„Die Digitalisierung geht an keinem spurlos vorbei“

Die Digitalisierung geht an niemandem spurlos vorbei, sagt Iris Plöger. [sdecoret/ Shutterstock]

Die Digitalisierung hat in der öffentlichen Debatte einen festen Platz eingenommen. Erhebliche Auswirkungen auf Wirtschaft und Arbeitswelt werden erwartet. Sind Deutschland und die EU gut vorbereitet? EURACTIV sprach mit Iris Plöger.

Die Juristin Iris Plöger ist Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

EURACTIV: Frau Plöger, laut dem EU-Digitalisierungsindex ist Deutschland bisher Mittelmaß. Wo liegen aus Sicht der Industrie die Schwerpunkte, um eine Führungsrolle einzunehmen?

Iris Plöger: Auch nach unserem Innovationsindikator, den wir im BDI gemeinsam mit Acatech veröffentlicht haben, liegt Deutschland bei der Digitalisierung im Mittelfeld. Besser sieht es im Bereich Innovation aus, da liegen wir im internationalen Vergleich auf dem vierten Platz. Innovationen haben nicht immer rechtzeitig die Marktreife.

Das ist auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) ein großes Thema. In unserem industriellen Kern sind wir aber weiterhin spitze, darauf sollten wir mit einer gezielten KI-Strategie aufsatteln. Industrie 4.0 ist ähnlich wie made in Germany ein Exportschlager geworden. Nun brauchen die Unternehmen dringend die digitale Infrastruktur, um die Industrie 4.0-Anwendungen auch umzusetzen.

Im Koalitionsvertrag der gegenwärtigen Bundesregierung hat das Thema Digitalisierung viel Raum. Für die digitale Infrastruktur, aber auch die Digitalisierung der Verwaltung, soll viel Geld in die Hand genommen werden. Stimmt die Richtung?

Es gibt nennenswerte Fortschritte, andere Weltregionen sind jedoch weiter. Ein Musterbeispiel ist China, wo die Regierung die Industriepolitik sehr strategisch vorantreibt und mittlerweile ein Planungshorizont bis 2049 besteht. Dort gibt es klar formulierte Ansprüche, in welchen Bereichen man bis wann Weltmarktführer sein will. Entsprechend hohe Summen werden investiert. Nun leben wir in Europa nicht in einer Plan-, sondern einer Marktwirtschaft. Ziel ist es daher, die richtigen Anreize zu schaffen, damit sich die Projekte selbst entwickeln, teilweise auch mit staatlicher Förderung.

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Sie haben auch E-Government angesprochen. Da muss Deutschland aufholen. Viele gehen davon aus, dass die Digitalisierung in der Breite nur gelingt, wenn es eine digitale Verwaltung gibt. Wenn Sie in Deutschland fragen, welche Probleme Start-ups und mittelständische Unternehmen haben, spielen bürokratische Hürden eine große Rolle. So ist es etwa sehr schwierig, einen Mitarbeiter aus einem Nicht-EU-Staat hier zu beschäftigen. Zeit- und Verwaltungsaufwand sind enorm, das müsste wesentlich effizienter gehen.

Eine Schwierigkeit in der EU ist allerdings das Mehrebenen-System. Die Verantwortlichkeiten liegen teils auf nationaler, teils auf europäischer Ebene. Wie sieht es auf letzterer aus? Viel ist die Rede davon, den Binnenmarkt fit für das digitale Zeitalter zu machen.

Zweifellos brauchen wir den gemeinsamen Europäischen Wirtschaftsraum. Der digitale Binnenmarkt wurde mit vielen Konsultationen begonnen, und vieles wird bis zum Ablauf der Legislaturperiode umgesetzt sein. Es gilt aber: Wir sollten nur europäisch regeln, was wirklich harmonisiert sein muss. Nicht alles muss europaweit gemacht werden. Ein gutes Beispiel für eine sinnvolle, einheitliche Regelung ist die Datenschutz-Grundverordnung. Doch nun ist darauf zu achten, die Regeln in allen Ländern einheitlich umzusetzen. Hier zeichnen sich bereits Schwierigkeiten ab, weil die Mitgliedsstaaten die Verordnung unterschiedlich auslegen und anwenden. Das ist ein Problem, denn unsere Unternehmen brauchen Rechtssicherheit und keinen Flickenteppich.

Viel ist im Zusammenhang mit dem digitalen Binnenmarkt auch von der „Gigabit-Gesellschaft“ die Rede, zu der wir werden sollen. Was hat es damit auf sich?

Gigabit-Gesellschaft heißt, dass wir eine digitale Infrastruktur brauchen, die ausreicht, um all die neuen Technologien im medizinischen Bereich, beim autonomen Fahren, in der Industrie 4.0 und so weiter auch anzuwenden. Erforderlich sind hohe Übertragungsbandbreiten in den Netzen und Echtzeitübertragung. Da hinkt Deutschland noch hinterher. Deswegen ist es wichtig, nun zügig die 5G-Frequenzen zu versteigern, auch wenn es dadurch alleine noch keine flächendeckende Versorgung gibt.

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Sollte man die 5G-Frequenzvergabe an Auflagen koppeln, beispielsweise bezüglich der Netzabdeckung im ländlichen Raum, damit diese Flächendeckung erreicht wird?

Gewisse Auflagen im Rahmen von Frequenzvergaben sind sinnvoll, solange sie für die Mobilfunkanbieter realisierbar bleiben. Eine flächendeckende Versorgung ist wünschenswert. Allerdings ist die flächendeckende Versorgung derzeit nicht alleine mit 5G zu erreichen. Das ist mit den vorgesehenen Frequenzen technologisch bzw. wirtschaftlich nicht machbar, eine entsprechende Auflage also nicht zielführend. Aber am Ziel einer flächendeckenden 4G-Versorgung lässt sich unabhängig davon intensiv arbeiten.

Sie haben eingangs auch KI angesprochen. Da geht es ja nicht nur um technologische, sondern auch um ethische Fragen und Sorgen. Die Menschen fürchten etwa selbstfahrende Autos, die Kinder überfahren. Wie kann man dem begegnen?

In anderen Regionen der Welt sieht man eher die Chancen, die KI bietet, trotzdem sind die Sorgen vieler Menschen ernst zu nehmen. Bis autonom fahrende Autos zum Alltag gehören, wird es sicher noch etwas dauern – da ist es gut, dass ethische Fragen und Sorgen jetzt schon in der Diskussion sind und es um mögliche praktikable Lösungen geht. Bisher kenne ich Gott sei Dank kein Beispiel, bei dem ein autonom fahrendes Auto ein Kind überfahren hat – das waren immer Menschen…

…. Doch es gibt Fälle, bei denen Erwachsene von autonom fahrenden Autos überfahren wurden.

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Klar ist, dass auch ethische Fragen beantwortet werden müssen. Dafür wurde eine Reihe von Kommissionen ins Leben gerufen. Ich selbst bin Mitglied in der High Level Expert Group on Artificial Intelligence. Dort diskutieren 52 Experten aus ganz Europa, wo die roten Linien gezogen werden müssen, was die Wirtschaft durch Selbstregulierung leisten kann, wo es Regulierung durch den Gesetzgeber braucht. Dieses wird erforderlich sein, wobei wir dafür plädieren, nicht gleich alles hektisch zu regulieren, sondern in Ruhe zu schauen: Was kann KI heute, was wird KI perspektivisch können, so dass wir es schon heute regeln müssen? Und was sind Zukunftsszenarien, von denen wir nicht wissen, ob sie überhaupt jemals realisiert werden?

Nun findet Digitalisierung nicht nur auf der politischen Ebene statt, sondern ist auch eine große Herausforderung für die Wirtschaft. Was kommt auf die Industrieunternehmen zu? Wie sind sie darauf vorbereitet?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt tolle Mittelständler, die viel Pioniergeist haben und sich viel schneller und leichter bewegen als große Konzerne, bei denen ein ganzer Apparat umgestellt werden muss. Mittlerweile haben aber alle Industriezweige verstanden, dass sie das Thema betrifft. An keinem wird die Digitalisierung spurlos vorübergehen.

Vielleicht fühlten sich gerade die kleineren Unternehmen in der Vergangenheit auch überfordert, wenn ihnen gesagt wurde, alle müssen jetzt eine digitale Plattform gründen und viel mehr vom Kunden aus denken, statt auf den Produktionsprozess zu schauen. Realistisch betrachtet wird nicht jeder Mittelständler eine Plattform gründen. Wir sehen aber gerade, dass viele interessante Plattformen entstehen. Wichtig ist, dass diese sich untereinander verbinden. Jeder Mittelständler sollte darauf achten, auch im digitalen Zeitalter anschlussfähig zu sein. Als Unternehmen geht es darum, in jeder Wertschöpfungsstruktur darauf bedacht zu sein, eine Rolle zu spielen.

Befürchtet wird auch, dass künftig ein großer Teil der Arbeitsplätze ersetzbar wird. Welchen bildungs- und sozialpolitischen Handlungsbedarf sehen Sie, um das abzufangen?

Eine Reihe von Studien geht vom Gegenteil aus. Demnach wird es durch die Digitalisierung sogar eher mehr Arbeit beziehungsweise mehr Bedarf für Arbeit geben…

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… aber das sind nicht die gleichen Arbeitsplätze.

Richtig. Aber müssen wir immer den Status quo bewahren? Wir haben in Deutschland zu häufig die Perspektive: Was da ist, ist gut und schön. Das drückt wahrscheinlich aus, wie wohl wir uns heute fühlen, ist aber trotzdem nicht immer die beste Sicht auf die Dinge.

Trotzdem müssen wir uns auf die Veränderungen vorbereiten. Die Arbeitnehmer brauchen Qualifizierungsmöglichkeiten.

Absolut, auf die Veränderungen müssen wir uns vorbereiten. Es wird massive Umbrüche geben, das ist die Herausforderung, vor der wir heute stehen. Digitalisierung muss Teil der Schulbildung sein. Darüber redet die Politik seit vielen Jahren, passiert ist noch nichts. Deswegen ist es gut, dass es den Digitalpakt Schule mit einem Volumen von fünf Milliarden Euro im Koalitionsvertrag gibt. Es geht jedoch nicht nur darum, die Schulen auszustatten, sondern auch darum, das Lehrpersonal fit für die Digitalisierung zu machen. Schließlich müssen Lehrer ein Grundverständnis für digitale Prozesse vermitteln.

Das gilt nicht nur für Schulen, sondern auch für Universitäten und duale Ausbildungssysteme: Wie kann ich eine digitale Komponente in die einzelnen Studiengänge bringen? Wie können die Ausbildungsberufe diese digitale Komponente bekommen? So könnten auch Berufsbilder interessanter werden, für die es heute zu wenige Interessenten gibt.

Die dritte Komponente ist training on the job: Wie überzeuge ich die Belegschaft, deren Tätigkeitsfeld sich immer weiter ändern wird? Wie können sich die Beschäftigten qualifizieren, um eine neue Tätigkeit in dem Unternehmen zu übernehmen?

Tun denn die Unternehmen genug, um die entsprechenden Weiterbildungsangebote bereitzustellen? Laut einer Umfrage unter Betriebsräten ist das nicht der Fall. Sie beklagen, dass Digitalisierung die Jobs verdichtet und die Kontrolle erhöht, dass aber die Qualifizierung zu kurz kommt.

Beim Thema Digitalisierung arbeiten Industrieverbände und Gewerkschaften gut zusammen. Auch die Gewerkschaften haben den Handlungsbedarf frühzeitig erkannt. Beide Seiten sind wichtig: Der Arbeitgeber muss darauf achten, dass der Arbeitnehmer den Prozess soweit überblicken kann, dass er weiß, was er tun muss. Aber es geht auch um die Eigenmotivation des Mitarbeiters, sich der Veränderung nicht zu verstellen, sondern sich der Aufgabe anzunehmen. Digitalisierung gelingt am besten mit Eigeninitiative.

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