure.

Fliegen ohne Auswirkungen auf die Umwelt

Die vielleicht entscheidende Herausforderung der dritten Revolution der Luft- und Raumfahrt ist, die Emissionen des Luftverkehrs trotz steigender Mobilität in aller Welt stark zu reduzieren.

Glücklicherweise sind in der Luft- und Raumfahrt ökologische und ökonomische Ziele deckungsgleich: Jeder eingesparte Liter Kerosin schont die Umwelt und reduziert die Kosten der Fluggesellschaften. Am Weltmarkt hat Erfolg, wer Flugzeuge produziert, die leiser, sicherer, sauberer und komfortabler sind als die Vorgängermodelle. Darum verursachen die modernsten Flugzeuge heute nur noch einen Bruchteil der Emissionen und des Lärms der ersten Jetflugzeuge.

Selbst das komplett emissionsfreie Fliegen rückt in greifbare Nähe, sei es durch Solarkerosin, Elektroflugzeuge wie den E-Fan von Airbus oder Brennstoffzellenflieger wie die HY4 des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Diese Technologien müssen nun schnellstmöglich erprobt und auf größere Flugzeuge angewandt werden. Airbus und Siemens bauen dafür gerade ein Kompetenzzentrum für elektrisches Fliegen bei München auf, in dem 200 Experten Prototypen entwickeln sollen. Dafür braucht es bei einem Thema von solch gesellschaftlicher Tragweite aber auch die Unterstützung seitens der Politik. Wie die E-Mobilität auf der Straße sollte auch die Elektrifizierung des Luftverkehrs auf die politische Agenda gesetzt werden, damit der Durchbruch zum elektrischen Fliegen in Europa gelingt.

Digitalisierung der dritten Dimension

Während manche noch über Flugtaxis schmunzeln, ist die technologische Umsetzung bereits weit fortgeschritten. Die größte Herausforderung ist dabei nicht etwa das Fluggerät selbst, sondern die sichere Einbindung der elektrischen Senkrechtstarter in den bestehenden Luftverkehr. Die Antwort liegt in der digitalisierten, autonomen Flugsteuerung, wie sie bereits von verschiedenen Unternehmen vorangetrieben wird. Sie wird die Mobilität von Menschen auf ein neues Niveau bringen.

Allumfassend

Auch im Weltall wird Europa stärker und unabhängiger. Das europäische Satellitennavigationssystem Galileo ist nun frei verfügbar und präziser als das amerikanische GPS. Wer ein neues Smartphone oder Auto kauft, nutzt bereits Galileo und seine in Bremen hergestellten Satelliten. Die ab 2020 eingesetzte Ariane 6-Trägerrakete wird Europas unabhängigen Zugang zum Weltall auf viele Jahre hin sichern. Und geplante Missionen zu Merkur und Mars werden europäische Fußspuren im All hinterlassen und wissenschaftliche Erkenntnisse von unschätzbarem Wert erbringen.

Raumfahrt macht unser vernetztes, digitalisiertes und modernes Leben überhaupt erst möglich: Keine Klimabeobachtung könnte stattfinden, kein Weltmeisterschaftsspiel live übertragen und keine Wettervorhersage könnte getroffen werden. Sie ist unser ständiger Begleiter – ein Tag ohne Raumfahrt würde uns in die Fünfzigerjahre zurückwerfen.

ILA Berlin 2018 mit Partnerland Frankreich

Die Luft- und Raumfahrt ist die europäisch aufgestellte Industrie schlechthin. Ihr Erfolg basiert zu einem bedeutenden Teil auf den technologischen Errungenschaften unserer Industrie. Die Investitionen sind immens. Um im harten globalen Wettbewerb auch mit den USA und China mithalten zu können, bedarf es einer noch engeren europäischen Zusammenarbeit. Die Zeit der Kleinstaaterei ist vorbei – dies gilt für die zivile Luftfahrt ebenso wie für die Raumfahrt und die militärische Luftfahrt. Hier geht es insbesondere um die geplante Entwicklung eines europäischen Kampfflugzeuges der nächsten Generation, ein integriertes System, ein „System der Systeme“, das im „Teaming Manned/Unmanned“ Drohnen, Kampfflugzeuge, Satelliten sowie Kommando- und Kontrollflugzeuge miteinander vernetzt.

Auch vor diesem Hintergrund kommt die führende Innovationsmesse unserer Branche, die ILA Berlin, die vom 25. bis 29. April im Herzen Europas stattfindet, zur rechten Zeit. Mit Frankreich haben wir das ideale Partnerland gewonnen, denn die deutsch-französische Partnerschaft als Motor Europas war vermutlich nie wichtiger als heute. Die Herausforderungen sind klar, die Lösungen identifiziert. Doch die Zeit drängt, und entschlossenes politisches Handeln ist gefragt. Gemeinsam können Frankreich und Deutschland die treibende Kraft für Wohlstand und Sicherheit in Europa bleiben. Die ILA ist der ideale Rahmen, wichtige Weichenstellungen für die Zukunft zu leisten.

Der Autor

Volker Thum ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie.

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