Einblick in Portugals Versuch, eine „Startup-Fabrik“ zu werden

Der portugiesische Staatsminister für Wirtschaft und digitalen Wandel Pedro Siza Vieira (erster von rechts), der Beauftragte für digitale Innovation bei der EU-Kommission Eoghan O'Neill (zweiter von rechts) und Mitglieder der European Startups Nations Alliance während der offiziellen Vorstellung der Allianz am dritten Tag des Web Summit 2021 in Lissabon, Portugal, am 03. November 2021. [EPA-EFE/MARIO CRUZ]

Eine neue Organisation zur Förderung des Unternehmertums im Technologiebereich, ein verbessertes Finanzierungsprogramm, eine Vorzeigeveranstaltung im Technologiebereich – all diese neuen Anzeichen deuten darauf hin, dass Portugal den Ehrgeiz hat, ein Innovationszentrum zu werden.

Am Mittwoch (3. November) kündigte der portugiesische Wirtschaftsminister Pedro Siza Vieira die Gründung der Europe Startup Nations Alliance (ESNA) an, einer neuen Organisation, die 26 EU-Länder und Island bei der Schaffung von Bedingungen für das Wachstum von Start-ups im eigenen Land unterstützen wird.

Erst am Vortag hatte Vieira auch die Ausweitung von Portugal Tech angekündigt, dem Investitionsprogramm der Regierung, mit dem portugiesische Start-ups mit zusätzlichen 250 Millionen Euro unterstützt werden sollen.

„Wir lassen dem Geld auch Taten folgen“, erklärte Ricardo Mourinho Félix, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank, die das Programm mitfinanziert.

Die Ankündigungen erfolgten während des Web Summit, einer viertägigen jährlichen Veranstaltung mit mehr als 40 000 Teilnehmern. Die Veranstaltung findet seit 2016 in Lissabon statt, auch dank der Kofinanzierung durch die portugiesische Regierung. All diese Initiativen sind Teil eines gezielten Vorstoßes zur Förderung des portugiesischen Technologiesektors.

„Die Tech-Szene in Portugal hat sich in den letzten fünf Jahren dank der großen Unterstützung durch die Regierung verbessert“, sagte Marta Felix, CEO und Gründerin von Biocosmos, gegenüber EURACTIV.

Insbesondere Lissabon hat den Ehrgeiz, eine „Einhorn-Fabrik“ zu werden, so die Worte von Carlos Moedas, dem kürzlich gewählten Bürgermeister und ehemaligen EU-Innovationskommissar, dessen Rede auf dem Gipfel bei den Tech-Unternehmern auf offene Ohren stieß.

„Wir haben es sehr genossen. Die Innovationskultur, die Unterstützung von Unternehmern, die niedrigen Kosten, die niedrigen Steuern und die Einfachheit der Geschäftstätigkeit haben wirklich alle wichtigen Punkte getroffen“, sagte Nicholas Gorman, CEO von SafeScore, einem Anbieter von Online-Reiseinformationen.

Gormans Startup hat seinen Sitz in Irland, erwägt aber nach „sehr erfolgreichen Gesprächen“ mit dem Tourismusminister nun die Eröffnung einer Niederlassung in Lissabon.

Gute Standortwahl, niedrige Preise

Für Portugal spricht eine Kombination von Faktoren, darunter die Lage in Europa, aber auch die erschwinglichen Preise.

„Wir würden ewig brauchen, um nach Kanada zu gehen, und ein Land wie die Niederlande ist für uns sehr teuer. Es machte also Sinn, hierher zu kommen“, sagte Gazelle Motia, ein Iraner, der mit Landsleuten bei Adhoc School arbeitet.

Ein weiterer Grund für die Niederlassung von Start-ups in Portugal ist, dass das gemäßigte Klima und der gute Lebensstandard attraktiv für die zunehmend knappen Arbeitskräfte in der Technologiebranche sind.

„Wir haben die Entwickler:innen gefragt, wo sie leben wollen, und sie sagten Portugal, also kamen wir hierher“, erklärt Michel Paolucci, der bei 01talent, einem von Franzosen gegründeten Startup, für die Geschäftsentwicklung zuständig ist.

Die Portugiesen ziehen nicht nur Unternehmen und Talente an, sondern sind auch selbst zunehmend im Technologiesektor aktiv, gründen ihre eigenen Unternehmen oder lernen Programmiersprachen.

„Wir sind großartige Techniker:innen, wir wissen, wie man mit Technologie umgeht. Was uns fehlt, ist ein bisschen Organisation, um das auf den Markt zu bringen“, sagt Rui Bras Fernandes, CEO von u-find.me.

Dabei spielt auch der so genannte „Rückkehr-Effekt“ eine Rolle, denn IT-Experten, die im Ausland für große Technologieunternehmen gearbeitet haben, kehren nun zurück, um in der Nähe ihrer Familien zu sein, und bringen ihr Fachwissen in portugiesische Start-ups ein.

„Portugal ist ein fantastischer Markt für Start-ups, weil wir unsere Pilotprojekte in kleinem, aber feinem Maßstab schnell umsetzen können“, so Tomas Costa, CEO von dioscope.

Costa erklärte, dass Start-ups fast direkte Kontakte zu Partnern haben können, die Finanzmittel bereitstellen könnten. Der Nachteil eines kleinen Marktes zeigt sich jedoch, wenn die Unternehmen versuchen, ihr Angebot zu erweitern.

„Der schwierigste Schritt besteht darin, zu beweisen, dass das, was man hier in Portugal macht, auf andere Länder übertragen werden kann, und das man sein Geschäftsmodell an einem anderen Ort replizieren kann“, so Costa.

Für andere könnte Portugal angesichts der gemeinsamen Sprache und der geografischen Nähe ein interessanter Standort für Unternehmen sein, die in Brasilien oder Afrika expandieren wollen, wie es bei Paoluccis 01talent der Fall ist.

Noch Platz für Verbesserungen

Eine solche internationale Reichweite ist jedoch nicht unproblematisch, da einige Start-ups es vorziehen könnten, sich zuerst auf dem europäischen Markt zu etablieren.

„Wir haben versucht, das Unternehmen in Brasilien zu gründen, und der Regulierungsprozess war viel schwieriger als zum Beispiel auf dem italienischen Markt. Natürlich können wir es hier in Europa besser machen, aber es ist viel einfacher, in Europa zu expandieren, als zu versuchen, unsere Lösungen in außereuropäische Länder zu bringen“, fügte Costa hinzu.

Auch wenn sich das Umfeld für Start-ups in Portugal verbessert hat, so ist es doch nicht ohne Fehler. Für Fernandes von u-find.me ist es „sehr schwierig, in Portugal ein Unternehmen zu gründen, die Steuern sind sehr hoch. Die steuerlichen Rahmenbedingungen müssen verbessert werden, damit Start-ups wirklich wachsen können“.

Hugo Castro, CEO von ushowme.tv, betonte, dass die portugiesische Regierung noch einen langen Weg vor sich hat, um ihre Arbeitsweise weniger bürokratisch und agiler zu gestalten. Außerdem wies er auf die konservative Haltung von Investoren und Verbrauchern hin, die Portugal weniger innovationsfreudig machen könnte.

„Es gibt diese engstirnige Sichtweise, dass das, was portugiesisch ist, nicht gut ist, wenn es nicht ins Ausland geht und im Ausland anerkannt wird. Diese Mentalität muss sich ändern“, sagte Castro.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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