KI-Strategie: Merkel lobt, die Industrie sieht Schwächen

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Peter Altmaier wollen die KI in Deutschland voranbringen. [Clemens Bilan/ epa]

In der Wirtschaft stoßen die Pläne der Bundesregierung auf ein geteiltes Echo. Gewerkschaften mahnen an, die Beschäftigten mitzunehmen.

Rund 500 Studentinnen und Studenten lernen und forschen am Hasso-Plattner-Institut zu Informatik und digitalen Technologien – am Mittwoch und Donnerstag kamen temporär 19 Studenten dazu: Das Digitalkabinett traf sich zur Klausursitzung in Potsdam. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zog gestern eine positive Bilanz – doch Wirtschaft und Gewerkschaften fordern Nachbesserung, damit Deutschlands Innovationsführerschaft künftig gesichert ist.

KI soll deutsches Markenzeichen werden

Drei Milliarden Euro will die Regierung bis 2025 in Künstliche Intelligenz (KI) investieren, „eine gute Hausnummer“ sei diese Summe, betonte Merkel. Deutschland könne von sich „nicht sagen, dass es heute schon Weltspitze ist in Künstlicher Intelligenz“. Deshalb strebe die Regierung mit ihrer KI-Strategie an, dass „,Made in Germany’ auch bei KI ein Markenzeichen wird und Deutschland damit einen führenden Platz in der Welt einnehmen soll“. Allerdings werde es nicht reichen, dafür „nur mehr Geld in die Hand zu nehmen“, sagte Merkel.

Deshalb würden beispielsweise auch 100 neue Professuren für KI geschaffen, weiter sei die nationale Weiterbildungsstrategie ein „immanenter Bestandteil“ bei der Umsetzung der Digitalvorhaben. Dazu würden auch neue Fördermöglichkeiten für Unternehmen gehören, die sich auf den digitalen Wandel vorbereiten. Zudem wachse die Bereitschaft, sich lebenslang weiterzuqualifizieren.

Künstliche Intelligenz und europäische Werte

Die Debatte um Künstliche Intelligenz dreht sich nicht nur um technische Fragen, sondern auch um ethnische. In der EU trägt dazu wesentlich der EWSA bei, der Anfang der Woche ein „Stakeholder-Gipfel“ zum Thema durchführte.

Geteiltes Echo aus der Wirtschaft

Ältere Menschen lassen sich jedoch eher schwerer auf neue Jobs umschulen oder an neue Technologien heranführen – eine Herausforderung, die sich aus Merkels Sicht im Hinblick auf die Generation der Babyboomer von alleine erledigen wird: Millionen von Menschen würden bis 2030 nicht mehr im erwerbsfähigen Alter sein. Sie gehe davon aus, „dass bei kluger Kombination von verschiedenen Möglichkeiten alle Chancen gegeben seien, den digitalen Wandel mit Blick auf die Menschen gut zu bewältigen“.

Bei Wirtschaft und Gewerkschaften stößt die Digitalstrategie jedoch auf ein geteiltes Echo. „Künstliche Intelligenz ist eine große Chance für die Autoindustrie“, sagte VW-Konzernchef Herbert Diess dem Tagesspiegel: „Bei Infrastruktur und Software-Kompetenz sehe ich Nachholbedarf. Ich begrüße es, dass die Bundesregierung jetzt handeln will.“

KI als Chance für Europa

Die Telekom sieht in der KI-Strategie die „Chance, ein europäisches Gegengewicht zu China und den USA aufzubauen“, sagte Vorstandsmitglied Claudia Nemat. Mit einer zielgerichteten Industrie- und Forschungspolitik könne man Entwicklung und Einsatz von KI beschleunigen und Fehlentwicklungen vermeiden. Sabine Bendiek, Chefin von Microsoft Deutschland, forderte, die Vielzahl an Vorhaben zügig mit Leben zu füllen: „Es ist fünf vor zwölf“, mahnte Bendiek. Neben den wichtigen wirtschaftspolitischen Fragen müsse man auch die ethischen und gesellschaftlichen Herausforderungen angehen, etwa den verstärkten Einzug von digitaler Qualifizierung in der beruflichen Aus- und Weiterbildung.

Nachholbedarf bei Umsetzung

Aus Sicht von Roland Busch, Chief Technology Officer und Mitglied des Vorstands der Siemens AG, ist Deutschland „in der Forschung bereits führend“, „bei der Umsetzung in der Industrie müssen wir jedoch dringend aufholen“. Bislang nutzten lediglich 15 Prozent der deutschen Firmen KI. „Diese Technologien bieten enormes Potential – industrielle KI kann ,Industrie 4.0‘ auf die nächste Stufe heben. Sie kann die deutsche Industrie an der Spitzenposition halten“, ist er überzeugt.

Künstliche Intelligenz – ein Fall für das Völkerrecht

Der Gedanke, Roboter für uns arbeiten zu lassen, ist verlockend. Doch was, wenn die Maschinen irgendwann intelligenter und effektiver sind als die Menschen? Künstliche Intelligenz muss reguliert werden.

Michael Bolle, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH, sieht dabei im Wettbewerb um die besten KI-Experten einen entscheidenden Vorteil: „Praxisnähe. Wir sind interessant für Fachkräfte, die reale Produkte verbessern und nicht nur Internetbrowser-Updates programmieren wollen. Bei uns geht es darum, KI zu entwickeln, die letztlich die Zahl der Verkehrstoten oder bedrohliche Betriebsausfälle reduzieren kann.“

Die Gewerkschaften mahnen, die Beschäftigten mitzunehmen. „Die KI-Strategie der Bundesregierung kann ein Schritt nach vorne sein. Allerdings kommt es darauf an, dass die Beschäftigten bei der Zielsetzung von KI-basierten Systemen beteiligt werden und auch bei der Umsetzung darüber mitbestimmen können“, forderte Reiner Hoffmann, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes, im Tagesspiegel. „Unser Ziel ist, gute Arbeit durch KI zu unterstützen. Um Sorgen von Überwachung und Fremdbestimmung zu nehmen und die nötige Akzeptanz zu erreichen, müssen die Ziele für KI geklärt und mögliche Zielkonflikte von Anfang an gelöst werden.“

Aus Sicht von Wolfgang Wahlster, Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), kann die Strategie „zum großen Wurf werden“, wenn bei deren Umsetzung auch die Auflagen des sogenannten Besserstellungsverbotes für öffentliche KI-Zentren „endlich aufgehoben werden, um unsere weltweit stark umworbenen KI-Experten durch eine angemessene Bezahlung in Deutschland halten und sogar aus dem Ausland zurückholen zu können. Ohne eine Lösung dieses Problems ist die Abwanderung deutscher KI-Forscher ins Ausland nicht zu stoppen.“

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