Arbeit 4.0 – Chancen und Risiken

Weltwirtschaftsforum 2016 in Davos: Roboter HUBO

Der neue Kollege verzichtet auf forsche Lohnforderungen. Beim Weltwirtschaftsforum ist er beliebt. [World Economic Forum/swiss-image.ch]

Die Digitalisierung ist in aller Munde. Sie wird in den nächsten Jahren vieles verändern – auch die Arbeitswelt. Für Arbeitnehmer birgt das viele Risiken – aber auch Chancen, wie eine aktuelle Analyse zeigt.

Bis zu 60 Prozent der heutigen Arbeitsplätze werden durch die Digitalisierung potenziell von Computern oder Robotern ersetzbar, sagen Studien. Zugleich entstehen in der Digitalbranche zahlreiche neue Jobs. Eine Entwicklung die nach Einschätzung vieler Experten gravierendere Umbrüche mit sich bring, als die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts.

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hat nun eine umfassende Befragung von Betriebsräten vorgenommen und ausgewertet – und zeichnet einen überraschend positiven Blick auf die anstehenden Veränderung. So sehen beispielsweise 38 Prozent der Betriebsräte „viel Potenzial für eine weitere Verbesserung und Humanisierung der Arbeitswelt“.

Autonome Autos und überwachte Schulkinder

Um im Zeitalter selbstfahrender Autos die Verkehrssicherheit nicht aus dem Blick zu verlieren, setzt die Industrie auf sogenannte Schutzranzen für Kinder. Datenschützer schlagen Alarm.

Die meisten sehen auch mehr Möglichkeiten, eigenverantwortlich zu arbeiten. Homeoffice und mobiles Arbeiten werden als positive Option gesehen, um Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen. Bisher arbeiten nur zwölf Prozent der Beschäftigten regelmäßig von zuhause, obwohl das bei 40 Prozent möglich wäre. Dieses Potenzial könnte in Zukunft besser ausgeschöpft werden.

Zugleich sehen die Betriebsräte Risiken. Flexibler arbeiten kann auch mehr arbeiten bedeuten. Permanente Erreichbarkeit kann zu Stress führen und die Gesundheit beeinträchtigen. 78 Prozent der Befragten geben an, dass es in ihrem Betrieb mit der Digitalisierung zu einer Arbeitsintensivierung kommt. Auch verstärkte Leistungs- und Verhaltenskontrolle werden befürchtet.

Mit Arbeit 4.0 gehen also sowohl Chancen als auch Risiken für die Beschäftigten einher. In welche Richtung das Pendel ausschlägt, hängt laut der WSI-Analyse wesentlich davon ab, ob sich die Unternehmen richtig auf die Digitalisierung vorbereiten. Drei von vier Betriebsräten halten in ihrem Betrieb mehr Personal für erforderlich. 70 Prozent fordern Maßnahmen zur Begrenzung der Arbeitsintensität und zur Beschäftigungssicherung. 69 Prozent sehen den Bedarf, den Beschäftigten mehr Qualifizierungsmaßnahmen anzubieten. Sollte sich hier nichts bewegen, wird es nichts mit der Humanisierung der Arbeitswelt.

Allein auf die Eigeninitiative der Unternehmen zu setzten, könnte sich jedoch als naiv herausstellen. Wirtschaftsverbände wie der Bund der Arbeitgeber (BDA) haben einen anderen Plan: „Die Digitalisierung wird auch kurzfristigere Schwankungen der Auftragslage bedeuten. Beschäftigung wird deshalb stärker als bisher den Anforderungen schwankender Auftragslagen folgen müssen. Ein Mittel, dies zu ermöglichen, ist eine flexible Arbeitszeit. Ein anderes Mittel ist die Unterstützung von Zeitarbeit und befristeter Beschäftigung“, heißt es beispielsweise in einem Positionspapier.

Während die Gewerkschaften also die Unternehmen auffordern, die Bedürfnisse der Arbeitnehmer besser zu berücksichtigen, setzen die Unternehmen darauf, den Arbeitnehmern eine Anpassung an ihre Bedürfnisse abzuverlangen. Deswegen wollen die Gewerkschaften es auch nicht bei Appellen an die Unternehmerseite belassen, wie die Autorin der WSI-Studie, Elke Ahlers, im Gespräch mit EURACTIV darlegt. Vielmehr habe auch der Staat eine Verantwortung. Dabei brauche es nicht unbedingt neue Gesetze, sondern vor allem die konsequente Umsetzung der bestehenden, wie dem Arbeitszeit- und dem Arbeitsschutzgesetz. In den Aufsichtsbehörden werde seit 30 Jahren immer mehr Personal abgebaut. Hier müsse umgesteuert werden.

„Der Digitalminister wurde dem politischen Gleichgewicht zwischen den Koalitionären geopfert“

13 Seiten widmen Union und SPD im Koalitionsvertrag der Digitalisierung. Die GroKo hat das Thema offenbar für sich entdeckt. Experten ziehen ein gemischtes Fazit. EURACTIV sprach mit Joachim Jobi.

Mit Blick auf den Koalitionsvertrag von Union und SPD fürchtet Ahlers jedoch, dass der Staat sich unter der nächsten GroKo dieser Aufgabe nicht angemessen annehmen wird. Sie vermisst verbindliche Regeln, durch die die Arbeitnehmer mehr Mitsprache bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen und Arbeitszeit bekommen.

Wenn die Arbeitnehmer hier nicht mitreden können besteht die Gefahr, dass sie am Ende die gesamte Anpassungslast der Digitalisierung tragen. Wenn die Arbeit hingegen humaner und besser gemacht werden soll, müssen sich Betriebsräte und Gewerkschaften auf harte Auseinandersetzungen einstellen. Freiwillig werden sich die Arbeitgeber die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ihr Personal künftig noch flexibler einsetzen zu können. Die Konkurrenz durch Roboter und Computer spielt den Gewerkschaften nicht gerade in die Hände. Deshalb kann die Digitalisierung in der Privatwirtschaft nicht alleine im sozialen Dialog ausgehandelt werden. Sie braucht politische Gestaltung.

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