Standpunkt von Alexander Alvaro (FDP)Die EU-Kommission hat endlich eine Cybersecurity-Strategie vorgelegt, schreibt Alexander Alvaro (FDP) in einem Standpunkt. Jetzt gilt es, diese auch rasch und staatenübergreifend umzusetzen, so der Vizepräsident des Europäischen Parlaments. Wichtig sei dabei, auch die Privatwirtschaft sehr eng einzubinden.
Der Autor
Alexander Alvaro (FDP) ist seit 2004 Europaabgeordneter und seit 2012 Vizepräsident des Europäischen Parlaments. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Haushaltsausschusses des EP sowie Mitglied der Spinelli-Gruppe.
Der nachfolgende Beitrag erschien bei Treffpunkt Europa und ist der letzte Teil der Artikelserie "Gebt dem EU-Parlament eine Stimme!".
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In einer vernetzten Welt spielt Cybersicherheit eine immer bedeutendere Rolle – es ist folgerichtig, dass diese Frage endlich stärker in den Fokus des europäischen Handelns rückt. Digitale Angriffe auf öffentliche Einrichtungen oder Unternehmen, etwa Energie- oder Wasserversorger, auf Infrastrukturen wie Verkehrsbetriebe oder auf Finanzinstitute, können die Funktionsfähigkeit unserer Gesellschaften fundamental beeinträchtigen.
Im 21. Jahrhundert ist es daher unabdingbar, unsere Fähigkeit zu stärken, sich solchen Bedrohungen effektiv zu widersetzen und alle Bereiche des öffentlichen Lebens gegen digital geführte Angriffe abzusichern. Diese Bemühungen dürfen in einer Welt des staatenübergreifenden digitalen Austausches aber nicht an den nationalen Grenzen enden. Der vorliegende Vorschlag der Europäischen Kommission markiert hier den Beginn einer Diskussion und nicht deren Ende.
Cybercrime
Dass kriminelle Energie nicht nur unmittelbare Gefahren für unsere Bürger mit sich bringt, sondern auch für staatliche Institutionen und sogar für Staaten als solche, soll folgendes Beispiel verdeutlichen:
Am 28. April 2007 stellte das so genannte Zyklon Security Team eine Software auf seiner Webseite bereit, die ein Tool zur Durchführung so genannter Distributed Denial of Service (DDoS) Attacks enthielt. Der Link enthielt den Zusatz "Special for attacking fuc*ing Estonian sites". Das Zyklon Security Team bestand aus einer Gruppe russischer Hacker, deren Motivation offensichtlich darauf zurückzuführen war, dass sie die estnischen Behörden "bestrafen" wollten, hatten diese doch am Vortag ein Kriegsdenkmal aus der sowjetischen Besatzungszeit entfernt. Die darauf folgende Bereitstellung der Schadsoftware und der damit kaum verhohlene Aufruf, estnische Internetseiten anzugreifen, führte zu einer bis dahin unbekannten Welle konzertierter Cyberattacken gegen offizielle estnische Internetseiten. Die dann in Estland folgenden Ereignisse führen die gravierenden Folgen eines koordinierten Angriffes auf informationstechnische Systeme eines Staates und seiner Einrichtungen, inklusive der daraus resultierenden gesellschaftlichen Nebeneffekte, beispielhaft vor Augen.
Sechs Jahre später haben organisierte Kriminalität und einige Staaten massiv aufgerüstet und die Verwundbarkeit IT-basierter Systeme längst als neues Angriffsziel für sich entdeckt. Die Entdeckung von "Stuxnet", "Flame" oder "Red October" geben einen kleinen Hinweis auf die Dimension der möglichen Gefährdungen, die im Cyberspace lauern.
Neue EU-Strategie
Es war also überfällig, dass sich auch die EU-Kommission mit diesem Thema befasst. Neelie Kroes, Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Cecilia Malmström, Kommissarin für Inneres, und Catherine Ashton, die Hohe Vertreterin der Union für Außen- und Sicherheitspolitik, haben jetzt gemeinsam eine EU-Cybersecurity Strategie vorgelegt, die gute Ansätze enthält. Jetzt gilt es, diese auch rasch und staatenübergreifend umzusetzen.
Die fünf Kernpunkte der Strategie sind laut EU-Kommission:
- – Stärkung der Widerstandsfähigkeit von Cyberstrukturen
- – Drastische Reduzierung der Cyberkriminalität
- – Entwicklung von Kompetenzen im Bereich der Cyberverteidigung und Ressourcen im Feld der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik
- – Aufbau industrieller und technologischer Fertigkeiten im Bereich Cybersicherheit
- – Ein kohärenter Ansatz für den Cyberspace der Europäischen Union und die Verbreitung der Grundwerte der EU
Umgesetzt werden soll die Strategie unter anderem von sogenannten Computer Emergency Response Teams (CERTs), die in den Mitgliedsstaaten aufgebaut werden sollen, in denen diese noch nicht existieren, um so digitale Bedrohungen in Zusammenarbeit zu identifizieren, zu analysieren und diese letztendlich auch abzuwehren.
Zudem sollen die Mitgliedsstaaten nationale Agenturen für die Netzwerk- und Informationssicherheit (NIS) aufbauen, die eine NIS Strategie und einen NIS Kooperationsplan entwickeln sollen. Die Mitgliedsstaaten werden dabei von der EU, u.a. seitens der Europäischen Agentur für Netz- und Informationssicherheit (ENISA), mit Informationen und Sachverstand unterstützt.
Einbinden der Privatwirtschaft
Wichtig ist, auch die Privatwirtschaft sehr eng einzubinden. Sie ist wichtiger Kooperationspartner, z.B. durch Nutzung ihrer aus sicherheitsrelevanten Vorfällen gewonnenen IT-Erkenntnisse. Unternehmen sind stark an Cybersicherheit interessiert, eine eventuelle "Meldepflicht" müsste allerdings strengsten Anforderungen genügen.
Laut des Papiers der Kommission sei die europäische "Public-Private Partnerschaft für die Widerstandsfähigkeit von Cyberstrukturen" ein hierfür geeignetes Instrument, welches es auszubauen gelte. Auch werde die Europäische Union mit der seit 2010 begonnenen Praxis der Cyberübungen unter Teilnahme der Mitgliedsstaaten und des Privatsektors fortfahren.
Insbesondere betont die vorgelegte Strategie die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit der EU und ihrer Mitgliedsstaaten mit relevanten internationalen Organisationen wie der NATO, der OSZE oder der European Defence Agency (EDA). Durch diese Kooperationen, durch die Nutzung verbesserter Technologien und mit besserem Verständnis von Angriffen wird auch die Verteidigung des Cyberraums besser gelingen.
Das European Cybercrime Center EC³
Kriminelle und verbrecherische Aktivitäten im digitalen Raum lassen sich durch ein breites Problembewusstsein zwar minimieren, aber nicht gänzlich verhindern. Daher muss auch die Strafverfolgung solcher Aktivitäten verbessert werden. Die Europäische Union hat dafür vor kurzem das European Cybercrime Center (EC³) in Den Haag eröffnet. Es wird Strafverfolger in den Mitgliedsstaaten dabei unterstützen, ihre Fähigkeiten in der Online-Verbrechensbekämpfung auf- und auszubauen und die Kooperation zwischen den staatlichen Behörden zu ermöglichen.
Bei allen Bemühungen, Sicherheit im Cyberraum zu erhöhen und auszubauen, stellt die EU-Kommission sehr deutlich klar, dass dies nur im Einklang mit den Werten und Grundrechten der EU geschehen kann. In diesem Zusammenhang wird betont, dass die Union sich hierbei nicht Mitteln der Generalüberwachung oder der Zensur bedienen wird. Vielmehr wird die Kommission Kryptographieverfahren unterstützen und "dual use"-Grundsätzen, d.h. der Mehrfachverwendung von Gütern und Technologien zu unterschiedlichen Zwecken, zukünftig den angemessenen Stellenwert einräumen.
Die Europäische Union wird sich mit ihrem dezentralen und interdisziplinären Ansatz im Bereich der Cybersicherheit weltweit für die Erhaltung eines freien, offenen und sicheren Internets einsetzen. Mehr Sicherheit. Aber auch mehr Freiheit.
Links
Beiträge dieser Serie
Lothar Bisky (Die Linke): Gekürztes EU-Budget bedroht Erasmus & Co (12. Februar 2013)
Eva Lichtenberger (Grüne): Nationale Prestigeprojekte verhindern EU-Verkehrspolitik (8. Februar 2013)
Jutta Steinruck (SPD): Armut in Europa endlich wirksam bekämpfen (31. Januar 2013)
Michael Gahler (CDU): Mali: EU-Strukturen verhindern schnelles Eingreifen 4. Februar 2013)

