EU-Beamter: „Kein Green Deal ohne digitale Technik“

Die Umstellung auf Elektroautos sei ein "Paradebeispiel" dafür, wie der grüne und der digitale Wandel Hand in Hand gehen können, sagte ein EU-Beamter. [© European Union 2021 - Source : EP]

Digitale Technologien haben das Potenzial, Emissionssenkungen in Sektoren zu ermöglichen, die bisher als schwer reduzierbar galten, wie Gebäude, Industrie und Landwirtschaft, so ein Beamter der Europäischen Kommission.

„Es gibt keinen Green Deal ohne digitale Technik – daran besteht kein Zweifel“, sagte Daniel Mes, ein Beamter, der im Stab von Frans Timmermans, Vizepräsident der Europäischen Kommission und zuständig für den Green Deal, arbeitet.

In einem bahnbrechenden Klimagesetz, das Anfang des Jahres verabschiedet wurde, hat sich die Europäische Union ehrgeizige Ziele gesetzt, um bis 2050 klimaneutral zu werden und die Kohlenstoffemissionen bis zum Ende dieses Jahrzehnts um 55 % zu senken.

Diese Ziele sind ein Aufruf an die Technologiebranche, uns bei der Erreichung dieser sehr ehrgeizigen Ziele zu helfen“, sagte Mes den Teilnehmern einer Online-Veranstaltung, die letzte Woche von dem Wirtschaftsverband DigitalEurope ausgerichtet wurde.

Die Umstellung auf die Elektromobilität „ist ein Paradebeispiel dafür, wie die beiden Umstellungen Hand in Hand gehen können“, sagte Mes und verwies auf Automatisierungsfunktionen und Software, die zum Aufladen von Elektrofahrzeugen benötigt werden.

In Bezug auf die Landwirtschaft erwähnte er neuartige „Düngemittel-as-a-Service“-Verträge, bei denen die Landwirte genau die Menge an Düngemitteln erhalten, die sie benötigen, und zwar automatisch, so dass keine Lagerbestände mehr angelegt werden müssen.

Im Bereich der Gebäude ermöglichen Automatisierungs- und Kontrollgeräte die Optimierung von Beleuchtung, Heizung, Kühlung und Belüftungssystemen.

„Kein politischer Entscheidungsträger, der sich mit dem Green Deal beschäftigt – sei es in den Städten, bei der Gebäudesanierung, im Verkehrssystem oder in der Landwirtschaft der Zukunft – kann ernsthaft daran arbeiten, ohne einen Plan für die Digitaltechnik zu haben“, betonte Mes.

„Wir müssen diese Übergänge gemeinsam gestalten“, sagte er und fügte hinzu: „Die Digitaltechnik ist eine große Waffe – wenn nicht sogar die größte Waffe -, die uns helfen kann, unsere Klimaziele zu erreichen.

Messungen

Doch dafür seien verlässliche Metriken erforderlich – sowohl zur Messung der Menge der vermiedenen Emissionen als auch zur Bewertung des Kohlenstoff-Fußabdrucks des digitalen Sektors selbst.

„Man kann nicht managen, was man nicht messen kann“, sagte Jill Duggan vom Environmental Defense Fund (EDF), einer gemeinnützigen Interessengruppe mit Sitz in den USA.

Duggan zufolge ermöglicht die Technologie heute die Messung von Treibhausgasemissionen mit einer Genauigkeit, die vor 15-20 Jahren noch undenkbar war.

Ein Beispiel dafür ist die Internationale Beobachtungsstelle für Methanemissionen, die mit Hilfe von Satelliten die Methanemissionen aus der Öl- und Gasinfrastruktur und der Landwirtschaft misst. Ähnliche Satelliten werden jetzt auch zur Messung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre eingesetzt.

„Früher mussten wir uns darauf verlassen, dass die Staaten über ihre Emissionen Bericht erstatten, aber mit Hilfe digitaler Technologien und Satelliten wird es zunehmend möglich, genau zu verstehen, wo die großen Emissionsquellen liegen, und zu überprüfen, was passiert“, sagte sie.

Digitale Technologien können auch dazu beitragen, die Ressourceneffizienz im Bausektor oder in Branchen wie der Automobilindustrie zu verbessern, sagte sie.

„Man schätzt, dass wir in Gebäuden oder Autos nur noch 30 % des Stahls verwenden können, den wir früher brauchten, weil wir mit digitalen Technologien viel genauer messen können, was für die Sicherheit erforderlich ist“, sagte Duggan.

Digitalisierung der Industrie: Droht Deutschland ins Hintertreffen zu geraten?

In der vergangenen Legislaturperiode wurden zahlreiche Initiativen für den Strukturwandel der deutschen Wirtschaft zur Industrie 4.0 gesetzt. Deutsche Digital- und Mittelstandsverbände mahnen jedoch, dass gerade mittelständische Unternehmen bessere finanzielle Rahmenbedingungen und Entlastung benötigen, um die Digitalisierung zu stemmen.

Europäische Datenräume

Die Bedeutung von Messungen und zuverlässigen Daten über Kohlenstoffemissionen wurde auch von Marc Nézet vom französischen Technologieunternehmen Schneider Electric hervorgehoben.

Seiner Meinung nach müssen die Regulierungsbehörden klare Standards für die Methoden zur Messung von Kohlenstoffemissionen in verschiedenen Wirtschaftssektoren festlegen.

„Wir müssen genau wissen, was wir messen wollen“, sagte Nézet – sei es in Sektoren wie Gebäuden, Verkehr oder Landwirtschaft. Es ist äußerst wichtig, diese Messungen über den gesamten Lebenszyklus jedes dieser Prozesse zu erhalten“, betonte er.

Die Europäische Kommission hat im Rahmen ihres im November letzten Jahres vorgelegten Vorschlags für eine Verordnung über die Datenverwaltung begonnen, darüber nachzudenken. Die Verordnung enthält Vorschläge zur Schaffung „gemeinsamer europäischer Datenräume“ in den Bereichen Gesundheitswesen, Umwelt, Energie, Landwirtschaft, Mobilität, Finanzen, Fertigungsindustrie, öffentliche Verwaltung und Kompetenzen.

„Wir stehen hier vor einer einzigartigen Gelegenheit, die Zusammenführung von Nachhaltigkeitsdaten zu fördern“, sagte Nézet. „Und das würde wirklich die Einzigartigkeit eines europäischen Raums für Nachhaltigkeitsdaten zum Nutzen der Gesellschaft definieren“, sagte er.

Laut Nézet handelt es sich dabei „nicht um einen defensiven, sondern um einen sehr offensiven Ansatz“, bei dem bessere Nachhaltigkeitsmessungen schnellere und bessere Entscheidungen in allen Bereichen der Wirtschaft unterstützen.

Acht Ideen für den grünen und digitalen Wandel

Am Donnerstag (27. Oktober) veröffentlichte DigitalEurope einen Bericht, in dem acht Ideen zur Beschleunigung des digitalen und grünen Wandels vorgestellt werden.

„Bis 2030 haben digitale Technologien das Potenzial, anderen Industrien dabei zu helfen, 20 % der weltweiten CO2-Emissionen einzusparen“, so Cecilia Bonefeld-Dahl, Generaldirektorin von DigitalEurope, in einem Vorwort zum Bericht.

Als Beispiel wird in dem Bericht Wien genannt, wo die Emissionen von Gebäuden durch eine Kombination aus digitalen Technologien und Datenanalyse um 71 % reduziert werden konnten.

In den Niederlanden ist der Hafen von Rotterdam auf dem besten Weg, seine Emissionen bis 2030 zu halbieren, dank einer optimierten Routenplanung.

In Belgien konnte dank KI-basierter Tools relativ nahtlos eine 5-6%ige Steigerung von erneuerbaren Energien in das Stromnetz des Landes integriert werden.

Bei der Umsetzung gibt es jedoch Herausforderungen, wobei der Fachkräftemangel für den IT-Sektor an erster Stelle der Sorgen steht. In Belgien beispielsweise sind 8.000 Stellen für Digitalexperten noch nicht besetzt.

In der Privatwirtschaft zögern die Unternehmen ebenfalls, Daten weiterzugeben, weil sie als sensible Geschäftsinformationen angesehen werden, sagte Duggan und forderte einen „Kulturwandel“ in Bezug auf die Transparenz.

Die IT-Welt selbst muss sich bewusster über ihren CO2-Fußabdruck werden. Eine aktuelle Studie schätzt, dass der Strombedarf des IKT-Sektors bis 2030 um 50 % auf 3.200 TWh ansteigen wird. Der Studie zufolge werden 75 % dieses Anstiegs auf Rechenzentren und Netzwerke entfallen, einschließlich Cloud-Speicher für mobile Anwendungen, Streaming und Spiele.

Aber auch in diesem Sektor gibt es Verbesserungen. Eine von Schneider Electric im Jahr 2020 durchgeführte Studie ergab, dass Rechenzentren ihren Energieverbrauch dank digitaler Technologien um 24 % senken könnten.

Mit dem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien am Energiemix führte dies zu einer Verringerung des CO2-Fußabdrucks um 50 % in den 50 untersuchten Rechenzentren, so Nézet.

Weltweit liegt der Anteil des IT-Sektors an der Stromnachfrage bei 8,7 %, „was meiner Meinung nach angesichts der Auswirkungen auf unser Leben angemessen ist“, so Nézet.

Taxonomie der grünen Finanzen

Auch auf EU-Ebene gibt es Anreize für die digitale Industrie, ihre CO2-Bilanz zu verbessern. So sind Rechenzentren, die den EU-Verhaltenskodex für Energieeffizienz einhalten, bereits für ein grünes Investitionssiegel im Rahmen der EU-Taxonomie für nachhaltige Finanzen berechtigt.

Einige in der Branche drängen nun darauf, dass die 5G-Telekommunikationsinfrastruktur in die Taxonomie aufgenommen wird, aber dafür ist es laut Mes noch zu früh.

„Wir haben einfach noch nicht genug Fleisch auf den Knochen“, um Nachhaltigkeitskriterien für Telekommunikationsausrüstung zu definieren, sagte er. Ein 5G-Netz zum Beispiel sei nicht nur dazu da, um Emissionen zu reduzieren, sondern auch, um andere Dinge zu erreichen.

Er fügte hinzu, dass es noch keinen EU-Verhaltenskodex für Telekommunikationsnetze gebe, der mit dem vergleichbar sei, der für Rechenzentren eingeführt worden war.

Er schloss jedoch die Möglichkeit nicht aus, dass es eine neue Runde“ von EU-Taxonomievorschriften geben wird, bei der die Einbeziehung von Telekommunikationsnetzen ins Auge gefasst werden kann.

[Bearbeitet von Alice Taylor]

Subscribe to our newsletters

Subscribe