Eine Frage des Netzes: Wifi oder 5G für autonome Autos?

Noch diesen Herbst soll entschieden werden, ob die Automobilhersteller bei autonomen Fahrzeugen zukünftig auf Wifi- oder drahtlose 5G-Technologie (oder beides) setzen müssen. [Jaguar MENA/Flickr]

Ein weitgehend unbeachteter Kampf zwischen Automobilherstellern und Telekommunikationsbetreibern wird immer heftiger: Die Europäische Kommission will noch in diesem Jahr Rechtsvorschriften präsentieren, die darüber entscheiden könnten, ob die Automobilhersteller bei autonomen Fahrzeugen zukünftig auf Wifi- oder drahtlose 5G-Technologie setzen müssen.

Es ist eine technische Debatte, die bisher weitgehend unbeachtet geblieben ist und selbst bei Mitgliedern des Europäischen Parlaments und Beobachtern der Technologiepolitik auf EU-Ebene erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erregt hat.

Doch Fakt ist: EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc hat es sich zum Ziel gemacht, bis Mitte nächsten Jahres – wenn die jetzige Kommission ihr Amt niederlegt – internetfähige Fahrzeuge auf den Straßen zu haben.

Auto- und Telekommunikationsunternehmen sind hellhörig geworden und warten nun gespannt auf eine Entscheidung darüber, welche Technologie die EU-Exekutive zur Förderung von vernetzten Fahrzeugen unterstützen wird.

Die komplexe Zukunft der Mobilität

Auf Einladung des Tagesspiegel und des Berliner EUREF-Campus diskutierten Experten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft mit über 1.200 Teilnehmern um die Zukunft der Mobilität.

Ein für Herbst erwarteter Vorschlag über neue Rechtsvorschriften zur Beschleunigung der Technologiefortschritte für vernetzte Fahrzeuge hat jedoch einen Keil zwischen die Auto- und die Telekombranche getrieben. Einige Automobilhersteller wollen, dass die Kommission sich für satellitengestützte Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation (vehicle to vehicle, V2V) einsetzt. Diese Kommunikation basiert auf bestehenden, klassischen Wifi-Verbindungen – die allerdings eine relativ kurze Reichweite haben.

Diese Autofirmen argumentieren, da WiFi bereits verfügbar ist, werde es keine Verzögerung bei der Einführung neuer Fahrzeuge mit Online-Unterhaltungs- oder Sicherheitsfunktionen geben.

Im gegnerischen 5G-Camp argumentiert die Telekommunikationsbranche, Wifi sei für die sich schnell entwickelnden neuen Features in vernetzten Autos überholt.

Die Telekommunikationsanbieter setzen auf die C-V2X-Technologie, die als Sprungbrett für die nächste Generation von 5G-Netzen gilt. Die schnellere 5G-Technologie befindet sich aktuell noch in der Testphase. Die für die Technologiepolitik der Kommission zuständigen Beamten haben sich aber verpflichtet, bis zum Jahr 2025 5G-Netze für die kommerzielle Nutzung in ganz Europa bereitzustellen.

Technologieneutrale Entscheidung?

Kommissionsbeamte, die die Strategie ausarbeiten, haben bereits unterstrichen, die EU-Strategie werde nicht die eine Technologie bevorzugen, sondern „technologieneutral“ bleiben, indem von den Herstellern verlangt wird, Systeme zu bauen, die sowohl mit Wifi als auch mit 5G funktionieren.

Die Telekommunikationsbranche ist jedoch nach wie vor besorgt, dass der Gesetzentwurf dem bereits vorhandenen Wifi den Vorzug einräumen wird. Die Telekomfirmen argumentieren, ihnen würden dann zumindest teilweise die Anreize genommen, die angedachten Milliarden Euro in den Aufbau von 5G-Netzen zu investieren.

Andy Hudson, Leiter des Geschäftsbereichs Politik bei der Verkehrsindustrie-Lobbygruppe GSMA, erklärte ebenfalls, der Vorschlag der EU-Kommission solle technologieneutral sein; jegliche „regulatorischen Vorurteile“ für oder gegen eine der beiden Technologien müssten vermieden und keine bestimmte Technologie bevorzugt werden.

Die GSMA hat sich für 5G als Basis für vernetzte Fahrzeuge ausgesprochen. Hudson betonte, die Automobilindustrie brauche Jahre, um neue Technologien in ihrem gesamten Bestand einzuführen. Die Entwicklung neuer internetbasierter Dienste könne verlangsamt werden, wenn die Kommission sich ausschließlich für das ältere Wifi-System entscheiden sollte.

Digitalkommissar Ansip: Europa muss sofort auf 5G wechseln

Europa müsse „sofort“ auf schnelle 5G-Mobilfunknetze umsteigen, sagt EU-Kommissar Andrus Ansip in einem Interview mit EURACTIV.

In einem aktuellen Gesetzesentwurf, der EURACTIV vorliegt, heißt es: „Die Verordnung wird spätestens drei Jahre nach ihrem Inkrafttreten überprüft, um dem technischen Fortschritt Rechnung zu tragen.“ Einige Branchengruppen fordern allerdings, die Überprüfungszeit müsse deutlich kürzer ausfallen. Außerdem sollten klare Kriterien darüber enthalten sein, welche technologischen Neuerungen zu weiteren rechtlichen Überarbeitungen führen könnten.

„Wir dürfen uns nicht zu sehr auf heute konzentrieren, sondern auf das, was wir 2030 haben wollen,“ so Maxime Flament, Chief Technology Officer bei 5GAA, einer Vereinigung von Automobilherstellern und Telekommunikationsbetreibern, die ebenfalls einen Ansatz für vernetzte Fahrzeuge auf Basis von 5G unterstützen.

Flament sagte, der aktuelle Entwurf des Kommissionsplans befasse sich zwar mit der Art und Weise, wie Fahrzeuge miteinander kommunizieren werden, berücksichtige dabei aber nicht, welche Technologie benötigt wird, um Autos mit der Straßeninfrastruktur kommunizieren zu lassen. Diese Signalgeber auf und an der Straße könnten schließlich weiter vom Fahrzeug entfernt liegen als andere Autos, die in der Nähe fahren.

Chips mit 5G könnten in Autos und Infrastruktur entlang von Straßen, beispielsweise in Ampeln, eingebaut werden, um den Verkehrsfluss zu beschleunigen oder die Sicherheit zu erhöhen.

Steve Phillips, Generalsekretär der Conference of European Directors of Roads – einer Vereinigung, die öffentliche Behörden vertritt – stellte hingegen in Frage, ob 5G tatsächlich die Grundlage für angeschlossene Autos sein sollte, wenn doch erhebliche Teile des europäischen Straßennetzes nach wie vor schlechten Funkempfang haben.

„Es gibt nicht viele Dienste, von denen wir glauben, dass sie 5G wirklich brauchen. Die meisten Dienste funktionieren sehr gut mit 4G,“ so Phillips.

Unklare Ergebnisse, unsichtbare Prozesse

Die Befürworter der jeweiligen Technologien werden sich also zumindest bis zum Herbst weiterhin darüber streiten, ob denn nun 5G- oder Wifi-Systeme sicherer, billiger und einfacher und schneller einzurichten sind.

In einem Strategiepapier der Kommission aus dem Jahr 2016 heißt es, dass „der erste Einsatz für die Fahrzeug-zu-Fahrzeug- und Fahrzeug-zu-Infrastruktur-Kommunikation auf bereits verfügbaren Technologien basieren wird“ (sprich: auf Wifi-Systemen). Diese könnten aber „gegebenenfalls in nahtloser Koexistenz mit 5G nach dem Komplementaritätsprinzip arbeiten“.

„Das Dritte Mobilitätspaket ist auf der Höhe der Zeit“

Die EU-Kommission will den Automobilverkehr fit für die Zukunft machen und neue Sicherheitsstandards setzten. EURACTIV sprach mit Richard Goebelt.

In der Brüsseler Art der Entscheidungsfindung liegt derweil ein weiteres Element für noch mehr Drama im Autostreit: Die Gesetzgebung wird als so genannter „delegierter Rechtsakt“ entworfen – ein beschleunigtes Verfahren, bei dem die Kommission mit Unterstützung von Experten (eine/r pro Mitgliedstaat) gesetzgeberisch tätig wird.

Dieser Gesetzgebungsprozess ist berühmt-berüchtigt für seine Verschwiegenheit und Unsichtbarkeit. Er findet in der Öffentlichkeit oft wenig Beachtung, da er nicht die typischen, langwierigen Verhandlungsprozesse mit EU-Parlamentsabgeordneten und nationalen Regierungsvertretern durchläuft.

Stattdessen können das Europäische Parlament und die Regierungen den Gesetzentwurf lediglich billigen oder ablehnen, aber keine Änderungen vorschlagen.

Weitere Informationen

Schritt für Schritt zur 5G-Technologie

Die EU-Kommission will bis 2020 in allen Mitgliedsstaaten mobiles Internet in 5G-Geschwindigkeit verfügbar machen. Zunächst geht es um die Vergabe der Frequenzen. EURACTIV sprach mit Matthias Kurth.

Autonome Autos und überwachte Schulkinder

Um im Zeitalter selbstfahrender Autos die Verkehrssicherheit nicht aus dem Blick zu verlieren, setzt die Industrie auf sogenannte Schutzranzen für Kinder. Datenschützer schlagen Alarm.

EWSA politisiert Künstliche Intelligenz

Ohnehin bereitet die Digitalisierung vielen Menschen Sorgen. Besonders gruselig wird es, wenn es um künstliche Intelligenz geht. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss nahm sich dem Thema an.

Unterstützer

HUAWEI

Huawei Technologies ist einer der weltweit führenden Anbieter von Informationstechnologie und Telekommunikationslösungen

Von Twitter

Subscribe to our newsletters

Subscribe