Whistleblower: Brexit-Referendum wäre ohne Cambridge Analytica anders ausgegangen

Christopher Wylie gab sich überzeugt, dass sein Ex-Arbeitgeber den Ausgang des Brexit-Referendums beeinflusst hat. [EPA-EFE/FACUNDO ARRIZABALAGA]

Christopher Wylie, ein ehemaliger Mitarbeiter von Cambridge Analytica, hat in einem Interview gemutmaßt, die Briten hätten ohne die koordinierte Aktion rechter Netzwerke nicht in so großer Zahl für den Brexit gestimmt. EURACTIV Frankreich berichtet.

Für den britischen Whistleblower besteht kein Zweifel: Ohne die massive Intervention von Cambridge Analytica in Social Media wäre das Ergebnis des Brexit-Referendums ein anderes gewesen.

In einem Interview mit mehreren europäischen Medien, darunter der französischen Tageszeitung Libération, verriet der 28-Jährige, wie Cambridge Analytica die Daten von 50 Millionen Menschen auf Facebook ausgewertet hat und wie sich das Handeln des Unternehmens auf mehrere Wahlen und Referenden ausgewirkt habe.

„Die Tatsache, dass eine Firma eine riesige Bürger-Datenbank geschaffen hat, von denen einige Daten illegal gesammelt wurden, und dass es Interaktionen mit militärischen Kunden und Verteidigungsministerien in mehreren Ländern gab, stellt ein ernstes Risiko dar und hebt die Grenze zwischen Überwachung und Marktforschung auf,“ kommentierte Wylie.

Ihm zufolge haben die US-amerikanischen, kanadischen und britischen Verteidigungsministerien alle mit SCL, der Muttergesellschaft von Cambridge Analytica, zusammengearbeitet, um Informationen für politische Zwecke zu sammeln. Das Unternehmen sei vor allem in Entwicklungsländern tätig gewesen, wo es eng mit der Politik zusammenarbeitete. Christopher Wylies direkter Vorgänger starb in seinem Hotelzimmer in Nairobi, als er für den kenianischen Politiker Uhuru Kenyatta arbeitete.

EU fordert Klarstellung über Missbrauch von Facebook-Daten für US-Wahlkampf

Das vom Wahlkampfteam des heutigen US-Präsidenten Donald Trump beauftragte britische Unternehmen Cambridge Analytica hat einen Missbrauch von Daten von Millionen Facebook-Nutzern vehement zurückgewiesen.

Nach einem Sinneswandel versucht Wylie nun, Licht in die böswillige und massive Nutzung von Daten zu bringen. Das Verhalten von Cambridge Analytica habe sich gewandelt: „Es gibt einen großen Unterschied zwischen Plattformen, die passiv Daten sammeln, und Akteuren, die proaktiv Daten sammeln, um sie zu missbrauchen.“

So habe das Unternehmen in letzterem Falle hauptsächlich mit einer spezifischen politischen Agenda, die von der amerikanischen Rechtsextremistenbewegung – auch „alt-right“ genannt – diktiert wurde.

„Die Freiheit, zu forschen, wie ich es anfangs wollte, war schnell eingeschränkt, als Steve Bannon kam. Die Forschungsziele wurden konkreter: Wir schafften einen Narrativ für das, was wir heute als alt-right kennen.“

Seit Bannon im Unternehmen mitredete, war das Hauptziel laut Wylie: „In ein Land gehen, um eine Wahl zu gewinnen.“

Der Whistleblower erklärte weiter: „Die Europäer sind in gewisser Weise in den Händen von amerikanischen Unternehmen, Google, Facebook…. Und selbst wenn Europa und die Europäische Union versucht haben, dies zu regeln, bleibt die Tatsache bestehen, dass diese Unternehmen in den USA gegründet und entwickelt wurden.“ Er fuhr fort: „An einem bestimmten Punkt müssen wir erkennen und akzeptieren, dass personenbezogene Daten zu einem integralen Bestandteil des digitalen Wandels in unserer Gesellschaft werden.“

Wylie betonte auch die Schlüsselrolle des Unternehmens bei mehreren Wahlen, angefangen bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen: Unter Steve Bannon nutzte und verstärkte Cambridge Analytica Gerüchte und gefälschte Nachrichten, beispielsweise über Barack Obama oder über US-Truppenbewegungen, die in Wirklichkeit nie stattfanden.

Diese zumindest fragwürdige Praxis wurde auch beim Referendum über den britischen EU-Austritt angewandt. So habe Cambridge Analytica direkt für Leave.eu, die Pro-Brexit-Kampagne, gearbeitet.

„Wenn man eine bestimmte Anzahl von Menschen mit Milliarden von Anzeigen anspricht, kann das ausreichen, um eine ausreichende Anzahl von Wählern zu gewinnen,“ glaubt Wylie. Dadurch habe Cambridge Analytica wohl dazu beigetragen, die Meinung einiger Wähler zugunsten von Brexit zu ändern – und damit das Ergebnis des Referendums zu verzerren.

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