Vestager fordert mehr Datenzugang für kleine Plattformen

"Du kannst exzellente, innovative Technologien entwickeln. Aber wenn du nicht gleichzeitig Zugang zu Daten hast, wirst du nicht in der Lage sein, potentiellen Kunden einen guten Service zu bieten“, sagt Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager zu Alexander Fanta von netzpolitik.org. [Stefanie Loos/re:publica]

Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager ließ auf der re:publica mit einem Vorschlag aufhorchen: Der Zugang zu Daten müsse neu gestaltet werden, nur so könnten Markteinsteiger in Konkurrenz mit großen Tech-Riesen treten. In einem Hintergrundgespräch mit EURACTIV zog sie außerdem Parallelen zwischen der kürzlich eingereichten Spotify-Beschwerde und ähnlichen Klagen, etwa im Fall von Amazon.

Im Wettbewerb mit großen Tech-Konzernen überleben nur wenige Unternehmen. Zu groß sind die Vorteile, die sich schon allein dadurch ergeben, dass sie gleichzeitig Host und Konkurrent für ihre Mitstreiter sind.

Amazon zum Beispiel: Der Konzern unterstützt andere Firmen mit der Abwicklung des Zahlungsverkehrs und bietet die Lieferkette. Gleichzeitig erhält er Zugang zu den Marktdaten der Kunden anderer und weiß, wofür sich diese interessieren. Das verschafft einen Vorsprung, der kaum aufzuholen ist.

Daher steht für Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager fest: Die Spielregeln müssen geändert werden. Man dürfe Tech-Riesen nicht mehr so viel durchgehen lassen.

Ihr Vorschlag: Der Zugang zu Daten soll reformiert werden. Das könnte kleineren Konkurrenten eine Chance geben, relevanter zu werden. „Daten erlauben dir, wettbewerbsfähig zu sein. Du kannst exzellente, innovative Technologien entwickeln. Aber wenn du nicht gleichzeitig Zugang zu Daten hast, wirst du nicht in der Lage sein, potentiellen Kunden einen guten Service zu bieten“, erklärte sie. Anders sei es fast unmöglich, mit Marktführern wie Google mitzuhalten.

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Im Hintergrundgespräch nach ihrem Vortrag zog Vestager eine Parallele zur kürzlich eingereichten Beschwerde von Spotify: Die unterschiedlichen Plattformen stünden in zunehmend härterer Konkurrenz zueinander, die Klagen häufen sich.

So beschwerte sich der schwedische Musikstreaming-Dienst kürzlich bei der EU-Kommission über Apple. Während Spotify für Abo-Abschlüsse innerhalb der iPhone-App einen Teil des Erlöses abgeben muss, fällt dieser Betrag für Apple Music weg.

Apple Music könne seinen Service günstiger anbieten, als es für Spotify machbar sei, argumentiert letzterer. Apple sieht die Zahlung als gerechtfertigt: Schließlich steckt Arbeit hinter der Plattform, die sie Spotify bieten. Die Kommission prüft die Vorwürfe derzeit.

Nachrichten versenden von Whatsapp an Signal und weiter zu Telegram

Um den Konkurrenzkampf der Plattformen besser überwachen zu können, fordert die Kommissarin außerdem, im nächsten 7-jährigen-Finanzrahmen Ressourcen für die Entwicklung eigener Algorithmen und anderer Werkzeuge bereitzustellen.

Derzeit sei es nämlich kaum möglich, sich einen Überblick zu verschaffen. Es gäbe rund 7000 Plattformen in Europa, in Brüssel kümmere man sich nur um die ganz Großen – das müsse sich ändern.

„In Europa gibt es keinen Mangel an Talent, aber es fehlt an Reichweite und Kapital“, so Vestager. Ein Problem sei etwa, dass neues Kapital oft über Schulden aufgenommen werde.

Stattdessen müssten Unternehmer dabei unterstützt werden, sich über den Markt zu finanzieren – etwa mit fünf oder 10 zehn Prozent des Unternehmens. So würden neue Projekte nicht nur Kapital, sondern auch Kompetenz erhalten. Die Kommission wolle die Strukturen dafür verbessern, kündigte Vestager an.

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Änderungen will sie auch im Modell der Nachrichtendienste sehen: Es müsse möglich werden, Nachrichten zwischen den verschiedenen Anbietern zu verschicken, sodass Kunden nicht mehr gezwungen sind, viele verschiedene Dienste zu installieren. „Bei SMS ist das schließlich auch möglich, auch wenn wir unterschiedliche Anbieter haben“, sagte sie.

Die neue Kommission müsse die digitale Revolution als gegeben verstehen und entsprechende Strategien entwerfen. „Wenn wir wollen, dass unsere Demokratie die Richtung vorgibt, dann ist jetzt der Moment, das möglich zu machen“, so die Kommissarin.

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