Google-Chef: ‚Internationale Ausrichtung‘ bei künftigen KI-Regeln ist entscheidend

"Die EU und die USA beginnen bereits mit der Entwicklung von Regulierungsvorschlägen. Die internationale Ausrichtung wird entscheidend sein", sagte Google-Chef Pichai. [EPA-EFE/JIM LO SCALZO]

Google-Chef Sundar Pichai hat bei der künftigen Regulierung der künstlichen Intelligenz eine „internationale Ausrichtung“ und „eine Vereinbarung über Grundwerte“ gefordert. Doch die Positionen der EU und der USA gehen in dieser Frage auseinander, nachdem kürzlich Papiere der Europäischen Kommission durchgesickert sind, die ein hartes Durchgreifen gegen Gesichtserkennungstechnologien vorsehen.

„Die EU und die USA beginnen bereits mit der Entwicklung von Regulierungsvorschlägen. Die internationale Ausrichtung wird entscheidend sein“, sagte Pichai am Montag, den 20. Januar, vor einem vollbesetzten Publikum bei einer Bruegel-Veranstaltung in Brüssel. „Um dies zu erreichen, brauchen wir eine Einigung über die Grundwerte“, betonte er.

Letzte Woche hat EURACTIV ein Dokument der Europäischen Kommission eingesehen, in dem zukünftige Pläne dargelegt werden, nach denen Gesichtserkennungstechnologien an öffentlichen Orten für einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren verboten werden könnten.

In der Zwischenzeit hat die US-Regierung die europäischen Gesetzgeber gedrängt, bei der künftigen Einführung von Technologien der künstlichen Intelligenz strenge Regelwerke zu vermeiden. Der Block solle, laut US-Administration, „schwerfällige innovationsmörderische Modelle vermeiden“ und einen ähnlichen Ansatz wie die USA verfolgen.

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Die Europäische Kommission erwägt Maßnahmen zur Verhängung eines vorübergehenden Verbots von Gesichtserkennungstechnologien, die sowohl von öffentlichen als auch privaten Akteuren eingesetzt werden, so der Entwurf eines Weißbuchs über künstliche Intelligenz, das von EURACTIV eingesehen wurde.

Pichai räumte zwar ein, dass die Regulierung im Bereich der künstlichen Intelligenz „wichtig“ ist, doch seine Haltung war lockerer als der Ansatz, den die EU in Zukunft wahrscheinlich verfolgen wird.

„Es ist wichtig, auf den bestehenden Regulierungen aufzubauen“, sagte Pichai und fügte hinzu, dass die EU zunächst Maßnahmen im Bereich der risikoreicheren Anwendungen in bestimmten Sektoren, einschließlich der Gesundheitsfürsorge, in Betracht ziehen sollte.

Anstelle einer pauschalen Regelung solle die EU erwägen, bestimmte Technologien auf einer Fall zu Fall Basis im Rahmen öffentlich-privater Partnerschaften zu regeln.

Was die europäische Seite betrifft, so wird die Kommission am 19. Februar konkretere Pläne im Sinne einer genauer definierten Strategie für künstliche Intelligenz vorstellen.

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Laut Medienberichten plant Innenminister Seehofer einen massiven Ausbau von automatischer Gesichtserkennung. Ein Bündnis aus Zivilgesellschaft und Politik fordert jetzt ein Verbot der Überwachungs-Methode.  

Was die Gesichtserkennung betrifft, so schreckte Pichai davor zurück, die kürzlich durchgesickerten Pläne der Kommission zu unterstützen, ein vorübergehendes Verbot dieser Technologie zu verhängen. Er wies indes auf die Tatsache hin, dass Googles Cloud-Service keine universellen Programmierschnittstellen (APIs) für die Gesichtserkennung anbietet.

Das Unternehmen entwickelt jedoch weiterhin aktiv Gesichtserkennungssoftwares für den privaten Gebrauch, darunter die Programme Face ID und Google Photos.

Im Oktober 2019 kündigte das Unternehmen zudem die Einführung seiner „Celebrity Recognition“-Software an, ein Tool, das Googles Bild- und Videobibliotheken nutzt, um Daten über eine Liste „international bekannter Schauspieler und Sportler“ zu speichern.

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Pichai unterstützt Bretons Industriedaten-Pläne

Unterdessen unterstützte Pichai die Idee, dass die EU in der Lage sein sollte, mehr mit den riesigen Mengen an Industriedaten zu tun, die sie erzeugt – eine Idee, die kürzlich von Binnenmarktkommissar Thierry Breton geäußert wurde.

In einem Interview mit der Financial Times sagte Breton kürzlich, er werde dafür sorgen, dass die EU „die neue Welle von Industriedaten nicht versäumen“ werde.

„Das Wichtigste ist, zu evaluieren, wie wir Daten erstellen, wer den riesigen Data Lake (dt.: Datensee) – manche sagen, Daten-Tsunami – schaffen wird und wie wir diese Daten nutzen können“, sagte der französische Kommissar.

Nach Googles Vorstoß: EU-Urheberrechtsrichtlinie "nicht in Gefahr"

Die Europäische Kommission hat versichert, die umstrittene Urheberrechtsrichtlinie der EU sei „nicht in Gefahr“. Zuvor hatte Google angekündigt, man wolle die Reformen umgehen.

Das Konzept, die Haltung der EU zum Schutz personenbezogener Daten im Industriesektor möglicherweise zu spiegeln, sei etwas, hinter das Google, so Pichai, stehen könne.

„Wenn Europa seine Industriedatenpolitik entwickelt, denke ich, dass es sinnvoll ist, dies zu unterstützen, genau wie wir es auf der Verbraucherseite getan haben“, bemerkte Pichai.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Britta Weppner]

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