Huawei: Über hundert Produkte wegen Sicherheitsbedenken nicht auf dem Markt

Während sich die USA eindeutig ablehnend gegenüber Huawei verhalten, gibt es auch in Europa nach wie vor einige Sicherheitsbedenken. [EPA-EFE/FAZRY ISMAIL]

Der chinesische Telekommunikationsriese Huawei hat in den vergangenen Jahren die Markteinführung von mehr als hundert Produkten blockiert, weil es Befürchtungen gab, die Artikel könnten möglicherweise nicht den Sicherheitsstandards entsprechen.

Ein Vertreter des Cybersecurity Lab von Huawei im chinesischen Shenzen sagte gegenüber EURACTIV vergangene Woche, seit dem Amtsantritt des Cybersicherheitschefs des Unternehmens John Suffolk im Jahr 2011 habe dieser sogenannte „No Go“-Entscheidungen über mehr als hundert Produkte getroffen – ein Recht bzw. eine Aufgabe, die er als globaler Cybersicherheits- und Datenschutzbeauftragter des Unternehmens habe.

Suffolk selbst erläuterte gegenüber EURACTIV: „Solche No-Go-Entscheidungen werden getroffen, wenn das zu bewertende Produkt nicht den Sicherheitsqualitätsstandards entspricht. Dazu gehören Elemente wie Klartext-Passwörter in Protokolldateien, bekannte Schwachstellen in Komponenten von Drittanbietern oder auch Fehler bei Penetrationstests.“

Darüber hinaus fügte Suffolk hinzu, dass ein Produkt, sobald er sein Veto eingelegt habe, „zur Behebung an die Produktion zurückgeschickt wird. Wenn die Produktqualität sehr schlecht ist, werden auch Disziplinarmaßnahmen in Betracht gezogen.“

Huawei kritisiert USA: "Gründerväter wären entsetzt" über Trump

Die US-Regierung hatte zuvor beschlossen, den Zugang zum amerikanischen Markt für diverse chinesische Unternehmen zu beschränken.

Huawei war zuvor wegen angeblicher Backdoor-Einbauten in seinen Produkten kritisiert worden. So gab es Befürchtungen, dass über Huawei-Geräte Spionageaktivitäten der chinesischen Geheimdienste ermöglicht würde – eine Behauptung, die das Unternehmen konsequent zurückgewiesen hat.

Darüber hinaus war die Firma bestrebt, Berichte zu widerlegen, dass seine Mitarbeitenden Verbindungen zum chinesischen Militär haben. Zuvor war ein Bericht von Professor Christopher Balding von der Fulbright University Vietnam erschienen, für den 25.000 Lebensläufe von derzeitigen oder ehemaligen Huawei-Angestellten untersucht und „starke Beweise dafür gefunden wurden, dass Huawei-Mitarbeitende entsprechend der Weisungen des chinesischen Staatsnachrichtendienstes handeln“.

Im Cybersicherheitszentrum von Huawei in Shenzhen wurde EURACTIV hingegen mitgeteilt, es verstoße gegen die Rekrutierungs- und Einstellungspolitik des Labors, Personen mit Erfahrung im chinesischen Militär zu beschäftigen.

Bereit für 5G in Europa

Während eines Pressegesprächs in der vergangenen Woche in Brüssel sagte Catherine Chen, Senior Vice President von Huawei, ebenfalls, das Unternehmen betreibe kein Cybersicherheits-Risikomanagement in Zusammenarbeit mit der chinesischen Regierung. Im Gegensatz dazu habe Huawei jedoch Vereinbarungen mit den Regierungen in Deutschland, Kanada und im Vereinigten Königreich.

Während des Besuchs von Chen wurde auch nahegelegt, die Mehrheit der bereits von Huawei abgeschlossenen 5G-Verträge seien mit europäischen Auftragnehmern ausgehandelt worden. Das Unternehmen hat demnach weltweit 50 Verträge abgeschlossen, davon 28 mit europäischen Betreibern.

Der europäische Markt dürfte für die Zukunft des Unternehmens im Bereich 5G also von großer Bedeutung sein.

5G-Auktion: Das Rennen um das Netz der Zukunft

Heute beginnt das Wettbieten um die Vergabe der 5G-Frequenzen in Deutschland. Aus dem Ausland beobachtet man vor allem Deutschlands Kurs im Streit rund um Aufträge an den chinesischen Telekom-Riesen Huawei.

Derweil besteht allerdings die Gefahr, dass ein gemeinsamer EU-Ansatz für die Umsetzung einer 5G-Sicherheitsstrategie von einer Handvoll Mitgliedstaaten unterlaufen wird: Auf Ersuchen der Kommission haben bisher „nur“ 24 von 28 Mitgliedstaaten nationale Risikobewertungen für die zukünftige 5G-Entwicklung des Blocks vorgelegt. Diese sollen in einen EU-weiten 5G-Sicherheitsrahmen einfließen, der wiederum bis zum 1. Oktober fertiggestellt sein soll.

Huawei begrüßte die Pläne zur Festlegung eines gemeinsamen Ansatzes in der gesamten EU und erklärte, man stimme „mit der Haltung, dass gemeinsame Sicherheitsstandards für 5G-Netze in der gesamten EU erforderlich sind, völlig überein.“

London prescht vor

Ein Land, in dem das chinesische Unternehmen bereits ein gewisses Maß an Unterstützung erhalten hat, ist das Vereinigte Königreich: Anfang des Jahres war bekannt geworden, dass London die Integration von Huawei in die britische 5G-Netzwerkinfrastruktur ermöglichen würde. Dabei soll das chinesische Unternehmen aber daran gehindert werden, sich an „zentralen“ Kernbereichen des britischen Systems einzubringen.

Am Wochenende berichtete die Financial Times indes, der britische Chefdiplomat in Brüssel, Sir Tim Farrow, sei von der EU aus laufenden Diskussionen über die potenziellen Cybersicherheitsrisiken im Zusammenhang mit Huawei ausgegrenzt worden.

Barrow wandte sich mit einem Beschwerdebrief an den Europäischen Rat, nachdem er von einer EU-Tagung am 25. Juni, bei der die Mitgliedstaaten die Cyberstandards des Blocks diskutierten, „ausgeladen“ wurde.

Ein besonderer Tagesordnungspunkt waren dabei die von Huawei ausgehenden Sicherheitsbedrohungen. Barrow kritisierte in seinem Schreiben an den Rat, das Vereinigte Königreich habe bisher „keine Erklärung über den wesentlichen Grund für seinen Ausschluss erhalten“.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

Huawei: EU macht "großartige Arbeit"

Huawei unterstützt die Cybersicherheitsmaßnahmen der EU – und freut sich, dass die Europäer sich (bisher) nicht dem Druck der USA gebeugt haben.

Chinas Cybersicherheitsgesetz: Eine "geladene Waffe"

Chinas Cybersicherheitsgesetz erlaube es dem Staat, Spionageprojekte im Ausland durchzuführen und sei vergleichbar mit einer „geladenen Waffe“ an der Schläfe des Rests der Welt, so ein hochrangiger US-Beamter.

Huawei ist stärker, als Trump lieb sein kann

Google entzieht Huawei die Android-Lizenz. Schon voriges Jahr haben die USA mit ZTE einen chinesischen Netzwerkausrüster fast in die Pleite getrieben. Huawei ist jedoch um einiges widerstandsfähiger. EURACTIVs Medienpartner WirtschaftsWoche berichtet.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.