Rassistische Beleidigungen sorgen in England für Diskussion über Online-Anonymität

Dass es vom Nationalstolz zum Rassismus manchmal nicht weit ist, erlebten drei englische Fußballnationalspieler nach dem verlorenen EM-Finale. [Shutterstock]

Nach dem EM-Finalspiel sind englische Fußballspieler über tausende Social-Media-Accounts rassistisch angefeindet worden. Der Vorfall hat im Vereinigten Königreich Diskussionen darüber ausgelöst, ob und wie die Anonymität im Internet gegebenenfalls unterbunden werden könnte.

Nach dem verlorenen Finalspiel der Europameisterschaft 2021 waren die drei nicht-weißen englischen Fußballspieler, die Elfmeter verschossen hatten, einer Flut von rassistischen Beschimpfungen im Internet ausgesetzt. Die Beleidigungen kamen vor allem von anonymen Social-Media-Accounts.

Laut einer YouGov-Umfrage sprechen sich inzwischen insgesamt 78 Prozent der britischen Bürger:innen dafür aus, dass die User ihre wahre Identität angeben müssen, wenn sie sich auf sozialen Medien anmelden. Laut derselben Studie sind dabei 37 Prozent der Ansicht, die echte Identität solle auch auf den öffentlich sichtbaren Profilen angezeigt werden; 41 Prozent halten die nicht-öffentliche Identitätsangabe gegenüber den Plattformbetreibern für ausreichend.

Die Debatte um Anonymität im Internet wird im UK schon seit Längerem geführt. Mit einer bereits vor der EM eingereichten Petition wird gefordert, „Ausweispflichten“ für die Eröffnung eines Social-Media-Kontos einzuführen. Sie hat inzwischen fast 700.000 Unterschriften gesammelt.

Die offizielle Antwort der britischen Regierung auf die Petition: „Die Regierung erkennt die Bedenken und Probleme an, die mit der Anonymität im Internet verbunden sind. [Diese Anonymität] kann gegebenenfalls von böswilligen Akteuren ausgenutzt werden, um schädliche Aktivitäten zu unternehmen. Die Einschränkung des Rechts aller Nutzer auf Anonymität durch die Einführung einer obligatorischen Nutzerverifizierung für soziale Medien könnte jedoch Nutzer, die sich zum Schutz ihrer Identität auf diese Anonymität verlassen müssen, unverhältnismäßig stark beeinträchtigen.“

Privatsphäre: Dürfen Dating-Apps und Videocalls überwacht werden?

Dating-Apps und Videokonferenz-Tools könnten in den Anwendungsbereich neuer EU-Regelungen zur Überwachung der Online-Kommunikation fallen. Ziel sei es vor allem, die Verbreitung von Inhalten mit sexuellem Missbrauch von Kindern zu unterbinden, zeigen interne Dokumente, die EURACTIV.com vorliegen.

Die Regierung von Boris Johnson arbeitet derweil an einem Gesetz gegen Online-Gefahren (Online Harms Bill), das weitere Verpflichtungen zur Entfernung von illegalen Inhalten einführen soll.

Ähnliche Bestimmungen sind im Digital Services Act (DSA) der Europäischen Kommission enthalten. In diesem EU-Gesetzesvorschlag heißt es, was offline illegal ist, müsse auch online illegal sein.

Christel Schaldemose, die für den DSA zuständige Berichterstatterin im Europäischen Parlament, nannte die rassistischen Beschimpfungen gegen englische Fußballer „entsetzlich“, betonte aber auch, sie halte es nicht für den richtigen Ansatz, „die Anonymität im Internet zu beenden“.

Sie erklärte: „Bürgerinnen und Bürger sollten das Recht haben, im Internet eine andere Identität anzunehmen, zum Beispiel aus Sicherheitsgründen. Wir müssen aufpassen, dass wir die Meinungsfreiheit nicht untergraben. Aber es sollte selbstverständlich mehr getan werden, um illegale Hassrede zu bekämpfen.“

Privatsphäre und Datenschutz

Eine verpflichtende Datenweitergabe an die Plattformen könnte freilich weitere Probleme mit sich bringen.

Erst im April geriet beispielsweise Facebook einmal mehr unter Beschuss, nachdem bekannt wurde, dass 2019 persönliche Informationen wie Telefonnummern und E-Mail-Adressen von insgesamt 533 Millionen Nutzer:innen geleakt wurden. Das soziale Netzwerk hatte die von der Datenpanne betroffenen User niemals benachrichtigt.

533 Millionen Datendiebstähle bei Facebook vor DSGVO-Einführung

Facebook hat der zuständigen irischen Datenschutzkommission mitgeteilt, dass vor dem Inkrafttreten der EU-Datenschutzgrundverordnung im Jahr 2018 eine „Sicherheitsverletzung“ bezüglich der persönlichen Daten von 533 Millionen Usern weltweit stattgefunden hat.

Das Identitätsprüfungsunternehmen Onfido argumentiert derweil, es gebe Möglichkeiten, eine entsprechende digitale Verifizierung einzuführen, ohne die Privatsphäre der Nutzer:innen zu gefährden. „Das könnte beispielsweise ganz einfach per Upload eines Ausweisfotos und eines Selfies geschehen. Diese werden nach der Verifizierung nicht gespeichert, sondern nur verarbeitet – und könnten dann gelöscht werden,“ meint Yuelin Li von Onfido.

Algorithmen lieben Rassismus

Gegner der Verifizierung weisen indes auf andere Schuldige für das massive Auftreten rassistischer Beleidigungen im Internet hin: Algorithmen. Diese neigen schließlich dazu, kontroverse Inhalte automatisch zu stärken und stärker zu verbreiten. Erst Anfang dieses Monats wurde YouTube dafür kritisiert, die Verbreitung schädlicher Inhalte zu fördern.

Schaldemose betonte diesbezüglich, dass „mehr getan werden sollte, um diese Art von Inhalten zu entfernen und herunterzustufen“.

Online-Plattformen betonen ihrerseits, sie hätten in Sachen EM-Spiel schnell gehandelt, um rassistische Beleidigungen einzudämmen: „In den 24 Stunden nach dem EM-Finale haben wir durch eine Kombination aus auf maschinellem Lernen basierender Automatisierung und menschlicher Überprüfung schnell über 1000 Tweets entfernt und eine Reihe von Accounts dauerhaft gesperrt, weil sie gegen unsere Regeln verstoßen haben. Die überwiegende Mehrheit dieser Inhalte wurde proaktiv von unseren Teams mit Hilfe entsprechender Technologien entdeckt,“ so ein Twitter-Sprecher gegenüber EURACTIV.com.

In ähnlicher Weise erklärte auch Facebook, man werde weiterhin beleidigende Kommentare entfernen und gleichzeitig mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten, damit die betreffenden Personen zur Verantwortung gezogen werden können.

[Bearbeitet von Benjamin Fox]

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