Cyber-Angriffe auf EU-Spitze und Wettrüsten im Netz

Unter Freunden: EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy (l.) und der chinesische Premierminister Wen Jiabao. Foto: Rat

Die EU-Kommission will ihren Cyber-Schutz ausbauen. Demnächst soll ein neues Programm für mehr IT-Sicherheit (CERT) etabliert werden, im Herbst eine EU-Strategie zur Cyber-Sicherheit folgen. Chinas mögliche Verwicklung in Hacker-Angriffe auf hohe EU-Vertreter wird in Brüssel sehr zurückhaltend kommentiert.

Selbst EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy ist vor Cyber-Angriffen nicht sicher. Seine vertraulichen E-Mails sollen im vorigen Jahr von Hackern mitgelesen worden sein, berichtete die US-Nachrichtenagentur Bloomberg Ende Juli.

Die Hacker hätten sich am 18. Juli 2011 in den Computer von Van Rompuy eingeklinkt und die E-Mails abgeschöpft. In einem Zeitraum von 10 Tagen seien die Angreifer viermal in die Computer des Rates eingedrungen und hätten die interne Kommunikation von 11 hohen Beamten der Bereiche Wirtschaft, Sicherheit und Außenpolitik mitlesen können.

Bloomberg macht eine als "Byzantine Candor" bezeichnete chinesiche Hacker-Einheit für die Angriffe auf die EU-Spitze verantwortlich. Die Agentur beruft sich dabei auf Material von US-Sicherheitsexperten, die die Angriffe nach eigenen Angaben beobachtet hätten.

Ein Kenner des Bereichs europäischer Sicherheit sagte unter Zusicherung der Anonymität zu EURACTIV, dass man in Brüssel sehr zurückhaltend sei, China zu beschuldigen. "Es ist auch möglich, dass die Angriffe von anderen Ländern aus ausgeführt wurden. Es ist zum Beispiel möglich, dass Agenten gehackte chinesische IP-Adressen nutzen, um auf dieser Basis weitere Attacken zu starten. Damit kann das Opfer des Angriffs über die wahre Identität des Hackers in die Irre geführt werden", so der Sicherheitsexperte.

Der nun aufgedeckte Vorfall aus dem Vorjahr ist kein Einzelfall. Die EU-Kommission selbst war bereits im März 2011 Ziel eines größeren Cyber-Angriffs. Damals hatten es die Angreifer auf Informationen einiger Kommissionsbeamte abgesehen, besonders auf den Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD), bestätigte Antony Gravili, Sprecher von EU-Kommissar Maroš Šef?ovi?, gegenüber EURACTIV.

Zermürbungskrieg im Cyberspace

Bezüglich der jüngsten Enthüllung auf den Hacker-Angriff auf Ratspräsident Van Rompuy reagierte Gravili zurückhaltend. "Es gibt nicht so etwas wie einen einzelnen überraschenden großen Angriff aus dem Nichts heraus. Wir sitzen nicht einfach herum und dann, Peng!, passiert es einfach", so Gravili. "In Wahrheit findet ein Zermürbungskrieg statt, es ist ein Wettrüsten."

Gravili kündigte an, dass die EU-Kommission in den kommenden Wochen ein neues Programm für mehr IT-Sicherheit nach Jahren der Testphase fest etablieren werde. So sollen sich die EU-Regierungen und Regionen in einem Computer Emergency Response Team (CERT) über sicherheitsrelevante Vorfälle austauschen und Bedrohungen diskutieren können. Die Kommission plane, neue CERTs, also neue IT-Expertengruppen, aufzustellen, die die Informationslücken zwischen dem privaten und öffentlichen Sektor schließen sollen. Die neuen CERTs sollen den eigenen EU-CERT, also die auf die EU-Ebene spezialisierte Gruppe von IT-Sicherheitsfachleuten, ergänzen.

Die EU-Kommission arbeite zudem an einer umfassenden Strategie für Cyber-Sicherheit, die im Herbst vorgestellt werden soll. Dabei wird das Thema von verschiedenen Perspektiven analysiert, etwa mit Blick auf Mafia-Aktivitäten oder auf die wirtschaftlichen Folgen von Identitäts-Diebstahl im Internet. Zudem solle die EU-Strategie mit den internationalen Bemühungen für mehr IT-Sicherheit verknüpft werden.

Ab Januar 2013 soll das "EU-Zentrum zur Bekämpfung der Cyberkriminalität" seine Arbeit aufnehmen. Es soll im Europäischen Polizeiamt (Europol) in Den Haag eingerichtet werden, hatte die EU-Kommission bereits im März angekündigt.

EURACTIV

 
EURACTIV Brüssel: Cyber arms race: ‚Europe cautions against blaming China‘ (2. August 2012)

Zum Thema auf EURACTIV.de

Hackerangriff auf EU-Kommission (24. März 2011)

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