Schritt für Schritt zur 5G-Technologie

Die Bundesnetzagentur versteigert die Spektren des 5G-Netzes. [shutterstocK/rvdw images]

Die EU-Kommission will bis 2020 in allen Mitgliedsstaaten mobiles Internet in 5G-Geschwindigkeit verfügbar machen. Zunächst geht es um die Vergabe der Frequenzen. EURACTIV sprach mit Matthias Kurth.

Matthias Kurth war über elf Jahre als Präsident der Bundesnetzagentur für die Vergabe von Frequenzen verantwortlich. Heute ist er Rechtsanwalt und Aufsichtsratsvorsitzender des europäischen Verbands Cable Europe.

EURACTIV: Herr Kurth, bis 2020 soll 5G punktuell verfügbar sein, bis 2025 in allen EU-Mitgliedsstaaten flächendeckend. So soll Europa eine Vorreiterrolle einnehmen. Ist der Zeitplan dafür ambitioniert genug?

Matthias Kurth: Es ist sicherlich von Vorteil, dass die Europäische Union und auch Deutschland ehrgeizige Ziele bei der Entwicklung von 5G verfolgen und dies zu einer industriepolitischen Priorität erklären. Entscheidend wird es allerdings nicht nur auf den Netzaufbau, sondern auch auf die Entwicklung eines neuen 5G-Ökosystems ankommen.

5G ist schließlich nicht einfach ein neuer Mobilfunkstandard oder ein perfekteres WLAN. Industrie und Mobilfunknetzbetreiber müssen intensiv zusammenarbeiten, um neue Anwendungen und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Das autonome Fahren, die Entwicklung der intelligenten Fabrik oder des Internets der Dinge sind Beispiele für diese neuen Nutzungskonzepte.

Wie kann die Zusammenarbeit privater und staatlicher Akteure organisiert und koordiniert werden?

Es gibt bereits jetzt zahlreiche Gesprächskreise und Diskussionsplattformen zwischen privaten und staatlichen Akteuren. Was fehlt sind rechtlich verbindliche, kommerziell geschlossene Kooperationverträge, zum Beispiel zwischen Mobilfunkunternehmen und Automobilproduzenten, die über einen Pilotprojektstatus hinausgehen. Fairerweise muss man allerdings sagen, dass diese erst dann zu erwarten sind, wenn durch die Frequenzzuteilung Rechtssicherheit geschaffen wurde.

Deutschland ist mittelmäßig digitalisiert

Die EU-Kommission treibt die Digitalisierung voran. Mit dem DESI-Index bemisst sie, wie digital die einzelnen Mitgliedsländer schon sind. Deutschland liegt im Mittelfeld.

Wie teuer ist eigentlich der Aufbau der 5G-Infrastruktur? Und wo kommt das Geld her?

Die Kosten liegen im mehrstelligen Milliardenbereich und sind schwer exakt zu prognostizieren, da sie von den Details und dem Konzept des Netzaufbaus abhängen. Die Finanzierung sollte auf jeden Fall privatwirtschaftlich erfolgen. Das setzt allerdings voraus,  dass auch die neuen Nutzergruppen, wie beispielsweise die Automobilindustrie, sich auf der Nachfrageseite verbindlich beteiligen. Hier muss rasch weitere Klarheit geschaffen werden.

In manch ländlicher Region Deutschlands wären die Menschen froh, überhaupt mobil ins Internet zu kommen. Wird sich dieses Problem automatisch lösen, wenn 5G, wie es heißt, „flächendeckend“ kommt?

Die Schließung von Versorgungslücken beim Internetzugang wird durch zahlreiche Maßnahmen im Fest- und Mobilfunknetz erfolgen und schon vor oder parallel zum 5G-Aufbau erreicht werden können. Es gibt ja umfangreiche Förderprogramme von Bund, Ländern und EU zur Schließung der weißen Flecken. Die Investitionen in die Optimierung der Mobilfunkversorgung hängen nicht allein am 5G-Aufbau.

Derzeit richtet sich der Fokus vor allem auf die Vergabe der Frequenzen. Welche Rolle spielt die Frequenzvergabe beim Aufbau des 5G-Netzes?

Die Vergabe von Frequenzen spielt die entscheidende Rolle bei der Erreichung der Ziele und des Zeitplans. Die Unternehmen haben erst dann Planungssicherheit und können definitiv loslegen, wenn Sie das erforderliche Spektrum zugeteilt bekommen haben. In Deutschland waren wir bei der LTE/4G Vergabe ein Vorreiter, was sich bei der Netzabdeckung sehr positiv ausgewirkt hat.

Und bei 5G? Bis wann werden die Frequenzen vergeben sein? Ist Deutschland auch diesmal Vorreiter?

Die Bundesnetzagentur plant die Vergabe für das nächste Jahr und bei gutem Willen der Beteiligten lässt sich das auch erreichen. Dann wäre Deutschland wieder ganz vorne dabei.

Die Bundesnetzagentur hat sich entschieden, die Frequenzen nicht einfach an große Anbieter wie die Telekom oder Vodafone zu vergeben, sondern zu versteigern. Ist das nicht teuer?

Nach den gesetzlichen Bestimmungen ist eine Versteigerung in Deutschland das Regelverfahren und schafft Transparenz und Chancengleichheit und hat bisher auch zu Rechtssicherheit beigetragen. Während es im Jahr 2000, vor dem Platzen der so genannten Internetblase, einen exorbitant hohen Versteigerungserlös bei UMTS gab, waren die Erlöse bei den Versteigerungen der letzten Jahre deutlich niedriger und bewegten sich im internationalen Vergleich in realistischeren Größenordnungen. Sie werden auch sehr davon abhängen, an welche Versorgungsauflagen beziehungsweise Abdeckungsverpflichtungen man die Versteigerung koppelt. Derartige Verpflichtungen werden erfahrungsgemäß eingepreist und beeinflussen den Erlös.

Kommission will Forschung und Innovation vorantreiben

Wenn die Staats- und Regierungschefs der EU heute im bulgarischen Sofia zusammenkommen, will die Kommission neue Vorschläge zur Förderung von Forschung und Entwicklung vorlegen.

Gibt es neben den großen Telekommunikationsunternehmen auch kleinere Interessenten an den Frequenzen? Und wie sieht es mit lokalen Betreibern aus?

Es gibt aus Teilen der Industrie den Wunsch, gegebenenfalls auch regional eigenständige Lösungen zu entwickeln, beispielsweise eine digitale Fabrik oder Produktion. Hier prüft die Bundesnetzagentur, ob diesem Wunsch in einem gesonderten, zusätzlichen Antragsverfahren Rechnung getragen werden kann. Da Spektrum aber knapp und nicht vermehrbar ist, würde das natürlich das mögliche Spektrum im Versteigerungsverfahren reduzieren.

Ist das Vergabeverfahren im europäischen Vergleich üblich? Wie wird die Frequenzvergabe in anderen EU-Mitgliedsstaaten gehandhabt?

Die Frequenzvergabe richtet sich nach nationalem Recht. Daher gibt es auch Mitgliedsstaaten, die andere Vergabemodalitäten wählen, beispielsweise Frankreich. Das überwiegende Modell ist allerdings die Versteigerung.

Bedeutet die Einführung von 5G eigentlich das Ende anderer Technologien oder wird es eine parallele Nutzung geben, bis das Netz wirklich überall verfügbar ist?

Die 5G-Entwicklung wird nicht zu einem Ende aller anderen Mobilfunktechnologien und -standards führen. Die entsprechenden Spektrumsbereiche sind ja noch auf Jahrzehnte hinaus vergeben. Der LTE-Standard wird ebenfalls weiterentwickelt und immer leistungsfähiger. Auch die WLAN-Nutzung im unlizensierten Bereich wird ein zentraler Bestandteil des mobilen Internets bleiben, insbesondere bei der Inhouse-Versorgung.

Es wird daher weiterhin viele Standards geben, die natürlich kompatibel sein müssen, damit keine Störungen verursacht werden. Der Weg zu 5G wird also ein evolutionärer, schrittweiser Weg sein und nicht zu radikalen Brüchen führen.

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Hintergrund

Auf der Internetseite der Bundesnetzagentur heißt es: "Die Digitalisierung schreitet zügig voran. Damit einher geht eine wachsende Nachfrage nach hohen Datenraten bei zunehmender Mobilität der Verbraucher. Für zukunftsfähige digitale Infrastrukturen sind den Marktteilnehmern geeignete Frequenzen frühzeitig und bedarfsgerecht bereitzustellen.

Nach Durchführung der Konsultation entscheidet die Präsidentenkammer nun über die Vergabe von Frequenzen im 2-GHz-Band und einen Großteil des 3,6-GHz-Bandes für den drahtlosen Netzzugang (mobiles Breitband). Es wird angeordnet, bundesweite Frequenznutzungsrechte in diesen Bereichen wegen Frequenzknappheit in einem objektiven, transparenten und diskriminierungsfreien Verfahren zu versteigern (Entscheidung I und II).

Durch die frühzeitige Bereitstellung der Frequenzressourcen wird Planungs- und Investitionssicherheit geschaffen und eine rechtzeitige Nutzbarkeit der Frequenzen vor dem Ende der Zuteilungen sichergestellt. Damit soll ein schneller, flexibler und bedarfsgerechter 5G-Rollout in Deutschland ermöglicht werden.

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