Un-digitales Bulgarien

Wenig Online-Kenntnisse, schlechte Infrastruktur: Die Gegend um die Stadt Wraza im Nordwesten Bulgariens ist offiziell die ärmste Region in der EU. [Dnevnik, Tzvetelina Belutova]

Zum zweiten Mal in Folge nimmt Bulgarien im Digital Economy and Society Index der Europäischen Kommission den letzten Platz unter allen EU-Mitgliedern ein – und das, obwohl es über einen leistungsfähigen IT-Sektor verfügt. Dieser konzentriert sich allerdings vor allem in der Hauptstadt Sofia. EURACTIV Bulgarien berichtet.

Im Index zu Digitalwirtschaft und Gesellschaft (Digital Economy and Society Index, DESI) stellt die Europäische Kommission Indikatoren zur digitalen „Performance“ der EU-Staaten  zusammen und dokumentiert die Entwicklung ihrer digitalen Wettbewerbsfähigkeit

Während die neuesten Daten auf einen Gesamtfortschritt in allen Mitgliedstaaten hindeuten, zeigt der Bericht für 2020 deutlich die gewaltigen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern in Schlüsselbereichen der Digitalwirtschaft: Finnland, Schweden, Dänemark und die Niederlande zeigen dabei die stärkste digitale Leistungsfähigkeit, während Bulgarien, Griechenland und Rumänien am anderen Ende des Rankings liegen.

Der Index untersucht fünf Hauptfelder in der Digitalpolitik: Konnektivität, Humankapital, Internetnutzung durch Einzelpersonen, Integration digitaler Technologien durch Unternehmen, und die Entwicklung digitaler öffentlicher Dienste in den vergangenen fünf Jahren.

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Irland, die Niederlande, Malta und Spanien sind dabei die Länder, die im vergangenen Jahr die größten Fortschritte erzielt haben. Im Gegensatz dazu weisen erneut Bulgarien, Griechenland und Rumänien die niedrigsten Werte auf. Sie haben unter den EU-Mitgliedstaaten (noch inklusive dem Vereinigten Königreich) somit die am wenigsten entwickelten Digitalwirtschaften.

Dabei hat Bulgarien einen relativ starken IT-Sektor, der sich jedoch hauptsächlich auf die Hauptstadt Sofia konzentriert. Der Erfolg der Branche hat offenbar keinen Spillover-Effekt auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes insgesamt. In vielen Teilen Bulgariens schrumpft die Bevölkerung – auch aufgrund der infrastrukturellen Unterentwicklung, einschließlich schlechter Internet- und Mobilfunkverbindungen.

Der Index zeigt, dass Bulgarien in Kategorien wie digitale Grundkenntnisse oder E-Commerce an letzter Stelle steht. Im Gesamtergebnis erreicht das Land 36,4 Punkte (von 100) im Vergleich zum EU-Durchschnitt von 52,6. Im letzten Index 2019 stand Bulgarien bei 33,8 Punkten, bei einem EU-Durchschnitt von 49,4.

Das Coronavirus und digitale Behörden

Die COVID-19-Pandemie hat nun die große Bedeutung digitaler Fähigkeiten der Bürgerinnen und Bürger, der Digitalisierung der Wirtschaft und einer zuverlässigen und schnellen Internetverbindung in allen EU-Mitgliedsstaaten unterstrichen. Während der Gesundheitskrise gab es einen erheblichen Nachfrageanstieg in den Netzen.

Was die Konnektivität anbelangt, so hat Bulgarien laut Kommissionsbericht dabei noch recht gut abgeschnitten, insbesondere was den allgemeinen Zugang zu Hochgeschwindigkeits- und mobilen Breitbandnetzen betrifft.

Es habe außerdem einige Verbesserungen in Bezug auf elektronische Behördendienste gegeben. Auch bei der Bereitstellung digitaler öffentlicher Dienste im Unternehmenssektor hat das Land ein gutes Ergebnis erzielt.

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5G-Ausschreibungen

In Bezug auf die Einführung der 5G-Technologie wird im Bericht der Kommission betont, dass die Fortschritte bei der Zuweisung von 5G-Frequenzen in den Mitgliedsstaaten nach wie vor gering sind. Lediglich 17 Länder haben ihre Ausschreibungen für das 5G-Spektrum abgeschlossen. Den anderen zehn Mitgliedsstaaten, darunter Bulgarien, bleibt nur noch bis Ende des Jahres Zeit, um ihre Frequenzausschreibungen zu planen und somit die 5G-Ziele der Europäischen Kommission zu erreichen.

Bislang haben Finnland, Deutschland, Ungarn und Italien die größten Fortschritte in Bezug auf die 5G-Vorbereitungen gemacht.

In einem Kommentar für EURACTIV.bg teilte das bulgarische Ministerium für Verkehr, Informationstechnologie und Kommunikation kürzlich mit, dass die nationale Kommission für Kommunikationsregulierung in den kommenden Monaten die notwendigen Maßnahmen zur Bereitstellung von 5G-Frequenzen ergreifen soll.

Das Ministerium betonte dabei die Senkung der Einführungsgebühren für Mobilfunknetz-Frequenzen um 50 Prozent sowie der jährlichen Gebühren um 35 Prozent, was es den Betreibern ermöglichen werde, die notwendigen finanziellen Mittel für die schnelle Einführung der 5G-Infrastruktur aufzubringen.

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Relativ niedrige IT-Fähigkeiten und Internetnutzung

Was den Punkt „Humankapital“ betrifft, so ist das Niveau an digitalen Kenntnissen und Fähigkeiten der bulgarischen Bevölkerung eines der niedrigsten in der EU. Digitale Grundkenntnissen gibt es demnach nur bei 29 Prozent der erwachsenen Bevölkerung des Landes, verglichen mit dem EU-Durchschnitt von 58 Prozent.

Derweil machen Frauen 1,8 Prozent der Beschäftigten im IT-Bereich aus – leicht über dem EU-Durchschnitt von 1,4 Prozent.

Bei der Internetnutzung liegt Bulgarien auf Platz 27. Auch hier rangiert das Land deutlich unter dem EU-Durchschnitt: Rund 67 Prozent der bulgarischen Bürgerinnen und Bürger nutzen regelmäßig das Internet (der EU-Durchschnitt liegt bei 85 Prozent), während 24 Prozent noch nie online waren, was den höchsten Prozentsatz aller Mitgliedsstaaten darstellt.

Die Nutzung von Online-Banking in Bulgarien hat laut Bericht indes leicht zugenommen. Dennoch nutzen nur 13 Prozent Mobile Banking, verglichen mit dem EU-Durchschnitt von 66 Prozent – und 95,2 Prozent beim Spitzenreiter Finnland.

Darüber hinaus kaufen lediglich 31 Prozent der Bulgarinnen und Bulgaren online ein, während der EU-Durchschnitt bei 71 Prozent liegt. Führend in dieser Hinsicht ist das Vereinigte Königreich mit 90,5 Prozent.

Gergana Passy, Präsidentin der Nationalen Koalition für Digitales und ehemalige bulgarische Ministerin für europäische Angelegenheiten, betonte gegenüber EURACTIV.bg, Gesellschaften wie die bulgarische könnten wahre „Online-Champions“ werden, wenn sie denn ausreichende Unterstützung ihrer Behörden und Regierungen hätten.

Passy verwies dabei auf Malta als Beispiel für ein Land, das dank seiner nationalen Strategien bemerkenswerte Fortschritte in allen fünf Politikbereichen des Indexes gezeigt habe.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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