NGO kritisiert: Facebook lässt Gewaltaufrufe in Nordirland zu

Die aufwiegelnden Anzeigen sollten an Nutzer:innen gerichtet werden, die von Facebook als protestantisch oder katholisch eingestuft wurden oder die in bestimmten Gebieten auf beiden Seiten der "Friedensmauern" in Belfast leben. [Federico Zovadelli / Shutterstock]

Die Menschenrechtsorganisation Global Witness hat nach eigenen Angaben gravierende Mängel in Facebooks Werbe-Überprüfungssystem aufgedeckt: Es sei gelungen, mehrere politische Werbeanzeigen mit Verunglimpfungen und Gewaltaufrufen in Nordirland zu schalten. Diese seien allesamt von Facebook genehmigt worden.

Um die vom Internetriesen eingerichteten Mechanismen zu testen, hatte Global Witness eine Reihe von politischen Anzeigen erstellt, die gegen die Facebook-Richtlinien zu Hassrede und Aufstachelung zur Gewalt verstoßen. Die Anzeigen sollten insbesondere an Nutzer:innen gerichtet werden, die von der Plattform als protestantisch oder katholisch eingestuft wurden oder die in bestimmten Gebieten auf beiden Seiten der „Friedensmauern“ in Belfast leben, die die beiden Communities trennt.

Entsprechend habe es pro- und anti-britische Aussagen gegeben, sowie die Aufforderung „auf die Straßen zu gehen“.

Jede einzelne Anzeige, die zur Überprüfung eingereicht wurde, sei von Facebook genehmigt worden, so Global Witness in ihrem am Montag (28. Juni) veröffentlichten Bericht. Man habe die Anzeigen selbst gelöscht, bevor sie offiziell veröffentlicht wurden.

Insgesamt zeigten die Ergebnisse des Tests deutliche Mängel bei den Mechanismen zur Verhinderung der Veröffentlichung von potenziell gefährlichem Material auf, so die NGO. Das Experiment war im März durchgeführt worden – kurz bevor in Nordirland die wohl schwersten Unruhen seit Jahren ausbrachen.

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Facebooks Anzeigen-Überprüfungsprozess soll vorgeschlagenes Werbematerial vor der Veröffentlichung mit den eigenen Werberichtlinien abgleichen. Auf der Facebook-Website heißt es dazu: „Wird an irgendeinem Punkt des Überprüfungsprozesses ein Verstoß festgestellt, wird die Anzeige abgelehnt.“

Global Witness teilt jedoch mit, diese Erfahrung habe man selbst nicht gemacht: „Wir konnten kaum glauben, mit welcher Leichtigkeit Anzeigen, die gegebenenfalls zu Gewalt aufrufen und Hassrede enthalten, auf bestimmte Zielgruppen ausgerichtet werden konnten,“ kommentiert Naomi Hirst, Leiterin der Global Witness-Kampagne Digital Threats (Digitale Bedrohungen).

„Mit jedem genehmigten Beitrag verstärkten wir die Hetze – und jedes Mal gab uns Facebook grünes Licht,“ fügt sie hinzu.

Als Reaktion auf das Experiment erklärte ein Facebook-Sprecher: „Mehrere dieser Anzeigen verstoßen gegen unsere Richtlinien gegen Hassrede und Aufstachelung zur Gewalt und wurden inzwischen entfernt. Unsere Richtlinienumsetzung ist nicht perfekt, aber wir arbeiten immer daran, unsere Prozesse zu stärken und weiter zu verbessern.“

Er betonte auch, die Zielgruppen-Definition basiere ausschließlich auf den Facebook-Aktivitäten der User: „Die Seiten, die sie liken und die Anzeigen, auf die sie klicken – aber nicht ihre persönlichen Merkmale oder Daten.“

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Im Zuge des Tests fordert Global Witness seinerseits, Plattformen müssten verpflichtet werden, den Nutzer:innen gegenüber zumindest transparent zu machen, von wem und aus welchen Gründen sie per Anzeige angesprochen werden.

Die nordirische Parlamentsabgeordnete Claire Hanna betonte gegenüber EURACTIV, die Reaktion seitens Facebook auf den Test von Global Witness reiche nicht aus. Die Aktion habe gezeigt, wie einfach es sei, einzelne Zielgruppen zu manipulieren und Gewalt zu schüren.

Sie betonte: „Es ist erschreckend und zeigt wirklich drastisch, wie viel die Social-Media-Giganten noch tun müssen, um die mächtigen Werkzeuge, die sie anbieten, unter eine gewisse Kontrolle zu bringen.“

[Bearbeitet von Luca Bertuzzi, Josie Le Blond und Tim Steins]

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